Cover

Komm ein bisschen mit nach Italien

Eine turbulente Urlaubskomödie

von Frank Michael Jork

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 298 Taschenbuchseiten.

 

Ein Album mit alten Urlaubsfotos gibt den Anlass zu einem Rückblick auf eine Ferienreise Ende der 50er Jahre nach Italien. Die Fotos erzählen die Geschichte eines turbulenten Sommers und führen den Leser in die Welt der Petticoats, Motorroller und Nierentische.

Gabriella und Robert Mahrenbach sind ein glückliches, junges Ehepaar aus Berlin. Er ist ein vielversprechender Nachwuchsarchitekt, und sie arbeitet halbtags als Fremdsprachensekretärin. Zu gerne würde sie nun auch endlich mal nach Italien fahren, doch Robert ist in seiner Firma unabkömmlich. Im Wirtschaftswunder gibt es eben keine Ferien.

Als Gabi beschließt, ohne ihn, zusammen mit ihrer Freundin Cornelia zu reisen, ist Robert entsetzt. Am Ziel angekommen, überschlagen sich die Ereignisse. Gabi und Conny treffen auf eine deutsche Urlaubergruppe und alte Bekannte, sodass kein Tag ohne Überraschung vergeht und auch andere Ereignisse sorgen für reichlich Aufregung. Die Herzen fliegen hin und her, und am Ende der Ferien gibt es so manche Überraschung.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

Roman © by Frank Michael Jork und Edition Bärenklau, 2015

Cover © by Pixabay, 2015



Prolog

„Nach Italien?“, werden Sie mit erstauntem Augenaufschlag sagen. „Wer fährt denn noch nach Italien?“

Ja, ich weiß! Sie müssen gar nichts sagen! Das ist längst nicht mehr modern. Schon klar! Die Urlaubsziele liegen heutzutage anderswo. Man jettet schnell mal nach London oder Paris für ein shopping weekend. Die Traumstrände der Sonnensucher liegen in der Karibik, auf den Malediven oder den Seychellen, für den Reiz des Exotischen klemmen wir uns für die Dauer von zehn bis zwölf Stunden oder auch länger auf die harte und vor allem enge Sitzreihe des Touristenfliegers und nehmen schlechtes Essen, einen noch schlechteren Film und Wadenkrämpfe in Kauf, nur um den Kollegen im Büro sagen zu können, dass es nichts Schöneres gibt als die Unterwasserwelt des Indischen Ozeans oder vierzehn Tage Dominikanische Republik, in Pauschaltouristenkreisen lässig Domrep genannt. Und wer sich mit dem Hauch des Bildungsbürgers schmücken möchte, bucht eine Woche Nilkreuzfahrt, selbstverständlich Fünf-Sterne-Kategorie. Man informiert sich über die verschiedenen Pharaonen, spürt für einen Augenblick den Atem der Antike und die holde Gattin wirkt mit den antiken Pyramiden im Hintergrund im Kontrast zu diesen selbst gar nicht mehr so antik, sondern so jung und frisch wie schon lange nicht mehr. Ein anschließender einwöchiger Badeurlaub am Roten Meer, all inclusive versteht sich, bringt dann noch zusätzlich Urlaubsbräune, die immer noch und mehr denn je hoch im Kurs steht.

Wozu ich Ihnen das alles erzähle? Nun, es ist noch gar nicht so lange her, da waren die Ansprüche der Erholungssuchenden bescheidener. Man freute sich über eine Woche am Timmendorfer Strand, in Berchtesgaden oder im Fichtelgebirge. Urlaub war Luxus, Urlaub war kostbar und das Land südlich der Alpen, Italien genannt, belebte die deutsche Reiselust der alten Germanen aufs Neue und galt als das Traumziel schlechthin.

Als ich vor einigen Tagen auf unseren Dachboden stieg, um einige alte Kleidungsstücke von mir in einer Kiste zu verstauen, fiel mir ein vergilbtes, sehr staubiges Fotoalbum in die Hände. Beim Aufblättern erkannte ich auf der ersten Seite die schwungvolle Schrift meiner Mutter. Italienreise 1958 hatte sie ganz schlicht geschrieben. Bereits die ersten Fotos, die meisten in Schwarzweiß, machten mir Vergnügen. Es war wie eine Zeitreise. Ich nahm das Album an mich und ging hinunter auf die Terrasse, wo ich die letzten Sonnenstrahlen des warmen Sommerabends bei einem Glas Rotwein genießen und dabei anhand der Fotos einen Blick in die Vergangenheit werfen wollte.

Ich entkorkte die Flasche, der glutrote italienische Wein füllte das Glas, und ich nahm auf dem Liegestuhl Platz und begann zu blättern. Wirklich, es war eine interessante Angelegenheit. Die Kleidung der abgebildeten Personen, die alten Autos und Motorroller und überhaupt die vielen Einzelheiten, die man auf den Bildern entdecken konnte. Zu einigen Fotos hatte meine Mutter auch einen kurzen, erklärenden Kommentar geschrieben. Und wie gesagt, das Ganze war schlicht bezeichnet als Italienreise 1958. Dabei war es viel mehr gewesen, nämlich ein Sommer voller Überraschungen, Missverständnisse und Verwicklungen.



1

An diesem Vormittag im Frühsommer war der Himmel blau und ungetrübt, kein Wölkchen wagte es, sich über der Stadt zu zeigen und alle Wetterfrösche hatten es sich auf der obersten Spitze ihrer Leiter gemütlich gemacht. Die Wettervorhersage hatte 28 Grad im Schatten versprochen und diesmal hatten die Meteorologen sogar Recht behalten und damit ihrem schlechten Ruf Lügen gestraft. Und da der Kalender obendrein verkündete, dass heute Sonntag sei, war natürlich die halbe Stadt auf den Beinen, auf dem Weg zum Wannsee, in den Grunewald oder sonst wohin, um das schöne Wetter auszunutzen. Die Gastwirte der Ausflugs- und Gartenlokale und auch die Eisverkäufer und die Händler mit kühlen Getränken hatten alle Hände voll zu tun und gehörten zu den begehrtesten Leuten des Tages. Angesichts der Menschenmassen zählten sie im Geiste schon voller Begeisterung eine reich gefüllte Tageskasse. Die Vorfreude auf dieses Vergnügen zauberte ihnen ein breites Lächeln auf ihre Gesichter und die, die ihnen die Kassen füllten, lächelten ebenso zurück. Und auch sonst war überall dort mit großem Andrang zu rechnen, wo man Erholung und Erfrischung, Sonne oder Schatten, je nach Geschmack und Bedarf, finden konnte.

