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Blizzard-Fährte

BRADDOCK - Für Gesetz und Gerechtigkeit -

Band 1

Western von Alfred Wallon

 

 

IMPRESSUM

© dieser Digitalausgabe by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

BRADDOCK – FÜR GESETZ UND GERECHTIGKEIT –

Roman © by Alfred Wallon und Edition Bärenklau, 2015

Cover © by Steve Mayer und Christine Sponchia und Alan Poulson/123RF

 

Der Umfang dieses E-Book entspricht 130 Taschenbuchseiten.

 

Sie sind immer dann zur Stelle, wenn die Gesetzeshüter und kleinen Behörden ihre Grenzen erreicht haben: Special Deputies, die im Auftrag des Justizministeriums handeln und sich erbarmungslos auf die Fährte von Verbrechern setzen. Ihre Befugnisse reichen aus, um rasch und effektiv ein Problem zu lösen. Braddock und sein indianischer Freund Yumah sind zwei dieser Gesetzesmänner. Sie fackeln nicht lange und jagen die Verbrecher auf ihre Weise. Hart und kompromisslos …

Als in Fort Benton eine Gruppe von Soldaten 10.000 Dollar Sold stiehlt, dabei Kameraden tötet und anschließend desertiert, sind die beiden Special Deputies kurz darauf zur Stelle. Die skrupellosen Mörder glauben sich in Sicherheit, wenn sie die Grenze nach Kanada überschreiten – aber da haben sie nicht mit Braddock und Yumah und deren Entschlossenheit gerechnet!

 

 

1

Nacht über Fort Benton ...

Die kleine Soldatengarnison am Missouri River in Montana dämmert still und friedlich dahin. Irgendwo in der Ferne, in den dunklen Baumwipfeln, erklingt der klagende Ruf eines Käuzchens. Der Wachposten auf dem östlichen Turm späht hinaus in die Dunkelheit.

Er ist müde und muss die Augen weit aufreißen.

Aber alles ist ruhig, und er kann nichts Auffälliges bemerken.

Und doch geschehen in dieser Nacht Dinge, die der Soldat auf dem Wachturm nicht sieht. Sonst hätte er schon längst Alarm geblasen! Aber es geschieht überhaupt nichts.

Vier Männer ducken sich eng an die Wand des Vorratslagers, damit sie der Wachposten nicht entdeckt. Es sind Uniformierte, genau wie der Soldat, der oben auf dem Turm Wache hält. Und doch scheinen sie irgend etwas im Schilde zu führen, denn sie schauen die ganze Zeit hinauf zum Turm.

Ein heiseres Krächzen ist in der Stille zu vernehmen. Der vorderste der vier Männer wendet sich plötzlich und abrupt um. Funkelnde Augen richten sich auf einen klapperdürren Infanteristen, durch dessen Körper ein Zucken geht und der verzweifelt versucht, den auf-kommenden Hustenreiz zu unterdrücken.

„Halt’ doch die Schnauze, Bowie!“, zischt einer von ihnen wütend. „Willst du uns etwa alle an den Galgen bringen, du verdammter Idiot?“

Der Hagere, dessen Name Bowie ist, hat seinen Anfall jetzt überwunden. Schweißtropfen der Anstrengung zeichnen sich in seinem hohlwangigen Gesicht ab, während er heftig atmet, was in der Kälte der Nacht an der kleinen weißen Wolke zu sehen ist.

„Tut mir leid, Gilmore“, stottert Bowie, dem die Schwindsucht im Gesicht geschrieben steht, „Mann, ich konnte es nicht mehr zurückhalten und ...“

„Du sollst den Mund halten, hab’ ich dir gesagt!“, zischt jetzt Gilmore erneut. „Pass lieber auf, dass nichts schiefgeht, verstanden?“

Bowie nickt stumm und späht hinaus in die nächtliche Dunkelheit. Jetzt ist es endlich soweit. Was sie schon wochenlang durchgesprochen haben, findet nun statt. Gilmore, er selbst, sowie die Soldaten Hunter und Jones haben sich hier verschanzt. Drüben beim Stall warten noch Mulford und Cannon mit den Pferden. Sie können sofort verschwinden, wenn es soweit ist. Jetzt liegt alles nur noch an Lieutenant Mike Travers!

