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Vier Romantic Thriller: Sammelband Nr. 2

von Ann Murdoch

 

 

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© der Digitalausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

Der Umfang dieses Ebook entspricht 427 Taschenbuchseiten.

 

Das Ebook beinhaltet folgende vier Romane:

13 Eichen

Dunkle Gebete

Blutschwestern

Pakt mit dem Bösen

 

 

13 Eichen

von Ann Murdoch


1

„Hier kommen wir nun zu einem unserer größten Mysterien, den 13 Eichen.“ Klar und deutlich klang die Stimme von Lady Robina Westmoreland über den großzügigen Innenhof von Lammermore Castle. Die Touristengruppe, die aus rund 20 Leuten bestand, lauschte aufmerksam. Das lag nicht nur an der interessanten Geschichte des Schlosses aus dem 15. Jahrhundert, es lag auch an der bildhübschen jungen Frau mit den tief dunkelroten Haaren und den leuchtend blauen Augen.

„Etwa um 1637 herum waren die Hausherren das, was wir heute Raubritter nennen“, fuhr sie fort. Sie unterdrückte ein Lächeln über die Zwischenbemerkung eines gut aussehenden Mannes, der eigentlich gar nicht in diese Gruppe passte.

„Finanzbeamte?“

Sie ging darauf nicht ein, obwohl es sie gereizt hätte. „Es war einer meiner Vorfahren, Lord Angus of Westmoreland, der eine ganze Bande verwegener Gestalten um sich geschart hatte. Sie raubten und plünderten, machten weder vor der Obrigkeit halt, noch vor den Bischöfen, und kannten keine Gnade. Nach einiger Zeit wurde es auch der geduldigsten Bevölkerung zuviel. Dem Sheriff gelang es jedenfalls nicht, die Bande zu fangen, und vielleicht gehörte er ja sogar dazu. Die Leute rotteten sich zusammen und stürmten das Schloss, wurden aber Schüssen aus Armbrüsten und sogar ersten Gewehren empfangen. Gut ein Dutzend Leute starb, bevor sich die Leute wieder zurückzogen. Entweder war der Plan verraten worden, oder man war drinnen einfach zu gut gerüstet. Nur eine alte Frau stand noch allein vor dem Schloss und rührte sich auch nicht, als ihr die Pfeile um die Ohren flogen. In aller Seelenruhe ging sie hinein, in die Mitte des Innenhofes. Lord Angus und seine Bande waren so verblüfft, dass sie gar nichts mehr taten. Die Frau schichtete Reisig auf und entzündete ein Feuer, dabei murmelte sie die ganze Zeit vor sich hin, so dass man sie schließlich für verrückt hielt und in Ruhe ließ. Schließlich aber erhob sie ihre Stimme und rief die Räuber zusammen. In einem Kreis stellten sich die finsteren Gestalten um die Frau herum auf. Derbe Worte fielen, man wollte sie jetzt doch loswerden, aber dazu war es längst zu spät. Grünlicher Rauch stieg von dem Feuer auf, und die Männer waren plötzlich wie betäubt. Die Frau malte seltsame Zeichen in die Luft, die Räuber stellten sich ungewollt an bestimmte Plätze und rührten sich nicht mehr. Mit heftigen Beschwörungen sprach die Frau weiter, Blitze zuckten vom Himmel, und die Erde bebte. Durch einen erschreckenden Vorgang wurden aus den lebenden Menschen Bäume, genau dreizehn an der Zahl, in deren Mitte wir uns jetzt befinden. Auf diese Weise bewachen sie zur Straße für ihre Missetaten nicht nur Lammermore Castle, sondern angeblich auch den Schatz, den sie im Laufe der Zeit zusammengeraubt haben.

Soweit die Geschichte der 13 Eichen, für die Wahrheit kann ich mich allerdings nicht verbürgen, meine Herrschaften.“ Robina lächelte, und besonders die Männer waren von ihr entzückt. Aber eine waschechte Lady befand sich weit außerhalb dessen, was sie sich als Freundin leisten konnten, dachten sie.

„Spuken diese gestalten denn nicht im Schloss herum?“, erkundigte sich jemand. Robina lachte leise auf.

„Bis heute habe ich noch keinen Baum mit einem Gesicht oder Pfeil und Bogen durch die Gänge schleichen sehen. Dennoch ist die Stimmung hier manchmal ausgesprochen unheimlich. Wenn der Wind in den Zweigen flüstert, kommt es einem vor, als würden sich die Bäume unterhalten. – Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit. In der großen Halle befindet sich ein Imbiss für Sie. Hoffentlich hatten Sie einen angenehmen Aufenthalt.“

Sie ließ den Blick schweifen, und jeder fühlte sich für einen Augenblick ganz allein angesehen. Dann nickte die junge Lady noch einmal in die Runde und ging davon, wohl wissend, dass ihr alle Blicke folgten.

Diese speziellen Führungen auf Lammermore Castle waren stets gut besucht, obwohl es sich dabei um ein nicht ganz billiges Vergnügen handelte. Aber ein Rundgang mit der anerkannten Historikerin Robina of Westmoreland und das anschließende Essen waren nun einmal etwas ganz besonderes. Dafür gaben die Besucher gerne etwas mehr aus.

Die junge Frau zog sich jetzt in den privaten Flügel des Schlosses zurück, wo ihr Vater in seinem Arbeitszimmer saß. Lord Cyril blickte seiner Tochter entgegen und fragte sich nicht zum ersten mal, womit er dieses Glück verdient hatte. Nicht jedermann wäre dazu bereit gewesen, das Schloss der Väter zu vermarkten, um die laufenden Kosten aufzubringen. Dabei konnte Robina in ihrem Beruf vielleicht woanders sogar mehr verdienen. Doch sie hing an ihrem Vater und auch am Schloss, so dass sie es gern auf sich nahm, die anreisenden Touristen mit der Geschichte vertraut zu machen.

Robina, wie sie meist genannt wurde, ließ sich jetzt in einen Sessel fallen.

„Es ist doch immer wieder schön, in erstaunte Gesichter zu sehen“, lächelte sie.

„Und, war jemand besonderes dabei?“, erkundigte sich der alte Lord.

Sie schüttelte den Kopf und drohte ihm schelmisch mit dem Zeigefinger. „Ich weiß, was du denkst, Dad. Ein Märchenprinz aus dem Hochadel, der mein Herz im Sturm erobert. Aber so läuft das nun mal nicht. Ich weiß auch gar nicht, was du gegen Roderich of Glenmuulan einzuwenden hast.“

Lord Cyril seufzte. Es war ein unendliches Thema zwischen Vater und Tochter. Sie hatte sich vor kurzem dazu bekannt, demnächst Rory Roderick of Glenmullan zu heiraten, einen blasierten, arroganten jungen Mann, der Robina in keiner Weise das Wasser reichen konnte. Er war weder intelligent noch unterhaltsam, hatte keinen ordentlichen Beruf vorzuweisen, hielt sich aber selbst für ein Geschenk Gottes an die Menschheit.

„Ich möchte viel lieber wissen, was du an ihm findest, mein Kind, damit ich deine Entscheidung verstehen kann. Er ist deiner einfach nicht würdig.“

Sie lachte hell auf. „Ach Dad, Rory kann ausgesprochen charmant und amüsant sein. Du solltest dir die Mühe machen das herauszufinden.“

„Und das allein ist der Grund ihn zu heiraten?“, fragte er mit einem bitteren Unterton in der Stimme.

„Er hat jedenfalls genug Geld, um Hillman Hall, seinen Stammsitz und auch dieses Schloss hier zu erhalten.“

„Ich wünschte, es wäre anders“, seufzte der Mann.

„Ja, Dad, ich wünschte das auch. Aber mit jammern werden wir an der augenblicklichen Lage nichts ändern.“ Sie sprang auf und nahm ihren Vater liebevoll in die Arme.

Es klopfte leise an der Tür, und Jeffrey, der Butler, trat ein, ohne eine Antwort von drinnen abzuwarten. Auf einem silbernen Tablett trug er eine Visitenkarte.

„Mylord, Lady Robina, Mister Gordon St. John wünscht Sie beide in einer dringenden Angelegenheit zu sprechen.”

„Um was geht es denn?“, fragte Lord Cyril etwas unwirsch.

„Mister St. John will die Geschichte von Lammermore Castle zu Papier bringen. Er meinte, er würde ein ausgesprochen lukratives Angebot machen. – Ich wiederhole damit nur seine Worte, Mylord. Wollen Sie ihn empfangen?“

Vater und Tochter wechselten einen Blick. Sollte es jetzt doch eine Änderung geben für dieses finanziell gebeutelte Geschlecht?

„Führen Sie Mister St. John herein“, bat Robina und reckte energisch das Kinn. Sie würden schon sehen, wie lukrativ dieses Angebot war.

 

Dieses Gesicht hatte sie doch gerade erst gesehen. Natürlich, der vorlaute junge Mann in der Touristengruppe, der so gar nicht zu den anderen passte.

Mit einer formvollendeten Verbeugung begrüßte er zunächst Lord Cyril, dann mit einem Lächeln auch Lady Robina.

„Ich hoffe, Sie verzeihen mir meine Aufdringlichkeit, Mylady, doch ich fand es höchst wichtig, mich zunächst Ihrer Führung anzuvertrauen.“

„Ist schon in Ordnung, schließlich haben Sie dafür bezahlt“, gab sie kühl zurück.

„Lassen Sie uns bitte zur Sache kommen. Ihre Andeutung war doch ziemlich seltsam“, unterbrach Lord Cyril schroff, der solche unvorhergesehenen Störungen gar nicht mochte.

„Das musste so sein, sonst hätten Sie mich womöglich nicht empfangen“, behauptete Gordon.

