Cover

Eroberer der Galaxis: Großband 1

Sammelband mit sieben Abenteuern

von Hendrik M. Bekker

 

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© der Digitalausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

www.postmaster@alfredbekker.de

 

Der Umfang dieses Ebook entspricht 583 Taschenbuchseiten.

 

Dieser Sammelband enthält folgende Ebooks:

Eroberer der Galaxis Band 1: Jäger

Eroberer der Galaxis Band 2: Kosmische Beute

Eroberer der Galaxis Band 3: Angriff der Chadrana

Eroberer der Galaxis: Die Jarnaxa Teil 1

Eroberer der Galaxis: Die Jarnaxa Teil 2

Eroberer der Galaxis: Der Tod im Blut (Extra-Erzählung)

Eroberer der Galaxis: Die erste Mission der EURYTION

 

 

Eroberer der Galaxis Band 1: Jäger

Jahrtausende in der Zukunft: Die Menschen haben große Teile der Galaxis besiedelt. Manche von ihnen haben sich über lange Zeiträume hinweg so sehr an ihre Umgebung angepasst, dass sie kaum noch als Angehörige derselben Spezies erkennbar sind. Galaktische Reiche rivalisieren um Macht, Einfluss und Vorherrschaft:

Das Galaktische Kaiserreich, überzeugt davon, dass der Mensch nicht nur die bisher edelste Vollendung der Evolution ist, sondern dass er auch bereits vollkommen ist und deswegen nicht manipuliert werden darf.

Die Terranische Allianz freier Völker, die sich einst bildete, weil die Traniatische Föderation in einem langsamen Zerfallsprozess den Mitgliedswelten zu schwach wurde. Das galaktische Reich mit der größten Ausdehnung. Wie der Name andeutet, gehört die Erde, Terra, zu den Gründungswelten. Trotz unzähliger Mitgliedsspezies stellen die Menschen und all ihre Abkömmlinge einen Großteil der Bevölkerung.

Die Traniatische Föderation freier Welten, der klägliche Rest eines gigantischen Reiches, das lange vor den ersten raumfahrenden Menschen bereits existierte. Heute eher ein Schutz- und Trutz-Bündnissystem, als eine echte galaktische Größe.

Das Kratische Konsortium, ein Bündnisgeflecht von Verbrecherlords, Unterweltbossen und Alleinherrschern. Manche sagen, nirgendwo in der Galaxis sei mehr Verkommenheit zu finden.

Und für diejenigen, die sich keinem von ihnen unterordnen wollen, gibt es nur die Flucht in die Weite des Anarchistischen Raums.

Niemand ahnt, dass im Hintergrund Entwicklungen in Gang gesetzt wurden, die möglicherweise das empfindliche Gleichgewicht der Machtverhältnisse im All für immer verändern werden.

Ohne dass das Leben in der Galaxis es weiß, steht die momentane Phase der Ruhe und Ordnung in der Galaxie vor ihrem Ende ...


Isaak Sanders sucht in den Tiefen von Chutala-City nach seinem Vater, um sich seiner Vergangenheit zu stellen.

Jerel Rimasen ist als Deserteur und Dieb im Kaiserreich gesucht, weil er das Kaiserreich mehr bedroht als er ahnt.

Zaren Daler versucht genau dieses Kaiserreich zu bewahren.



Prolog:

„Kaiserliche Wache Zaren Daler“, murmelte Zaren, als er begann die Transmission zu lesen, die ihm mit der persönlichen Kennung der Kaiserin des Galaktischen Kaiserreichs zugesandt worden war.

Während er die Nachricht las, weiteten sich seine Augen. Zwei Diebe hatten eine Information gestohlen, die dem Kaiserlichen Militär gehörte. Das Kaiserreich war ein galaktisches Reich, das neben der Terranischen Allianz Freier Völker einen Großteil des bekannten Weltraums umfasste. Diese zwei Diebe hatten nun eine banal wirkende Information gestohlen. Schlichte Informationsprotokolle. Doch ihm war klar, was damit getan werden konnte. Mit ihnen konnte man Flugrouten und Kontingentstärken erfahren. Es war eine sehr wertvolle Information, die die beiden Diebe gestohlen hatten. Jerel Rimasen und Narlie Tel‘kar. Zaren würde sie finden. Er musste, zum Schutze und Wohle des Kaiserreichs.



Kapitel 1: In die Tiefe

Ort: Zentralwelten der Terranischen Allianz Freier Völker, Megapolis-Planet Chutala, Chutala-City, untere Ebenen

Zeit: 4699,1 NSüdK (Nach Sieg über die Kilkarra)

Genormte Galaktische Zeitrechnung



„Verdammte Scheiße“, brüllte Isaak Sanders, als die Triebwerkanzeige des Gleiters auf Rot sprang. Das Brüllen der Triebwerke, die direkt hinter der Fahrerkabine waren, erstarb augenblicklich. Mit ihnen deaktivierten sich Sekunden später auch die Trägheitskompensatoren. Der Gleiter ging in den freien Fall und Isaaks Sicherheitsgurte spannten sich. Das Schiff begann zu trudeln. Die Welt drehte sich. Verzweifelt presste Isaak den Knopf für einen Kalt-Neustart der Triebwerke.

Mit einem Heulen sprangen sie wieder an. Isaak riss am Steuerknüppel und entging gerade noch der Wand des Schachtes, in dem er flog.

Er schaffte es den Gleiter zu stabilisieren und setzte den Kurs abwärts fort.

Erst jetzt sickerte eine Erkenntnis in Isaaks Verstand. Nicht nur die, dass er dem Verkäufer nicht hätte trauen sollen. Der Gleiter war wirklich genauso schrottreif wie er aussah.

Nein, auch etwas anderes.

Da war ein Schrei gewesen. Einer, der nicht von Isaak war.

Er landete den Gleiter ein gutes Stück weiter unten auf einer alten, müllbeladenen Plattform in der Wand. Er war mehrere hundert Stockwerke tief in den Schluchten von Chutala-Stadt, der Hauptstadt des Galaktischen Reiches der Allianz. Vor Jahrtausenden gegründet, war die Stadt immer mehr gewachsen, als immer mehr Lebewesen aus allen Teilen der Galaxis zuwanderten. Dabei hatte man alte Gebäude nicht abgerissen, sondern oft einfach nur darauf gebaut und bei Bedarf gigantische Stützpfeiler in die Tiefe getrieben. So war die Stadt unkontrolliert nicht nur in die Breite, sondern auch immer mehr in die Höhe gewachsen. Längst schon schien die Sonne nicht mehr in diese Tiefen. Denn Verbindungswege und Plattformen waren zwischen den gigantischen Hochhäusern gewachsen und so dicht geworden, dass viele der unten Lebenden nie die Sonne gesehen hatten. Zu den Verbindungswegen der Hochhäuser kamen dann auch noch große Plattformen und schließlich ganze Promenaden und Flaniermeilen, denn wer wollte schließlich den ganzen Weg nach unten oder zum Dach des Gebäudes immer auf sich nehmen? Diese gigantischen Türme waren so hoch gewachsen, dass man allgemein sagte, wenn man sich von einem der höchsten Gebäude stürzen würde, es wahrscheinlicher wäre an Altersschwäche auf dem Weg nach unten zu sterben als am Aufprall. Es war ein gigantisches Labyrinth und an der Spitze saßen die Reichen und Mächtigen. Doch Isaak wollte nicht zur Spitze, die sich an der Sonne erfreute. Er wollte zum Bodensatz, zu denen, die zu arm waren, um weiter oben zu leben. Und denen, die nicht gefunden werden wollten.

Er stieg aus dem alten Gleiter aus und ging zur Frachtluke. Bis auf die Kabine für eine Person war die einzige Möglichkeit für ein Lebewesen mitzureisen im kleinen, schrankgroßen Frachtraum.

Isaak Sanders zog seine zwei langläufigen Pistolen und trat dann auf den Auslöser neben der Frachtluke, die knarrend aufging.

Ein junger Mann sah ihn aus großen braunen Augen angsterfüllt an. Er trug Lumpen und wirkte wie einer der üblichen Bettler, die man auf den mittleren Ebenen fand.

„Wer bist du?“, knurrte Isaak. Er wusste, dass er eine bedrohliche Figur abgab, schlecht rasiert, mit dem kahlen Schädel und dem zerschlissenen Mantel. Wie der Fremde war er ein Mensch.