Travers, dieser gerissene Hundesohn!, schießt es mit einem Mal Gilmore durch den Kopf. Dieser aalglatte Bursche hatte die Idee gehabt, die Armeekasse zu klauen. Deswegen stehen sie jetzt hier draußen in der Kälte. Sie frieren und warten ab. Der Winter wird bald kommen, und es ist empfindlich kühl. Aber keiner der Soldaten beschwert sich, wissen sie doch, dass es jetzt kein Zurück mehr für sie gibt. Sie alle sind davon überzeugt, dass Travers Plan klappt. Sergeant Gilmore hat noch die anderen Männer eingeweiht, und nun geht es los.

„Wenn jetzt nur keiner kommt“, räuspert sich der blonde Jones verängstigt. „Mann, mir ist alles andere als wohl in der Haut!“ Und dabei blickt er mit zusammengekniffenen Augen auf das Gebäude der Zahlmeisterei, in dem sich Travers befindet.

„Fängst du Angsthase jetzt auch noch an?“, schimpft der bullige Sergeant. „Ihr wolltet alle mitmachen, und jetzt seid ihr mit dabei, ihr Schlappschwänze. Also Maul halten und abwarten, kapiert?“

Keiner will widersprechen, denn sie alle locken die Dollars aus der Armeekasse, Zehntausend Dollars sind es, die Anfang letzter Woche in Fort Benton eingetroffen sind. Sold für die US-Cavalry und Gelder für Proviant und Waffen. Und diese Greenbacks wollen sie sich unter den Nagel reißen.

Es ist ein einsames Leben, das sie hier draußen in der Wildnis führen. Eintönig und langweilig. Die Indianer sind ruhig und rühren sich nicht, ein Tag ist wie jeder andere. Und diese Männer wollen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, deswegen stehen sie hier!

Schritte erklingen in der Dunkelheit .. .

Sergeant Gilmore versucht, irgend etwas zu erkennen, als er um die Ecke späht. Sein Herz droht stillzustehen, als er Clyde Willis, den Zahlmeister, erkennt.

„Das gibt’ s doch nicht“, flüstert er vor sich hin. „Was will der Bursche denn ausgerechnet jetzt hier, verdammt noch mal? Warum liegt der nicht in seiner Pritsche und schläft wie alle anderen?“

Es ist wirklich Clyde Willis, der sich der Baracke nähert, in der das Office untergebracht ist. Mensch, wenn der jetzt Lieutenant Travers entdeckt! Dann ist doch alles beim Teufel, oder?

Gilmore weiß nicht, dass der Zahlmeister einen guten Grund hat, die Baracke aufzusuchen. Er will noch einmal die Listen überprüfen, denn er hat einen Fehler gefunden, der beseitigt werden muss. Und dieser Fehler lässt ihm keine Ruhe.

Der rothaarige Hunter sieht den Zahlmeister jetzt auch.

„Gilmore!“, ruft er aufgeregt. „Mensch, der geht ja in die Baracke!“

Der bullige Sergeant beißt die Zähne zusammen. Was wird geschehen? Mike Travers ist doch in der Baracke, der Mann, dem die Dollars mehr wert sind als sein Offizierspatent. Clyde Willis kann doch zwei und zwei zusammenzählen. Wenn er Lieutenant Travers da drin erwischt, dann wird er ihm bestimmt einige unangenehme Fragen stellen!

„Herr im Himmel!“ schnauft Sergeant Gilmore erregt. „Die ganzen Tage haben wir darüber gesprochen, und ausgerechnet jetzt kommt dieser dämliche Zahlmeister.“

Gespannt folgt er den Schritten von Clyde Willis, der den dunklen Armeemantel wegen der Kälte fest um sich gehüllt hat. Mensch, wenn es so kalt ist, warum bleibt dieser Hundesohn dann nicht in seinem warmen Stübchen? Wenn er was in der Zahlmeisterei zu erledigen hat, dann kann er das doch auch noch am nächsten Morgen erledigen, dann, wenn Travers und die anderen schon über alle Berge sind!

