Cover

Die Liebe, die Kunst und der Tod

Roman von Alexander Bertsch

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 283 Taschenbuchseiten.

 

Die Puppe lag auf dem Bauch, den rechten Arm nach vorn gestreckt. In der linken Schulter steckte ein goldener Stift, an dem ein weißes Blatt Papier befestigt war. Der Parkwächter riss das Blatt ab: drei Zeilen, offenbar aus einem Gedicht.

Und dann geschieht der Mord. Die Zeitung berichtet: „Die unbekleidete Leiche einer Frau… auf dem Bauch liegend… den rechten Arm nach vorn … in ihrer linken Schulter ein goldener Stift mit einem Blatt Papier…“

Ein Mörder, der seine Tat ankündigt und aufwändig inszeniert. „Ein Verrückter!“, konstatiert Hauptkommissar Jensen. Und die Anzeichen mehren sich, dass der unberechenbare Täter weitere Opfer erwählt hat, denen seine narzisstische Kunst den Tod bringen soll. Ein Wettlauf zwischen Kripo und Mörder beginnt.

Ein Roman über die dunklen Seiten der Seele. Und über die heilende Kraft der Musik, der Malerei und der Liebe.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

Roman © by Frank Bertsch und Edition Bärenklau, 2015

Das Gedicht LE DORMEUR DU VAL von Arthur Rimbaud – übersetzt von Alexander Bertsch.

Cover © by Firuz Askin, 2015



Prolog

Der Wagen stand direkt neben dem kleinen Bach am Rande eines von hohen Bäumen umstandenen Waldweges. Es war ein Frühsommermorgen in einem Waldgebiet in der Nähe von Hirsingue im Sundgau, etwa vierzig Kilometer südlich von Mulhouse. Die da und dort durchdringenden Sonnenstrahlen ließen kleine Blitze aus dem Wasser schießen. Vögel und Insekten sorgten zusammen mit dem leisen Rauschen des Waldes für eine vertraute Geräuschkulisse.

Der Forstbeamte Jacques Muller genoss bei seinem Rundgang die Stimmung dieses Tages. Annibal, sein Jagdhund, ein Deutsch-Drahthaar, lief vor und zurück, stets wachsam das Terrain erkundend.

Als sie in die kleine Senke hinabgingen, bemerkte der Förster das Auto. Der Hund rannte los und fing an zu bellen, doch auf den scharfen Pfiff seines Herrn verstummte er und setzte sich leise winselnd hin.

Jacques Muller erschrak.

Auf dem Fahrersitz des Wagens konnte er eine junge Frau sehen. Ihr Kopf lag der linken Scheibe zugewandt auf dem Lenkrad, Augen und Mund weit geöffnet.

Es war ihm sofort klar, dass in diese Augen keine Welt mehr hineinging, kein Wald, keine Sonne, kein Himmel.

Der Wagen, es handelte sich um einen R 5, war verschlossen. Als Muller um das Auto herumging, sah er, dass vom Auspuff ein Schlauch durch das rechte hintere Fenster ins Wageninnere geleitet worden war. Vor der Rückbank auf dem Boden lag ein weißes Blatt Papier, auf dem Beifahrersitz eine kleine dunkelrote Handtasche.

Jacques Muller machte sich rasch auf den Weg. Die nächste Ortschaft war etwa zweieinhalb Kilometer entfernt.

Die Tote war schnell identifiziert: Mireille Legrand, eine zwanzigjährige Studentin aus Mulhouse. Die junge Frau war, wie die Untersuchungen später ergaben, seit etwa zwölf Stunden tot. Es fanden sich keinerlei Spuren von Gewalteinwirkung, nur die eigenen Fingerabdrücke oder die ihrer Schwester, der das Auto gehörte.

Die Kriminalbeamten, die sofort intensiv recherchierten, kamen einhellig zu dem Schluss, dass man wohl von Selbstmord ausgehen müsse.

Aber dennoch blieben ein paar Fragezeichen. Die Eltern der jungen Frau konnten sich mit dem Ergebnis der Ermittlungen niemals richtig abfinden. So wie sie ihre Tochter kannten, war für sie ein Selbstmord undenkbar. Zwischen dem mit Schreibmaschine geschriebenen Text auf dem Blatt, das auf dem Boden des Wagens gefunden worden war, und ihrer Tochter konnten sie keinen Zusammenhang herstellen, denn es handelte sich keinesfalls um einen Abschiedsbrief. Es war ein Gedicht von Arthur Rimbaud:


Der Schläfer im Tal


Ein kleines Flüsschen murmelt übermütig in der grünen Senke

Und heftet närrisch Silberstreifen an das feuchte Ufergras;

Von stolzen Bergeshöhen schickt die Sonne Licht in diese Tränke:

Ein kleines Tal, in dem das Wasser immer perlt und strahlt wie Glas.


Ruht ein Soldat noch jung, mit unbedecktem Haupt und off’nem Mund,

Den Nacken in die Kresse tauchend, wie mit frischem Blau vereint,

Er schläft, im Grase lagernd unterm Wolkenspiel im Himmelsrund,

Ganz bleich im grünen Bett, wo nun das Licht in tausend Tropfen weint.


Die Füße eingebettet in die Lilien schläft er lächelnd leicht,

Er lächelt wie ein krankes Kind, das in ein Land des Traums entweicht:

Ihm ist so kalt, oh schenke ihm, Natur, ein wenig Lebensglut.


Es dringen keine Düfte und Gerüche mehr in seine Nase;

Er ruht ganz reglos, mit den Händen auf der Brust, im lichten Grase.

An seiner rechten Seite sind zwei tiefe Löcher, rot von Blut.

(27.6.)



Vor allem dieses Gedicht irritierte die Eltern der Toten. Hatte ihre Tochter eine besondere Schwäche für Rimbaud gehabt? Wenn sie nicht medizinische Sachbücher, wissenschaftliche Literatur für ihr Studium durcharbeiten musste, hatte sie eher leichtere Lektüre bevorzugt. Außerdem war am Ende des Textes ein Datum vermerkt, der 27. Juni 1973, der Tag ihres Todes. Die Kriminalbeamten nahmen dies als Indiz für einen geplanten Selbstmord. Die Eltern sahen das ganz anders. Ihre Tochter wollte an diesem Abend mit Freunden in ein Konzert gehen.

Allerdings hatten auch die Eltern keinen Verdacht, nicht den geringsten Hinweis, wer ihre Tochter ermordet haben könnte. In der lokalen Presse wurde ausführlich über den Tod der jungen Frau berichtet, und auch das Gedicht von Rimbaud druckte man dort ab.


Jahre später, eine Stadt in Deutschland

Dr. Alfred Vieress räusperte sich.