„Drew“, fiepte der Junge und schien zu versuchen noch kleiner zu wirken als er war. „Bitte, töten Sie mich nicht.“

„Wieso?“

Die Frage ließ Drew stutzen. „Weil ich ...“, er zögerte. „Weil ich nützlich sein kann“, sagte er dann. Er schien sichtlich froh über den Einfall.

„Warum versteckst du dich in meinem Frachtraum?“

„Ich wollte nur eine günstige Möglichkeit, um nach oben zu kommen. Jemand, der so einen Gleiter kauft, will nur weiter, nichts für Dauer. Ich ...“ Er stutzte. „Oh“, fügte er hinzu, als er begriff, dass sie mehrere hundert Stockwerke weiter unten waren.

„Hast auf die falschen Karten gesetzt“, konnte sich Isaak den Kommentar nicht verkneifen. Er zwang sich keine Miene zu verziehen. „Würdest du so freundlich sein und mir meine Tasche geben?“, fragte Isaak nun. Der Junge nickte und reichte den alten dunkelgrünen Rucksack heraus. Isaak steckte seine Pistolen weg und setzte den Rucksack auf.

„Raus und verschwinde. Wenn ich dich nochmal sehe, erschieße ich dich.“

Drew fiepte kurz und erschrocken und krabbelte aus dem Frachtraum. Dann lief er in einen der Gänge, die sich an die Plattform anschlossen.

Isaak schüttelte den Kopf, verschloss die Luke und verriegelte den Gleiter. Nicht, weil er Angst hatte, dass den jemand stehlen würde, sondern weil er Sorge hatte, dass jemand verwertbare Teile ausbaute.

Er besah sich die Korridore, die sich an die Plattform anschlossen.

Früher war das möglicherweise mal so etwas wie ein Krankenhaus gewesen. Zumindest sprach die Art der Wandverschalungen dafür. Medizinisch, klinisch kahl und sauber.

Jedenfalls insoweit sie noch erhalten waren. Immer wieder ragten Rohre und Kabelrollen aus den Wänden und der Decke.

Isaak entschied sich für den linken Gang und wanderte den Korridor entlang. Bald entdeckte er eine Leuchtreklame an einer Kreuzung.

Zum Schwarzen Tempel, wurde dort angepriesen.

Er folgte der Beschilderung. Sie führte ihn zu einem Tor mit zwei großen Flügeln, die zischend auseinandergingen, als er sich näherte. Dahinter lag die Kneipe Zum Schwarzen Tempel. Genau wie sein Informant gesagt hatte.

Am Eingang stand ein blasser breitschultriger Mensch, dem ein Ohr fehlte. Obwohl er seine Haare so kämmte, dass sie es verdecken sollten, sah Isaak das sofort.

„Name und Zweck des Besuchs“, knurrte der Einohrige. Er überragte Isaak um einen ganzen Kopf.

„Isaak, ich suche jemanden zwecks eines Kopfgelds“, log Isaak. Es war eine Version der Wahrheit.

Isaak wollte sich an dem Mann vorbeidrängeln, doch der hielt ihn fest.

„Wenn er hier ist, regle das draußen“, sagte er langsam und deutlich. „Sonst wird dir alles in Rechnung gesetzt, Kopfgeldjäger. Sowas kann teuer sein.“

Isaak nickte. „Ich mache keinen Ärger“, beruhigte er den Einohrigen.

Dieser schnaubte verächtlich und gab den Weg frei.



Der Schwarze Tempel war genau das, was Isaak gehofft hatte. Voller Personen, voller möglicher Informanten. Es war ein großer Raum, vielleicht einmal eine Eingangshalle. In der Mitte die runde Theke, an der allerlei Gesindel stand, und rundherum Steh- und Sitzgelegenheiten. Mattes Licht kam von Neonröhren an der Decke und tauchte alles in kaltes Weiß.

Isaak ging zur Theke. Einer der Barkeeper trat zu ihm.

„Was soll‘s sein?“, fragte er unfreundlich. Er runzelte die Stirn, als sich sein und Isaaks Blick trafen. Isaak kannte diesen Blick, den er nun bekam. Er hatte ein grünes und ein blaues Auge. Selbst in den Weiten des Alls und auf einer Milliardenwelt wie Chutala war das bei einem Menschen etwas Ungewöhnliches.

„Informationen“, erwiderte Isaak und reichte eine Chipkarte, auf der zehn Alizes gespeichert waren, zum Wirt. Alizes war die Währung, die überall im Reich der Terranischen Allianz Freier Völker galt. Der Wirt besah sich den Chip. Dann steckte er ihn in die Hosentasche. Er hatte das Hologramm geprüft, das die Echtheit garantierte.

„Ich suche einen Mann namens Julian Sanders. Ein Mensch, hat zwei verschiedenfarbige Augen“, erklärte Isaak.

„Kopfgeld?“

Isaak nickte. „Nichts um sich zur Ruhe zu setzen, aber es zahlt den Treibstoff.“

Der Barmann nickte und lachte dabei. Er besah sich das Bild, das Isaak ihm auf seinem Handcomputer zeigte. Das handtellergroße Bild war ein Profilfoto aus der Datenbank der TriakaCorp, für die Julian lange gearbeitet hatte.

„Er ist jetzt ein paar Jahre älter“, fügte Isaak hinzu.

„Sind sie immer“, erwiderte der Barkeeper. „Wann soll er hier gewesen sein?“

„Vor Monaten.“

„Monaten?“, fragte der Barkeeper skeptisch. „Junge, wissen Sie, wie viel Gesindel ich hier täglich allein sehe?“

„Brauchbare Informationen bekommen einen Bonus“, fügte Isaak hinzu und reichte einen weiteren 5-Alizes-Chip herüber.

Der Barmann kratzte sich nachdenklich am Kinn.

„War hier“, stellte er dann fest.

Isaak horchte auf. „Und?“

„War gehetzt. Das war so mein Bauchgefühl, entwickelt man mit den Jahren hier unten. Nicht nur, dass er es eilig hatte, schon eher so als wär jemand hinter ihm her. Solche Kerle sind mir immer unsympathisch. Bringen oft Ärger in den Schwarzen Tempel. Er hat mit Arig geredet.“

„Irgendwas Genaueres? Wo kann ich Arig finden?“

„Wollte jemand wissen, der ihn runterbringt. Jemand, der sichere Wege in die unteren Ebenen kennt, Sie verstehen?“, fragte der Barmann und zwinkerte. Isaak nickte. Er wusste, was der Mann meinte. Sichere Wege bedeutete Karten, die so aktuell wie möglich waren von der Welt hier unten. So tief unter Chutala-Stadt verirrte sich kein Ordnungshüter und keine Staatsgewalt.

Hier galt das Gesetz des Stärkeren, Banden und Gangs kontrollierten die Gebiete und machten die Gesetze.

In einem Block konntest du Sklaven kaufen, im anderen für Sklavenhaltung hingerichtet werden. Isaak hatte schon die wildesten Geschichten gehört.

Es hieß, dass es hier unten Menschen gab, die wahnsinnig geworden waren und andere intelligente Spezies fraßen. Inklusive ihrer eigenen Artgenossen.

„Wenn du Arig suchst, er ist da hinten“, erklärte nun der Barmann. „Der Kilto.“

Isaak sah sich im Raum um und entdeckte einen grauhäutigen Kilto an einem der Tische weiter hinten. Der Tisch stand leicht erhöht, wobei der Kilto das sicher nicht nötig gehabt hätte, um eine gute Übersicht zu haben. Für einen Kilto war Arig nur durchschnittlich groß, um die drei Meter. Seine graue schuppige Haut wirkte ungesund in dem weißen Neonlicht der Deckenlampen. Kilto erinnerten zwar an Menschen, weil sie humanoid waren, doch für Isaak wirkte es immer befremdlich, dass sie keine Nase hatten. Stattdessen verfügten sie über zwei schräge Schlitze im Gesicht. Er wusste nicht, ob sie als Riechorgan dienten.

„Der da?“, vergewisserte er sich. Der Barmann nickte.

„Danke.“ Bei diesem Wort steckte Isaak dem Barmann noch einen 5-Alizes-Chip zu.

Dann ging er zu Arig.