Ganz hinten in der dunklen Ecke steht der Tresor. Mike Travers hat nicht lange gebraucht, um ihn zu finden, denn er kennt sich in der Baracke des Zahlmeisters recht gut aus. Schon oft war er hier drin, um die Auszahlungen des Soldes mit zu überwachen.

Aber darum geht es nicht. Das einzig Wichtige und Ausschlaggebende, was in seinem Gehirn herumspukt, ist die Zahlenkombination. Vier – eins – sieben - zehn, und dann zweimal die Eins noch. Travers ist dabei gewesen, als Clyde Willis das letzte Mal den Tresor geöffnet hat, und seit diesem Tag hat sich die Zahlenkombination unauslöschlich in sein Gehirn eingebrannt.

Mike Travers’ Augen leuchten gierig auf, als er sich dem Tresor nähert. In diesem alten Ding stecken zehntausend Dollar, die sein Leben von Grund auf verändern werden. Dann ist endlich Schluss mit diesem langweiligen Patrouillendienst, zu dem er immer wieder abkommandiert wird. Das hängt ihm sowieso schon zum Hals heraus, denn seine Laufbahn in der Armee hat er sich ganz anders vorgestellt. Aber jetzt ist ja Schluss damit. Schon bald werden er und die anderen Kumpane Fort Benton verlassen haben

Am Stiefelabsatz reißt er ein Streichholz an. Die Flamme beleuchtet den Kombinationsschalter des Tresors, an dem Travers jetzt herumfingert. In seinem Gehirn erscheinen jetzt wieder die Zahlen, die ihn noch von den zehntausend Dollars trennen.

Er dreht am Rad, bis es einrastet, und jedes Mal wird er aufgeregter. Nur noch zweimal einstellen, dann hat er es geschafft. Travers merkt nicht, wie feine Schweißperlen auf seiner Stirn entstehen, so sehr hat ihn die Aufregung im Griff. Und dann hat er es auch schon geschafft! Er achtet nicht darauf, dass das Streichholz seine Fingerkuppen schmerzlich verbrennt. Achtlos lässt er es fallen, denn jetzt ist die Tür des Tresors zurückgeschwungen, und nichts mehr trennt ihn von dem Reichtum und der schönen Zukunft.

Seine Finger tasten in den Tresor, fühlen das Papier der aufeinandergestapelten Dollarnoten. Viele Bündel sind es, fast zu viele für einen, aber daran verschwendet Lieutenant Travers jetzt keinen einzigen Gedanken. Er zerrt einen Jutesack unter dem Armeemantel hervor und beginnt hastig, die Dollarbündel an sich zu raffen und sie im Sack zu verstauen.

Er ist so emsig in seine Arbeit vertieft, dass er das Knarren der Tür beim ersten Mal überhaupt nicht hört. Viel zu sehr faszinieren ihn die herrlichen Greenbacks. Doch plötzlich hört er das Poltern von Stiefeln und fährt hastig herum.'

Kreidebleich ist sein Gesicht, als er sich Clyde Willis, dem Zahlmeister der Kompanie, gegenübersieht, der gerade eine Lampe anzünden will.

Erstaunt hält er inne, als er bemerkt, dass er nicht allein im dunklen Raum ist. Irgendwo dahinten beim Tresor kauert eine Gestalt, die irgend etwas dort macht.

„He, das ist doch ...“, entfährt es dem verdutzten Zahlmeister, als er den offenen Tresor sieht. „Verdammt noch mal, ein Dieb!“

Im gleichen Augenblick, als ihm bewusst wird, dass sich da jemand im dunklen Raum befindet, der in aller Seelenruhe den Tresor ausgeplündert hat, zuckt seine rechte Hand sofort hinunter zum verschlossenen Holster. Die Waffe herausreißen und den Unbekannten stellen - das ist es, was Clyde Willis vorhat!