Robina betrachtete ihn genauer. Seine Kleidung wirkte geschmackvoll und teuer, aber nicht auffällig. Die ganze Erscheinung – von den dunklen Haaren und dem markanten Gesicht mit seltsam grünen Augen – bis zur gepflegten Sprechweise, machte deutlich, dass es sich bei Gordon St. John nicht um einen einfachen Mann von der Straße handelte. Der Name zeigte an, dass die Vorfahren dieses Mannes aus dem niederen Landadel stammten. Was bewog einen solchen Menschen ein Buch über ein Schloss zu schreiben? In dieser oder ähnlicher Form gab es eine ganze Reihe von Büchern auf dem Markt. Es sei denn, er hatte etwas besonders vor. Aber dann sollte er sich jetzt dazu äußern.

Gordon ließ sich auch nicht lange bitten. Er setzte sich auf den angebotenen Stuhl und fasste Lord Cyril fest ins Auge.

„Mylord, ich arbeitete bereits seit längerer Zeit an einer Geschichte der großen Adelshäuser. Falls Sie Empfehlungen wünschen, kann ich die auch gerne beibringen. Aber im Laufe der Recherchen ist mir immer wieder aufgefallen, dass häufig genug die Geschichten aus der Geschichte sehr interessant sind, so dass es schade wäre, würde man dieses Wissen nicht auch einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Aus diesem Grund bin ich mit einem namhaften Verlag eine Kooperation eingegangen. Über alle großen Schlösser, Herrenhäuser und Burgen wird es spezielle Sonderbände geben, die in großer Auflage zu günstigen Preisen an die Leser gebracht werden.“

Noch immer skeptisch schaute der Lord auf seinen Besucher. „Das klingt alles sehr einleuchtend, und sicher werden Sie und der – der namhafte Verlag ein gutes Geschäft damit machen. Immer vorausgesetzt, es gelingt Ihnen, ausreichend Material zu finden und die entsprechenden Rechte zu bekommen.“

„Aus diesem Grund bin ich hier, Mylord“, erklärte Gordon mit einem entwaffnenden Lächeln. „Ich würde niemals davon ausgehen, dass ich all diese Informationen und auch die entsprechenden Bilder ohne Gegenleistung bekomme. Ganz im Gegenteil. Ich lege Wert auch auf Hintergrundmaterial, solches, das nicht jedermann zugänglich ist. Zum Beispiel die wahre Geschichte der dreizehn Eichen. Bestimmt sind doch noch alte Aufzeichnungen darüber vorhanden und erhalten. Das sind Themen, die die Leser interessieren. Das alles würde schon für einen ganzen Roman reichen.“

„Diese Recherchen lassen sich aber nicht an einem Nachmittag vornehmen“, gab Robina zu bedenken. „Das kann leicht über eine oder zwei Wochen dauern.“

Gordon strahlte sie an. „Auch darüber habe ich mir Gedanken gemacht. Es mag vermessen klingen, aber ich wollte Sie tatsächlich darum bitten, hier wohnen zu dürfen. Ich werde selbstverständlich versuchen, die Belastung zu gering wie möglich zu halten. Allerdings bin ich befugt, Ihnen ein großzügiges finanzielle Angebot zu machen, das alle Informationen, Auslagen und auch meinen Aufenthalt hier abdecken soll.“ Er nannte eine Summe und sah mit Befriedigung, dass die Augen von Lord Cyril sich verengten. Das war offenbar mehr, als er für möglich gehalten hatte. Auch Lady Robina schnappte nach Luft. Diese Summe würde mühelos ausreichen, um die demnächst fälligen Steuern zu zahlen und einige dringende Reparaturen in Angriff zu nehmen.

„Wie soll das Ganze aussehen?“, fragte der Lord sachlich. Er war interessiert, und er mühte sich nicht, dieses Interesse zu verbergen.

„Wenn Sie gestatten, und um Sie nicht unmäßig zu belasten, könnte Lady Robina mich mit allen Unterlagen vertraut machen. Ich werde Ihnen vermutlich trotzdem noch eine Menge Fragen stellen müssen.“ Er warf bei diesen Worten einen bewundernden Blick zu Robina hinüber, die unwillkürlich errötete. Sie war nicht daran gewöhnt mit einem derart faszinierenden Mann konfrontiert zu werden. Und faszinierend war er tatsächlich. Nicht so sehr das Äußere zog sie in seinen Bann. Vielmehr waren es seine Ausstrahlung, seine Charme, und auch seine Intelligenz, die sie spürten konnte. Er war so ganz und gar anders als Rory.

Energisch rief sie sich zur Ordnung. Was dachte sie denn da gerade? Rory war der Mann, den sie sich ausgesucht hatte, den sie heiraten wollte, basta.

Doch der Blick von Gordon war auch weiterhin verwirrend, er wirkte fast intim, so als könnte er ihre Gefühle und Gedanken lesen. Robina schüttelte fast mit Gewalt die Verwirrung von sich ab. Sie tat gut daran, möglichst schnell zu einem normalen Verhältnis zu finden, wenn sie einige Zeit mit diesem Mann zusammen verbringen sollte.

„Wann möchten Sie beginnen, Mister St. John?“, erkundigte sie sich sachlich.

„So schnell wie möglich. Ich hoffe, Sie können meinen Aufenthalt hier innerhalb der nächsten Woche einrichten.“

„Das wird kein Problem sein.“

Man besprach noch einige Einzelheiten, dann verabschiedete sich Gordon St. John. Vater und Tochter blieben zurück, Lady Robina wirkte noch immer skeptisch.

„Stimmt etwas nicht, mein Kind?“, fragte der Lord gutgelaunt. „Das ist doch genau der Glücksfall, der uns gefehlt hat. Ich gestehe, die horrenden Steuern haben mir Sorgen bereitet.“

„Mir auch“, stimmte sie zu. „Aber es kommt mir trotzdem seltsam vor, dass eine Zeitschrift oder was auch immer, bereit ist, eine derartige Summe zu zahlen, um eine Art Reportage zu machen. Glaubst du wirklich, es gibt so viele Leute, die bereit sind, ihrerseits soviel Geld für ein Buch zu zahlen?“

„Ach, Robina, du solltest weniger misstrauisch sein. Das muss uns wirklich nicht weiter kümmern. In den nächsten Tagen kommt der Vertrag, in dem uns das Geld schriftlich zugesichert wird, dazu eine Abschlagssumme, die uns von den ärgsten Sorgen befreit. Alles andere sollte uns wenig kümmern. Freue dich mit mir, dass wir im Augenblick ein Problem weniger haben. Und – wer weiß, vielleicht finden wir ja bei dieser Präsentation sogar den lange verloren geglaubten Schatz von Lord Angus.“

Robina lachte hell auf. „Das glaubst du doch selbst nicht, Dad. Es existiert überhaupt kein Schatz, der ist nur eine Legende. Genauso wie die Geschichte der dreizehn Eichen. Ein Märchen für Touristen, die mit einem schaurigen Grusel wieder nach hause gehen und noch lange davon erzählen können, dass sie die Nähe der Geister gespürt haben.“

Lord Cyril fiel in ihr Lachen ein. „Ich weiß nicht, Kind, Legenden enthalten immer einen wahren Kern. Und du hast dir nie die Mühe gemacht, selbst mal die Wahrheit unserer Familie zu erforschen. Vielleicht täuscht du dich.“

„Nein, Dad, bitte komm mir nicht so. Ich verlasse mich da weniger auf die Schatzsuche als vielmehr auf die ganz realen Arten des Geldverdienens.“

Der Lord wechselte überraschend schnell das Thema. „Was hältst du von diesem Gordon St. John?“, fragte er mit einem Augenzwinkern.

Sie hielt inne. „Ein interessanter Mann, und ein gefährlicher dazu, glaube ich jedenfalls. Aber ich habe das Gefühl, er verbirgt etwas.“

„Tun wir das nicht alle? Wer trägt schon sein Herz auf der Zunge? Auf jeden Fall gefällt er mir besser als Roderick.“

„Dad. Jetzt reicht es aber. Ich weiß wirklich nicht, was du gegen Rory einzuwenden hast.“ Die gute Laune der jungen Frau war dahin.

„Er ist nicht gut genug für dich. Und er wird immer nur sich selbst lieben. Denk an meine Worte“, gab Lord Cyril warnend zurück.

„Du bist ein Schwarzseher, Dad. Aber ich verzeihe dir.“ Robina gab ihrem Vater einen Kuss auf die Wange und ging hinaus. Der Mann starrte eine Weile nachdenklich ins Leere. Roderick verscheuchte er schnell aus seinen Gedanken, der junge Mann war es nicht wert, sich lange mit ihm zu befassen. Viel mehr Sorgen bereitete ihm die Tatsache, dass seine Tochter so leichtfertig über die Geschichte des Schlosses hinwegging. Natürlich, ihm waren Tatsachen bekannt, von denen Robina keine Ahnung hatte. Aber sie sollte wirklich etwas mehr an die Überlieferungen glauben. Obwohl Lord Cyril sein ganzes Leben dem Schatz von Lord Angus gewidmet hatte und mittlerweile den Aufenthaltsort kannte, wagte er es doch nicht, auch nur ein Stück davon anzufassen. Es war Blutgeld, und was würde passieren, sollte er beginnen es auszugeben? Nein, bevor der Schatz geborgen wurde, musste er sicher sein, dass niemand dadurch Schaden nehmen konnte.

Seufzend machte er sich wieder an seine Arbeit. Schon heute Abend würde Gordon St. John eintreffen, der junge Mann wollte wirklich keine Zeit versäumen.