Als er nur noch einige Schritte von dem Kilto entfernt war, bemerkte Isaak, wie dessen Körperhaltung sich versteifte. Er trug eine dunkle Hose und ein beiges Hemd, darüber eine schwarze, weite Jacke.

Arig griff in seine Jackentasche.

Isaak vermutete, dass er die Hand um den Griff einer Waffe schloss.

Das würde er zumindest tun, wenn jemand wie er selbst auf ihn zukäme.

Isaak hob langsam und ruhig seine Hände etwas von seinen Holstern weg. Arig schien sich zu entspannen.

Isaak wusste, dass er hier einfach niedergeschossen werden konnte. Aber er vertraute darauf, dass der Kilto ungern aus der Bar fliegen wollte. Abgesehen davon, dass er sicher jeden Schaden in Rechnung gestellt bekäme.

„Arig? Sind Sie der Kilto, der sichere Wege kennt?“, fragte Isaak betont gleichgültig, als er sich zu dem Kilto an den Tisch setzte.

Der Hüne blickte auf ihn herab. Seine Stimme war tief und kratzig.

„Für Geld bekommt man hier unten alles“, erwiderte er ausweichend. Er zeigte die Parodie eines Lächelns.

„Das freut mich zu hören.“

„Wer sind Sie?“

„Ich suche Julian Sanders“, erwiderte Isaak. Er zog kurz seinen Handcomputer hervor und zeigte das Bild von Julian. Dabei sah Isaak dem Kilto direkt in die Augen und wich nicht seinem stechenden Blick aus.

„Wieso? Kopfgeld? Sind Sie Jäger?“

Isaak schmunzelte. Ihm gefiel es, dass die Leute immer den offensichtlichen Schluss zogen anstatt nachzudenken.

Irgendjemand hätte immerhin auf die Wahrheit kommen können, oder zumindest nahe daran, nur durch Nachdenken. Julian Sanders hatte immerhin auch verschiedenfarbige Augen. Die Leute glaubten immer, es ginge nur um ein Kopfgeld, um alte Rechnungen. Aber wie wahrscheinlich war es, dass ein Mensch mit einer seltenen, erblichen Veränderung der Augen einen anderen jagte? Das hier ging nicht um Kopfgeld, auch wenn auf Julian einiges ausgesetzt worden war. Hier ging es um etwas Privates. Hier ging es um Isaaks Vater.

„Ich will die Karte, die er bekommen hat. Ich weiß, Sie bekommen Geld dafür, dass Sie niemandem sagen, wo jemand hingeht. Ich vermute, dass Sie dieses Prinzip Ihrer Zunft ernst nehmen. Wäre sonst auch schlecht fürs Geschäft. Also will ich nur eine Karte. Die gleiche, die er gekauft hat. Zufälligerweise genau die.“

Der Kilto blickte ihn nachdenklich an. Isaak glaubte etwas in seinen Augen aufblitzen zu sehen, das man bei jeder Spezies irgendwann sehen konnte. Gier.

„Zweihundertundzwanzig Alizes“, sagte der Kilto dann. „Wissen Sie, ich verkaufe meine Klienten nicht. Das ist im Preis immer inbegriffen. Aber wenn jemand zufällig genau die Karte fordert, die jemand anderes kaufte ... Zufälle gibt es eben. Auch unglückliche.“

Isaak lächelte zufrieden, als er dem Kilto den Alizes-Chip hinhielt.

„Erst Ware zeigen“, forderte er dann, als Arig nach dem Chip greifen wollte.

Dieser nickte.

„Da scheint Julian Sanders keine schöne Zukunft zu haben“, bemerkte Arig, als er in seiner Jackentasche nach einem Handcomputer kramte. Isaak ging nicht darauf ein. Sollte der Kilto denken, was er wollte, von ihm würde er nichts erfahren.

Der Kilto zog eine kleine Speicherkarte aus dem Handcomputer und reichte sie Isaak.

Dieser gab ihm den Alizes-Chip.

Der Kilto steckte den Alizes-Chip in sein Computermodul, um mittels Software zu überprüfen, ob er wirklich echt war. Neuere Chips hatten eine kleine Anzeige, auf der der aufgeladene Wert angezeigt wurde. Ältere, die noch immer millionenfach in Umlauf waren, hatten das aber noch nicht. Isaak steckte die Speicherkarte in seinen eigenen Handcomputer und betrachtete die Karte.

Es war ein wirklich großes Gebiet.

„Wäre es möglich, dass Sie noch andere Dinge von Wert wissen?“, fragte er vorsichtig an Arig gewandt. Jede Information über Julian Sanders war ihm wichtig.

Der Kilto schüttelte den Kopf.

„Mehr kann ich nicht für Sie tun“, beendete er das Gespräch. Er sah Isaak nach, als dieser sich aufmachte die Kneipe zu verlassen.

Der Fremde würde Ärger bringen. Da war sich der Kilto sicher.



Isaak ging einen leeren, tristen Korridor entlang und betrat einen kleinen Nebenraum. Dieser war nur wenige Quadratmeter groß und hatte Zugang zum Lüftungssystem des Gebäudes. Er musterte den Raum zufrieden. Isaak hatte gelernt, sich immer einen Fluchtweg zu lassen. Der Raum selbst besaß keine Tür mehr, das Schott schien schon vor langer Zeit ausgebaut worden zu sein.

Vermutlich Plünderer. Was nicht niet- und nagelfest war, wurde irgendwann Teil des Warenkreislaufes der Stadt.

Er lehnte an der schmutzigen Wand und betrachtete die Karte, die er bekommen hatte.

Diverse Bandengebiete waren farbig eingezeichnet. Viele Territorien-Grenzen waren laut Zeitstempel nur wenige Wochen alt. Viele Wege waren schematisch sehr grob verzeichnet, manchmal mit Vermerken, ob einzelne Straßenzüge nur von Karten anderer übertragen worden waren. Überall konnte er sich kleine Zeitstempel anzeigen lassen, wie alt die Informationen waren. Der Kilto musste ein Netzwerk von Wegesuchern besitzen, überlegte Isaak.

„Also, was könnte dich interessieren? Wo taucht man gut unter?“, murmelte Isaak, während er die Karte studierte.

Es gab einige Orte, wo sich jemand verstecken konnte, entsprechende Vorräte vorausgesetzt. Isaak verwarf sie wieder. Es ging nicht nur ums Verstecken, auch darum Verfolger abzuhängen.

Julian würde erst durch schwieriges Gebiet und dann tiefer gehen. Wenn er tief genug ging, konnte er Verfolger in die Irre führen und irgendwo in einem ganz anderen Teil der Stadt wieder an die Oberfläche kommen. Mit neuer Identität und einer guten Ausgangsmöglichkeit, den Planeten möglicherweise sogar legal zu verlassen. Vielleicht irgendwo in Stobos Territorium? Das Gangland dort war eine Möglichkeit.

Schließlich fand Isaak eine Route, die seiner Meinung nach die Kriterien erfüllte.

Das Bandengebiet der Kenar grenzte für einige Kilometer an das einer Bande namens Rote Hachee. Wenn jemand zwischen ihren Territorien sprang, wäre es für Verfolger schwer ihn zu finden. Banden kontrollierten ihre Gebiete hier streng. Mehrere kleine Bandenterritorien grenzten an. Manche nahmen Wegzoll, aber vor allem Informationen wurden kontrolliert. Es war eine aufwendige Route, um jemanden zu verfolgen.

Isaak ging schnellen Schrittes zurück zu seinem Gleiter.

Es war nicht viel. Es war aber besser als nichts.



Der Gleiter heulte auf, als Isaak den Motor startete und von der Plattform abhob. Er musste mehrere Stockwerke tiefer hinab als er bereits war. Weiter nach unten in die lichtlose Tiefe der Häuserschluchten der Stadt. Natürlich war der Gleiter wegen seiner Auffälligkeit ein Risiko, aber Isaak hatte es eilig.

Er steuerte den Tunnel hinab, von dem bald immer wieder Verzweigungen abgingen. Manche waren einst Fußgänger-Korridore der Wohngebäude gewesen. Es gab aber auch noch Tunnel, die quer durch die Gebäude führten, die immer schon für den Gleiter-Flugverkehr gewesen waren. Damals hatte man für Gleiter Quertunnel eingebaut, damit man die Gebäude nicht umfliegen musste. Das tat man heute noch immer, viel weiter oben, wo noch gebaut wurde.