„Du Schweinehund!“, keucht Willis aufgeregt. „Wolltest wohl die Armeekasse klauen, wie? Na, dir werde ich helfen!“

Doch er kommt nicht mehr dazu, seine Absicht in die Tat umzusetzen, denn Mike Tavers hat sofort gehandelt. Er weiß, dass er jetzt nicht mehr zurück kann, denn Willis ist ein genauer Mensch, der ihn sicherlich verpfeifen wird, deshalb gibt es nur noch eine einzige, Lösung. Blitzschnell greift Mike Travers nach seinem scharfen Messer, das er unter dem Mantel verborgen hält und für alle Fälle mit eingesteckt hat. Jetzt wird es ihm helfen, diesen lästigen Zahlmeister mundtot zu machen.

Aus der Hocke stürzt er sich auf den älteren Mann, der immer noch dabei ist, seine Waffe aus dem Holster zu reißen.

Aber Mike Travers ist schneller, und das ist Willis Untergang. Er reißt die scharfe Klinge hoch und stößt sie ohne zu zögern dem Mann in die Brust. Clyde Willis stöhnt tief auf, als sich der heiße Stahl in seinen Körper frisst, und eine ungeheure Schmerzwelle überkommt ihn.

„Travers“, ächzt er erstaunt, als er den unbekannten Gegner erkennt. „Wie können Sie ...?“

Dann bringt er keine Worte mehr hinaus. Sein Bewusstsein schwindet, als er zurücktaumelt, und er spürt nicht mehr, wie er mit einem dumpfen Laut auf dem Holzboden der Baracke aufschlägt. Clyde Willis spürt überhaupt nichts mehr, denn er ist schon tot, Von einem Augenblick zum anderen.

„Elender Mist!“, keucht Lieutenant Travers und wischt das blutige Messer an der Kleidung des Toten ab. Erst ging alles so gut, und nun ist dieser blöde Zahlmeister dazwischengekommen. Alles sollte gewaltlos ablaufen, aber nun gibt es schon den ersten Toten, obwohl sie noch nicht einmal Fort Benton verlassen haben!

Keine Panik, durchfährt es jetzt den großen Travers. Wenn du dich jetzt verrückt machst, dann kommst du nie mehr von hier weg! Ganz ruhig, Mann. Noch haben sie nichts bemerkt, und sie werden es auch gar nicht, wenn du alles richtig machst.

Er verschwendet an den toten Willis keinen einzigen Blick mehr, als er den Sack mit den Dollarbündeln an sich nimmt und dann zur Tür geht. Er öffnet sie einen Spalt weit und blickt vorsichtig ins Freie. Obwohl er weiß, dass ihn der Wachposten oben auf dem Turm jetzt nicht sehen kann, späht er doch unwillkürlich dorthin. Aber der Soldat beobachtet das Gelände außerhalb der Garnison, denn welche Gefahr sollte es auch schon im Fort geben, oder?

Mit zwei, drei Schritten hastet Travers über den Platz und hat schon Augenblicke später die Deckung der Vorratsbaracke erreicht, wo seine Gefährten auf ihn warten.

„Mensch, Lieutenant!“, keucht Sergeant Gilmore mit hochrotem Kopf, und das kommt ganz gewiss nicht von der Kälte. „Wir dachten schon, dass alles aus und vorbei ist und ...“

„Du redest zu viel, Gilmore“, unterbricht ihn Travers rau. „Ich hab’ schon alles gut gemacht. Willis wird uns nicht mehr stören. Er schläft den ewigen Schlaf.“

Seine Worte werden von einem trockenen Lachen untermalt, das den schwindsüchtigen Bowie blass werden lässt.

„Ist Willis tot?“, fragt der Soldat. „Um Himmels willen, Sie haben den Zahlmeister auf dem Gewissen, Lieutenant!“

„Willst du die Dollars oder nicht?“, zischt Travers und blickt den hageren Soldaten voller Verachtung an. „Dass nicht alles reibungslos verlaufen kann, das hast du doch gewusst, oder? Und jetzt will ich kein Wort mehr über die Sache hören, verstanden? Wir gehen jetzt rüber zum Stall und machen, dass wir davonkommen.“

Und dann marschiert er auch schon los, immer darauf bedacht, in der Deckung der Gebäude zu bleiben. Es dauert eine qualvolle Ewigkeit, bis die fünf Männer den Stall erreicht haben, wo Mulford und Gannon die Pferde schon gesattelt haben.