Gabi Mahrenbachs Stimmung aber passte überhaupt nicht in die heitere Sommeratmosphäre dieses Tages. Sie hatte Kummer und saß bei ihrer Freundin Cornelia Hoffmann, bei der sie ihr Leid über den unerwarteten Ehekrach klagen konnte, den sie heute Morgen mit ihrem Mann Robert gehabt hatte.

„Es ist einfach nicht auszuhalten mit diesem Mann“, sagte Gabi und strampelte wütend mit den Beinen wie ein kleines Kind, das seinen Willen nicht bekam.

„Pass auf, du fällst mir noch aus der Wohnung, wenn du nicht vorsichtig bist!“, warnte Cornelia erschrocken. Gabi saß auf dem Fensterbrett, vor dem drei Etagen tiefer in sonntäglicher Vormittagsruhe die wenig belebte Kantstraße lag. Nur wenige Autos waren jetzt unterwegs und an der nahen Kreuzung am Amtsgericht hielt gerade eine Straßenbahn der Linie 75, die zum Bahnhof Zoo unterwegs war.

Gabi hüpfte herunter, zumal ihr auch langsam das Hinterteil schmerzte und sie begann, wild mit den Armen wedelnd, im Zimmer umher zu gehen.

„Seine Eifersucht macht mich noch wahnsinnig“, beschwerte sie sich, während Cornelia durch die heftigen Ruderbewegungen ihres Gastes den entstehenden Luftzug genoss. Ein Ventilator hätte es nicht besser machen können. Aber dann besann sie sich und suchte, tröstende Worte zu finden.

„Er liebt dich eben.“ Cornelias Antwort kam ziemlich lahm herüber und wurde mit einem eher mitleidigen Lächeln der Freundin beantwortet. Diese Naivität hätte eigentlich ein heftiges Haareraufen zur Folge haben müssen. Doch den Ärger durch eine ruinierte Frisur war es dann doch nicht wert. Stattdessen versuchte Gabi gönnerhaft Cornelia die grundsätzlichen Regeln des Ehelebens näherzubringen.

„Wenn das so ist, dann müsste er doch wissen, dass er gar keinen Grund zur Eifersucht hat. Ich liebe ihn doch auch. Sonst hätten wir wohl kaum geheiratet. Aber er denkt ständig, dass mir alle Männer nachlaufen.“

Cornelia sah ihre Freundin spöttisch an. „Nachlaufen nicht direkt, würde ich sagen. Aber sie sehen dir nach. Und das mit sichtbarer Begeisterung. Das kannst du doch nicht abstreiten", sagte sie. „So wie du aussiehst, blond, hübsches Gesicht, gute Figur, immer gut bis elegant gekleidet...Das lieben die Männer.“

Gabi trat vor den Spiegel. Cornelia hatte sie ziemlich genau beschrieben. musste sie in aller Unbescheidenheit zugeben. Und freute sich über das Kompliment genau wie über ihr Spiegelbild, dass ihr im neu erstandenen gelben Sommerkleid lächelnd die Richtigkeit des eben Gehörten bestätigte. Der breite, rote Lackgürtel um die Taille betonte dabei auf sehr vorteilhafte Weise ihre Figur. Aber trotzdem dachte sie, dass sie die aufmunternden Worte, auch wenn sie nur von ihrer besten Freundin stammten, gut gebrauchen konnte.

„Danke für die Blumen. Das hört man gern.“

Cornelia lächelte.

„Bitte, gern geschehen. Aber mal abgesehen von mir... Ich bemerke doch genau die bewundernden Blicke deiner männlichen Kollegen, auch wenn ich nur stundenweise bei euch in der Firma aushelfe.“

Cornelia wollte Lehrerin werden und verdiente sich nebenbei etwas Geld in der gleichen Firma wie Gabi. Bei dieser Gelegenheit hatten sie sich auch kennengelernt und schnell angefreundet. Wobei Gabi von ihrem Elternhaus her finanziell soviel Unterstützung hatte, dass sie es eigentlich nicht nötig gehabt hätte, eine Stellung anzunehmen. Aber es machte ihr Spaß. Durch ihren Großvater väterlicherseits hatte sie sehr gute Kenntnisse in Italienisch. Ihre Großmutter hatte bereits kurz vor der Jahrhundertwende ihr Liebes- und Eheglück bei einem feurigen Italiener aus Mailand gefunden, der damals im kaiserlichen Berlin an der italienischen Gesandtschaft als Sekretär gearbeitet hatte.

So übersetzte sie nun also fleißig die Korrespondenz der Außenhandelsfirma Pöppelmeier und Söhne mit Geschäftspartnern aus Rom, Mailand, Turin und Neapel und es war eine willkommene Abwechslung vom jungen Ehealltag. Abgesehen davon ermöglichte es ihr die Anschaffung vieler hübscher Dinge, die normalerweise in einer jungen Ehe zunächst einmal lange auf sich hätten warten lassen müssen und die man doch so gern besitzen wollte. Selbst wenn vieles davon schon unter die Kategorie Luxus fiel und man es sich nur wünschte, weil es einem die Reklame so eindringlich ins Unterbewusstsein einhämmerte. Und auch wenn er es nicht gerne zugab, dieser Umstand gefiel Robert, Gabis Ehemann, selbst ganz gut. Unter anderen Gegebenheiten hätten sie sich wahrscheinlich sonst noch kein Auto, noch dazu einen neuen, kaufen können, obendrein einen so eindrucksvollen Borgward.

„Ich wünschte, ich hätte deine Anziehungskraft“, fuhr Cornelia nun fort.

„Wieso?“, fragte Gabi erstaunt. „Was ist denn schon an mir Besonderes?“, fragte sie ein wenig kokett. „Ich habe meiner Meinung nach ein Dutzendgesicht. Ganz schön vielleicht, aber ansonsten nicht auffällig. Du hast so schönes rotbraunes Haar, kurz und lockig, und deine Sommersprossen passen dazu großartig und sind doch ausgesprochen drollig.“

„Ja, drollig vielleicht, aber die Männer....“

„Die Männer, die Männer!“, unterbrach Gabi mürrisch, „und vor allem meiner.“ Damit war sie wieder beim Thema. „Meine gute Stellung als Fremdsprachen-Sekretärin soll ich aufgeben, nur weil mein Göttergatte auf meine männlichen Arbeitskollegen eifersüchtig ist. Soweit kommt's noch! Sag selbst... dieses Misstrauen habe ich wohl kaum verdient."

Cornelia holte Luft, aber bevor sie eine Antwort geben konnte, fuhr Gabi in ihrem Vortrag fort.

„Dabei arbeite ich schon seinetwegen nur halbtags. Er kann sich also nicht mal darüber beschweren, dass ich den Haushalt vernachlässigen würde. Aber er macht ständig Überstunden in den letzten Wochen. Wenn ich nun denken würde, dass da eine andere Frau...“ Sie ließ den Satz unvollendet. Das war ein zu absurder Gedanke, sie blickte aber ihre Freundin trotzdem vielsagend an, mit der stummen Aufforderung und in der Hoffnung, Widerspruch zu erhalten. Sie wurde nicht enttäuscht.