„Der vierte Richtungsstab ist nun eingesetzt, meine Damen und Herren. Damit wären sie vollständig vertreten: die vier Jahreszeiten, die vier Himmelsrichtungen, die vier Hauptwinde, die vier Elemente“. Der Redner, einer der stellvertretenden Bürgermeister und Kulturdezernent der Stadt, blickte seine Zuhörer eindringlich an.

Bei den Stäben handelte es sich um vierkantige Eisenträger, die zunächst senkrecht aus einer quadratischen Betonplatte heraustraten, dann einen Halbkreis nach hinten formten, sich wieder nach vorne wölbten und abschließend erneut eine etwa zwanzig Zentimeter aufragende Senkrechte bildeten.

„Sie weisen in den Himmel“, sagte Vieress, „und sie sind gleichzeitig einander zugewandt. Norden und Süden, Osten und Westen. Ihre Richtungslinien treffen sich genau in der Mitte, über der goldenen Scheibe.“

Im Mittelpunkt des ungefähr vierzig Quadratmeter großen Areals, auf dem das Kunstwerk ‘Richtungsstäbe’ installiert worden war, befand sich eine runde, hell leuchtende kleine Metallplatte.

„Dies ist auch in etwa der Mittelpunkt unseres Stadtparks“, fuhr Vieress fort. „Die Stäbe ragen in den Himmel, stellen die Verbindung zwischen der Erde und dem Universum her. Es handelt sich also nicht einfach um ein interesseloses Ragen, sondern die Stäbe weisen auf etwas außerhalb ihrer selbst. Nach dem kraftvollen Rückwärtsschwung fließen sie zurück in die Senkrechte und visieren einen festen Punkt im Unendlichen an.“

Sie könnten ebenso gut auf gar nichts zeigen, dachte Ben. Eigentlich sind mehrere Interpretationen möglich.

Ben war vor allem wegen Tina zu dieser Vernissage im Park gekommen. Tina hatte ihm am Vortag erzählt, dass sie bei der endgültigen Installation der Skulptur mit dem Titel ‘Richtungsstäbe’ spielen würde. Tina spielte Debussys ‘Syrinx’ für Flöte Solo hinreißend. Erst vor kurzem hatten sie zusammen die Flötensonate von Hindemith gespielt. Damals war er sehr erfreut gewesen, als Tina ihn gefragt hatte, ob er sie am Klavier begleiten könne.

Tina stand ihm gegenüber in unmittelbarer Nähe des ‘Weststabs’. Sie hatte kurz eine Hand in seine Richtung bewegt und sich dann einem jungen Mann zugewandt, offenbar ihrem derzeitigen Freund. Ben kannte ihn nur flüchtig. Er hieß Erwin Siewert und studierte ebenfalls an der Musikhochschule.

„Eingebildeter Bariton!“, murmelte Ben ein wenig eifersüchtig vor sich hin.

Die Leute standen dicht gedrängt um den Platz mit dem Skulpturenarrangement, blickten hierhin und dahin, sahen geradeaus oder in die Luft und wollten auf jeden Fall gesehen werden. Ben ließ seinen Blick über die Menschen schweifen, ließ sich ablenken, hörte den Ausführungen des Bürgermeisters kaum mehr zu. Dann trafen seine Augen direkt auf ein anderes Augenpaar – einen Augenblick lang.

Die Frau hatte kurz gelächelt, den Kopf dann aber sofort in eine andere Richtung gedreht.

Hab ich sie vielleicht angestarrt? Die ist schon Klasse! Interessantes Gesicht. Lockiges, dunkelbraunes Haar mit einem rötlichen Schimmer. Große dunkle Augen!

In diesem Moment fühlte Ben einen anderen Blick auf sich ruhen. Der Mann neben der Frau schien ihn anzustarren, soweit man das bei der dunklen Brille, die er trug, ausmachen konnte. Er war sehr elegant gekleidet: schwarzer Anzug, schwarzes Hemd, kleine weiße Fliege. Die schwarzen Haare glatt nach hinten gekämmt. Das Oberlippenbärtchen wirkte wie ein Bleistiftstrich unter der Nase. Im Vergleich zu der Frau wirkte er fast ein wenig schmächtig.

„Meine Damen und Herren, die Stadt ist stolz auf diese ‘Richtungsstäbe’. Mit Charles Richter ist ein weiterer wichtiger Repräsentant der modernen Skulptur in unserem Stadtpark vertreten, den man ja nicht umsonst bereits als Skulpturenpark bezeichnet. 1987 haben wir mit einer Plastik von Henry Moore begonnen, und heute, zwölf Jahre später, diese prächtige Sammlung!“

Applaus. Der Künstler trat nach vorne und verbeugte sich. Ein glatzköpfiger älterer Herr mit Nickelbrille, verwaschenen Jeans und kariertem Hemd lächelte unverbindlich in die Runde. Nichts an ihm deutete darauf hin, dass die Stadt eine Viertelmillion für das Kunstwerk bezahlt hatte, wie in der Zeitung zu lesen gewesen war.

Nun war es also vollständig, nachdem der Nordstab als letzter eingesetzt worden war.

Charles Richter nahm Dr.Vieress am Arm und führte ihn zu der Frau mit der üppigen Haarpracht, die vorher Bens Aufmerksamkeit erregt hatte. Ihr eleganter Begleiter wandte sich ab und begann ein Gespräch mit einem Paar, das neben ihm stand.

War jene Frau auch eine Künstlerin?

Die Menschen bewegten sich auf eine lange Tafel zu, auf der ein kaltes Buffet und Getränke bereitstanden. Die ganze Palette der Konsumenten war vertreten, von den Stopfern bis zu den Nippern: Kunstkonsum macht immer mehr oder weniger hungrig und durstig.

Tina hatte die Veranstaltung schnell wieder verlassen. „Bis Montag!“, hatte sie Ben zugerufen.

Ja, Montag. Die ‘Chansons madécasses’ von Ravel. Eigentlich müsste ich mich darauf freuen. Die Cellistin kenne ich. Aber vermutlich übernimmt dieser Typ den Gesangspart.

Ben schlenderte langsam zu den Getränken hinüber und ließ sich ein Glas Sekt mit Orangensaft reichen. Vor einigen Tagen hatte er in einer Zeitschrift eine Glosse über diese Art von ‘Kunst-Events’ gelesen. Diese Rituale seien merkwürdig, hatte der Journalist geschrieben, es werde etwas aufgestellt, eingerichtet oder an Wänden aufgehängt, jemand sage etwas mehr oder weniger Passendes dazu, die Menschen setzten feierliche Mienen auf, eine scheinbare Ernsthaftigkeit schwebe fast bedrohlich über der Szene, vielleicht erklinge noch irgendeine Musik, und schließlich verkünde jemand mit der Stimme eines Predigers, dass die Ausstellung oder was auch immer eröffnet sei. Dabei bleibe es ein ewiges Geheimnis, ob irgendjemand der Anwesenden so etwas wie eine eigene Meinung zu dem Kunstwerk habe.