 

 

2

Die Räume in Lammermore Castle waren hoch, teilweise mit Stuck und Wandmalereien verziert – und kalt. Es schüttelte Robina oft, wenn sie durch die langen Gänge lief. In früheren Zeiten hatten überall Kohlepfannen gestanden, und die großen Kamine waren mit ganzen Baumstämmen gefüttert worden. Doch wirkliche Wärme hatte nach Meinung der jungen Frau auch dadurch nicht aufkommen können. Eine Heizung einzubauen war entschieden zu teuer, doch immerhin hatte Lord Cyril in den heute bewohnten Räumen die Decken tiefer hängen und moderne Heizkörper installieren lassen. So war wenigstens in den genutzten Wohnräumen für ein angenehmes Klima gesorgt. Aber heute noch brannten im Winter schwere Holzscheite in den Zimmern, die für die Touristen freigegeben waren. Dort befanden sich auch noch alte Möbel, die in der Kälte früher oder später zerstört würden. Es war also immer notwendig für große Holzvorräte zu sorgen.

Robina zog sich in ihr Zimmer zurück, um selbst noch etwas zu arbeiten. Für einen Professor der historischen Fakultät recherchierte sie gerade in einer alten Kirchenchronik, und sie fand es faszinierend, welche alltäglichen Kleinigkeiten dort festgehalten worden waren. Geburten, Todesfälle und Hochzeiten waren das übliche, doch es fanden sich auch Angaben über das Wetter, die Ernte oder marodierende Banden. Nicht nur einmal war sie auf das Unwesen ihres Vorfahren gestoßen, so dass sie gar nicht mehr über ihn wissen wollte. Er war ein ganz besonders abscheuliches Exemplar der Gattung Raubritter gewesen, dachte sie schaudernd. Selbst wenn es irgendwo verborgen einen Schatz geben sollte, woran sie nicht einmal glaubte, dann klebte an dem jede Menge Blut. Hier befand sie sich im Einklang mit den Überlegungen ihres Vaters.

Ein paar Stunden später bemerkte sie erstaunt, wie spät es schon war. Eigentlich hatte sie Rory noch anrufen wollen, aber dafür war es jetzt schon zu spät. Müde ging sie zu Bett und las noch ein paar Seiten in einem guten Buch.

Mitten in der Nacht schreckte sie hoch. Was war das? Geräusche drangen von draußen vom Flur herein. Einbrecher?

Robina war nicht ängstlich, und was wollte ein Einbrecher hier schon holen? Rasch schlüpfte sie in den Morgenmantel und griff nach einem Schürhaken am Kamin. Wer auch immer da draußen Lärm machte und nicht hierher gehörte, sollte sich umsehen.

Lautlos öffnete sie die Tür, ohne erst Licht anzumachen. Augenblick wurden die Geräusche lauter. Schwere Schritte von mehreren Leuten, das Klirren von Gegenständen aus Metall, dumpfe, unverständliche Worte – wer, bei allen guten Geistern war das?

Gesunder Zorn ergriff Besitz von Robina. Es gab hier sicher einiges, was historisch bedeutsam und vielleicht deswegen wertvoll war. Aber das wenige würde sich die junge Lady auf keinen Fall stehlen lassen. Sie fasste den Schürhaken fester und ging ein paar Schritte voran. Die Geräusche mussten sich bereits hinter der Gangbiegung befinden. Schade, keine Taschenlampe, dachte sie noch, dann blickte sie um die Ecke und erstarrte zur Salzsäule.

Das waren keine Menschen, die da in einer Reihe den Gang entlangstapften. Die Körper waren unwirkliche und durchscheinend, sie leuchteten aus sich selbst heraus und verursachten dennoch einen Lärm wie feste körperliche Menschen. Allen voran schritt ein Mann, der einen furchteinflößenden Eindruck verbreitete. Gut 1,90 m mochte er messen, besaß breite Schultern und Hände groß wie Bratpfannen. Das Gesicht war zugewachsen von einem verfilzten roten Bart, und wirre, ebenso rote Haare hingen bis auf die Schultern herab. Die übrigen Kerle wirkten um keinen Deut vertrauenerweckender. Sie waren genauso wild und kriegerisch. Alle hielten in den Händen eine Art Streitaxt, und an den Hüften baumelten Schwerter.

Das Herz schlug Robina bis zum Halse, und ihr Mund wurde trocken. Eisige Kälte breitete sich im ganzen Körper aus. Sie hatte Angst, pure kreatürliche Angst.

Das hier war doch ganz und gar unmöglich! Es gab keine Geister, sie glaubte nicht an Geister. Das musste ein Alptraum sein. Bestimmt wachte sie gleich auf und lachte dann über sich selbst. Sie kniff sich in den Arm. Der Schmerz erschreckte sie förmlich, also träumte sie nicht. Sie spürte, dass ihr ganzer Körper anfing zu zittern, und die Knie wurden weich.

Robina starrte dem Anführer der wilden gesellen genau in die blauen Augen, doch der schien sie nicht einmal zu sehen. Ganz eng drückte sich die Frau an die Wand, suchte dort auch Halt angesichts der ungeheuerlichen Vorgänge.

Die Truppe marschierte weiter, und die Lady riss sich energisch zusammen. Der Schürhaken würde ihr wohl kaum etwas nützen, doch sie ließ ihn nicht los. Er vermittelte ihr ein trügerisches Gefühl von Stärke.

Robina schluckte schwer. Dann lief sie tapfer hinter den geistern her. Sie wollte wissen, was die vorhatten. Es ging durch das Gebäude nach draußen in den Innenhof. Jeder der Kerle stellte sich vor einen Baum, dann wurden mit einem singenden Laut die Schwerter gezogen und mit den Spitzen auf einen gemeinsamen Mittelpunkt ausgerichtet. Schlagartig verstummte jedes Geräusch, eine Kältewelle breitete sich aus, von der auch Robina im Schatten der Eingangshalle zum Schloss erfasst wurde. Blaues Feuer zuckte aus den Waffen, sammelte sich zu einem kalt glühenden Ball – und verging in einer lautlosen Explosion. Stöhnen klang auf, die durchsichtigen Gestalten krümmten sich, dann war der Spuk vorüber. Lord Angus und seine Spießgesellen waren verschwunden, die Nacht bekam ihr normales Gesicht zurück, und die Temperatur normalisierte sich wieder.

Doch Robina stand noch immer allein und zitternd da. Ihre Zähne schlugen aufeinander, und sie war minutenlang unfähig sich zu rühren. Dann fiel ihr der Schürhaken aus der Hand, sie lehnte sich schwer atmend an eine Wand.

Vollkommen unmöglich! Das war der einzige Gedanke, der in ihrem Kopf noch Platz hatte. Doch sie hatte mit eigenen Augen den Durchzug der Geister gesehen. Wurde sie am Ende verrückt? Nein, bisher war sie immer ein vernünftige und praktische junge Frau gewesen. Wahnsinn lag auch nicht in der Familie, soweit sie wusste. Also hatte der Vorfall gerade stattgefunden, auch wenn es keine rationale Erklärung dafür gab.

Robina hatte noch immer weiche Knie, und sie schleppte sich jetzt zurück nach oben, wollte in ihr Zimmer gehen, niemanden mehr hören oder sehen. Nur allein sein, das jagende Herz beruhigen, und sich selbst einreden, dass sie weder etwas gehört noch gesehen hatte. Rein gar nichts. Absolut nichts. Nichts!

Sie bog mit zitternden Beinen um eine Ecke und schrie auf. Da stand noch jemand.

Starke Hände hielten sie an den Schultern fest, bevor sie vor Schreck zu Boden fallen konnte.

„Du liebe Güte, Lady Robina? Was machen Sie hier um diese Zeit? Treiben Sie bei Nacht Gymnastik, oder haben Sie mit Ihrem Singkreis gerade den Mond angebetet?“ Diese flapsigen Worte bewirkten, dass sie sich unwillkürlich zusammenriss.

„Ihr Verhalten ist einem Gast kaum angemessen“, wies sie ihn zurecht und spürte doch selbst, wie kläglich ihre Stimme klang. „Selbst wenn ich des Nachts Hexentänze aufführen sollte, wäre das nicht Ihre Sache, Mister St. John. Was machen Sie überhaupt hier?“

Er ließ sie mit einem fast bedauernden Blick los und streifte dabei ungewollt und verwundert den Schürhaken, den sie wieder mitgenommen hatte.

„Ich hörte Lärm, der nicht zu dem ruhigen idyllischen Castle passte. Da wollte ich sehen, was los ist, oder ob ich irgendwo helfen kann.“ Die Erklärung des Mannes klang einleuchtend. Robina bemerkte, dass er ebenfalls einen Morgenmantel über einem Pyjama trug. Beide hatten wohl schon bessere Tage gesehen, aber sie wirkten ausgesprochen bequem und vornehm. Der Morgenmantel bestand aus Samt und trug ein eingesticktes Emblem an der Tasche. Sie besann sich jetzt darauf, wer, was und wo sie war.

„Es ist nichts vorgefallen, Mister St. John, was Sie beunruhigen sollte. Danke für Ihre Hilfsbereitschaft. Darf ich Sie nun bitten, wieder Ihr Zimmer aufzusuchen? Sie werden doch sicher Ihren Schlaf brauchen.“

Er trat einen Schritt zurück, Überraschung und auch Anerkennung im Blick für ihre Reaktionsfähigkeit.