„Nein, also das glaube ich nun gar nicht von Robert“, erklärte Cornelia energisch und völlig überzeugt. „Er will einfach so schnell wie möglich Karriere machen.“

Gabi blickte ihre Freundin immer noch leicht zweifelnd, aber doch auch erleichtert an. „Meinst du das wirklich?“

Sie hatte vor gar nicht allzu langer Zeit mal den Satz gehört, dass die Frauen ihre Männer viel zu wenig mit dem Verstand aussuchen, sondern viel zu sehr nach ihrem Herzen gehen würden. Irgendwie, befand sie nun, war dieser Gedanke gar nicht von der Hand zu weisen. In ihren Robert hatte sie sich auch Hals über Kopf verliebt, kaum dass sie sich richtig kennengelernt hatten. Aber andererseits ging das wohl allen Jungvermählten so, dass sie sich im ersten Ehejahr zunächst mal aufeinander einspielen mussten. In Gedanken versunken schweifte ihr Blick über die Wand. Ihre Augen schienen die Tapete abzusuchen, als ob dort eine Lösung für ihren Kummer zu finden wäre. Aber es war nichts anderes zu entdecken als ein lächelnder Hardy Krüger, dessen Bild sich Cornelia zusammen mit den Hochglanzfotos anderer Filmstars, männlich wie weiblich, zur Verschönerung der sonst so kahlen Wand auf eine Holztafel geklebt hatte.

Sie holte tief Luft, schien auf etwas zu warten, aber Hardy Krüger sagte kein Wort und auch die restliche Filmprominenz hüllte sich in diskretes Schweigen.

„Sag mal, wo ist dein Mann denn jetzt?“

Gabi kehrte aus ihren Gedanken zurück. „Weiß ich nicht.“ Sie rief sich die Szene des Morgens noch einmal ins Gedächtnis. „Wir wollten gerade frühstücken. Irgendwie kamen wir auf das Thema meiner außerhäuslichen Tätigkeit, dann ergab ein Wort das andere und plötzlich hatten wir den heftigsten Wortwechsel seit unserer Hochzeit."

„Na, Gott sei Dank!“

„Bitte?“, fragte Gabi inbrünstig und sah erstaunt zu Cornelia. „Also dankbar bin ich dafür nicht."

„Also, ich schon, irgendwie. Eure Harmonie war schon kaum mehr zu ertragen. Ich habe schon gedacht, ihr würdet nie wie andere Ehepaare werden, wo auch und gerade am Anfang schon mal leidenschaftlich die Fetzen fliegen“, erklärte Cornelia salopp.

„Ach, geflogen ist schon was, nur keine Fetzen. Im Laufe unseres Streits sind wir ins Wohnzimmer hinüber gewechselt, und als ich meiner Wut Luft machen musste, habe ich nach dem nächstbesten Gegenstand gegriffen, der im Wege stand, um ihn Robert an den Kopf zu werfen.“ Trotz des eben geschilderten Streits kicherte sie plötzlich. „Wie bedauerlich, dass es sich auuuusgerechnet um das gute Hochzeitsgeschenk von Tante Henriette gehandelt hat.“

Cornelia nickte wissend. „Ach, du meinst, diese furchtbar hässliche Vase, die ihr beide nie ausstehen konntet?“ Nun stimmte auch sie in das Lachen ein.

„Ja, genau das schreckliche Ungetüm. Aber bevor Robert von ihr getroffen werden konnte, hatte er die Wohnzimmertür schon hinter sich geschlossen und die Vase zerbrach in tausend Teile.“

„Da hast du ja direkt eine gute Tat vollbracht. Zur Belohnung sollten wir beide jetzt vielleicht auch etwas unternehmen. Was meinst du? Wenn Robert den Vormittag aushäusig verbringt....“

Gabi blickte auf, zögerte nur einen ganz kurzen Augenblick, dann zeigte ihr Gesicht volle Zustimmung. „Du hast absolut Recht. Ich will schließlich nicht den herrlichen Sonntag mit saurer Miene verbringen.“

Cornelia freute sich, dass es ihr gelungen war, ihre Freundin aufzumuntern. Gabi vollführte auf einem Bein stehend eine Pirouette, als ob sie für eine Eisrevue vortanzen wollte.

„Dann lass uns über den Ku’damm bummeln und Schaufenster ansehen“, schlug Cornelia vor. Auch wenn sie sich selten etwas in den teuren, eleganten Geschäften kaufen konnte, träumte sie doch wie die meisten Frauen von schönen Kleidern, Schuhen und Schmuck und erfreute sich zumindest an deren Anblick.

„Ja, fein. Das machen wir", stimmte Gabi freudig zu. „Robert soll sich ruhig Gedanken machen, wo ich abgeblieben bin. Und dann essen wir irgendwo nett zu Mittag“

„Ach, weißt du...“, bremste Cornelia ihre Freundin zögerlich. „Das ist sicherlich eine schöne Idee, aber so ein Essen kann ich mir nicht leisten.“ sagte sie ohne Umschweife. „Das bisschen Geld, das ich neben meinem Studium dazuverdiene, reicht nicht für einen Luxus dieser Art.“

„Aber du Dummerchen!“, rief Gabi erschrocken. "Ich lade dich doch ein."

„Das geht doch auch nicht“, protestierte Cornelia.

„Und ob das geht. So, und nun komm!"

Gabi nahm sie bei der Hand, duldete ganz offensichtlich keinen Widerspruch mehr, zog die Freundin aus dem Zimmer und rief den Korridor hinunter: „Frau Hoffmann!“

Die Mutter von Cornelia kam aus der Küche, in der Hand einen nassen Teller und ein Geschirrtuch.

„Frau Hoffmann, Conny und ich gehen ein wenig bummeln. Zum Mittagessen kommt sie heute nicht nach Hause.“

Cornelias Mutter kam gar nicht dazu, etwas zu erwidern und ihrer Tochter war es gerade noch möglich, ihre Handtasche zu greifen, dann wurde sie auch schon von Gabi aus der Wohnung gezogen.

Die Wohnungstür fiel laut ins Schloss und Frau Hoffmann starrte fassungslos in den leeren Korridor. „Diese Kinder“, war das einzige, was ihr dazu einfiel und rieb immer noch den Teller, der längst trocken war.


Wenden wir uns nun dem gerade so gescholtenen Ehemann zu, der mit seinen beiden Freunden Herbert und Rolf den Vormittag verbrachte. Die drei kannten sich bereits aus der Schulzeit.

Sie saßen in einem Gartenlokal am Wannsee, wo Robert erst einmal ein verspätetes Frühstück bestellte.