Der Tunnel, den Isaak durchflog, war mehr als dreimal so breit wie sein Gleiter und einmal eine mehrspurige Luftverkehrsstraße gewesen.

Plötzlich explodierte hinter ihm ein Stück der Wandverkleidung.

Schüsse. Jemand feuerte auf ihn!

Projektile schlugen erneut kurz hinter seinem Gleiter ein.

Scheinwerfer flammten auf, ein anderer Gleiter näherte sich ihm mit hoher Geschwindigkeit. Er hatte auf dem Boden des Durchgangs gewartet.

„Schalten Sie das Triebwerk ab und landen Sie“, ertönte eine Stimme. Der Pilot des anderen Gleiters sprach über einen Lautsprecher. Es klang seltsam verzerrt. „Wenn Sie sich weigern, hole ich Sie aus der Luft. Das wollen wir doch beide nicht.“

Isaak schnaubte. Vermutlich war der Angreifer allein. Ansonsten hätte er im Plural gesprochen. Gute Wegelagerer taten das immer, einfach um ihren Drohungen mehr Gewicht zu verleihen.

Er überdachte kurz seine Optionen. Sein Gleiter war unbewaffnet und streng genommen verfügte er auch nicht über so etwas wie eine Panzerung. Nicht einmal eine Flucht mit Ausweichmanövern war möglich, immerhin konnten die Triebwerke bei zu starker Belastung ausfallen.

Der Gleiter war nunmal preiswert gewesen.

Er setzte resigniert zum Landemanöver an.

Der andere Gleiter landete ein gutes Stück von ihm entfernt. Ein Humanoider in Schutzpanzerung stieg aus, die Waffe auf Isaaks Cockpit gerichtet.

„Aussteigen, Hände dabei so lassen, dass ich sie sehen kann“, rief der Humanoide. Sein Helm musste einen Stimmverzerrer eingebaut haben, denn die Stimme klang furchtbar knarzig und unnatürlich, selbst für die meisten Alienspezies, die Isaak kannte.

„Für wen arbeitest du?“, fragte Isaak nun, um Zeit zu schinden. Er wusste durch die Karte ein paar Namen der hiesigen Banden.

„Für die Kenar. Das hier ist alles unser Gebiet“, erwiderte der Humanoide. Plötzlich begann jemand auf den Kenar zu schießen. Kugeln zischten durch die Luft und prallten mit hohem Geräusch von den umliegenden Metallpaneelen ab.

Isaak duckte sich instinktiv und rollte zur Seite, um seinen Gleiter als Deckung zu benutzen.

Jemand packte Isaak von hinten und hielt ihm die Hand auf den Mund.

„Kein Wort“, zischte eine weibliche Stimme. Isaak vermutete, dass sie einer Menschenfrau gehörte. Zumindest klang sie recht menschlich.

Er spürte, wie sie ihm seine Pistolen abnahm. „Folge mir, wenn du leben willst“, zischte sie und verschwand in einem niedrigen Lüftungsschacht, der nicht weit von ihnen entfernt war. Wie ein dunkler Abgrund gähnte er. Sie sprang einfach hinein und war weg.

Isaak sah kurz zu dem Gepanzerten hin, der sich immer noch ein Feuergefecht mit einem anderen lieferte, den Isaak nicht sehen konnte. Dann sprang er der Fremden in den Lüftungsschacht hinterher. Immerhin wollte er seine Waffen zurückbekommen.


*


Drew rannte panisch den Korridor entlang. Er hatte sich verlaufen. Er war sich vollkommen sicher, dass er sich verlaufen hatte.

Unterwegs war ihm jemand begegnet, jemand, der ihn fragte, was er hier suchte.

Ihm war das Herz in die Hose gerutscht. Mehr als sein kleines Messer hatte er nicht, um sich zu verteidigen. Was, wenn man ihn angriff?

Er hatte sich schon ein paar Mal seiner Haut erwehrt, aber hier in den unteren Ebenen schienen alle nur Schusswaffen zu haben!

Doch der Mann hatte ihm erklärt, wie er in Gebiete kam, die sicher waren. Kleine Oasen hier in dieser Wildnis.

Plötzlich traf ihn ein Schlag hart gegen den Kopf.

Er schlug der Länge nach auf und sah sich benommen um.

„Nur ein Mensch. Was rennt er auch so. Macht einen ja nervös“, knurrte ein Kilto und betrachtete Drew neugierig. „Ziemlich klein, selbst für deine Art“, fügte er hinzu.

„Lass ihn doch in Frieden“, knurrte ein alter Mensch neben ihm. Seine Haut war faltig und ließ ihn erschöpft wirken.

„Ganz genau, Pegro.“

Die beiden wirbelten herum. Sie hoben ihre Waffen.

Dort stand jemand, eine Silhouette in der Dunkelheit.


*


„Hier bin ich, also los“, sagte Vanadis Poe. Sie war eine Menschenfrau, doch hatte sie kaum noch Feminines an sich. Ihr Schädel war kahl rasiert. Ihr Körper übersät mit Narben und Tätowierungen, die gut zu sehen waren wegen ihres ärmellosen Hemdes und kurzer knielanger Hosen. Trotz der schwer aussehenden Stiefel, die sie trug, bewegte sie sich völlig leise.

Sie war zu spät, das wusste sie.

Pegro, der Kilto, sollte sie zu Herom bringen. Es war ein feister Geselle, ein Informationshändler. Ein Zwischenhändler. Man hinterließ einen Auftrag und Geld bei ihm, er besorgte die richtigen Leute für die Aufträge.

Vanadis war so eine, für die richtigen Aufträge. Ihre Hand lag ruhig auf dem Griff ihrer Pistole. Noch steckte sie in ihrem Hüftholster.

„Hört auf kleine Kinder zu schikanieren und kommt“, sagte sie nun. Sie hatte keine Zeit und keine Lust, dem Kilto bei so etwas zuzusehen.

Pegros Ruf, was das anging, war unschön. Er folterte gut, hieß es. Mit viel Vergnügen ging er ans Werk.

Der Junge war im schummrigen Licht kaum auszumachen. Er rappelte sich auf und lief davon.

Vanadis überlegte, ob sie ihm hinterherrufen sollte. Dort ging es zu den Treppen dieses Gebäudes.

Dort ging es tiefer hinein in die Hölle.



„Interessiert?“, fragte Herom. Er saß Vanadis gegenüber an dem niedrigen Tisch, auf dem er seinen Arbeitscomputer aufgebaut hatte.

Der Raum war sicher einmal Teil eines schönen Appartements mit Ausblick gewesen. Nun zeigten die Fenster nur schummrige Schwärze und Nebelschwaden.

Kein Licht der Sonne drang hier herab.

Vanadis musterte die Zeichnungen auf dem Handcomputer in ihrer Hand.

Sie runzelte die Stirn.

Durch ihren glattrasierten Schädel wirkte das seltsam auf Herom. Unwillkürlich verzog er das Gesicht. Dann setzte er wieder einen neutralen Ausdruck auf.

„Wofür brauchen die Kenar dort Zugang?“

Der dicke Zwischenhändler lachte.

„Das ist mir egal, und dir sollte es das auch sein.“

Sie nickte langsam.

Die Kenar waren eine Straßengang, eine von Tausenden in der Tiefe.

„Okay, wenn es so tief runter geht, muss die Bezahlung stimmen. Ich muss ein paar Leute anheuern. Vielleicht Fiona“, erklärte Vanadis.

„Fiona ist weg, hab lange nichts gehört. Vielleicht tot.“

„Trotzdem, ich brauche ein paar Leute. Ein paar der üblichen, dabei kann ich keine Grünschnäbel gebrauchen“, beharrte Vanadis.

Herom lachte.

„Zweihunderttausend Alizes. Teil sie mit wem du willst. Aber erledige das, ich habe da sehr hartnäckig nachfragende Kundschaft“, erklärte er ihr. „Zweitausend im Voraus“, sagte er und reichte ihr einen kleinen Beutel mit Alizes-Chips. Unterschiedlich hohe Summen waren auf ihnen gespeichert.