„Ein Glas Sekt, bitte“. Eine tiefe, wohl klingende Stimme. Die Frau von vorhin stand plötzlich neben ihm. Ben erschrak ein wenig. Sie trug einen langen dunkelroten Umhang. Als sie sich nach vorn beugte um ihr Glas entgegenzunehmen, drang ein aufregender, fast geheimnisvoller Duft in seine Nase. Dieser Duft war für ihn etwas Neues, Faszinierendes. Ben musste an exotische Inseln denken, wie er sie noch nie in seinem Leben betreten hatte. Aber gleichzeitig war dabei auch etwas Bitteres, geradezu Unangenehmes.

Die Frau streifte ihn mit einem spöttischen Lächeln, als sie sich abwandte.

Sie ging zu einer heftig diskutierenden Gruppe, die ein paar Meter hinter ihm stand.

Doch der Duft blieb.

„Einen Orangensaft, bitte!“ Der Mann mit der dunklen Brille streifte ihn leicht mit dem Ellenbogen. „Verzeihung!“

Der Mann nickte Ben zu. War er es, der so roch? Ben war sich nicht sicher.

„René, komm bitte!“, rief die Frau jetzt. „Hier gibt es ein Problem. Es geht um die Ausstellung.“ Der Mann, den sie René genannt hatte, ging in langsamen, etwas gestelzten Schritten zu der Gruppe zurück. Es wirkte wie ein Auftritt. Als würde er jeden Augenblick einen Applaus erwarten.

Eigenartiger Typ, dachte Ben. Der wirkt beinahe wie zugekifft.


Ben schloss die Tür zu seiner Wohnung auf. Seit über drei Jahren lebte er hier in diesem Einzimmerappartement am Ende des ‘Großen L’, wie dieses Gebäude in der Beethovenstraße genannt wurde. Die Senkrechte war ein neunstöckiges Hochhaus mit teilweise sehr teueren Wohnungen, wobei die neunte, letzte Etage, wie erzählt wurde, eine Atelierwohnung der besonderen Art darstellte. Die Waagrechte war nur zwei Stockwerke hoch. Im Erdgeschoss befanden sich vor allem Büroräume und im ersten Stock eine Reihe von kleineren Wohnungen. An der Spitze dieser Waagrechten, am Ende des ‘L’ also, lag Benjamin Schobers kleines Appartement. Für seine Zwecke eine sehr geeignete Behausung. Ab drei Uhr nachmittags konnte er Klavier üben oder Klavierstunden geben, ohne dass er irgendjemanden störte, denn die Büroangestellten machten kurz nach drei Uhr Schluss. Die Wohnung neben ihm bewohnte eine sympathische ältere Dame namens Mechthild Meyer, deren Schlafzimmer an Bens Appartement grenzte. Es kam ohnehin selten vor, dass er abends noch Klavier spielte, und wenn, stellte er das Instrument ganz leise und übte mit Kopfhörer. Frau Meyer, für die Ben ab und zu Besorgungen machte, versicherte ihm, dass sie sich durch sein Klavierspiel nicht gestört fühle. Im Gegenteil. Manchmal gehe sie in ihr Schlafzimmer um zuzuhören, wenn er nicht gerade Fingerübungen absolvierte.

Ben blätterte ein wenig gedankenverloren in den Noten. Im Moment hatte er keine Lust Klavier zu spielen. Bartoks ‘Allegro barbaro’, der 1.Satz von Beethovens As-Dur-Sonate Opus 26 und natürlich auch Ravels ‘Chansons madécasses’: Das war die Literatur, die er gerade erarbeiten sollte. Er ging zum Fenster und blickte auf die Straße. Von diesem Fenster aus hatte er einen Blick über die ganze Beethovenstraße hinunter bis zum Friedrichsplatz, hinter dem der Stadtpark begann. Straße und Gehsteige glänzten jetzt. Ein feiner Nieselregen hatte eingesetzt.

Der Samstagnachmittag begann sich einzugrauen.

Ben saß gern am Fenster, las oder schaute einfach die Straße hinunter.

Er griff nach einer Musikzeitschrift, blätterte die Seiten durch, las da und dort ein paar Sätze. Dann schlief er ein. Mehrere Gläser Sekt mit Orangensaft taten ihre Wirkung, der gleichmäßige Motorenlärm von der Straße herauf, der graue Tag.

Plötzlich schreckte er hoch. Ein Polizeiwagen mit Martinshorn fuhr vorbei.

Er schaute auf die Uhr. Es war kurz vor fünf! Er hatte fast zwei Stunden geschlafen.

Er hatte in der Nacht zuvor lange gearbeitet. Er wollte seine Untersuchungen zu Mozarts ‘Misch-Stil’ zu Ende bringen. Das Referat war ihm von Edwin Meisner verpasst worden, einem seiner Dozenten am musikwissenschaftlichen Institut. Meisner war berüchtigt dafür, dass er seine Studenten nach ihrem Vortrag durch Fangfragen verunsicherte. Ben dachte daran, dass beim letzten Mal eine Studentin mit feuchten Augen den Hörsaal verlassen hatte. Sie hatte über Chopins Mittelstimmenpolyphonie referiert und war von Meisner vor versammeltem Plenum genüsslich fertiggemacht worden.

Ben begann das Thema von Beethovens Variationssatz zu spielen. Sofort verflogen die bösen Gedanken an Meisner. Er tauchte ganz in diese Komposition ein, verlor sich in einer fernen Welt und ließ sich auf einem Meer von As-Dur treiben. Als er bei der dritten Variation angelangt war, klingelte das Telefon.

Es war Frau Wehrung, die ihn darum bat, die Klavierstunde ihrer Tochter am kommenden Dienstag zu verlegen.

Ben spielte die Variationen zu Ende, nahm sich noch ein wenig den letzten und schwierigsten Satz der Sonate vor.

Der Regen hatte fast aufgehört und er beschloss, noch eine größere Runde mit dem Fahrrad zu drehen. Er zog sich an, verließ die Wohnung und ging den langen Gang entlang bis zum Aufzug. Normalerweise benutzte er die Treppe, um einen Stock tiefer zu gelangen, aber sein Fahrrad stand unten im Kellerrraum.