„Hat es heute Morgen bei dir nichts zu Essen gegeben, alter Ehekrüppel?“, spottete Herbert und Rolf setzte hinzu: „Scherben hat's gegeben. Das wette ich."

Robert lachte höhnisch. „Das macht gar nichts. Wenigstens hat es so ein scheußliches Ungetüm von Vase erwischt. Meine Tante Henriette hat es uns zur Hochzeit verehrt.“

Die beiden anderen grinsten sich nur zu.

„Ehegewitter im Liebesparadies?!“, lästerte Rolf und Herbert setzte noch alberner nach.

„Hat der liebe kleine Junge Ärger mit seinem Schatzilein?“, fragte er und sprach dabei gütig wie mit einem Kleinkind, dem man seinen Ball weggenommen hatte.

Die beiden hatten gut spotten, denn weder der eine noch der andere hatte derzeit eine feste Freundin, geschweige denn die Absicht, in absehbarer Zukunft den Ehehafen anzusteuern.

Robert war enttäuscht über die Reaktion seiner Freunde. Und als der Kellner das Bestellte brachte, beteiligte er sich gar nicht mehr an ihrem Gespräch, das sowieso nur weiteren Spott auf seine Kosten zum Inhalt hatte. Grummelnd schaufelte er die Portion Rührei mit Schinken in rasantem Tempo in sich hinein, sodass der Kellner und auch einige Gäste an den Nachbartischen fasziniert zu ihm hinüber starrten und sich fragten, wie lange der arme Mann wohl nichts mehr zu essen bekommen hatte.

„Der junge Mann ist bestimmt Junggeselle“, raunte eine Frau am Nachbartisch ihrem Mann zu.

„Kann man nie wissen. Vielleicht ist seine Frau eine miserable Köchin“, entgegnete der Gatte, worauf er von ihr mit einem empörten Blick bedacht wurde.

Robert jedoch schluckte mit jedem Bissen auch ein wenig von dem Ärger hinunter, der ihn seit dem Streit mit Gabi erfüllt hatte. Im Grunde seines Herzens waren ihm solche Auseinandersetzungen zuwider und er bereute schon seinen Dickkopf, der ihn zu dem Disput verleitet hatte. Aber er sah auch immer wieder die bewundernden Blicke anderer Männer, die seine Frau auf sich zog. Es war zum Verzweifeln. Sein Verstand versuchte zwar immer wieder mit allen Mitteln, ihn davon zu überzeugen, dass sein Misstrauen völlig unnötig war. Aber die Leidenschaft, mit der er seine Frau liebte, verleitete ihn aber auch ständig zu neuen Eifersüchteleien.

Als sein Frühstücksteller leer gegessen war, war auch sein Zorn endgültig verraucht. Nun sehnte er sich nach Gabi. Es drängte ihn nach einer Versöhnung.

Die Freunde bemerkten seine Unruhe, denn es war offensichtlich, dass er der Unterhaltung nicht mehr folgen konnte und auch nicht mehr folgen wollte. „Seid so gut und zahlt mein Frühstück, ich muss los.“

Und ohne eine Antwort abzuwarten, sprang er auf, Herbert und Rolf mit der Rechnung zurücklassend, die sich erst erstaunt und verwirrt, dann aber grinsend ansahen.

„Da hat er aber Glück, dass man am Sonntagvormittag Rosen kaufen kann.“

Rolf verstand nicht gleich und blickte Herbert verständnislos an.

„Mööönsch!“, gab der zur Antwort und versetzte Rolf drei leichte, kurze Schläge mit der flachen Hand auf dessen Stirn. „Ich könnte wetten, dass unser guter Robert jetzt den nächsten Blumenhändler aufsucht", setzte Herbert erklärend hinzu. Womit er Recht behalten sollte!


Nachdem Robert gerade noch im letzten Augenblick vor Geschäftsschluss im Blumenladen an der Ecke einen großen Strauß roter Rosen erstanden hatte, fuhr er nun schnellstens nach Haus, um den ehelichen Frieden wiederherzustellen. Schließlich war er es gewesen, der vorhin wutschnaubend aus der Wohnung geeilt war, nachdem er dem Wurfgeschoss aus Porzellan gerade noch hatte ausweichen können. Inzwischen hatte sich Gabi hoffentlich beruhigt.

Ruhig lag die Wohnstraße im Westend, nur die dicke Frau Weinbrenner, die an der Ecke der nächsten Querstraße den Lebensmittelladen hatte, führte ihren nicht minder beleibten Pudel durch das Viertel und bot damit einen amüsanten Anblick. Ein Paar, das gut zusammen passte!

Robert stieg aus dem Wagen, nahm den Rosenstrauß und blickte an dem dreigeschossigen Neubau hinauf. Die Wände waren glatt verputzt mit gelblichem Anstrich und grünen Fensterläden. Die Fassade des Hauses war in der zweiten, der obersten Etage, wo sie wohnten, etwas zurückgesetzt, sodass Gabi und Robert statt eines kleinen Balkons auf diese Art eine großzügige Dachterrasse hatten. Vor dem Haus gab es einen Vorgarten mit hohen Büschen, dazwischen Rasen und bunte Blumenbeete, das reinste Idyll, bei dem das Herz eines jeden Freundes gepflegter Gartenbaukunst in der Brust jubilieren musste.

Als Robert den Pflasterweg zur Haustür nahm, tönte es plötzlich von links in unverfälschtem Berliner Dialekt: „Ihre Jnädije is' vorhin mit 'ne Taxe los.“ Er stutzte, hielt an und sah sich um. Da es nach seinem biologisch-naturwissenschaftlichen Wissensstand aus der Schulzeit keine sprechenden Büsche gab (und daran hatte sich in den letzten Jahren auch gewiss nichts geändert), musste sich der Stimme nach die Hauswartsfrau irgendwo hinter der grünen Wand aus Blättern befinden.

In diesem Augenblick tauchte auch schon ein mit Lockenwicklern gespickter Kopf auf und Robert sah sich bestätigt.

„Guten Tag, Frau Proschke“, grüßte er amüsiert, aber freundlich winkend.

„Hallo, Herr Robert....“ Sie hatte die Angewohnheit, die Leute, soweit ihr persönlich bekannt, mit dem Vornamen anzusprechen und als Hauswartsfrau für die ganze Wohnanlage, die drei nebeneinander liegenden Wohnhäuser mit den dazu gehörenden Gärten, fühlte sie sich so ein bisschen als Herrscherin über das kleine Reich. Und besonders die jüngeren Mieter hatte sie in ihr gutmütig-berlinisches Mutterherz geschlossen. Manchmal war es zwar etwas lästig, aber so richtig übelnehmen konnte es ihr niemand, sie meinte es gut. Nur, dass sie in ihrem Eifer manchmal leider übers Ziel hinausschoss.