„Nur zweitausend?“

„Du hast mein Wort, dass ich den Rest der Bezahlung habe. Du weißt, mein Name steht für Ehrlichkeit.“

Vanadis spürte Zorn in sich aufsteigen.

Sie wusste, warum er den Löwenanteil zurückhielt.

Er wollte es als Gewinn verbuchen, wenn sie bei dem Auftrag starb. Dem Kunden würde er sicher eine Lüge auftischen. Oder er würde eine Weile untertauchen. Bei der Summe konnte er das auch.

Sie kontrollierte ihre Atmung und spürte, wie der Zorn in die Ecken ihres Bewusstseins zurückwich.

„Von mir aus. Aber wenn ich wieder hier bin und du nicht zahlst, schneide ich dir jeden Alize aus dem Fleisch.“

Mit diesen Worten stand sie auf und verließ den Raum.



Kapitel 2: Der Gesetzlose

Ort: Leruma Prime, Anarchistischer Raum/Wilder Raum, an der äußeren Grenze zum Kaiserreich

Zeit:4699,1 NSüdK

Genormte Galaktische Zeitrechnung



Jerel Rimasen grinste unter seinem dratikanischen, an eine Dämonenfratze erinnernden Helm.

Er zählte die anwesenden Sicherheitsleute. Es waren zwölf.

Zwölf Sicherheitsleute hatten ihn in die Enge getrieben.

Er betrachtete die Tatsache, dass im ganzen Sektor nach ihm gesucht wurde, als Bestätigung.

Die Informationen, die er gestohlen hatte, waren wirklich wertvoll.

„Hände hoch ... ganz langsam ...“, knurrte einer der Männer. Er richtete wie alle anderen im Raum ein Gewehr auf Jerel. Es war eine normale Projektilwaffe, ehemaliger militärischer Bestand des Kaiserreichs, der ausgemustert worden war.

Ein glatzköpfiger Mann in der Mitte schien der Anführer dieser Gruppe zu sein.

„Wird‘s bald? Der Gouverneur will dich lebendig“, sagte er.

„Wenn ihr jetzt geht, lasse ich euch am Leben“, antwortete Jerel, was die Männer schlicht ignorierten. Einige lächelten höhnisch.

Jerel schnalzte leise und resigniert mit der Zunge, was ein Signal war. Es bewirkte, dass eine Blend-Granate in den Armraketenwerfer seiner modifizierten dratikanischen Rüstung geladen wurde.

„Nun denn, meine Herren. Es war mir keine Freude Ihre Bekanntschaft zu machen“, rief Jerel.

Er richtete seinen linken Arm auf den Boden vor sich und schloss die Augen. Die Granate schlug auf den Boden auf und explodierte. Das Licht blendete die Umstehenden. Die automatische Abdunklung von Jerels Helmvisier versagte, selbst durch seine geschlossenen Augen sah er den hellen Schein.

Schreie wurden laut.

Erst verwirrt, dann entsetzt, als Jerel begann auf die Geblendeten zu schießen. Einer nach dem anderen sank getroffen zu Boden. Zwei reagierten zwar reflexartig und feuerten wild drauf los, aber für Jerel war es ein Leichtes, ihren schlecht gezielten Schüssen auszuweichen. Als er sein Werk vollendet hatte, blickte er traurig auf die leblosen Körper am Boden.

Er kam ins Grübeln, während er in Richtung des Raumhafens ging. Es war nicht fair gewesen. Aber das war im Leben nichts.

Wieder zwölf Leichen mehr, die deinen Weg pflastern, meldete sich eine leise Stimme in seinem Hinterkopf. Seitdem er sich in den Grenzkriegen dem Kaiserreich angeschlossen hatte, waren bereits Hunderte durch seine Hand gestorben. Er war inzwischen im ganzen Quadranten gesucht und man hatte diverse Kopfgelder auf ihn ausgesetzt.

Er war ein dratikanischer Söldner. Während der Grenzkriege hatte er anfänglich für eine Koalition von vier Systemen gearbeitet. Allerdings hatte ihn das Kaiserreich nach knapp einem Jahr Kriegsdauer abgeworben. Für ihn war es egal gewesen. Er hatte nun auf die schlecht ausgerüsteten Milizen gefeuert und nicht mehr auf die gut ausgerüsteten Jungs in den mattgrünen Kaiserreich-Uniformen. Zudem hatte er mehr Sold bekommen. Alles war gut gewesen, besser als vorher. Bis der Admiral der 3. Flotte den Befehl zum Völkermord gegeben hatte. Dadurch hatten sich einige der Soldaten in der Flotte dazu entschlossen, den Befehl zu verweigern. Das wurde im Kaiserreich immer schon mit dem Tode bestraft. Der Befehl der Kaiserin aller wahren, reinen Menschen, wie sie sich nannte, war Gesetz. Vor allem, weil eine der Kaiserlichen Wachen, jener Spezialeinheiten der Kaiserin, die als ihre rechten Hände galten, den Befehl verweigert hatte.

So waren die Befehlsverweigerer noch während der Schlacht für vogelfrei erklärt worden. Man hatte sie abgeschlachtet und ihnen in den Rücken geschossen.

Nun war Jerel auf der Flucht, weil er sich diesem Befehl widersetzt hatte. Er hatte seine Kommandantin, die Kaiserliche Wache Narlie Tel‘kar beschützt und die Soldaten getötet, die den Befehl ausführen wollten. Das war nun bald anderthalb Jahre her.



„Hast du sie?“, fragte eine schlanke, muskulöse Frau, als Jerel sein Schiff betrat. Sie passte ihn direkt hinter dem Eingang des Schiffes ab. Während er zum Cockpit ging, folgte sie ihm.

„Jemand hat uns verpfiffen. Soldaten warteten vor der Kneipe auf mich“, antwortete er, während er sich auf den Pilotensitz fallen ließ. Er startete die Triebwerke seines Xem.T-Frachters, der ENTDECKUNG.

Sie setzte sich auf den Kopilotensitz und schaute ihn fragend an: „Aber du hast die Information?“

Sie wirkte besorgt. Er startete den Antrieb und lenkte das Schiff von dem kleinen Landefeld hinauf Richtung Stratosphäre.

Er grinste. „Narlie Tel‘kar“, sagte er und warf ihr einen mitleidigen Blick zu, „überleg kurz, mit wem du sprichst.“

„Ich fasse das als ja auf“, antwortete Narlie und beobachtete, wie sie die Atmosphäre von Leruma Prime, einem öden Felsbrocken im Anarchistischen Raum, verließen.

Den Anarchistischen Raum, die Grenzwelten oder auch den Wilden Raum, so nannte man die Region abseits der Grenze des Galaktischen Kaiserreichs. Offiziell war es ein Teil des Weltraums, in dem viele kleinere und größere Fraktionen um Macht und Kontrolle kämpften. Doch gab es hier niemanden, der es mit den großen Vier aufnehmen konnte. Die großen Vier waren das Galaktische Kaiserreich, die Terranische Allianz freier Völker, die Traniatische Föderation freier Welten und das Kratische Konsortium. Es waren die vier größten galaktischen Reiche.



„Das heißt, als nächstes geht‘s nach Kalagath?“, fragte Narlie und programmierte den Nav-Computer. Sie trug eine schwarze Hose und ein eng anliegendes lilafarbenes Shirt. Jerel wusste, dass sie es bedauerte nicht mehr ihre Kaiserreichsrüstung zu tragen. Doch sie wäre viel zu auffällig gewesen. Als Kaiserliche Wache war sie in dieser Kampfrüstung ausgebildet worden, seit sie alt genug gewesen war. Kaiserliche Wachen wurden nicht geboren.

Sie wurden im Geheimen gezüchtet.

Sie war ein Klon.

Modifiziert.

Verbessert.

Im Kaiserreich war sie ein wandelnder Frevel, von dem niemand wissen sollte. Denn das Kaiserreich vertrat offiziell die Meinung, dass der Mensch, der genetisch unmanipulierte Mensch, die überlegene Rasse schlechthin war. Dass man das ausgerechnet bei der Leibwache der Kaiserin nicht so eng sah, war ein gut gehütetes Geheimnis, selbst in den höchsten Kreisen.

Jerel betätigte den Hebel für den Lazaris-Kristall. Im Bug öffnete sich eine kleine Luke und der Kristall wurde ausgefahren. Er leuchtete auf und ein Impuls schoss in den Weltraum vor ihnen.