Das Erdgeschoss war eine Art Eingangshalle, vornehm gestaltet, mit erlesenen Pflanzenarrangements, modernen Wandteppichen, in der Mitte ein gleichmütig vor sich hinplätschernder Springbrunnen. Beim Hereinkommen fiel der Blick auf mehrere Briefkastenreihen, daneben ein Lastenaufzug. Die beiden anderen Aufzüge führten zu den oberen Luxuswohnungen. Irgendwo dazwischen eine Tür zu den Büroräumen und dahinter eine schmale, versteckte Treppe zu den kleineren Wohnungen im waagrechten Balken des ‘L’.

Als Ben mit seinem Fahrrad auf den Ausgang zuging, kam ihm die Frau entgegen, die er am Vormittag bei der Vernissage im Park gesehen hatte, in ihrer Begleitung ein älteres Paar. Ben trat zur Seite.

„Wir sind gespannt auf deine Wohnung, Juliana“, sagte der Mann im Vorbeigehen.

Ben eilte schnell ins Freie und schwang sich auf sein Fahrrad.

Sie wohnte hier! Was für ein merkwürdiger Zufall!

Ben fuhr in den Abendstunden oft durch die Stadt, hinaus in die Vororte und wieder zurück durch Parks oder Fußgängerzonen, die um diese Zeit meist schon leergefegt waren.


Vor mehr als drei Jahren, anderthalb Jahre nach seinem Abitur, war er froh gewesen, diese Wohnung mieten zu können, da er zuvor in der Jugendherberge und dann in allen möglichen Zimmern gehaust hatte. Er arbeitete zäh und ausdauernd, mit etwas Glück und auch einem kleinen Stipendium aus einer privaten Stiftung war er über die Runden gekommen. Er gab Klavierstunden, betätigte sich manchmal als Korrepetitor beim Theater, spielte bei allen möglichen Gelegenheiten Klavier und schrieb ab und zu Musikkritiken für die lokale Presse.

Ein paar Tausender, die ihm ein entfernter Verwandter vor seinem Tod freundlicherweise vermacht hatte, verhalfen ihm zur Anschaffung eines Klaviers.

Von Anfang an war sich Ben darüber im Klaren, dass er kämpfen musste, weil es niemanden gab, der ihm hätte helfen können.

Bis zum Alter von neun Jahren hatte Ben bei seiner Mutter gelebt. Sie erwähnte seinen Vater nie, schwieg ihn tot, weil sie ihn wohl einfach aus ihrem Gedächtnis tilgen wollte. Und so sollte auch ihr Sohn niemals etwas von seinem Vater wissen. Bens Mutter starb kurz vor seinem zehnten Geburtstag. Knapp zwei Jahre zuvor hatte sie Bernhard Allman kennen gelernt. Ben hasste ihn von Anfang an. Wie man jemanden hasst, der einem etwas wegnimmt, das man liebt. Nein, nicht einfach etwas, sondern einen Menschen, der einem alles bedeutet.

Dieser Kerl hatte sich mit gespielter Liebenswürdigkeit und aalglatten Manieren bei ihr eingeschlichen – und sie hatte sich von ihm täuschen lassen. Vor allem hatte er wohl zunächst auch sein Alkoholproblem verschwiegen, war mehrere Male bei Entziehungskuren gewesen und hatte den Kampf gegen seine Sucht immer wieder verloren.

Fünf Monate vor ihrem Tod hatten sie geheiratet. Allman spürte den Hass des Sohnes und ließ ihn dafür seine eigene Abneigung merken. Zwischen Ben und ihm herrschte Krieg.

Doch dann war alles sehr schnell gegangen. Seine Mutter hatte sich häufig sehr müde und schwach gefühlt. Eine Routineuntersuchung beim Arzt. Und schließlich die Diagnose: Leukämie. Die schlimmste Form dieser Krankheit. Der Zustand seiner Mutter veränderte sich rasch. Krankenhausaufenthalte, Kuren, dann war sie wieder vorübergehend zu Hause. Nur noch eine kurze Zeit. In ihrer Abwesenheit war Ben seinem Stiefvater ausgeliefert, der immer mehr sein wahres Gesicht zeigte, längst zu seinen früheren Gewohnheiten zurückgekehrt war: Er trank und blieb nachts häufig weg.

Einmal, als er gegen Morgen zurückgekehrt war, hatte er noch jemanden mitgebracht. Ben war durch ein Geräusch im Wohnzimmer erwacht. Er hatte deutlich eine Frauenstimme gehört. Allman war schließlich in sein Zimmer hereingetorkelt, und Ben hatte angstvoll die Bettdecke über den Kopf gezogen. Dann wurde die Decke weggerissen und Ben an den Haaren hochgezogen.

„Hör mal, Bursche, du brauchst dich vor mir ... n..nicht zu verstecken! Ich glaube, ich werde dich demnächst mal ein bisschen härter rannehmen. Erziehung ist nämlich ... eine Kunst für sich. Und ich werde mir die Freiheit nehmen, diese Kunst bei dir anzuwenden. Kapiert?“

Dann hatte er Ben weggestoßen und war wieder zurückgewankt. Das Lachen der Frau durch die Wand.


Ein Arzt vom Krankenhaus hatte sich ein wenig um ihn gekümmert. Er hatte es auch eingerichtet, dass Ben ein paar Tage bei seiner Mutter im Krankenhaus bleiben durfte. Als es zu Ende ging, hatte ihn eine junge Ärztin hinausgeführt und mit ihm in einem kleinen Zimmer in der Nähe gewartet. Schließlich war der Arzt gekommen und hatte seiner Kollegin zugeflüstert: „Es ist zu Ende.“

Ben war wie gelähmt.

„Möchtest du sie noch einmal sehen?“

Ben hatte den Kopf geschüttelt. Er konnte nicht weinen.

Die Ärztin hatte ihn nach Hause gefahren.

„Soll ich noch mit dir hineingehen?“

„Nein, nein! Ich ...“

„Schon gut. Wenn du irgendetwas brauchst, ich meine irgendjemanden ... Hier sind zwei Telefonnummern.“

Ben hatte nur genickt und den Zettel in seine Hosentasche gesteckt.

„Nicht vergessen!“

Er hatte wieder wie mechanisch den Kopf auf- und abwärts bewegt, die Haustüre aufgeschlossen und war hineingegangen. Allman hatte im Wohnzimmer gesessen und sich ein Fußballspiel angesehen. Er hatte sich kurz umgedreht.

„Steh hier nicht so rum! Hol mir ein Bier aus dem Kühlschrank!“

Fast mechanisch war Ben in die Küche gegangen, hatte die Flasche Bier geholt, war ins Wohnzimmer zurückgekehrt, neben Allman stehengeblieben und hatte in den Fernseher gestarrt. Aber er sah kein Fußballspiel, sah keine Mannschaften, keine Spieler, die darauf versessen waren, in den Besitz des Balles zu kommen. Er war ganz weit weg. An einem anderen Ort.