In der Regel plapperte sie munter drauf los, im Augenblick schien sie aber ein wenig verlegen und zierte sich, hinter dem Busch hervorzukommen, sodass Robert sie fragend ansah.

„Was ist denn los, Frau Proschke? Stimmt etwas nicht?“

„Ach nee, is' allet in Ordnung, ick tu' mir nur n' bißken schenier'n!“

„Aber liebe Frau Proschke“, setzte Robert mit einem charmanten Lächeln nach. „Weswegen denn?“

„Ach, wissen Se, ick hab' mir doch jedacht, heute am Sonntach werden nich so ville Leute unterwejens sein, da wollt' ick man nur meinen neuen Badeanzuch ausprobier'n und hab' mir hier hinter de Büsche een verschwiejenet Plätzchen zum Sonnenbaden jesucht. Mein Erwin will doch partout mit mir dieset Jahr verreisen. Anne Ostsee nach Travemünde, da wollt’ ick doch schon mein Lebtach immer mal hinfahr'n", setzte sie ganz verzückt hinzu, sich zweifellos bereits in aufgeregter Vorfreude auf maritime Urlaubstage befindend.

Robert lächelte verstehend. Das war hier so eine Art Generalprobe für Frau Proschkes neue Badebekleidung.

„Na, dann will ich das gute Stück auch mal zu Gesicht bekommen“, forderte er die Hauswartsfrau auf, ihre Deckung zu verlassen.

„Na jut, aber nur, weil Sie et sind, Herr Robert....“ sagte sie mit leicht kokettem Augenaufschlag und bewegte würdevoll ihre vollschlanke Figur auf eine frei einsehbare Stelle des Vorgartens hin. Gebührend bestaunte und bewunderte nun Robert das Produkt der Bademodenindustrie, konnte sich aber ein Lachen gerade noch so verkneifen. Frau Proschkes Körper, der von seinen Dimensionen her Meister Rubens, der bekanntlich einen Hang zur drallen Weiblichkeit hatte, in schiere Begeisterung versetzt hätte, war in einen violetten Kunstfaserstoff gehüllt, auf dem als knallgelber Gegensatz zahlreiche Sonnenblumenblüten prangten, ergänzt vom Grün des Blattwerks, kurzum es war die reinste Farbenorgie.

„Also damit werden Sie in Travemünde auf jeden Fall Aufsehen erregen“, sagte Robert so ernst, wie er es noch vermochte. Aber am Strand in der Sonne würden ohnehin die meisten Leute eine Sonnenbrille tragen, da würde die Farbenpracht vielleicht nicht ganz so aggressiv auf die Sehnerven der anderen Badegäste wirken. Hoffentlich! Immer noch schmunzelnd blickte er schnell auf die Pflastersteine zu seinen Füßen, als ob er nach einem verlorenen Geldstück suchen müsste.

Frau Proschke aber merkte nichts und atmete erleichtert auf. Dann fiel ihr etwas ein.

„Wie sieht es denn eijentlich bei Ihnen und Ihrer werten Jattin aus mit 'ner Sommerreise?“, wollte sie wissen.

Robert schüttelte langsam den Kopf. „Das wird in nächster Zeit nichts werden. Mein Chef meinte nur, das Wirtschaftswunder würde keine Ferien kennen, was wohl soviel heißen soll, dass ich vorerst keinen Urlaub bekommen werde.“

Er sagte noch ein paar schmeichelhafte Worte zum Abschluss der Badeanzugpremiere und ging nach oben in die Wohnung. Weggefahren war Gabi also, nachdem er selbst das Haus verlassen hatte. Er ahnte schon, dass sie mit ihrer Freundin Cornelia zusammen war.

Die Wohnung war still und verlassen. Lustlos streifte Robert durch das Wohnzimmer auf die Terrasse, in der Hoffnung, Gabi wäre vielleicht doch schon wieder zurück. Aber das wäre der Aufmerksamkeit von Frau Proschke keinesfalls entgangen.

In der Küche suchte er nach einer Vase, füllte sie mit Wasser und stellte die Rosen hinein. Deutlich sichtbar platzierte er dann das Ganze auf dem Wohnzimmertisch. In der Küche suchte er dann im Kühlschrank nach einem Bier. Satt war er noch vom ausgiebigen Frühstück am Wannsee. Mit der offenen Flasche und einem Glas begab er sich dann wieder auf den Dachgarten, um im Schatten des Sonnenschirmes seinen Durst zu löschen. Er lehnte sich gegen das Gitter und schaute auf die Straße, auf der nun ein Halbstarker in dunkelblauen Nietenhosen und kariertem Hemd entlang ging. Eigentlich hopste er mehr wie ein wild gewordenes Kaninchen, fand Robert. Das kam wohl daher, dass er sein Transistorradio nah ans Ohr hielt und im Rhythmus der Musik seine Schritte kreuz und quer auf das Gehwegpflaster setzte. Laut und vernehmlich sogar bis hinauf auf die Terrasse besang Peter Kraus in seinem neuesten Schlager sein Sugar Baby.


In der Zwischenzeit hatten sich die beiden Freundinnen unbeschwert amüsiert. Sie hatten die Auslagen in den Geschäften bewundert, die neuesten Modekreationen ausgiebig diskutiert und schließlich gut zu Mittag gegessen. Gegen drei Uhr am Nachmittag hielt es aber Gabi auch nicht mehr aus. Cornelia hatte dafür Verständnis und sie trennten sich an der Straßenbahnhaltestelle. Gabi ging noch in eine Konditorei, kaufte zwei Stück Schwarzwälderkirschtorte und nahm sich dann ein Taxi nach Hause.

Sie sah Roberts Wagen vor der Tür und freute sich. Auch sie war sich plötzlich bewusst, dass es nie zu diesem Streit hätte kommen dürfen. Und auch wenn sie es nie anderen Leuten gegenüber eingestehen würde, auch sie fühlte einen Stich im Herzen, wenn eine andere Frau ihrem gutaussehenden Mann zulächelte. Erst letzte Woche hatte sie mit einem Stirnrunzeln beobachtet, wie übertrieben freundlich die Platzanweiserin im Kino zu Robert gewesen war, während Gabi deutlich ignoriert wurde.

Nein, daran wollte sie jetzt nicht denken. Im Augenblick war es viel wichtiger, den häuslichen Frieden wiederherzustellen. In Windeseile lief sie in den zweiten Stock, etwas atemlos betrat sie die Wohnung. Sie holte kurz Luft und rief nach Robert. Doch niemand antwortete. Sie brachte den Kuchen in die Küche, holte das Kaffeegeschirr heraus, setzte das Wasser auf und ging auf die Suche. Auf der Terrasse fand sie ihn dann, er schlief auf dem Liegestuhl ruhig wie ein Baby in seiner Wiege. Vorsichtig beugte sie sich über ihn, strich ihm liebevoll durch das kurze schwarze Haar und küsste ihn sanft auf die Stirn. Nun lächelte er, denn er hatte sie schon längst bemerkt, seit sie in der Küche mit den Tassen geklappert hatte. Er öffnete die Augen.