„Spalt offen, los geht‘s“, sagte Narlie nach einem kurzen Blick auf die Instrumente.

Jerel flog das Schiff in diesen Riss im Normalraum.

Dahinter wirbelten die Farben umher.

„Schilde halten. Strahlenbelastung normal“, sagte Narlie.

Jerel entspannte sich.

Sie waren vom Normalraum in den Lazarischen Raum gewechselt, eine Art Zwischenraum. Er war weder eine Parallelwelt noch eine andere Existenzebene. Kein richtiges anderes Kontinuum. Er war weniger, wie die Wissenschaft zu sagen pflegte, und wurde für überlichtschnelles Reisen benutzt. Im Zwischenraum waren Entfernungen viel kürzer als im Normalraum, so dass man relativ gesehen die Lichtgeschwindigkeit überschritt.

Doch es gab auch Risiken. Man musste vorher wissen, wo man wieder in den Normalraum zurückkehrte. Wechselte man auf gut Glück in den Normalraum zurück, konnte man direkt in ein Trümmerstück fliegen, oder in einen Asteroiden. Oder aber auch in einen bisher unbekannten Planeten. Zudem herrschte im Zwischenraum eine hohe, lebensfeindliche Strahlung. Deswegen aktivierte man die Schilde und benutzte starke Schiffspanzerungen, um Folgeschäden zu verhindern. Natürlich war damit auch die Zeit begrenzt, in der man gefahrlos durch den Lazaris-Raum reisen konnte.


*


Zur gleichen Zeit wurden auf Leruma Prime die Leichen der Soldaten gefunden.

Zaren Daler blickte verdrossen auf die erkalteten Körper. Er versuchte Details zu erkennen, die ihm etwas über den Mörder verraten würden.

Er wusste, dass die Zielperson hier gewesen war. Und ihm war auch bewusst, was die zwölf toten Soldaten zu bedeuten hatten. Zaren drehte sich zu dem Major um, der hinter ihm stand und ihn erwartungsvoll anblickte.

„Der Gouverneur hat Ihre Befehle wohl ‚missverstanden‘“, bemerkte Major Drest sarkastisch. Er blickte ebenso resigniert zu den Toten wie Zaren. Nicht, weil sie unnötig gestorben waren, sondern weil sie ihnen die Arbeit nicht leichter machten.

„Missverstanden?“ Zaren hob leicht amüsiert eine Augenbraue. „Nein, er hat mich verstanden. Aber er hat wohl angenommen, dass ich den Söldner überbewerte.“

„Hätte er gewusst, was im Besitz des Dratikaners ist, hätte der Gouverneur den ganzen Planeten mobilisiert“, sagte Major Drest.

„Du weißt, dass unsere Befehle das nicht zulassen. Wenn bekannt würde, welche Informationen dem Kaiserreich ‚abhanden‘ gekommen sind ...“ Er brachte den Satz nicht zu Ende, da ihnen beiden sehr wohl klar war, was dann passieren würde. Es waren Kommunikationsprotokolle. Mit ihrer Hilfe konnte nicht nur der militärische Funkverkehr überwacht, sondern auch Versorgungslinien und generelle Flottenkonzentrationen erkannt werden.

Sollte das an die Öffentlichkeit gelangen, würde es denen, die forderten, eine weniger zentralistisch organisierte Armee anstatt von lokalen Systemstreitkräften zu unterhalten, neuen Wind bringen. Es gab schon lange im Kaiserreich Bestrebungen von verschiedenen Seiten, das zentralistische Militär aufzuspalten in kleinere dezentrale Verbände. Das würde natürlich einen Machtverlust der Kaiserin bedeuten, der das Militär direkt unterstellt war. Aber es würde auch verhindern, dass jemand an die zentralen Protokolle der Militärkommunikation gelangte und nun die Fähigkeit besaß, ihre Flottenaktivität zu überwachen. Andererseits war es mit dieser Information auch möglich, einen gezielten Erstschlag gegen die Kaiserliche Marine zu führen. Deswegen hatte man Zaren mit dem Zurückholen dieser Informationen beauftragt.

Zaren Daler war ein Mitglied der Kaiserlichen Wache. Das war eine Eliteeinheit von Soldaten, die nur direkt dem Kaiser oder der Kaiserin unterstanden. Das Besondere war, dass er (wie auch die anderen Wachen) ein Klon der allerersten Leibwächter war. Über die Jahre waren es immer mehr geworden, die in der Wache dienten. Offiziell waren es Soldaten, die sich hochgearbeitet hatten, doch in Wirklichkeit erreichten nur wenige Normalsterbliche einen Verdienst, der sie in so ein Amt gebracht hätte. Die Klone wurden von Geburt an einer speziellen Erziehung unterzogen. Zudem waren sie genetisch dazu manipuliert, ein sehr großes Ehrgefühl und Loyalitätsempfinden zu haben. Er und die anderen waren so etwas wie der verlängerte Arm der Kaiserin. Sie hatten faktisch keinen Rang inne, doch waren sie als Vertreter der Kaiserin in der Lage, selbst einem Admiral Befehle zu erteilen. Bereits der Anblick der Wachen war ehrfurchtgebietend, denn die Kaiserliche Wache trug eine beeindruckende Kampfrüstung. Sie erinnerte etwas an die Ritterrüstungen der Prä-Weltraum-Ära der Menschen. Doch war sie vollgestopft mit neuester und modernster Technologie, durch die sie sich in der Rüstung schneller als die meisten Lebewesen bewegen konnten. An ihrer Seite hing ein tajanisches Schwert, eine von vielen als antiquiert angesehene Waffe. Sie war vom Äußeren her ein geschwungener Einhänder, doch in ihrem Inneren steckte, wie in der Rüstung, modernste Technologie. Eine Antriebseinheit ließ die Klinge beim Umlegen eines kleinen Schalters am Griff vibrieren, mehrere hunderttausend Mal die Sekunde wurde sie in Schwingungen versetzt. Dazu wurde die Klinge heiß. Im aktivierten Zustand war man mit einem tajanischen Schwert in der Lage, durch die meisten gängigen Materialien und Rüstungen zu schneiden. Was die meisten Kritiker dieser Hauptwaffe der Kaiserlichen Wache nicht wussten war, dass sie nicht nur über diese sichtbare Nahkampfwaffe verfügte. In den Armen ihrer Rüstungen waren kleine Feuerwaffen angebracht, die sich auf einen gedanklichen Befehl von ihnen ausklappten. Jeder Wache hatte man bei der Geburt einen Chip ins Hirn implantiert, der ihr später half, besser mit der Rüstung umzugehen. Alle Funktionen, vom Versiegeln der Rüstung bis zum Aktivieren der Waffen, wurden mit Hilfe spezieller Gedankenimpulse gesteuert. Es war für sie nicht schwieriger, als den kleinen Finger zu bewegen; es war ihnen in Fleisch und Blut übergegangen, diese kraftverstärkenden Rüstungen zu bedienen wie einen Teil ihres Körpers.

Nur durfte das niemand wissen. Denn das Kaiserreich predigte die reine Menschheit. Frei von genetischer Manipulation und Veränderungen. Der Mensch war das höchste Wesen, so hieß es. Ihn zu manipulieren bedeutete, das Ebenbild Gottes zu beschmutzen.

„Finde heraus, wie viele Schiffe in der letzten Stunde den Planeten verlassen haben und schau, ob du rausbekommst, wo sie hingeflogen sind“, befahl Zaren und wandte sich in Richtung der nächsten Kneipe.

„Ja, Sir“, erwiderte Major Drest und wandte sich in die entgegengesetzte Richtung, zum Raumhafen von Leruma Prime.


*


Jerel legte seinen Helm auf eine Arbeitsplatte neben seine Rüstung. Er betrachtete sie eine Weile, überprüfte die Ausbesserungen, die er vor ein paar Monaten gemacht hatte. Währenddessen trat Narlie in den Eingang des Raumes und schaute ihm zu.

„Und? War es das wert?“, fragte er ohne sich umzudrehen.

„Ja. Sie werden zufrieden sein. Ich kann sie nicht öffnen, aber sie scheint echt zu sein“, erwiderte sie, etwas überrascht, dass er sie bemerkt hatte.