„Nicht schlecht, Mylady, wirklich nicht schlecht. Doch selbst als Gast ist es mir doch wohl gestattet, mich nach dem Zweck dieser Waffe zu erkundigen? Und die Tatsache, dass Sie ganz allein hier herumgeistern…“

Er sah, dass ihr Gesicht noch blasser wurde und streckte unwillkürlich die Hände aus, und sie festzuhalten. Sie wich zurück, schwankte, fing sich gleich wieder. Damit hatte sie jedoch das Misstrauen in Gordon endgültig geweckt. Der wusste aber auch, was er sich und seiner Gastgeberin schuldig war. Außerdem besaß er, wie die meisten Schriftsteller, eine gutes psychologisches Gespür und einen ausgeprägten Sinn für das Praktische, selbst wenn es sich nicht in ein Schema pressen ließ.

„Verzeihen Sie bitte, Mylady, ich wollte Ihnen selbstverständlich nicht zu nahe treten. Es war nichts, gar nichts. Ich wünsche Ihnen noch eine gute Nacht.“ Er deutete mit dem Kopf eine Verbeugung an, drehte sich um und machte Anstalten, wieder sein Zimmer aufzusuchen. In diesem Augenblick wurde Robina bewusst, dass sie hier vielleicht jemanden gefunden hatte, der ihr diese ganze verrückte Geschichte glauben würde. Um ihres eigenen Seelenfriedens willen musste sie mit ihm reden – und auch, um den Vater nicht beunruhigen.

„Halt, warten Sie bitte, Mister St. John – Gordon“, bat sie mit weicher Stimme.

Er blieb stehen, ohne sich umzudrehen. „Ja?“

„Da war doch noch etwas, aber ich weiß gar nicht, wie ich das erklären soll…“

„Sie können es ja versuchen“, meinte er ruhig. Mit zwei Schritten befand er sich neben ihr. „Brauchen Sie dieses – dieses Ding wirklich?“, fragte er und deutete auf den Schürhaken.

Sie lachte etwas nervös auf. „Nein, nicht wirklich. Kommen Sie, Gordon, ich will Ihnen eine total verrückte Geschichte erzählen. Aber ich warne Sie, es klingt einfach nur unglaublich.“

„Unglaubliche Geschichten sind meine Spezialität“, behauptete er und lächelte unmerklich.



3

Lord Cyril spürte am nächsten Morgen gleich, dass sich etwas verändert hatte. Seine Tochter hatte Gordon St. John bislang abgelehnt und seine Anwesenheit nur widerwillig geduldet. Jetzt plötzlich, beim Frühstück, behandelte sie ihn wie einen Gleichgestellten, lächelte ihm zu und suchte das Gespräch mit ihm. Was mochte über Nacht ihre Meinung geändert haben? Nun, was es auch sein mochte, er war froh darüber. Der Lord verabscheute es, wenn sich in seiner Nähe Disharmonie breit machte. Er war im Grunde der Typ des stillen Gelehrten, der nur den Wunsch hatte, in Frieden seinen Studien nachzugehen. Er war kein Kämpfer, ganz im Gegensatz zu Robina, die durchaus mit stolz erhobenem Kopf der Welt und allen Schwierigkeiten die Stirn bieten konnte.

Er beobachtete die beiden jungen Menschen und fühlte sich plötzlich uralt. Er war der letzte männliche Nachkomme seiner Linie, und seine Tochter hatte bisher noch keine Anstalten gemacht, sich angemessen zu verheiraten. Roderick betrachtete er in diesem Fall nicht als angemessen. Er war eben nicht der Richtige. Deshalb konnte Lord Cyril die Wahl seiner Tochter einfach nicht verstehen. Liebe war es sicher nicht, was die beiden verband. Und Geld sollte nicht gerade der zwingende Grund sein, dass Robina in eine Ehe ging, die nicht von Gefühlen getragen wurde. Nein, stellte Seine Lordschaft erstaunt fest, Gordon St. John würde wirklich besser zu Robina passen, auch wenn er nicht gerade aus dem Hochadel stammte. Doch was spielte das heutzutage noch für eine Rolle?

„Dad? Was sagst du dazu? Dad? Hörst du überhaupt zu?“ Robina berührte ihren Vater am Arm, und er schrak aus seinen Gedanken auf.

„Oh, entschuldigt bitte, ich habe nachgedacht. Um was geht es?“ Er schaute fragend von Robina zu Gordon.

„Würdest du uns bitte helfen, die Chronik ausfindig zu machen, in der das Leben und die Untaten von Lord Angus genau aufgeschrieben wurden? Du kennst dich in unserer Bibliothek viel besser aus. Dann kann Gordon, ich meine Mister St. John, aus erster Hand die Fakten nachlesen. Für die Führungen benutze ich schließlich nur die Überlieferung, von der ich nicht glaube, dass sie richtig ist. Touristen wollen nun mal einen angenehmen Grusel verspüren.“

Der Lord lächelte. „Ich bin wirklich erstaunt, dass du als Historikern nicht längst selbst danach gesucht hast. Aber das wird sich ja jetzt hoffentlich ändern. Selbstverständlich werde ich behilflich sein. Aber ich kann natürlich schon jetzt sagen, dass die nüchternen Fakten nicht gerade gruselig zu nennen sind, eher grausam und unmenschlich.“

„Wir werden sehen. Ich bin Ihnen sehr dankbar, Euer Lordschaft…“

„O nein, bitte, ich denke, diese hochformelle Anrede sollten wir nun doch lassen, da verbiegt sich ja die Zunge. Ihr zwei redet euch ja offensichtlich auch schon mit Vornamen an. Da ist es vollkommen ausreichend, wenn Sie Lord Cyril zu mir sagen.“

„Gern“, stimmte Gordon zu. „Ihr Angebot ehrt mich, und ich nehme es dankbar an. Es ist mir eine Freude mit jemandem zusammenzuarbeiten, der sich in dieser Angelegenheit so gut auskennt.“

Eine gute Stunde später befanden sich die drei in der berühmten Bibliothek von Lammermore Castle. Sie befand sich im Westturm des Gebäudes, umfasste vier Stockwerke und war ein sensationelles Meisterwerk. Jede Etage maß annähernd 30 m im Durchmesser, war durch eine Treppe mit den anderen Stockwerken verbunden, und in der Mitte gab es keinen Boden, so dass eine hohe lichte Halle entstand.

Lord Cyril befand sich im obersten Stockwerk, zu dem außer ihm sonst niemand Zutritt hatte. Hier wurden die Kostbarkeiten aufbewahrt, unschätzbare handgeschriebene Bücher, die einmalig auf der Welt waren. Unter hohen Kosten hatte der Lord hier Vitrinen einbauen lassen, die ein besonderes Klima schufen, in dem die unersetzlichen Exemplare sicher aufbewahrt wurden.

Lady Robina hielt sich im zweiten Stockwerk auf, in dem sich meist Lagepläne befanden. Gordon St. John befand sich im dritten Stockwerk, er forschte in den normalen Chroniken der Vergangenheit, hatte aber immer wieder Schwierigkeiten, die einzelnen Handschriften zu entziffern.

Robina studierte fasziniert einen Plan, von dessen Existenz sie nicht einmal etwas gewusst hatte, geschweige denn vom Vorhandensein dieser Geheimgänge. Hier fand sie das Schloss, bevor einige Anbauten vorgenommen worden waren, also etwa um das Jahr 1650 herum.

Der Butler trat nach kurzem Anklopfen herein, blickte hoch und wandte sich an die junge Lady.

„Seine Lordschaft Roderick of Glenmullan wünscht Ihre Ladyschaft zu sprechen.“ Schon die Wortwahl des getreuen Butlers machte deutlich, dass er mit der Wahl von Robina ebenso wenig einverstanden war wie ihr Vater. Sie lächelte unwillkürlich. Bevor sie den Besucher aber hereinbitten konnte, schob der junge Mann den Dienstboten beiseite.

„Da bin ich, frisch aus London zurück“, rief er fröhlich.

Roderick, genannt Rory, war ein unbekümmerter junger Mann mit braunen Augen, lockigen dunklen Haaren und einem gewinnenden Lächeln. Er besaß neben dem Vermögen, das er einmal von seinem Vater erben würde, eine Menge Charme und viel Herzlichkeit, die allerdings nur selten ernst gemeint war. Lord Cyril hatte schon frühzeitig erkannt, dass Rory oberflächlich und nachlässig war, kein Verantwortungsgefühl besaß und nur zu seinem eigenen Vergnügen lebte.

Die Stimme des Mannes hallte durch die gesamte Halle alle Stockwerke hinauf und erreichte auch die beiden Männer in den oberen Etagen.

Gordon streckte den Kopf über die Brüstung des Geländers, hörte dann aber von oben die Stimme des Lords.

„Lassen Sie die zwei allein. Kommen Sie herauf zu mir.“ Zum ersten Mal seit Jahren erlaubte der Herr von Lammermore Castle einem Außenstehenden den Zutritt zum Allerheiligsten. Gordon war mehr als nur beeindruckt, denn dieses Stockwerk galt als Schatz, den niemand zu sehen bekam. Als erstes zog er weiße Handschuhe an, hier oben wurde nichts mit bloßen Händen berührt. Lord Cyril bot dem Besucher einen Platz auf einem unbequemen Stuhl an und machte eine wegwerfende Handbewegung zu Rory hinunter.

„Der Besuch sollte Sie nicht weiter stören – meine Tochter betrachtet ihn als eine Art zukünftigen Ehemann. Aber ich bin sicher, dass es sich dabei um einen großen Irrtum handelt. Er passt nicht zu ihr. Kein Stil, keine Manieren, keine Bildung – und keine Ausbildung.“

Wenn Gordon erstaunt war über diese Offenheit, so ließ er sich das nicht anmerken. Er lächelte.