„Komm! Gib schon das Bier her!“, hatte Allman in barschem Ton gesagt und nach der Flasche gegriffen. Doch Ben hatte die Flasche plötzlich hochgerissen und sie so kräftig, wie er konnte, gegen den Bildschirm geschleudert.

Allman hatte ihn später grün und blau geschlagen.

Doch Ben mit seinen knapp zehn Jahren ließ sich nicht mehr einschüchtern. Das Leid war zu übermächtig. Natürlich hatte er an die Telefonnummern gedacht, aber er hatte sie nicht mehr gefunden. Er war sicher gewesen, dass er sie in seine Tischschublade gelegt hatte, doch der Zettel blieb verschwunden.

Er konnte nicht zur Beerdigung gehen. Er lag im Bett und war unfähig sich zu rühren.

„Eine schlimme Grippe“, hatte Allman zu den Verwandten und Freunden gesagt. Eine Zeitlang war es ihm gelungen, seine Mitmenschen zu täuschen.

Zu lange für Ben.

Er hatte begonnen in Kaufhäusern Waren mitgehen zu lassen. Da er dabei keinesfalls vorsichtig sein wollte, war er fast jedes Mal erwischt worden. Alle Mühlen der sozialen Institutionen begannen zu arbeiten, und so schaffte Ben es, diesen Allman loszuwerden, der sowieso kein Sorgerecht bekommen hätte.

Ben war in ein Heim für schwer erziehbare Kinder gekommen.

Als er dabei war, im ‘Heim Seelenfrieden’ in der Nähe von Passau ein paar Siebensachen in seinem Spind des Zweibettzimmers zu verstauen, war ihm im Alter von elf Jahren klar geworden, dass man einfach zäh sein Ziel verfolgen musste. Und in gewisser Weise war er’s zufrieden. Und als ihn Willy, sein schwarzer Zimmergenosse, fragte, was er ausgefressen habe, weinte Ben zum ersten Mal, bis in die Nacht hinein.


Am Sonntagabend war ein Gewitter über der Stadt niedergegangen, und es hatte bis in die späte Nacht hinein geregnet. Als Ben am nächsten Morgen aufstand, herrschte wieder dieselbe Hitze wie am Vortag. Es war immer noch schwül und drückend. Er blickte aus dem Fenster und sah am Horizont wieder riesige Wolkentürme, die bereits das nächste Unwetter ankündigten.

Um Viertel vor neun brach Ben auf. Gerade als er die Eingangshalle betrat, verließ die Frau in großer Eile den Aufzug und rannte quer durch den Raum auf den Ausgang zu. Die Haare hatte sie mit einem rötlichen Band zusammengebunden. Ben blieb verdutzt stehen. Sie hatte einen kurzen Augenblick zu ihm herübergesehen.

Dann war sie verschwunden, wie eine Erscheinung. Als Ben ins Freie kam, sah er ein weißes Tuch am Boden liegen. Ein weißer Seidenschal. Ob er ihr gehörte? Er war sich nicht ganz sicher. Er steckte den Schal in seine Aktentasche und ging weiter. Die Hochschule auf dem Gelben Hügel war in fünfzehn Minuten zu Fuß zu erreichen.

Diese Frau verwirrt mich. Von dem Augenblick an, als ich sie zum ersten Mal gesehen habe. Sie ist um einiges älter als ich. Ein schönes ebenmäßiges Gesicht. Der rötliche Schimmer in ihren dunklen Haaren! Ist er künstlich oder natürlich? Was ist wohl in der großen Mappe, die sie bei sich gehabt hat? Das könnten Bilder sein. Vielleicht ist sie ja Malerin. Ich werde sie heute Abend fragen, ob ihr der Schal gehört.


Am Vormittag die Stunden an der Hochschule. Ben war einigermaßen überrascht, als ihn sein Klavierprofessor fragte, ob er nicht an einem bekannten Klavierwettbewerb in München teilnehmen wolle. Seine Fortschritte seien beträchtlich, und es sei an der Zeit, sich einmal bei einem solchen Vergleichsspiel mit anderen zu messen. Ben fühlte sich natürlich geschmeichelt, und Professor Bergemann schlug auch schon die entsprechenden Stücke vor, die Ben einstudieren sollte.

„Wir könnten das b-moll-Scherzo von Chopin nehmen, das haben Sie sehr gut gespielt. Dann natürlich die Beethoven-Sonate, ich meine nicht Opus 26, sondern Opus 81a, Les Adieux, was meinen Sie? Für das 20.Jahrhundert würde ich die Petruschka-Suite von Strawinsky vorschlagen. Die nächsten sieben Monate werden wir also genug Arbeit haben. Ein Klavierkonzert des 19. Jahrhunderts – das überlegen wir noch.“

Am Nachmittag das Seminar bei Meisner. Ben zog sich einigermaßen glimpflich aus der Affäre. Meisner verhielt sich während des Referats vergleichsweise ruhig, fragte erst am Ende genauer nach, als es um den Einfluss von Johann Christian Bach auf Mozart ging. Ben hatte sich mit dem ‘Londoner’ Bach nicht ausführlich beschäftigt. Aber dann war die Zeit um und seine Kommilitonen begannen lautstark Beifall zu klopfen.

Vor dem Hörsaal des musikwissenschaftlichen Instituts wartete bereits Tina. Sie erklärte ihm, dass Erwin im Moment Probleme mit seiner Stimme habe und die Probe deshalb verschoben werden müsse.

Es war ohnehin ein anstrengender Tag gewesen, und Ben hatte nichts dagegen, früher nach Hause zu kommen. Es war immer noch sehr schwül. Dennoch nahm er den Umweg über den Park, um etwas Bewegung zu haben.

Bei den ‘Richtungsstäben’ war eine Gruppe von Menschen versammelt. Neugierig trat Ben hinzu. Vielleicht gab jemand eine kleine Einführung.

Die Leute umstanden den Weststab. Ben hob den Kopf und staunte. Eine nackte Schaufensterpuppe in der Größe eines etwa acht- bis zehnjährigen Kindes war eigenartig um diesen Stab herum angeordnet: Die Puppe lag auf dem Bauch, der rechte Arm nach vorn gestreckt, zwischen Kopf und Oberarm der untere, senkrechte Teil des Richtungsstabs.

„Gehört das dazu?“ fragte eine ältere Dame den Parkwächter, der eben kopfschüttelnd herbeikam, um die Puppe näher in Augenschein zu nehmen. Er beugte sich hinunter. Auf der Höhe des linken Schulterblatts war mit einem goldenen Stift ein weißes Blatt Papier befestigt. Der Parkwächter riss das Blatt ab.