„Wie machst du das?“, fragte sie deshalb. „Als Kaiserliche Wache kann ich mich von Natur aus schon sehr unauffällig bewegen, mit Hilfe meiner Ausbildung kann ich fast jedes Geräusch verhindern. Woher wusstest du, dass ich da bin?“

Er lächelte und deutete auf ein Stück Metallschrott auf einem der Regale vor ihm.

„Es gab ein kurzes Flackern, als du im Türrahmen erschienen bist. Und da nur wir zwei auf dem Schiff sind, war der Grund für die Bewegung hinter mir recht eindeutig“, erklärte er und begann eine Granate in das Magazin nachzuladen. Er ersetzte damit die auf Leruma Prime verschossene. Viele waren es nicht mehr, die er besaß.

„Wir dürften bald bei Kalagath in den Normalraum wechseln, willst du das Schiff landen?“, fragte er und begann die Taschen seines blauen Overalls zu durchsuchen, den er anstatt der Rüstung trug.

„Gerne, wenn du meinst, dass ich das schon kann“, sagte sie und schob eine verirrte Strähne ihres rostbraunen Haares aus ihrem Gesicht.

„Gut, dann geh schon mal und bereite alles für das Abbremsen auf Unterlicht vor“, antwortete er.

Sie nickte und verließ den Raum. Einige Minuten später verlangsamte die ENTDECKUNG auf Unterlicht. Ein Spalt öffnete sich im Weltraum und die ENTDECKUNG trat in den Normalraum ein, unweit des Planeten Kalagath und der ihn umkreisenden, mondgroßen Raumstation Dalagotha. Schnell waren sie so nahe heran, dass er ihr gesamtes Sichtfenster ausfüllte.

Kalagath war eine ozeanbedeckte Welt, auf der es für Sauerstoffatmer keinen einzigen Ort gab. Deswegen hatten die Kalagathan, wie sich die dominante Spezies nannte, die Raumstation Dalagotha erbaut. Mondgroß war sie und umkreiste den Planeten. Dalagotha wies eine pyramidene Grundform auf. Dazu war sie übersät mit pockenartigen Auswüchsen, wann immer man sie erweitert hatte. Wie ein Geschwür sah sie aus. So wirkte es auf die Entfernung zumindest auf Jerel.

Jetzt verstand er, warum viele die Raumstation Dalagotha einfach nur „die Hässliche“ nannten.

„Wir haben Landeerlaubnis in Hangar 16“, informierte Jerel, der an der Kommunikationskonsole saß.

„Na dann“, erwiderte Narlie und steuerte das Schiff Richtung der Raumstation Dalagotha. Einige Minuten später landete die ENTDECKUNG etwas unsanft im Hangar 16.

„Nicht schlecht“, sagte Jerel, als sie das Schiff verließen. Er hatte wieder seine schwarz-silbern lackierte dratikanische Rüstung an.

„Für eine erste Landung mit einem modifizierten Transporter war‘s gut“, wiederholte er und musterte unauffällig die Landungsstützen. Ihm fiel auf, dass an ihnen ein wenig der Lack abgesplittert war.

„Danke.“ Sie lächelte ihm zu. Niemand hielt sie auf, niemand verlangte eine Liegeplatzgebühr. Die Station war ein Freihandelshafen, für dessen Betrieb und Instandhaltung sich die Ozeanbewohner anteilsmäßig bezahlen ließen.

Sie liefen durch eine Reihe von gewundenen Gängen, bis sie schließlich auf einem großen Platz ankamen. Von dort aus bogen sie nach rechts ab und gelangten so in eine kleine Bar. Jerel hatte sich informiert. Wer gute Söldner für faire Preise wollte, kam hierher. Genau der richtige Ort für dieses Treffen. Keiner sah zu genau hin und keiner stellte unnötige Fragen.

Sie setzten sich an einen Tisch weiter hinten und bestellten etwas zu trinken. Nach einer Weile setzte sich ein Mensch mittleren Alters zu ihnen an den Tisch.

„Haben Sie sie?“, fragte der Fremde.

„Kommt drauf an, wer Sie sind“, antwortete Jerel. Er musterte den Fremden. Er hatte kurzes braunes Haar und trug eine schwarze Hose zu einem weißen Hemd und darüber eine schwarze Jacke. Keine sichtbaren Waffen.

„Parlius Tilanis ist mein Name. Ich komme vom Planeten Schwarzelfenheim“, antwortete der Fremde.

„Dann haben wir, was Sie wollen“, erwiderte Narlie, da der Fremde die richtigen Code-Wörter gesagt hatte, die ihn als Vermittler zu erkennen gaben.


*


Zaren lächelte zufrieden, als er zum Raumhafen ging. Dort wartete Major Drest in einem Kanonenboot auf ihn. Während das Kanonenboot in die Atmosphäre aufstieg, berichtete ihm Zaren, was er erfahren hatte. Ohne seine Rüstung war er nur einer der tausenden Reisenden in einem Raumhafen gewesen. Aber einer, der darin geschult worden war, im Gesicht des Gegenübers die Wahrheit zu lesen.

„Ich habe mich ein wenig umgehört. Es dauerte eine Weile, aber ich fand jemanden, der Jerel Rimasen einwandfrei identifiziert hat, wodurch wir wissen, dass er die Farbe seiner Rüstung ein weiteres Mal geändert hat“, erklärte Zaren. „Zusammen mit den Überwachungsvideos konnte ich herausfinden, mit welchem Schiff er vermutlich den Planeten verließ. Er ist mit einem Xem.T-Frachter unterwegs.“

„Xem.T-Frachter? Diese alten Xemtreo-Schiffe? Ich werde sofort eine Nachricht an alle Kaiserlichen Raumhäfen aussenden. Alle werden überprüft werden, egal wie viele es sind. Er wird uns nicht lange entkommen können“, sagte Major Drest zuversichtlich.

Langsam näherte sich das Kanonenboot der VERTEIDIGER VON EIDUM.

Die VERTEIDIGER war eines der drei Paladin-Klasse-Schiffe, die im Rahmen dieser Mission unter dem persönlichen Befehl von Zaren standen. Paladin-Klasse-Schiffe waren das Rückgrat der Kaiserlichen Flotte. Sie waren abgeflachte, leicht pyramidenförmige Schiffe mit kreisrunden Einbuchtungen hinten. Außen hatten sie einen Ring von schwächeren Waffen für die Verteidigung gegen kleinere Kreuzer oder Jäger, in der Mitte der Schiffe befanden sich nach oben und unten dreiläufige schwere Geschütze, die hauptsächlich für den Einsatz gegen Großkampfschiffe gedacht waren. Allerdings waren sie auch bereits in der einen oder anderen Schlacht benutzt worden, um Energieschüsse auf Planeten zum Bombardement zu nutzen. Kleinere Lasergeschütze waren kaum denkbar. Der immens hohe Energieverbrauch war der Hauptgrund, warum in normalen Gefechten Mann gegen Mann immer noch Projektilwaffen verwendet wurden.

Die beiden anderen Schiffe, die ERBARMUNGSLOS und die VERNICHTER, befanden sich in einem gewissen Abstand hinter der VERTEIDIGER. Nach dem Andocken wurde Zaren von Kapitän Tarest begrüßt.

„Wache Daler, ich hoffe, Ihre Nachforschungen waren von Erfolg gekrönt?“, fragte Kapitän Tarest, während er einen Salut andeutete. Er war natürlich schon darüber informiert, dass ihnen der Dratikaner wieder entkommen war.

„Ja, teilweise“, erwiderte Zaren.

Kapitän Tarest war ein in die Jahre gekommener Mann, der auf die sechzig zuging. Er war ein in Ehren ergrauter Offizier, der viele Jahre bereits in den Grenz- und Expansionskriegen des Kaiserreichs gedient hatte. Seine dunkle Uniform ließ seine grau werdenden Haare heller wirken als sie es eigentlich waren. Er wirkte sehnig und hart im Nehmen. Zaren kannte seine Akte und wusste, dass letzteres zutraf.

„Wir ...“, begann Zaren, als er von einem Kommunikationsoffizier unterbrochen wurde.