„Es handelt sich demnach nicht um Ihren Wunschschwiegersohn?“

„Gott bewahre. Ich weiß nicht, was Robina an ihm findet. Aber sie ist alt genug, um ihre eigenen Erfahrungen zu machen und selbstständig Entscheidungen zu treffen. Ich bin ja nur der Vater und muss zusehen, wie sie sich entscheidet.“

„Sie sind ein prächtiger Vater, Lord Cyril. Ich wünschte, ich hätte auch so einen gehabt“, entfuhr es Gordon ungewollt.

Der Lord rückte seine Brille gerade und musterte den jungen Mann vor sich. „Ich habe mich über Sie kundig gemacht, junger Mann. Ihr Vater war George Fitzpatrick St. John, der Botschafter Ihrer Majestät in Indien, Ihre Frau Mutter war Lady McIntosh….“

„Bitte“, wehrte Gordon ab. „ich bin erstaunt, was Sie alles wissen. Aber ist das wirklich so interessant zu wissen, dass meinem Vater der Dienst für die Krone wichtiger war als die eigene Familie?“

„Für mich schon. Es mag sein, dass ich auf andere Menschen etwas skurril wirke, doch ich weiß immer gern Bescheid über die Gäste, die unter meinem Dach leben.“

„Dann wissen Sie vermutlich auch Bescheid über den Skandal in meiner Familie“, erwiderte Gordon jetzt bitter.

„Ach, Mister St. John, ich würde es nicht unbedingt für einen Skandal halten, wenn ein Mann im zweiten Frühling sein Herz für eine andere Frau entdeckt, nach Abschluss der Affäre aber zu seiner Familie zurückkehrt. Nun, ich nehme an, ihre Frau Mutter hat es ihm nicht leicht gemacht?“

„Ganz im Gegenteil, sie war fast sofort bereit, ihm alles zu verzeihen. Er konnte sich selbst nicht verzeihen. Daraufhin zog er sich immer mehr zurück, pflegte auch zu mir und meiner Schwester keinen Kontakt mehr und starb schließlich. Vielleicht an gebrochenem Herzen, ich weiß es nicht.“

„Das ist ausgesprochen bedauerlich. Nun wissen Sie ja zumindest, welche Fehler Sie im Leben vermeiden sollten.“

Gordon hielt verblüfft inne, dann lächelte er. „Unter diesem Aspekt habe ich die Sache noch nie gesehen. Sie denken sehr praktisch, Lord Cyril. Danke. Haben Sie Lord Roderick auch schon so gute Ratschläge für das Leben verpasst?“

„Um Himmels Willen, nein, wo denken Sie hin? Er würde nicht einmal auf mich hören. Er hält mich für … naja, für was auch immer. Sehen Sie nur.“

Gordon blickte über das Geländer nach unten. Er sah den schweren wuchtigen Schreibtisch, an dem dort Lord normalerweise saß, die gemütliche Sesselgarnitur am Kamin und die beiden Stühle mit dem kleinen runden Tisch.

Robina hatte sich auf einen der Stühle gesetzt, Rory hockte auf der Tischkante. Die Stimmen der beiden klangen herauf, laut genug, um jedes Wort zu verstehen.

„Die Party war einfach nur großartig. Eine ganze Reihe bekannter Leute war da…“, sprudelte der junge Mann hervor.

„Hatte dein Vater dich nicht nach London geschickt, um Verhandlungen zu führen?“, unterbrach Robina, die kein Interesse an der Beschreibung wilder Partys hatte.

„Ach, das“, meinte er wegwerfend. „So ein Haufen langweiliger alter Männer habe ich ja noch nie gesehen. Nein, ich habe diese Verhandlungen abgesagt. Unser Verwalter kann sich darum kümmern.“

„Du bist ein Kindskopf“, warf sie ihm vor. „Rory, wie willst du jemals dein Erbe übernehmen und die Geschäfte führen, wenn du jede noch so einfache Aufgabe hinwirfst? Du musst lernen, dass die Arbeit wichtiger ist als dein Vergnügen.“

„Fang du nicht auch noch an. Erwartest du vielleicht auch von mir, dass ich mich stundenlang an den Schreibtisch setze und in Büchern, gleich welcher Art, versinke? Nein, Robina, sowas kann niemand von mir verlangen – du nicht, und mein Vater schon gar nicht. Schau dir doch nur mal deinen alten Herrn an. Der hat doch keine Ahnung, was Leben überhaupt heißt, der verbringt alle seine Tage hier zwischen uralten verstaubten Büchern. Und wenn du nicht bald mal öfter aus dem Haus kommst, dann wirst du noch genauso. Ich habe beschlossen, das zu ändern. Am Freitag fahren wir beide übers Wochenende nach Edinburgh und machen so richtig einen drauf.“

Sie war augenblicklich verstimmt. „Du solltest dir überlegen, was du über meinen Vater sagst. Ich mag es nicht besonders, wenn man abfällig über ihn spricht“, mahnte sie.

„Ach komm, ich meine es ja nicht böse, sei nicht so langweilig.“

In diesem Augenblick machte Gordon oben am Geländer eine ungeschickte Bewegung und ein Stift fiel herunter. Das Geräusch schreckte Rory auf, der gedacht hatte, hier mit Robina allein zu sein. Etwas verlegen schaute er auf und erwartete Lord Cyril zu erblicken. Stattdessen sah er einen fremden jungen Mann – im obersten Stockwerk, das selbst Robina nur selten betreten durfte.

„Wer zum Teufel sind Sie? Was machen Sie da oben? Was fällt Ihnen ein, die Gespräche anderer Leute zu belauschen?“

„Rory, das ist ein Gast in diesem Haus, ein Schriftsteller, Gordon St. John.“

„Und wenn es der Hofschreiber persönlich wäre – er hat keine Manieren“, schimpfte Rory.

„Ich glaube, junger Mann, diesen Vorwurf kann ich zurückgeben“, mischte sich Lord Cyril ein und blickte ebenfalls nach unten.

„Robina, ich glaube, ich bin hier reichlich unerwünscht. Du solltest mich besser in Hilman Hall besuchen, dort sind wir mit Sicherheit ungestört. Hier bleibe ich nicht länger. Ruf mich an, wir machen einen Termin für Freitag aus. Guten Tag, Euer Lordschaft.“ Er stapfte zur Tür und knallte sie hinter sich zu.

„Das war nicht nett von euch“, beschwerte sich Robina.

„Wollen Sie diesen Menschen wirklich heiraten, Mylady?“, erkundige sich Gordon respektlos und mühte sich, ein Lachen zu unterdrücken. Roderick war in seinen Augen nicht ernstzunehmen. Wie konnte eine so kluge, intelligente Frau auch nur einen Gedanken an diesen Blender verschwenden?

„Das ist doch wohl meine Sache“, gab sie kühl und verstimmt zurück. „Was tun Sie überhaupt da oben?“

„Ich habe ihn hierher gebeten, meine Liebe. Ich möchte gern, dass du auch hierher kommst. Es sieht so aus, als hätten wir das Richtige gefunden.“

Robina eilte die Treppen hinauf und zog ebenfalls die weißen Baumwollhandschuhe an, die unbedingt notwendig waren. Altes Papier und Pergament durfte nicht durch Schmutz und Schweiß verunreinigt werden.

Ihr Vater hatte eine alte schwere Schlosschronik aus einer Vitrine genommen und aufgeschlagen. Das Papier war vergilbt, doch die Schrift stach klar und deutlich hervor.

„2. August, im Jahre des Herrn 1637. Lord Angus und seine Mörder haben heute die Burg der Glenmullans, also Hillman Hall, überfallen. Der Lord ist tot, ebenso sein jüngster Sohn. Das junge Weib wurde geschändet, der Schmuck gestohlen. Möge Gott diese Verbrecher strafen, denn der Sheriff wagt es nicht.“

Langsam las der alte Lord diese Worte, bemühte sich, sie in eine verständliche Sprache zu bringen. Dann schaute er auf. „Dies hier ist die Kirchenchronik von Lammermore. Den Ort gibt es längst nicht mehr“, erklärte er mit leichtem Bedauern. „Aber hier haben wir die Aufzeichnungen des Pfarrers, so als wären wir selbst dabei gewesen. Der Priester war in jener Zeit häufig der einzige, der schreiben und lesen konnte. Und er hatte keinen Grund, etwas aufzuzeichnen, was nicht der Wahrheit entsprach.“

Robina waren diese Tatsachen natürlich längst alle bekannt, aber für Gordon tat sich irgendwo eine neue Welt auf. Es ist ein Unterschied, irgendwann in der Schule etwas darüber zu hören, oder hier selbst dabei zu sein. Er lebte außerdem in der sachlichen Welt der Dokumentationen, die alle wissenschaftlich zu belegen waren, Augenzeugenberichte waren etwas ganz anderes. Dies hier war lebendig gewordene Geschichte. Mit großem Interesse hörte er zu. Lord Cyril las vor und übersetzte, und vor den beiden jungen Menschen tat sich eine ganz andere Welt auf. Eine Welt voller Grausamkeit, Blut – und Faszination.

Weib, bring mir noch mehr Wein“, brüllte Angus of Lammermore und warf einen angenagten Knochen mit blutigen Fleischresten nach der Frau. Die verängstigte Magd gehorchte. Jeder hier im Schloss tat gut daran, sofort zu gehorchen, wenn ein Befehl erteilt wurde, denn Lord Angus war äußerst erfindungsreich, wenn es darum ging, Ungehorsam zu bestrafen. Und doch floh niemand aus der grauenvollen Knechtschaft. Wohin hätte man auch gehen sollen. Als Leibeigene hatten die Dienstboten nicht einmal das Recht auf das eigene Leben; Land zu bearbeiten – auf eigene Rechnung - war ihnen völlig unmöglich ohne Erlaubnis des Grundbesitzers. Und der war nun einmal Lord Angus. Er und seine Spießgesellen, 12 wilde Kerle, die ihn auf seinen Raubzügen begleiteten und sich an Grausamkeit und Brutalität zu übertreffen suchten, saßen in der großen Halle vor dem Kamin mit dem prasselnden Feuer. Sie hatten gut gegessen, und jetzt wurde ein Trinkgelage folgen, wie so oft vorher. Schon griffen gierige Hände nach den verschreckten Mägden, die sich nicht zu wehren wagten. Ein paar Spielleute mühten sich redlich gegen den grölenden Lärm anzuspielen, als ein entsetzter Schrei die übrigen Geräusche übertönte.