„Hier hat sich jemand einen Scherz erlaubt“, meinte er zu den Leuten.

„Was steht denn auf dem Papier?“, wollte ein älterer Herr wissen.

Der Mann warf einen Blick auf das Blatt und reichte es weiter. „Damit kann ich nichts anfangen.“

Ben ging hin und sah sich ebenfalls das Papier an. Drei Zeilen, offenbar aus einem Gedicht:


Die Sonne legt sich sterbend unter einen Brückenbogen,

und wie ein langes Leichentuch zieht sie sich fahl nach Osten;

so hör, Geliebte, hör, die Nacht kommt sanft heraufgezogen.


Der Parkwächter entfernte die Puppe, die Leute zerstreuten sich. Ben ging nachdenklich weiter. Der Text dieser Zeilen hatte ihn eigenartig berührt. Es schauderte ihn ein wenig, wenn er an den Stift dachte, der ziemlich tief im Schulterblatt der Puppe gesteckt hatte.

Eigenartig.

Als er zu Hause seine Tasche öffnete, fand er den Seidenschal wieder. Er hatte ihn in der Zwischenzeit völlig vergessen. Es war kurz vor sechs Uhr. Sollte er einen Versuch wagen?

Ben ging in die Eingangshalle hinunter und studierte die Namen auf den Briefkästen.

Das mußte sie sein. ‘Juliana’ – diesen Namen hatte er vor zwei Tagen gehört – hier : Juliana Broniewska, 9a! Eine 9b-Wohnung gab es nicht, das war die Dachterrasse.

Sie bewohnt tatsächlich diese Atelierwohnung! Ich muss mit dem Aufzug ganz nach oben fahren. Vielleicht reagiert sie ja ärgerlich, fühlt sich gestört. Weiß der Teufel.

An der Tür stand noch kein Name. Ben zögerte einen Augenblick, dann drückte er auf den Klingelknopf. Ganz entfernt hörte er Klaviermusik. Chopin vielleicht? Zu leise, um etwas Genaueres ausmachen zu können.

Niemand öffnete. Hellgelbes Licht durch ein paar wie zufällig hingewürfelte Milchglasscheiben, das sich mit der weißlichen Deckenbeleuchtung vereinigte.

Ben heftete seinen Blick auf den Türspion. Als ob man durch so ein Glasauge in das Innere einer Wohnung sehen könnte. Hinter ihm das plötzlich einsetzende Geräusch des abwärts kriechenden Aufzugs.

Ben drückte noch einmal auf den Klingelknopf.

Die Klaviermusik wurde lauter. Rasche Tonbewegungen, die bis zu einem bestimmten Punkt abwärts fielen, um dann wie durch eine Art Aufprall wieder bis zur halben Höhe emporzuklingen.

Moment! Das ist doch die zweite Ballade ...

„Ja?“ Eine tiefe Frauenstimme.

Ben erschrak, als die Tür plötzlich aufging und die Frau vor ihm stand.

Weshalb bringt sie mich jetzt so durcheinander!

„Entschuldigen Sie ...“

Jetzt lächelte die Frau.

„... haben Sie vielleicht heute Morgen diesen Schal verloren?“

„Ja, natürlich! Das ist mein Schal. Das ist sehr nett von Ihnen. Wo haben Sie ihn denn gefunden?“

„Gleich bei der Eingangstüre. Sie waren sehr in Eile. Als ich hinauskam, waren Sie schon weg.“

„Sehr liebenswürdig.“

Sie lächelte immer noch. Sie war etwas größer als Ben. Die großen Augen waren wieder von der ungeheuren, tief dunkelroten Haarwelle umflutet. Sie trug ein langes Gewand. Dunkler Braunton.

„Mit wem habe ich das Vergnügen?“

Er reichte ihr den Schal.

„Ich bin Ben ... Benjamin Schober. Ich wohne ... weiter unten ... im anderen Teil des Gebäudes, im vorderen ‘L’.“

„Im vorderen ‘L’?“

„Das Gebäude wird hier so genannt. Es sieht aus wie der Buchstabe ‘L’.“

Juliana Broniewska legte den Kopf zurück und schickte ein langes, sehr melodisches Lachen in den Raum hinaus.

„Sind Sie ... Malerin?“

„Ja. Möchten Sie meine Bilder ansehen?“

„Nein, nein ... das heißt ... vielleicht ein andermal ...?“

Dieses Mal lachte sie nur ganz kurz.

„Also, dann – auf ein andermal.“

Ein Abschiedslächeln.

Sie schloss die Tür. Leise, fast langsam.


Juliana Broniewska lehnte sich von innen gegen die Tür.

Wenn ich nur wüßte, an wen er mich erinnert! Die halblangen blonden Haare, die sich um das ovale Gesicht legen. Der weiche Mund. Der Blick. Hat sein Gesicht einen traurigen oder einen leicht dekadenten Ausdruck? Ach was, dieser Benjamin ist kein Kind von Traurigkeit, das kann ich mir nicht vorstellen. Aber in dem Gesicht ist etwas, ja, auf den Gemälden der großen Italiener kann man ab und zu so einen Gesichtsausdruck finden. Wie alt er wohl ist? Vermutlich wirkt er jünger, als er ist.

Sie setzte den CD-Player noch einmal in Gang, richtete sich einen Campari mit Sodawasser und Eis und hörte, noch mehrere Male an jenem Abend, Chopins zweite Ballade. Andantino. Presto con fuoco. Und wieder Andantino ...


Ben konnte in dieser Nacht lange nicht einschlafen. Manchmal blinzelte er bei dem näher kommenden Donnergrollen zum Fenster hinüber. Dazwischen hörte er immer wieder Klaviermusik. Endlich schlief er ein.

Bald wurde er von den Drohgebärden des losbrechenden Gewitters und den wolkenbruchartigen Regenfällen wieder geweckt.

Nachtgewitter.

Immer wieder ungeheure Energieentladungen. Peitschende Abwärtsbewegungen, von harten Oktavschlägen begleitet. Der Sturm brach los, die Straßen wurden vorübergehend zu reißenden Strömen. Häuserblöcke bildeten trotzige Akkordtürme, die das Wasser abschüttelten.

Nach einer ersten Beruhigung war allmählich wieder das Strömen des Verkehrsflusses zu hören. Später kehrte das Gewitter zurück.


An Schlaf war vorläufig nicht mehr zu denken. Drei Uhr. Ben nahm die Fotografie vom Nachttisch und wischte vorsichtig mit dem Schlafanzugärmel über die kleine Glasscheibe.