„Hallo, Frau Mahrenbach, ich möchte Ihnen etwas sagen.“ Er legte seine Arme um ihren Hals und zog sie tiefer zu sich hinunter, um sie zu küssen.

Ohne große Worte zu machen, feierten sie so Versöhnung und der restliche Sonntag sah die beiden eng umschlungen in tiefster Harmonie.



2

Im Gegensatz zur heiteren Stimmung am Ehehimmel der Mahrenbachs schien die Sonne am Wochenende ihre ganze Kraft verbraucht zu haben, denn der Montagmorgen begann grau und verregnet.

Robert verließ wie meistens kurz nach sieben das Haus, während Gabi schnell noch das Frühstücksgeschirr abwusch, um dann auch gegen halb acht zur U-Bahn zu eilen.

Doch Gabis gute Laune war heute auch durch den stärksten Wolkenbruch nicht zu erschüttern. Robert hatte sich am vorigen Abend noch einmal ausdrücklich bei ihr für seine Eifersucht entschuldigt und Besserung gelobt. Worauf sie ihn mit einem kecken Lächeln daran erinnerte, dass er doch wohl schließlich auch keinen Grund für sein Misstrauen haben könne.

Auf Gabis Schreibtisch im Büro stand zwar ein Telefon, aber nur selten läutete es, geschäftliche Anrufe gab es für sie so nicht so häufig wie für andere Kollegen, da sie hauptsächlich die italienische Kundschaft betreute. In der Regel bekam sie hausinterne Gespräche oder ab und zu einen privaten Anruf. Die von draußen kommenden Gespräche gingen über eine Telefonzentrale, die dann an den betreffenden Mitarbeiter weitervermittelte. Diese Aufgabe übernahm ein ältliches Fräulein, unscheinbar aber liebenswert und zuvorkommend. Gundula Fuchs, von allen meistens Füchslein gerufen, sogar vom Seniorchef, den sie im Stillen verehrte, was sie vor jedem zu verbergen versuchte. Aber natürlich war das ein Geheimnis, das keines war.

Kurz vor zwölf läutete nun das Telefon auf Gabis Schreibtisch. Zunächst einmal war Fräulein Fuchs am anderen Ende der Leitung.

„Gabikind, jetzt gibt es eine Überraschung für dich.“ Sie machte eine kunstvolle Pause.

„Was für eine Überraschung, Füchslein? Was denn?" Gabi war ungeduldig. In der Leitung gab es ein Knacken, dann glaubte sie, ihren Ohren nicht trauen zu können. Eine weibliche Stimme mit dem charakteristischem Akzent der Schweizer wünschte einen guten Tag.

„Gisela! Ist das eine Überraschung!“, rief Gabi so laut aus, dass ihre Kollegen an den Nebentischen erschreckt hochfuhren. Verlegen senkte sie ihre Lautstärke.

„Wo steckst du denn? Du wirst doch nicht etwa aus der Schweiz anrufen.“ Nein, das konnte nicht sein, dachte sie im gleichen Augenblick. Dazu klang die Stimme aus dem Hörer viel zu rein und unverrauscht.

„Dreimal darfst du raten. Ich bin in Berlin auf ein paar Tage.“

„Gisi, wie schön.“

„Ja, das dachte ich mir auch. Mein Reisebüro hat mich mit einer Reisegruppe aus Zürich auf große Fahrt geschickt.“

„Wir müssen uns unbedingt sehen." Gabi blickte auf ihre Armbanduhr. Noch gut eine Stunde, dann hatte sie Feierabend. Sie blickte aus dem Fenster. Der Regen hatte aufgehört und die Bewölkung hatte auch schon wieder erheblich nachgelassen.

„Kannst Du um halb zwei im Sommergarten am Funkturm sein? Im Terrassencafé? Weißt du, wo das ist?“

„Ja, das kenne ich", tönte es aus dem Hörer. „Ich gebe meinen Gästen noch ein paar Hinweise für den Aufenthalt und dann habe ich für heute frei.“

Damit war es abgemacht.

Gabi konnte es kaum fassen. Gisela Bracher war eine liebe Freundin, die sie vor einigen Jahren bei einem Ferienaufenthalt in der Schweiz kennengelernt hatte. Und auch wenn ihr Kontakt über die Zeit und die Entfernung hinweg nie allzu intensiv gewesen war, die Freude über ein Wiedersehen war jedes Mal auf beiden Seiten groß.

Gisela war immer lustig und ein feiner Kamerad. Als Gabi zur vereinbarten Zeit im Café eintraf, wartete die Eidgenossin schon auf sie. Fröhlich sprang sie vom Tisch auf, schmetterte ein fröhlich-zünftiges „Grüezi!“ in die Gegend und umarmte die Freundin stürmisch.

Die nächsten zwei Stunden wurden nun Neuigkeiten ausgetauscht, gemeinsame Erinnerungen aufgefrischt und Fotos angesehen. Natürlich hatte Gabi immer ein Bild von Robert dabei, das wollte Gisela als Erstes sehen.

„Mein liebes Kind“, sagte Gisela schelmisch über den Rand ihrer Sonnenbrille blickend. „Hast Du so einen gutaussehenden Mann überhaupt verdient?“

Gabi kicherte wie ein Schulmädchen und es blitzte genauso fröhlich auch in ihren Augen.

„Aha! Ich sehe schon, ein schlimmer Fall von Verliebtheit" konstatierte die Freundin mit dem Gesichtsausdruck und der Kopfhaltung einer vornehmen Gouvernante, konnte jedoch auch nicht lange ernst bleiben.

Die Zeit verging wie im Fluge. Gisela musste bald wieder in ihr Hotel, um ihre Reisegruppe zu betreuen und Gabi hatte die Zeit aufzuholen, um die Einkäufe zu erledigen und das Abendessen vorzubereiten.

„Ich wünschte, Du wärst länger hier. Ich hätte gern mit dir zusammen etwas unternommen.“

„Und ich hätte gern deinen Robert kennengelernt. Aber das ist das Los einer Reiseleiterin", seufzte Gisela. „Aber ich will mich nicht beklagen. Auf diese Art lerne ich die Welt kennen und werde dafür noch bezahlt. Im nächsten Monat gehe ich auf eine kleine Rundreise mit einer deutschen Reisegruppe, zehn Tage durch Oberitalien.“

„Oh, Gisi!“ Gabi bekam große Augen. „Das ist ja traumhaft. Da bist du zu beneiden.“

„Nun ja, wie man's nimmt. Ich mache dort schließlich keinen Urlaub. Ich trage die Verantwortung dafür, dass alles klappt. Und dann kommen meine Schäfchen häufig mit ihren kleinen und großen Sorgen zu mir, um die ich mich kümmern muss. Auch wenn es gar nichts mit dem Reiseablauf zu tun hat."