Eines der Mädchen schrie noch immer, sprang vom Schoß einer der Männer auf und hielt dabei die Hände vor der Brust. Blut quoll aus einer Wunde, und die anderen Mägde versuchten ihr zu helfen. Der Schrei brach ab, die Augen wurden leblos, dann sackte der Körper zusammen. Entsetzen stand auf den Gesichtern der anderen Frauen. Soweit waren die Kerle noch nie gegangen, dass sie eine unwillige Frau gleich ermordeten. Aber Lord Angus lachte nur leise. „Eine weniger.“ Er strich sich mit den schmutzigen Fingern durch den verfilzten roten Bart, dann öffnete er eine Klappe im Boden und schubste den leblosen Körper hinein. Unten klatschte Wasser auf. Eine Leibeigene war es nicht wert ein Grab auszuheben, niemand würde sie vermissen. Wahrscheinlich war es schon eine Gnade, dass nicht die Hunde auf den Leichnam gehetzt wurden.

Das Gelage nahm seinen Fortgang bis ein krachender Donner, dicht gefolgt von einem blauen Blitz die ganze Gesellschaft erschreckt zusammenfahren ließ.

Was, zum Teufel!“, brüllte der Lord, sprang auf und stieß das Mädchen zu Boden, mit dem er sich gerade beschäftigt hatte.

Vor seinen Augen erschien eine alte Frau aus dem Nichts. Klein, hutzelig und nicht gerade furchterregend wirkte sie, doch der Lord wich furchtsam einen Schritt zurück.

Du hast dein Wort gebrochen“, sagte die Alte leise. „Du hast mich angefleht, dir Macht zu geben, um ein neues Leben zu beginnen und anderen zu helfen. Das war vor 20 Jahren. Nun ist die Zeit der Abrechnung gekommen, und ich stelle fest, dass du bösartig und grausam bist. Wo ist das Gute, das du tun wolltest?“

Angus fasste sich wieder. Warum sollte er Angst haben? Was konnte dieses Weib ihm schon tun, es handelte sich doch nur um ein Hutzelweib.

Was willst du von mir?“, brummte er. „Ich habe es mir eben anders überlegt, was ist schon dabei? Ich führe ein gutes Leben, und meine Leute sind zufrieden. Ist das nicht genug?“

Deine Leute?“, fragte sie voller Verachtung. „Schau sie dir an, deine Leute. Mädchen, die du geschändet hast, Väter und Mütter, die du getötet hast, um die Kinder als Leibeigene zu behalten oder zu verkaufen? Das sind deine Leute? Du bist ein Verbrecher, Angus, und du kannst nicht mehr lange vor dir selbst davonlaufen. Die Strafe für deinen Frevel wird nicht mehr lange auf sich warten lassen.“

Ach, verschwinde, Alte“, brüllte er. „Du langweilst mich. Pack dich fort, oder ich hetze die Hunde auf dich.“

Wirklich?“, fragte sie voller Spott, machte eine Handbewegung, und die Hunde kamen brav und zahm auf sie zu. „Ich gebe dir einen Monat Zeit, Angus of Lammermore. Hast du bis dahin dein Leben nicht geändert, wirst du es bitter bereuen – noch über den Tod hinaus.“ Sie pustete noch einmal in die Luft. Nebel kam aus dem Nichts, und die Frau war verschwunden.

Lähmende Stille breitete sich aus.

Das ist Teufelswerk“, brüllte einer der Männer trunken. „Du musst den Priester holen, damit diese Halle gesäubert wird von der Schmach der Zauberei.“

Ja, schon gut. Aber erst morgen“, knurrte der Lord missmutig. Er lachte plötzlich auf. „Das haben wir uns alle nur eingebildet, weil wir hoffnungslos betrunken sind. Aber noch lange nicht betrunken genug. Mehr Wein“, brüllte er und schlug eine vorgehende Magd heftig auf das Hinterteil. Sie kreischte auf und lief davon, um mehr Wein zu holen.

Wenig später war der Vorfall vergessen, und das Gelage setzte sich mit unverminderter Heftigkeit fort.



4

Robina schüttelte sich, als ihr Vater seinen Bericht beendete, und auch Gordon war bleich im Gesicht.

„Ich würde es für eine Schauergeschichte halten, wenn es hier nicht schwarz auf weiß vor mir läge“, murmelte der Schriftsteller betroffen. „Ich nehme an, der Priester hat das alles so aufgeschrieben, wie er selbst es gesehen oder erlebt hat?“

„Richtig“, stimmte Cyril zu.

„Aber, Dad, du musst zugeben, dass es ziemlich weit hergeholt ist, dass jemand aus dem Nichts auftaucht und bittere Rache schwört. Was soll das überhaupt heißen, die alte Frau hätte ihm 20 Jahre zuvor Macht verliehen? Du musst auch zugeben, Dad, dass die Menschen in der damaligen Zeit abergläubisch waren. Alles, was sie nicht gleich erklären konnten – und davon gab es eine Menge – wurde mit dem Teufel und Hexerei in Verbindung gebracht. Du lieber Himmel, mit etwas Phosphor und Magnesium kann ich mir auch einen eindrucksvollen Auftritt verschaffen. Dazu gehört nur etwas Grundwissen in Chemie. Davon gab es zu allen Zeiten Menschen, die aber meistens heftig verfolgt wurden.“

„Das ist allgemein bekannt“, wandte Gordon ein. „Aber selbst, wenn ich den Aberglauben in Betracht ziehe, bleibt da einiges, was nicht so einfach zu erklären ist. Denn schließlich geht die Geschichte ja weiter bis hin zu der mysteriösen Verwandlung der 13 Raubritter in die Eichen, die noch heute draußen stehen. Dafür gibt es nun wirklich keine naturwissenschaftliche Erklärung.“

Robina lachte auf. „Aber das glauben Sie doch nicht wirklich, Gordon“, rief sie aus. „Dafür gibt es eine einfache und einleuchtende Erklärung. Ich bin davon überzeugt, die dreizehn durch den Sheriff oder die aufgebrachte Bevölkerung abgemurkst wurden. Zum Gedenken an die Untaten wurden dann 13 Eichen gepflanzt, und schon bald bildete sich eine Legende, wie wir sie heute noch kennen.“

„Eine kluge Überlegung“, lobte Lord Cyril. „Sie hat nur leider den kleinen Nachteil, dass sie nicht stimmen kann.

„Und warum nicht?“

„Mein liebes Kind, du weißt doch, wie lange Eichen brauchen, um zu wachsen. Ich habe mich schon lange mit diesem Thema beschäftigt und weiß daher, dass die Baumgruppe draußen praktisch über Nacht entstanden ist. Weil ich es genauer wissen wollte, habe ich eine Untersuchung machen lassen. Die Zählung der Ringe hat mehr als 350 ergeben, zeitlich ist damit der Rahmen abgesteckt. Bemerkenswert an der ganzen Sache ist jedoch, dass alle Bäume einen seltsamen Kern besitzen, so als wäre die Rinde um einen Gegenstand herum gewachsen. Etwa so, wie sich eine Perle bildet, wenn ein Sandkorn in der Muschel liegt.“

Robina sprang auf. „Aber, Dad, das ist doch alles Unsinn. Für alles wird eine harmlose Erklärung geben. Aber ich vermute ohnehin, dass Gordon keinen großen Wert auf eine realistische Auflösung legt. Für seine Leser sind mysteriöse Geheimnisse sicherlich interessanter. – Die verkaufen sich bestimmt auch besser“, setzte sie etwas boshaft hinzu.

Er lächelte gutmütig. „Man muss immer anbieten, was das Publikum fordert“, stimmte er halbherzig zu.

„Gut, dann könnt ihr euch ja weiter mit Geistern und Halbwahrheiten beschäftigen. Ich jedenfalls habe noch zu tun.“

„Wirst du mit Rory in die Stadt fahren?“, erkundigte sich der Lord.

„Weiß ich noch nicht.“

„Würden Sie nicht lieber stattdessen mit mir essen gehen?“, fragte Gordon unverblümt.

Sie funkelte ihn an. „Jetzt fangen Sie auch noch damit an, dass ich von ihm die Finger lassen soll? Hat mein Vater Sie beauftragt?“

„Nein, ganz sicher nicht. Aber ich habe Augen im Kopf und Ohren, um zu hören.“

„Männer!“ Robina stürmte aus dem Raum und knallte die Tür hinter sich zu.

Lord Cyril und Gordon grinsten sich an wie Verschwörer.



5

Ein kräftiges Unwetter tobte über Lammermore Castle. Blitze zuckten durch die Nacht, Donner grollte und kalter Wind pfiff durch die Ritzen und Kamine. Drinnen im Rittersaal brannte dennoch ein großer, prasselndes Feuer, der Widerschein der Flammen zuckte über die Wände mit den Gemälden und Ritterrüstungen und tanzten auf den Gesichtern der drei Personen, die hier saßen.

Jeder hatte sich tief in ein Buch oder seine eigenen Gedanken vertieft, und nur das Krachen der brennenden Scheite durchbrach die Stille ab und zu.