Die Frau mit den langen blonden Haaren hatte ihren linken Arm auf die Oberkante des Flügels gelegt, und ihre rechte Hand schien spielerisch über die Tastatur zu gleiten.

Wenn sie Klavier spielte, saß Ben oft stundenlang unter dem Flügel und hörte zu, ließ sich von der Musik bezaubern. Seine Mutter liebte vor allem die romantische Klaviermusik: Schumann, Chopin, Brahms. Heute noch wunderte sich Ben darüber, wie diese Frau mit ihren relativ zarten Händen die großen Brahms-Sonaten gespielt hatte. Aber auch seine Klavierstücke. Wenn sie eine Pause machte, ließ sie sich auf die Knie nieder, kam in seine ‘Wohnung’ hereingekrochen, nahm seine beiden Hände, lächelte ihn an, wie auf der Fotographie, und nahm ihn in die Arme.

Ben hatte noch ein paar Aufnahmen von ihr. Schallplatten, die er nur selten, und wenn, dann mit großer Sorgfalt auflegte, damit diesen Erinnerungsstücken ja nichts zustieß. Eine Einspielung des Klavierkonzerts von Schumann, drei Sonaten von Schubert, die fis-moll-Sonate von Brahms und seine beiden Rhapsodien und auch eine Aufnahme des dritten Klavierkonzerts von Bartok.

Als er fünf Jahre alt war, begann sie mit dem Klavierunterricht. Dieser Lehrerin verdankte er seine Liebe zur Musik. Mit acht Jahren spielte er die ersten Mozart-Sonaten.

Dann kam Allman. Und irgendwann rührte Ben keine Klaviertaste mehr an.

Die Fortsetzung des Rituals: Er berührte das Lächeln ganz leicht mit seinen Lippen und stellte die Fotografie an ihren Platz zurück.

Warum musste dieser Bernhard Allman in ihr Leben treten?

Weshalb ‘geschieht’ so etwas überhaupt? Sie kann den Kerl nicht durchschaut haben! Hat sie sich so einsam gefühlt? Aber ich war doch auch da ... Wodurch kommen manche Beziehungen zwischen Menschen überhaupt zustande?

Auch nach so vielen Jahren stellte sich Ben noch diese Fragen.


Routinetage. Kurse, Seminare, Tonsatz- und Gehörübungen, dazwischen Klavierstunden. Dienstagabends auch eine theaterwissenschaftliche Vorlesung bei Siegfried Mellers, der die Schauspielabteilung der Hochschule leitete. Seine Vorträge waren auch der Allgemeinheit zugänglich und erfreuten sich großer Beliebtheit.

Ben unterrichtete gern. Drei Mädchen und einen Jungen im Alter zwischen acht und elf Jahren, einen Schüler mit siebzehn und eine ältere Dame, die ihre Stunden in unregelmäßigen Abständen nahm.

Als Ben am Mittwochabend nach Hause kam, traf er bei den Briefkastenreihen auf Juliana Broniewska, die gerade ihre Post holte.

„Guten Abend.“

„Guten Abend“, sagte sie zunächst ein wenig abwesend.

„Ah, Sie sind es!“

„Ja ... ich ...“

„Was ist? Hat es Ihnen die Sprache verschlagen?“

Natürlich! Was denn sonst! In solchen Augenblicken kann ich mich nicht besonders gut leiden.

Sie wandte sich zum Gehen. „Ach übrigens ... Sie wollten doch mal meine Bilder ansehen. Sind Sie noch interessiert?“

„Ja ... klar.“

Sie dachte einen Moment nach. „Wie wäre es morgen Nachmittag, gegen fünf?“

Um fünf beginnt meine Vorlesung in Musikgeschichte. Die lasse ich ausfallen.

„Einverstanden.“


Das Galeriegebäude in der Herzogstraße.

Die Frau fuhr mit dem Aufzug von der kleinen Tiefgarage bis zum ersten Stock, trat auf den Gang hinaus und ging, so schnell es ihre hochhackigen Schuhe zuließen, auf einen dicken dunkelroten Türvorhang zu.

Sie trug ein hellgrünes Sommerkostüm, dazu einen breitrandigen Hut, unter dem schulterlange blonde Haare herunterfielen. Eine große Sonnenbrille verbarg beinahe vollständig das schmale, fast hagere Gesicht. Nur die in einem auffallenden Violettton geschminkten breiten Lippen setzten noch einen besonderen Akzent.

Nun schob sie den schweren Vorhang zur Seite, entnahm ihrer Krokodilledertasche einen Schlüssel und öffnete die Tür und schloss sie hinter sich wieder sorgfältig ab. Sie zog die Schuhe aus und ging auf Strümpfen durch den Büroraum.

Vor der bis an die Decke reichenden dunkel gebeizten Eichenschrankwand befand sich ein länglicher Schreibtisch mit den entsprechenden elektronischen Geräten.

Von einem breiten Fenster auf der linken Seite fiel Licht in das Zimmer, das nicht zuletzt durch diesen wuchtigen, hohen Schrank einem Rechteck ähnelte. Allerdings verlief der Schrank nicht ganz bis zur rechten Ecke, sondern bildete vorher eine Diagonale bis zur Mitte der rechten Zimmerwand. Auf diese Weise entstand auf der rechten Seite ein großes Dreieck, genügend Platz für einen kleinen Raum hinter der Schrankwand.

Am Schrank selbst waren keine Türen oder Schubladen zu sehen. Auf einem halben Meter Höhe führte ein etwa fünfzehn Zentimeter breites Band die gesamte Wand entlang. Auf diesem Band befanden sich in bestimmten Abständen immer wieder aufgesetzte Quadrate.

Die Frau drehte nun eines dieser hölzernen Quadrate ein wenig nach oben, entriegelte ein weiteres Schloss und durch den Druck ihrer linken Schulter öffnete sie eine Tür. Sie ging in den kleinen Raum hinein, die Tür schloss sich sofort wieder hinter ihr. Das Licht ging an und gleichzeitig hörte man das Summen einer Klimaanlage.

Niemand hätte auf irgendeine Weise vom Büroraum aus die Anwesenheit einer Person in diesem ‚Dreieckzimmer‘ bemerken können.

An der Spitze des Dreiecks stand ein genau eingepasster Tisch mit mehreren Spiegeln. Auf dem Tisch ein Sammelsurium von Tuben, Dosen, Puderquasten, -bürsten und -pinseln. Auf der gegenüberliegenden Seite ein Perückenständer. Daneben eine Gipsbüste, deren Maße genau der Besitzerin entsprachen.