„Alles klar, Sergeant?“, fragt ihn der glatzköpfige Mulford, aber Gilmore schüttelt den Kopf,

„Der Zahlmeister hat den Lieutenant erwischt, Mann!“, sagt der bullige Sergeant mit knappen Worten. „Ging nicht anders. Und jetzt aufgesessen, Leute! Dass mir keiner die Nerven verliert, verstanden? Denkt alle daran, dass die zehntausend Bucks jetzt uns gehören und dass sie uns keiner mehr wegnehmen wird, okay?“

Gilmore ist ein befehlsgewohnter Bursche, der seine Männer gut im Griff hat. Hier stimmt der Spruch, dass die Soldaten immer so gut sind wie ihr Sergeant, und Gilmore ist ein guter Mann.

Die Deserteure sitzen auf und warten auf ein Zeichen von Travers, der noch ein letztes Mal hinaus ins Freie späht. Dann sitzt auch er auf.

„Reiten wir, Männer!“, sagt er kurz darauf.

Die Männer gehorchen. Sie verlassen mit ihren Pferden den Stall und reiten gemächlich in Richtung des Tores. In der Tat ist Mike Travers Plan tollkühn. Er muss praktisch mit dem Teufel pokern, aber die zehntausend Dollars sind es ihm wert.

Der Wachposten oben auf dem Turm hat die heran reitende Patrouille natürlich jetzt sofort bemerkt: Er schaut hinunter in den Hof des Forts und sieht Lieutenant Travers an der Spitze des kleinen Trupps. Bevor er dazu kommt, eine Frage zu stellen, hat ihm Travers schon vorgegriffen.

„Wieder mal einer von den nächtlichen Erkundungsritten, Reiter Boyle!,“ ruft er zum Wachposten hinauf. „Befehl von Colonel Ranaham. Stehen Sie bequem, Mann!“

Es ist tollkühn, was er macht, aber er riskiert alles und kümmert sich überhaupt nicht mehr um den Soldaten auf dem Turm. Er nickt den Soldaten Bowie und Cannon kurz zu, die daraufhin absteigen und mit flinken Bewegungen das Tor öffnen. Augenblicke später sind sie wieder aufgesessen und reiten hinaus in die nächtliche Landschaft. Der Wachposten auf dem Turm salutiert sogar noch zackig, weiß er doch nicht, dass Lieutenant Travers ein Deserteur ist, der das Leben von Zahlmeister Clyde Willis auf dem Gewissen hat.

Aber all das wird man erst am nächsten Morgen entdecken, wenn der Adjutant des Colonels den toten Willis in der Baracke findet. Bis dahin sind Travers und seine Gefährten schon längst über alle Berge. Ihr Ziel ist der hohe Norden. Sie wollen nach Kanada.

Erste Schneeflocken fallen vom nächtlichen Himmel und verwehen die Spuren der Soldaten, die im Dunkel der Nacht verschwinden. Sie sind auf dem Trail, von dem es kein Zurück mehr gibt, und das wissen sie alle.



2

Zuerst fallen nur vereinzelt Schneeflocken vom Himmel, aber allmählich wird der Schneefall immer dichter, und die Deserteure haben alle Mühe, den Weg zu erkennen, den sie eingeschlagen haben. Die ganze Nacht sind sie durchgeritten, immer weiter in Richtung Norden, wo irgendwo die Grenze nach Kanada verläuft.