„Wo fließt eigentlich der Fluss oder Bach her?“ Gordon hob ruckartig den Kopf, als ihm diese Frage unvermittelt durch den Kopf schoss.

„Wie bitte?“ Robina schaute irritiert von ihrem Buch auf.

„Ja, natürlich. Lord Angus hob eine Klappe und warf die Leiche hinein, es klatschte, als sie auf Wasser traf.“ Gordon zitierte nicht ganz einwandfrei, doch der Sinn wurde rasch klar.

„Sie haben recht, es muss einen unterirdischen Fluss- oder Bachlauf geben“, stellte der alte Lord verblüfft fest. Warum war ihm das nicht längst eingefallen? „Aber hier in der Nähe ist nichts darüber bekannt.“

„Es könnte sich auch um einen Brunnenschacht handeln“, gab die junge Frau zu bedenken.

„Hier im Schloss? Wohl kaum? Dann wäre der Zugang auf jeden Fall in der Küche gewesen“, widersprach ihr Vater. „Aber im Laufe der Zeit kann der Bach natürlich auch ausgetrocknet sein.“

„Wollen wir nicht lieber versuchen diese Klappe im Boden zu finden. Dann wissen wir doch wenigstens, ob etwas Wahres an der ganzen Geschichte ist.“ Der Schriftsteller war ein praktischer Mensch, und er sah, wie Robinas Gesicht plötzlich unternehmungslustig leuchtete. Lord Cyril schüttelte den Kopf, hatte aber nichts gegen die Suche einzuwenden

Gleich räumten die jungen Leute Möbelstücke und Teppiche beiseite, dann gingen sie auf die Knie und begannen auf dem Boden zu klopfen. Sollte es irgendwo einen Hohlraum geben, dann war auf diese Weise sicher etwas zu hören.

„Ihr werdet sämtliche Mäuse und Fledermäuse im Gebäude aufschrecken. Beschwert euch nicht, wenn heute Nacht ein ständiges Kommen und Gehen herrscht“, brummte der Lord gutmütig.

„Dad. Diese Geschichten habe ich dir schon als Kind nicht geglaubt. Warum sollte ich es jetzt ohne Beweise tun?“

Es klopfte an der Tür, doch das hörte natürlich niemand. Der Butler trat ein und musterte verwundert das befremdliche Tun.

„Fragen Sie nicht, Jeffrey“, murmelte Cyril mit einem Lächeln, und der Butler beugte gehorsam den Kopf. „Oder nein, besser noch, erzählen Sie uns, wo sich die Fall nach unten befindet.“

Jeffrey zog kurz die Augenbrauen hoch. „Das ist alles?“, erkundigte er sich.

„Sie wollen doch nicht sagen, dass Sie das tatsächlich wissen?“, kam die erstaunte Nachfrage von Robina, die auf dem Boden saß und ungläubig schaute.

„Aber selbstverständlich. Beim Reinigen stieß ich bereits als junger Mann darauf. Mein Vater verbot mir jedoch jede weitere Nachforschung, und so habe ich es bis heute gehalten.“

Gordon ließ sich auf sein Hinterteil fallen und Robins stöhnte auf.

„Warum haben Sie nie ein Wort darüber gesagt?“

„Es hat mich nie jemand danach gefragt, Mylady.“

Sie blickte auf Gordon, und der wirkte ebenso verblüfft. Wie auf ein Kommando brachen beide in Gelächter aus.

„Also gut“, prustete sie dann. „Genug davon. Wo ist diese verflixte Falltür?“

Der Butler ging zum Kamin, maß von dort 14 Schritte ab und stampfte mit dem Fuß auf. Es klang tatsächlich hohl. Gordon war sofort auf den Füßen und ging zu dem Mann.

„Der Boden wurde versiegelt“, erklärte Jeffrey, als der junge Mann nicht gleich etwas finden konnte.

„Halt, doch, da ist ein Spalt, ganz winzig, mit bloßen Auge kaum zu erkennen“, stellte der Schriftsteller fest. Mit einem Taschenmesser stocherte er herum, bis die Klinge plötzlich im Boden verschwand. „So kriegen wir das nie auf“, stellte er bedauernd fest.

Robina griff nach dem Schürhaken und rammte den in den Spalt hinein, wodurch ein richtiges Loch entstand. Lord Cyril richtete den Blick ergeben zum Himmel.

„Ich werde dir die Kosten für die Reparatur vom Taschengeld abziehen“, drohte er nicht ganz ernst.

„In Ordnung, Dad. Aber wenn ich jetzt hier den sagenhaften Schatz finden sollte, der Lord Angus gehört hat, macht mir das nicht viel aus.“

Gordon lachte und half der Frau dabei, die Klappe zu öffnen.

„Bekomme ich dann auch etwas?“, erkundigte er sich.

„Aber ja, eine Exklusivstory und ein gutes Essen, ist das nichts?“

Mit vereinten Kräften gelang es ihnen die Klappe aufzubrechen. Augenblick kam ein Schwall kalter Luft von unten herauf, zusammen mit einem muffigen modrigen Geruch. Robina verzog das Gesicht.

„Es muss wirklich feucht da unten sein, sonst wäre der Geruch anders. Jeffrey, haben wir eine Lampe, die da hinunterreicht?“

Der Butler nickte und kehrte gleich darauf mit dem Gewünschten zurück. Gordon nahm die Lampe, beugte sich tief in das Loch und leuchtete hinein. Entsetzt kam er wieder hoch und wandte das Gesicht ab.

„Nicht hinsehen“, bat er, doch die Frau ließ sich durch seine Worte nicht aufhalten. Sie nahm ihm die Lampe aus der Hand und schaute selbst hinunter.

„Oh, mein Gott“, stieß sie dann hervor und kämpfte unvermittelt mit der Übelkeit. Jetzt ließ sich auch Lord Cyril nicht aufhalten.

Seinen Augen bot sich ein erschreckendes Bild. Tief unten im Schacht, dessen Wände aus dicken Steinen bestanden, lagen menschliche Knochen. Wie auf einem Abfallhaufen, wild übereinander geworfen, türmten sich Schädel und andere Knochen. Der Lord erklärte dem Butler, was dort unten zu sehen war, und auch der schüttelte sich unwillkürlich.

„Jetzt wissen wir, dass die Geschichte in großen Teilen stimmt“, sagte er mit brüchiger Stimme. „Und da unten scheint noch immer ein kleiner Bach entlangzufließen. Erstaunlich. Jeffrey, ist es wohl möglich, die sterblichen Überreste dieser armen Geschöpfe zu bergen und anständig zu bestatten?“

Jeffrey ließ es sich nicht nehmen, ebenfalls einen Blick in den Schacht zu werfen, doch er verzog keine Miene.

„Ich werde dafür sorgen, Mylord. Morgen früh lasse ich die Gebeine bergen und benachrichtige den Pfarrer, um eine Totenfeier zu begehen.“

„Danke. So, ich glaube, für heute ist unser aller Bedarf an Abenteuern gedeckt. Lasst uns zu Bett gehen“, schlug Lord Cyril vor, der eigentlich nur allein sein wollte. Wie zur Bestätigung seiner Worte donnerte ein heftiger Schlag und ließ die Mauern des Schlosses erbeben. Keiner war nach dieser Entdeckung wirklich müde, alle waren innerlich aufgewühlt. Es ist eine Sache, von einem Ereignis zu lesen, direkt mit der Angelegenheit konfrontiert zu werden, ist etwas anders und kann empfindliche Gemüter zutiefst verstören. Robina und Gordon waren entsetzt, aber damit mussten sie fertig werden.

Lord Cyrils Räumlichkeiten befanden sich im Erdgeschoss, die beiden jungen Leute gingen sehr schweigsam die Treppe hinauf.

„Versuchen Sie, die schrecklichen Bilder aus ihrem Kopf zu verdrängen“, riet er sanft. „Sie können an dem Geschehenen nichts mehr ändern.“

„Kluge Worte, Herr Philosoph“, gab sie ironisch zurück. „Aber mal ehrlich, können Sie das alles aus Ihrem Kopf verdrängen?“

Gordon senkte den Kopf. Natürlich konnte auch er das nicht.


5

Das Stampfen von Füßen riss Robina aus dem Schlaf. Sie fühlte sich total zerschlagen, hatte sich im Bett lange hin und her gewälzt und zunächst keinen Schlaf gefunden. Dann endlich waren ihr doch die Augen zugefallen. Nun schien es erst wenige Minuten her zu sein, dass sie Schlaf gefunden hatte, da wurde sie schon wieder unsanft aus dem Schlummer gerissen.

Sie setzte sich auf und stellte fest, dass der Lärm nicht von stampfenden Füßen her kam. Jemand trommelte an ihre Tür. Ein Blick zur Uhr belehrte die junge Frau, dass es gerade zwei Uhr in der Frühe war. Wer wollte um diese Zeit etwas von ihr? Gordon, wie sie gleich darauf feststellte.

„Sind Sie verrückt geworden? Wenn Sie nicht schlafen können, dann machen Sie um Himmels Willen einen Spaziergang.“

„Wenn ich nicht schlafen könnte, würde ich auch genau das tun“, kam die wütende Antwort. „So machen Sie schon auf. Wenn wir uns hier weiter durch die Tür anbrüllen, wecken wir noch alle auf.“

Robina warf ihren Morgenmantel über und seufzte, dann öffnete sie die Tür.

Gordon stand ebenfalls in Nachtbekleidung da, wirkte völlig aufgelöst und zitterte am ganzen Körper.