Die Frau ging zum Tisch, blickte noch einmal prüfend in alle Spiegel, lächelte zufrieden, nahm zuerst den Hut ab, dann die blonde Perücke, und nun saß sie glatzköpfig grinsend auf dem Hocker, drehte ihren Kopf nach hinten und wandte sich zwei großen Fotografien zu, die an der hinteren Wand angebracht waren: Portraitfotos von einer Frau und einem Mann in mittleren Jahren.

Na, wie findet ihr mich? Dieses Violett? Niemand macht das besser als ich! Ich bin der König der Verwandlungskünstler! Ich bin unerreicht!

Sie stand auf und begann das Kostüm auszuziehen, die Radlerhose mit den entsprechend aufgepolsterten Stellen um die Hüftpartie, dann die Strümpfe, das Oberteil, die Busenimitation, und schon bald war die Person, die schließlich nur noch mit einem Slip bekleidet mitten im Raum stand, ein Mann geworden.

Er setzte sich auf den Hocker vor den Spiegeln und begann mit dem Abschminken.

Zunächst die Mundpartie. Bei seinem sehr schmalen Lippenprofil hatte er überzeichnet und eine Lippenkontur auf der Oberlippe aufgetragen. Als Abschminke benutzte er eine spezielle Reinigungscreme, eine hydrophile Abschminke. Er arbeitete rasch und professionell. Schnell verlor das Gesicht seine Weichheit, die Bartschatten waren wieder zu sehen, die schmale Mundlinie trat zutage, der Augenbereich veränderte sich – allmählich blieb ein bleiches, immer noch fast maskenhaftes Männergesicht mit stechenden Augen übrig.

Das Triumphgefühl, das er noch vor wenigen Minuten empfunden hatte, war verschwunden und einer tiefen Leere gewichen.

Er zog einen Morgenmantel an, ging wieder zum Zimmereingang, drückte auf einen schwarzen Knopf. Eine Bettcoach löste sich von der Wand, an der die Fotos hingen.

Er legte sich hin, und griff nach einer Fernbedienung auf der Ablage. Ein unsichtbarer CD-Player spielte leise ‚Isoldes Liebestod‘.

Nun lächelte er wieder und blickte nach oben in die Richtung, wo die Fotografien hingen.

Nachher werde ich wieder einen Menschen opfern müssen.

Es geht einfach nicht anders! Alles ist bis ins Kleinste vorbereitet.

Ihr müsst zugeben: Das letzte Mal ist lange her. Mindestens sechs Jahre: Das war diese kleine Schwarzgelockte aus Lunéville. Hatte mir einen langen, rührenden Brief geschrieben. Teilte mir umständlich mit, dass sie mich verlassen müsse. Sie mich!

Tja. Dann fand man sie bei dieser Skulptur der Diana im Park des Schlosses von Lunéville. Ich bin nach wie vor stolz auf mich: bis heute keine Spur vom Täter.

Das war ich! Da lag diese Frau wie eine Trophäe zu Füßen der Göttin der Jagd ausgebreitet – als hätte Diana den kleinen goldenen Pfeil in die linke Schulter ihres Opfers geschossen!


Er blieb einen Augenblick ganz ruhig mit geschlossenen Augen liegen.

Dann erhob er sich und begann die Kleider wegzuräumen. Ein schmaler Gang führte hinter der Schrankwand entlang. Hier, auf dieser Seite des Schranks, befanden sich zahlreiche Türen und Schubladen, hinter denen sich eine Unmenge von Kleidungsstücken für viele Gelegenheiten verbargen: Garderoben für Frauen oder Männer in verschiedenen Modestilen für fast alle Altersstufen. Hier war das Reich eines Meisters der Maskerade.

Er kam zurück in den Schlafraum und zog aus einer Schublade ein Blatt heraus, das er vorsichtig auseinander faltete und schließlich auf das Bett legte.

Es war eine Zeichnung von einer nackten Frau, die auf dem Bauch lag. Ihr rechter Arm nach vorn gestreckt, zwischen Kopf und Oberarm das Bein einer Skulptur, die hochaufgerichtet, in leicht verschobenen Proportionen über der Frau stand.

So wie die Zeichnung das Gesicht der Skulptur wiedergab, war vielleicht noch am deutlichsten der Dilettantismus des Zeichners zu erkennen. Deutlich auszumachen auch ein Stift, der aus dem linken Schulterblatt der liegenden Frau herausragte.

Genauso wirst du daliegen, meine liebe Jeanne. Über dir die ‚Große Stehende‘, wie eine Göttin des Todes.

Er wandte sich den beiden Fotografien über dem Bett zu, drehte das Foto der Frau zur Wand und blickte mit einem vielsagenden Lächeln das Bild des Mannes an.

Maman möchte ich das ersparen, aber du als mein Erzeuger könntest mich ja sowieso nicht mehr sehen. Oder glotzt du jetzt von irgendwo aus dem Jenseits hierher?

Ha. Kann ich mir nicht vorstellen! Doch um ehrlich zu sein: es wäre mir egal, vollkommen egal!

Er starrte wieder die Zeichnung an.

Er zog den Slip herunter, fasste sich an sein Glied, stand heftig atmend vor dieser Zeichnung, stürzte sich auf das Bett und sein wildes Gestöhne vermischte sich mit den Klängen Wagnerscher Musik.

Schwer atmend blieb er schließlich auf der Zeichnung liegen. Langsam ließ er sich von der Liege heruntergleiten, das Blatt klebte an seinem flachen Bauch. Auf dem Rücken liegend nahm er das Blatt hoch, betrachtete es und faltete es wieder sorgsam zusammen.


Ben zog sich um. An diesem Abend herrschte herrliches Wetter und Ben wollte eine längere Fahrt mit dem Fahrrad unternehmen. Seine Stimmung war ausgesprochen gut. Er trat kräftig in die Pedale, fuhr durch die Stadt, zunächst am Fluß entlang, dann hinaus in ein hügeliges Waldgebiet.


Im Heim ‘Seelenfrieden’ war Ben nur ein paar Monate geblieben. Mit dem um drei Jahre älteren Willy hatte er sich gut verstanden. Alle hatten sich darüber gewundert, denn Willy galt als wenig kommunikativ und gewalttätig. Aber auf irgendeine Weise hatte wohl Bens Zustand etwas in ihm ausgelöst, das ihn die Rolle des Beschützers übernehmen ließ. Allerdings hatten auch andere Dinge eine Rolle gespielt. Ben und Willy wurden zwar Freunde, aber für Willy war es mehr als nur Freundschaft gewesen. Er hatte sich in Ben verliebt. Ben war das seltsam erschienen, aber er hatte sich nicht dagegen gewehrt. Die Freundschaft mit Willy

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Tag der Veröffentlichung: 29.09.2015
ISBN: 978-3-7396-1599-8

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