Lieutenant Travers flucht leise und zieht den Kragen seines Armeemantels höher. Er friert genau wie die anderen, und auch der dicke Mantel kann die beißende Kälte nicht vollständig zurückhalten. Sein Atem gleicht einer weißen Dampfwolke, und er hat sich den Armeehut tief in die Stirn gezogen, damit ihm der peitschende Wind die Schneeflocken nicht ins Gesicht treibt

Plötzlich wird seine Aufmerksamkeit erregt. Er hebt den Kopf und schaut nach vorn. In der weißen Landschaft taucht Soldat Mulford auf, den Travers auf Erkundungsritt geschickt hat. Auch wenn die Männer sich jetzt nicht mehr zur US-Kavallerie zählen, so hat Travers dennoch das Kommando übernommen, denn die anderen wissen, dass er die besten Ideen hat.

Mulford zügelt sein Pferd so hart, dass unter den Hufen eine Schneewolke hoch stiebt. Er scheint aufgeregt zu sein.

„Eine Farm!“, ruft er mit lauter Stimme, so dass es alle hören können. „Vielleicht eine halbe Meile entfernt vor uns. Was sollen wir tun, Travers?“

Schon längst gibt es unter ihnen keine Offiziersränge mehr. Sie sind eine verschworene Gemeinschaft geworden, in der jeder gleichgestellt ist. Travers ist es, der den Haufen zusammenhält, aber auch er wird nur geduzt. Der ehemalige Lieutenant macht sich aber nichts daraus. Für ihn zählen nur die zehntausend Greenbacks!

„Wir brauchen Proviant!“, entscheidet der hagere Travers. „Holen wir ihn uns auf der Farm. Wie viele Leute hast du da unten gesehen, Mulford?“

Mulford scheint einen Augenblick zu überlegen.

„Ich habe zwei Pferde im Stall gesehen. Drei, vier Personen höchstens, denke ich. Frauen und Kinder mitgerechnet. Das werden wir ja wohl noch schaffen, oder?“

„Gilmore, wir werden jetzt da hinunterreiten!“, befiehlt der ehemalige Lieutenant. „Wir stürmen die Farm. Jeder der Männer hat eine Aufgabe zu übernehmen, du weißt ja, was das heißt.“

Der bullige Gilmore nickt nur stumm. Sie reiten weiter, durch eine Landschaft, in der der Winter über Nacht Einzug gehalten hat. Die Bäume ächzen unter der Last der weißen Pracht, Und die Hufe der Pferde graben sich tief in den Schnee.

Es dauert nicht lange, bis sie die Farm erblickt haben. Sie liegt tief unten in der Senke. Ein Farmhaus und ein kleiner Stall, daneben ein Corral, das ist alles. Wahrscheinlich irgendein Squatter, der hier draußen sich eine neue Zukunft aufbauen will, aber das interessiert Travers und seine Männer nicht. Für sie zählt nur die Tatsache, dass sie sich da unten mit frischem Proviant und vielleicht noch mehr eindecken können.

„Bowie, Cannon und Gilmore, ihr reitet um den Hügel herum und nähert euch der Farm von der anderen Seite!“, sagt Travers mit verhaltener Stimme. „Ich selbst reite mit Mulford, Hunter und Jones hinunter. Wir werden uns ganz harmlos geben. Im richtigen Moment seid ihr zur Stelle, verstanden?“

Der bullige Gilmore grinst bis über beide Ohren. Er weiß genau, was Travers im Schilde führt. In der Tat, der Plan ist gar nicht so schlecht. Und dazu noch ohne jegliches Risiko.

„Also dann los!“, sagt Travers und treibt sein Pferd an.



3

„Vater, da kommen Reiter!“, ruft der junge Bob Darrel mit erschrockener Stimme, als er aus dem Fenster späht. „Es sind vier Mann, und sie halten genau auf unser Haus zu.“

Der grauhaarige Slim Darrel springt sofort vom Tisch auf. Vergessen ist die warme Mahlzeit, die noch dampfend vor ihm steht. Er sieht das aufgeregte Gesicht seines Sohnes und die ängstlichen Augen seiner Frau Sarah.

Er schiebt seinen zwanzigjährigen Sohn beiseite und schaut jetzt

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Tag der Veröffentlichung: 26.04.2015
ISBN: 978-3-7368-9182-1

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