Gabi lächelte verstehend.

„Aber die meisten deiner Gäste sind doch lieb, oder? Und du machst das doch auch ganz souverän, wie ich dich kenne. Mit dir sind doch alle zufrieden, anders kann ich's mir gar nicht denken. Und genügend Erfahrung hast du doch auch.“

„Danke für die Blumen. Aber du hast schon Recht. Nur zu schade, dass du nicht mitkommen kannst. Es wäre schön, dich in Italien dabei zu haben.“

„Das wäre wirklich phantastisch, aber meine Arbeit ... und vor allem nicht zu vergessen, mein Robert... Der würde mich schwer entbehren können und überhaupt....“

„Was überhaupt?“ Gisela entrüstete sich ernsthaft. „Dürftest du nicht einmal mit einer Freundin nach Italien fahren, ohne deinen Mann? Ist er denn so ein altmodischer Kerl, der seiner Frau nicht erlaubt, auch mal etwas ohne ihn zu unternehmen.“

„Ja, nein, ....ja...ach ich weiß nicht..." Gabi wurde etwas kleinlaut. Gisi hatte ganz treffsicher das Problem genannt.

"Also wirklich, diese Ehemänner!"

"Nein, nein. So einer ist Robert nicht. Ich gehe schon ab und zu auch allein mit einer Freundin aus.“

„Ja, ins Café oder zum Einkaufsbummel. Aber sicher keine Reise ohne ihn, den Herrn und Gebieter, oder etwa doch?“

Gabi war verunsichert. „Doch, ich bin sicher, Robert hätte nichts dagegen, wenn ich...." Sie sprach den Satz nicht zu Ende, denn sie hatte schon Bedenken, wollte ihren Robert aber in Schutz nehmen vor der allzu kritischen Freundin.

„Na ja, lass mal“, lenkte Gisela ein. „Dein Robert ist sicherlich ein Prachtkerl und dass du mit ihm glücklich bist, kann man dir vom Kopf bis in die Zehenspitzen ansehen. Die Ehe bekommt dir gut.“

Der Augenblick des unvermeidlichen Abschieds war gekommen, die beiden Freundinnen verließen das Café und Gabi wartete noch solange an der Haltestelle, bis die Straßenbahn kam, die ihre Freundin zum Hotel zurückbringen sollte.

„Heimatland!" rief Gisela plötzlich aus und begann, in den Tiefen ihrer Handtasche zu wühlen. „Beinahe hätte ich vergessen, dir dein Geschenk zu geben. Ich war mir sicher, dass wir uns treffen würden und habe dir etwas mitgebracht.“

„Aber Gisi, das musste doch nicht sein, ich habe doch jetzt gar nichts für dich.“ Gabi wurde verlegen.

„Ach das macht nichts, das hat Zeit bis zum Wiedersehen. Wo habe ich es denn nur...? Ah, da ist es!“ Triumphierend präsentierte sie einen in buntes Geschenkpapier eingeschlagenen Gegenstand.

„Oh wie schön!“ Als sie die Verpackung entfernt hatte, hielt Gabi ein wunderschönes seidenes, hellblaues Kopftuch in der Hand, auf der Enzian, Edelweiß und andere Blumen der Schweizer Bergwelt aufgedruckt waren.

„Das habe ich in Zürich in der Bahnhofstraße gerade noch vor der Abfahrt erstanden. Es ist nichts Besonderes.“ betonte sie. „Aber im letzten Augenblick hatte ich die Eingebung, dass ich es dir mitbringe, als ich es im Schaufenster sah. Ich erinnerte mich, dass du gern Kopftücher trägst.“

„Gisi, das ist ein wunderschönes Geschenk.“ Gabi freute sich sehr. Außerdem wusste sie, dass es in der Zürcher Bahnhofstraße nur exklusive Geschäfte gab, in denen selbst ein Tuch nicht gerade billig war.

Sie umarmten sich herzlich, die Bahn kam. Gisela stieg in den hinteren Wagen, der Schaffner klingelte ab und die gelben Wagen setzten sich in Bewegung. Gabi schwenkte noch lange ihr neues Kopftuch wie eine Fahne durch die Luft, während die Straßenbahn über die Kreuzung rumpelte.


Sie selbst hatte es nicht mehr weit bis nach Hause, auf dem Weg dorthin kaufte sie noch bei Frau Weinbrenner ein paar Sachen für das Abendessen ein.

Vor dem Haus traf sie dann auf Frau Proschke, doch zu deren Bedauern hatte Gabi heute gar keine Zeit mehr für einen kleines Gespräch von Frau zu Frau. Zu gern hätte sie dabei den neuesten Klatsch verbreitet und ihr wenigstens im Vorbeigehen untergejubelt, dass bei den Wernitzkis aus dem Nachbarhaus der Haussegen schief hing und dass sie herausgefunden hatte, dass der neue Wagen von Familie Kraft aus dem Erdgeschoss auf Abzahlung gekauft war und zudem auch noch gebraucht.

Doch Gabi eilte mit einem schnellen Gruß an der Hauswartsfrau vorbei, sie hatte noch einiges zu erledigen, bevor Robert nach Hause kam. Außerdem hatte sie unentwegt darüber nachgedacht, ob sie nicht vielleicht doch die Reise nach Italien....ach nein, das war dann doch auch für sie selbst ein ganz unmöglicher Gedanke...und vor allem Italien! Das Geld wäre das kleinste Problem gewesen, denn es ging ihnen wirklich gut. Sie hatten eine schöne Wohnung, die modern und geschmackvoll eingerichtet war. Bequeme Cocktailsessel und eine passende Couch mit einem kühn geschwungenen Tisch davor. Außerdem eine große Musiktruhe mit Radio und Plattenspieler, und sogar ein Fernsehgerät hatten sie seit neuestem. Und auch in der Küche gab es für sie schon viele praktische elektrische Helfer, was schließlich nicht so selbstverständlich war für viele Leute. Kurz, alles was sich ein junges Ehepaar wünschen konnte, war vorhanden.

Da es wieder ein warmer Sommerabend war, konnte sie auf der großzügig angelegten Terrasse decken, sie hatte einen bunten Salat zubereitet, der sehr italienisch wirkte (wieder kam ihr Giselas Idee in den Kopf), dazu sollte es Weißbrot geben und einen leichten Rotwein.