„Was ist passiert?“, fragte die Frau sachlich und zog ihn in ihr Zimmer. Kurzentschlossen goss sie einen großen Whisky ein und gab ihm den. Scharf und brennend rann der Alkohol durch seine Kehle, und er unterdrückte ein Husten.

„Ich habe ihn gesehen.“

„Wen?“

„Lord Angus – und seine ganze Bande.“

„Dann glauben Sie mir jetzt endlich? Na schön, aber warum sind Sie so aufgelöst? War der Schock wirklich so groß?“

Er nickte. „Das Gespenstische an der Sache ist aber, dass diese grauenvolle Prozession ihren Anfang in meinem Zimmer genommen hat.“

„Wie bitte?“

Angst stand in seinen Augen, als er weitersprach. „Er – er kam direkt aus dem Schrank, seine Füße stampften auf dem Boden auf, obwohl er durchsichtig und körperlos war. Er stand dann direkt vor meinem Bett, hielt das Schwert erhoben und lachte. Er lachte. Dann kamen die anderen ebenfalls aus dem Schrank, und alle gingen hinaus. Ich folgte ihnen zitternd bis hinunter in den Hof. Das alles ähnelte Ihrer Erzählung, und ich erwartete, dass sich jetzt draußen die Kerle in Bäume verwandeln würden. Aber dem war nicht so.“

Robina runzelte die Stirn. Sie hatte das unbestimmte Gefühl, dass an dieser Geschichte etwas nicht stimmte. Oder Gordon verschwieg weitere Einzelheiten. Es stand jedoch außer Frage, dass der Mann ein einschneidendes Erlebnis gehabt hatte. Diese Aufregung war nicht gespielt.

„Und was weiter?“, fragte sie sachlich.

Er schluckte schwer. „Die Gestalten standen im Kreis, dann erschien aus dem Nichts eine alte Frau in ihrer Mitte. Sie haben sie – ich meine, alle zogen ihre Schwerter und haben sie dann – in Stücke geschlagen.“

Gordon wurde womöglich noch bleicher. Sie zog ihn unwillkürlich an sich, um ihm Trost zu spenden.

„Das ist alles nicht real, das wissen Sie doch. Gespenster aus der Vergangenheit, die wir vielleicht sogar mit unserer eigenen Phantasie ins Leben gerufen haben. Aber nichts davon ist wirklich. Sie müssen das schnell vergessen, Gordon.“

Er schüttelte den Kopf und stöhnte auf. „Dafür, dass diese Sache fern der Realität ist, sind diese Gestalten sehr handfest.“ Er schob den Ärmel hoch und zeigte ihr ein heftige Prellung, aus einem kleinen Schnitt sickerte Blut.

„Aber das ist ja schrecklich, Gordon, so was hätte niemals passieren dürfen“, rief sie erschreckt aus. „Sind Sie sicher, dass Sie sich diese Wunde nicht an anderer Stelle zugezogen haben? Sie sind sehr aufgeregt, Sie könnten sich irgendwo verletzt haben, an einer Tür, einem herabhängenden Ast…“ Sie brach hilflos ab. „Nein, Sie sind sicher. Dann haben wir ein Problem. Aber bevor wir uns damit befassen und meinen Vater informieren, sollten wir uns beide wieder beruhigen. Kommen Sie, ich koche uns in der Küche einen Kakao, der hilft immer.“

Diese kleine praktische Geste machte auch ihm den Kopf wieder klarer.

„Eine gute Idee, Robina.“

Einträchtig gingen sie die Treppe hinunter, und die junge Frau setzte in der Küche einen Topf auf den Herd, gab Milch hinein und suchte nach Kakao und Zucker. Er schaute ihr zu, wie sie mit geschickten Bewegungen hantierte. Keiner von ihnen sagte ein Wort, und doch bestand zwischen ihnen ein Gefühl des Vertrauens wie nie zuvor.

„Was ist das für ein Geräusch?“, fragte er plötzlich. Robina hielt inne und lauschte.

„Keine Ahnung. Es klingt, als ob irgendwo Wasser sprudelt. Sehr seltsam.“ Sie ging aus der Küche, auf das Geräusch zu. Die Töne kamen aus dem Rittersaal. Als sie die Tür öffnete, schrie sie unwillkürlich auf.

Aus dem Schacht mit der Falltür sickerte Wasser.

„Gordon schnell, wir müssen etwas unternehmen – aber was?“ Sie überlegte fieberhaft, während er ihr folgte und verdutzt auf die Überschwemmung starrte.

Es war schon unglaublich, dass sich Wasser dort befand, wo man nie zuvor welches gesehen hatte. Jetzt war es wichtig, den Zufluss abzustellen, aber wie das gehen sollte, wusste sie beim besten Willen nicht.

Gordon ging näher heran und stand schließlich mit den Füßen in der kalten trüben Brühe. Mit einem Ruck schlug er die Falltür zurück und begann zu fluchen. Menschliche Knochen kamen aus dem Loch und wurden vom Wasser über den Boden gespült.

„Robina, was denken Sie, wie tief reichte der Schacht?“

„Ich weiß nicht genau – vier Meter vielleicht. Was haben Sie vor?“

„Ich vermute, dass wir mit der Öffnung der Falltür eine eigene Falle ausgelöst haben. Ich will da hinunter und versuchen den Stau zu beseitigen.“

„Sie sind ja verrückt. Das dürfen Sie nicht tun, das ist gefährlich.“

„Möchten Sie lieber ein Schwimmbad im Wohnzimmer haben?“, fragte er unwirsch.

„Aber das kann ich wirklich nicht von Ihnen verlangen. Womöglich – womöglich kommen Sie nicht wieder hoch. Das – das kann ich nicht verantworten, Gordon.“

Kopfschüttelnd schaute er sie an, zum ersten Mal wirkte er stärker als die junge Frau, die sonst immer mit Energie und Tatkraft alle Probleme meisterte. Er strich ihr sanft über die Wange.

„Sie verlangen das ja nicht von mir, Robina. Und Sie sollen auch nicht die Verantwortung dafür tragen. Ich halte es für ein kalkulierbares Risiko. In meiner Freizeit tauche ich nämlich gern.“

„Das ist ja wohl kaum zu vergleichen.“

„Nein, sicher nicht“, lachte er bitter auf. „Aber ich scheine der Einzige zu sein, der überhaupt eine Chance hat. Nun gehen Sie schon, bringen Sie mir ein Seil, eine starke Lampe, die auch unter Wasser funktioniert und einen Schlauch, wenn möglich.“

„Sie wissen wirklich, was Sie tun?“, fragte sie noch einmal, warf dann einen Blick auf das beständig weiter nachdrängende Wasser und ging ohne weiteren Kommentar hinaus, um das Verlangte zu besorgen.



6

„Was ist denn hier los?“, fragte Lord Cyril ungläubig. Er war von Jeffrey geweckt worden, der seltsame Geräusche gehört hatte. Statt selbst nachzusehen oder die Polizei zu rufen, hatte er seinen Chef geweckt.

Der Lord stand jetzt in der offenen Tür zum Rittersaal und glaubte seinen Augen nicht zu trauen. Robina stand über der offenen Falltür, hielt ein Seil in der Hand und starrte angestrengt in das Wasser, von dem noch nicht ganz klar war, woher es kam. Aber es sprudelte weiter aus dem Loch heraus.

„Oh, hallo, Dad, ich – ach bitte, bleib da stehen, hier ist es schon zu nass.“

„Das sehe ich. Wo kommt das Wasser her, und was tust du da?“

„Ich halte Gordon fest.“

„Wie bitte?“

In diesem Augenblick tauchte der Kopf des jungen Mannes aus dem Loch auf. Er hielt einen Schlauch im Mund, den er jetzt wegwarf, wobei er den Mund verzog.

„Grässlicher Geschmack. Robina, ich glaube, ich habe es geschafft, der Abfluss dürfte wieder frei sein. – Oh guten Morgen, Lord Cyril.“

Der ließ sich jetzt erschüttert in einen Sessel fallen. „Jeffrey – Jeffrey?!“

Der Butler stand schon in der offenen Tür.

„Sorgen Sie bitte für ein Frühstück. Ich denke, nach dieser Art von Frühsport dürfte unser Gast Hunger haben. Und dann lassen Sie bitte diesen Unrat hier beseitigen.“

Gordon grinste und kam ganz aus dem Loch heraus. Das Wasser tropfte in Strömen von ihm herab. Robina hatte nicht daran gedacht, Handtücher mitzubringen, der Mann stand nur in seiner Pyjamahose da und begann heftig zu zittern. Fürsorglich legte sie ihm ihren warmen Morgenmantel um die Schultern.

„Ich hatte recht“, berichtete er jetzt. „Indem wir hier oben die Klappe geöffnet haben, wurde weiter unten eine Sperre ausgelöst – warum und zu welchem Zweck kann ich nicht sagen. Doch dadurch staute sich der kleine Bach und verwandelte diesen Raum hier in einen Swimming-Pool. Aber da war – noch mehr.“

Gordon öffnete die Hand. Zum Vorschein kam ein Stück Leder.

„Und das alles haben Sie da unten im Dunklen festgestellt, naja, nur mit der Lampe festgestellt?“, fragte Robina beeindruckt.

„Das war sicher sehr mutig von ihnen, aber auch höchst leichtsinnig, junger Mann“, rügte der Lord, obwohl er schon stolz auf die Geistesgegenwart seines Gastes war. „Was haben Sie da noch gefunden?“

„Ich weiß es nicht, aber es war unten an die Wand genagelt und wäre sicher mit weggespült worden. Auf jeden Fall steht etwas

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: CASSIOPEIAPRESS ALFRED BEKKER
Tag der Veröffentlichung: 25.03.2015
ISBN: 978-3-7368-8561-5

Alle Rechte vorbehalten

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