Während des Essens betrachtete sie Robert kritisch. Der merkte zunächst nichts, aß mit großem Appetit und meinte nur: „Bei diesem Essen kommt man direkt in Ferienstimmung. Das schöne warme Wetter und der Rotwein dazu, man könnte denken, man wäre in Italien. So stelle ich es mir jedenfalls dort vor. Die Schwiegertochter vom Chef hat es mir erzählt.“

Für Gabi war das wie ein Stichwort, dass sie dankbar aufgriff. Sie begann von ihrer Freundin zu erzählen, wie sie sich heute getroffen hatten, und dann lenkte sie auf das Thema Italien über. Sie wollte nun doch einmal in Erfahrung bringen, ob sie eventuell auch ohne Robert....

„Liebling, du weißt genau, dass ich vorerst keinen Urlaub bekommen kann“, unterbrach Robert ihren Redefluss, der schnell merkte, wohin diese Unterhaltung führen sollte. Und noch bevor sie darauf antworten konnte, setzte er hinzu, dass sie wohl schließlich kaum ohne ihn gen Süden reisen könnte.

„Und die Schwiegertochter deines Chefs? Ist die mit ihrem Mann gereist?“

„Bei der ist das etwas ganz anderes. Die tanzt dem Junior ganz schön auf der Nase herum. Wenn der sich das Gefallen lässt, bitte... Aber meine Frau tut das nicht, oder?“ Er machte eine Handbewegung, die andeuten sollte, dass er nicht weiter darüber reden wollte.

Gabi blickte ihn erbost an, wollte eigentlich noch etwas sagen, aber dann schwieg sie und holte nur tief Luft. Die Angelegenheit war für sie damit noch nicht endgültig erledigt. Aber Robert hatte auch schon geschickt das Thema gewechselt.

„Wenn du noch Lust hast, können wir vielleicht heute Abend ins Kino gehen.“ Er hatte immerhin gemerkt, dass sie ein wenig verstimmt war, führte dies aber nicht auf seine letzte Bemerkung zurück, dieser Gedanke kam ihm nicht... Trotzdem wollte er sie aufmuntern und sie ging sehr gern ins Kino. Es gab gleich in der Nachbarschaft ein ganz ansehnliches Lichtspielhaus, wo sie unter der Woche immer wieder mal hingingen. Dort wurden nicht immer die neuesten Filme gezeigt, aber das fanden sie beide gerade so nett, vor allem wenn sie einen besonders schönen Streifen noch einmal sehen wollten oder ihn bei der Uraufführung verpasst hatten.

Gabi grübelte zwar noch einen Moment, entschloss sich aber dann, das Gespräch bei anderer Gelegenheit noch einmal aufzugreifen.

So nahm sie seinen Vorschlag an. Sie räumte schnell das Geschirr in die Küche, und er half ihr sogar dabei, damit sie noch pünktlich in die Vorstellung kamen. Trotzdem hatte die Wochenschau bereits begonnen, als sie ankamen, da Gabi in allerletzter Minute darauf bestanden hatte, dass Robert sich schnell rasierte und ein frisches Hemd anzog. Vom Lichtstrahl der Taschenlampe wurden sie zu ihren Plätzen dirigiert. Großzügig ignorierte dabei Gabi den schwärmerischen Blick, den die Platzanweiserin für Robert hatte.

Aber nun saßen sie bequem in den Kinosesseln und amüsierten sich sehr bei einer nicht mehr ganz neuen amerikanischen Filmkomödie mit Audrey Hepburn und Fred Astaire, die sie aber noch nicht gesehen hatten.

Als sie auf dem Heimweg waren, summte Gabi noch einmal die Titelmelodie des Films. Robert betrachtete sie und war zufrieden, seine Frau so heiter und ausgelassen zu erleben. Das Thema Ferienreise und Italien schien damit wohl endgültig erledigt zu sein. Natürlich hätte er gern diese Reise mit ihr gemacht. Sie beide hatten sich einen schönen Urlaub verdient, aber im Augenblick sah er wirklich keine Möglichkeit dazu.


Die nächsten Tage vergingen ohne weitere nennenswerte Ereignisse, außer dass Gabis Arbeitskollege Peter Rothmann, der selbsternannte Firmencasanova, am Freitag mit seinen Ferienplänen prahlte.

„Ja, meine Damen“, sagte er, durch den Raum, den sich Gabi mit drei Kolleginnen teilte, wie ein Pfau auf und ab stolzierend. „Für einen modernen Menschen wie mich gibt es heutzutage nur ein Ziel für die jährliche Urlaubsreise und das heißt Italien.“

Gabi hatte die Ausführungen dieses Angebers zunächst zu ignorieren versucht, aber nun horchte sie auf. Unerbittlich wurde sie schon wieder an ihren Wunschtraum erinnert. Es war aber auch wirklich zu schade, dass Robert in seiner Firma derzeit unabkömmlich war. Aber wenn er als junger Architekt weiterkommen wollte, war das eben nicht zu vermeiden, zeitliche Opfer bringen zu müssen.

Trotzdem ärgerte sie sich insgeheim darüber, wie Peter Rothmann versuchte, Eindruck zu schinden. Doch sie sagte sich, dass es wichtigere Dinge gäbe und freute sich nun schon auf ihren Geburtstag am nächsten Tag. Sie würden ihre Eltern, die von Robert und noch ein paar Freunde zu Gast haben und sicher würde es ein nettes Fest werden. Gabi war dankbar für die Tatsache, dass sie im Sommer Geburtstag hatte, sodass sie bei dem derzeitigen Wetter die Party auf ihrem Dachgarten feiern konnten. Weiterhin brachte es den Vorteil, dass der üblicherweise zu solchen Anlässen produzierte Zigarettenqualm ohne Umwege in den Himmel steigen konnte, ohne ihre Stores im Wohnzimmer in ihrem strahlenden Weiß zu gefährden. Außerdem würden ihr nicht so sehr die Augen brennen, wie es ihr sonst in verräucherten Räumen passierte. Noch ein Pluspunkt! Robert würde auch wieder die Lampions aufhängen, die er über die Glühlampen einer Lichterkette befestigen würde, sodass sie nach Einbruch der Dunkelheit eine gemütliche, stimmungsvolle Beleuchtung haben würden, dazu Windlichter auf den Tischen.

„Nun, was meinen Sie dazu?“

Gabi schreckte aus ihren Gedanken auf. „Wie bitte?“

Peter Rothmann stand vor ihrem Schreibtisch und blickte sie von oben herab an. Sie hatte überhaupt nicht zugehört und fühlte sich wie ein Schulmädel, das während der Unterrichtsstunde beim Träumen ertappt worden war. Sie spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg. Wahrscheinlich war sie rot wie eine Tomate geworden.

„Sind Sie nicht auch der Meinung, dass man heutzutage seinen Urlaub

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Tag der Veröffentlichung: 16.10.2015
ISBN: 978-3-7396-1844-9

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