„Kaiserliche Wache Daler, Sir, hier will Sie jemand vom Geheimdienst sprechen, sofort“, erklärte der Kommunikationsoffizier nervös. „Ich weiß, ich soll Sie nicht stören, aber es erschien wichtig.“

Zaren warf ihm einen Blick zu, dass dem Offizier jedwede Farbe aus dem Gesicht wich. Innerlich war Zaren allerdings bereits damit beschäftigt sich zu fragen, was der Geheimdienst von ihm wollte.

„Geben Sie es mir auf diese Konsole“, erwiderte Zaren und ging zu einer etwas abseits stehenden, nicht besetzten Station.

Ein Mann mittleren Alters erschien auf dem Schirm, es war ein Offizier des Kaiserlichen Geheimdienstes.

Zaren nickte dem Mann kurz zur Begrüßung zu. Er kannte ihn von anderen Gelegenheiten. Er hatte ihn mit der Information versorgt, dass Jerel nach Leruma Prime unterwegs war.

„Was gibt es?“, fragte Zaren ohne Einleitung.

„Wir haben neue Informationen betreffend Jerel Rimasen“, begann der Geheimdienstler. „Er wurde auf Kalagath gesichtet. Genauer, auf der Raumstation. Wir vermuten, dass er entweder neue Vorräte aufnimmt oder dort die gestohlenen Informationen verkauft. Das müssen Sie um jeden Preis verhindern! Der Informant ist in diesem Fall als sehr vertrauenswürdig einzuordnen.“

„Ich bin mir des Ernstes durchaus bewusst“, erwiderte Zaren. Er wusste vermutlich sogar noch besser als der Mann vom Geheimdienst, wie wertvoll dieser Datenblock mit Informationen war.

Zaren beendete die Transmission und wandte sich um.

„Kapitän, wir haben ein Ziel: Kalagath“, erklärte er. „Dort gibt es eine Raumstation im Orbit, ich will ein Dossier mit den verfügbaren Informationen dazu. Inklusive einer Analyse, wie wir sie notfalls mit wenigen Schüssen vernichten können.“

Kapitän Tarest nickte und gab entsprechende Befehle. Er fragte nicht, warum. Er fragte nie nach dem Grund. Noch eine Eigenschaft, die Zaren an diesem Mann schätzte.

Wenige Minuten später verschwanden die drei Paladin-Klasse-Schlachtschiffe synchron in einer Öffnung in den Lazaris-Raum.



Kapitel 3: Der Auftrag

Ort: Megapolis-Planet Chutala, Chutala-City, untere Ebenen

Zeit: 4699,1 NSüdK

Genormte Galaktische Zeitrechnung



Isaak rutschte den dreckigen Lüftungsschacht entlang. Es ging schräg nach unten. Während er versuchte langsamer zu werden, bemerkte er, dass der Lüftungsschacht zwar dreckig war, aber noch lange nicht so wie Isaak es erwartet hätte. Außerdem fehlte das typische Ungeziefer. Normalerweise siedelten sich allerlei Insekten und andere Wesen in den weitverzweigten Tunneln an, was sie sehr gefährlich machen konnte.

Der Tunnel wurde also öfter mal als Abkürzung benutzt.

Bevor Isaak weiter darüber nachdenken konnte, war der Ritt auch schon vorbei und er krachte in einen Haufen alter Kabel. Sie dämpften den Fall nur leidlich.

Er kämpfte sich hoch und blickte dann in die Läufe seiner beiden Pistolen.

„Was hast du hier unten zu suchen?“, fragte ihn die Frau. Er hatte recht gehabt, es war eine Menschenfrau.

Sie war einen Kopf kleiner als Isaak. Ihre weichen Gesichtszüge wurden von braunem lockigem Haar eingerahmt. Sie trug einen dunklen Kampfanzug, auf dem Panzerplatten angebracht waren. Ein Kompromiss aus Beweglichkeit und Schutz. Auf dem Rücken trug sie einen kleinen Rucksack.

„Na, verschlage ich dir die Sprache? Zu lange hier unten? Keine Terranerinnen mehr gesehen?“, fragte sie. „Was tust du hier?“

Isaak musste schmunzeln.

„Mein Name ist Isaak. Gib mir meine Waffen und wir gehen beide unseres Weges“, sagte er ruhig. „Ich habe nichts mit irgendwem zu schaffen, ich habe meine eigenen Angelegenheiten. Du sicher auch.“

Er hoffte inständig, dass sie niemand war, der gesucht wurde. Hier unten gab es eine Menge Leute, die alles, was nach Kopfgeldjäger aussah, zuerst töteten, dann Fragen stellten. Vermutlich überlebte man letztendlich hier unten auch auf die Weise länger.

Sie musterte ihn. Dabei ließ sie seine Waffen minimal sinken, aber nicht weit genug, dass er sie hätte angreifen können ohne erschossen zu werden. Sie war nicht dumm, das musste er ihr lassen.

„Kopfgeldjäger“, stellte sie unnötigerweise fest. „Nicht oft hier unten. Dachtest, das wird eine einfache Sache.“

Er hob überrascht die Augenbrauen.

„Was soll einfach sein?“

„Der Job. Kommst runter zum Abschaum, schießt etwas herum und fliegst wieder rauf. Der Gleiter oben. Billig. Verbraucht. Ein Hin-und-Zurück-Ticket in die Hölle. Kopfgeldjäger und Abschaum, der hier zu Besuch kommt, fliegen immer so etwas. Da sparen sie immer.“

Isaak nickte anerkennend. Er fühlte sich seltsam ertappt.

„Und jetzt meine Waffen – und wir gehen unserer Wege!“, wiederholte er noch einmal.

Sie lachte.

„Du bist hier im Kenar-Territorium und da oben ist einer angegriffen worden. Du hast jetzt ganz schön Dreck am Stiefel“, stellte sie fest.

„Aber ich habe ihn nicht angegriffen“, erwiderte er ruhig.

„Stimmt, aber du wurdest von einem Roten Hachee gerettet. Damit bist du potenziell ein Feind. Es herrscht im Moment Krieg hier unten.“

Isaak atmete resigniert aus. „Wieso habt ihr mich dann nicht zufrieden gelassen?“

„Er hätte dich getötet. Jetzt hab ich dein Leben gerettet, dein Arsch gehört den Roten Hachee. Zumindest einen Gefallen schuldest du uns. Vorausgesetzt du besitzt einen Funken Ehre in dir, Kopfgeldjäger.“

„Und wenn nicht?“

„Dann bekomme ich ein paar neue Pistolen und du zwei neue Nasenlöcher gestanzt. Eins in die Brust, eins zwischen die Augen.“

Isaak verkniff sich eine bissige Erwiderung. Er hatte vorerst verloren. Man musste anerkennen, wenn man unterlegen war und daraus lernen, hatte seine Mutter immer gesagt.

„Okay, einen Gefallen. Dann bin ich weg“, knurrte Isaak schließlich.

Die Frau lächelte kokett und senkte seine Waffen.

„Brav. Jetzt geh den Gang entlang.“

„Wohin?“

„Einfach geradeaus, ich sage, wenn du abbiegen musst.“

Er seufzte und setzte sich in Bewegung.



Sie lotste ihn durch mehrere gewundene Gänge, bis sie schließlich vor einem großen schweren Schott standen.

„Setz die auf“, sagte sie und reichte ihm eine Sauerstoffmaske. Sie war klein, aus einem schwarzen Kunststoff, der beim Aufsetzen Mund und Nase bedeckte und sich mit einem schmatzenden Geräusch festsaugte. Schräg vom Mundstück ab ragte eine kleine Metallampulle, in der der Sauerstoff war. Zumindest hoffte Isaak, dass darin Sauerstoff war und kein Gift. Aber es hätte keinen Sinn gemacht, ihn jetzt auf diese Weise zu töten. Warum dann der ganze Weg?

Sie nahm ebenfalls eine Maske und richtete mit der freien Hand seine Pistole auf ihn.

„Öffnen“, befahl sie. Ihre Stimme klang dumpf durch den Kunststoff vor ihrem Mund.

Er besah sich den Mechanismus des schweren Schotts und erkannte, wie es zu bedienen war. Ein paar Handgriffe später glitt es zischend in zwei Hälften horizontal auseinander. Zwar war das Schott schon lange ohne Strom, die Notfallöffnung aber war hydraulisch und funktionierte somit noch.

Vor ihm war eine neblige Landschaft. Mattes Licht erhellte die Umgebung. Nach und nach gewöhnten sich seine Augen an das schwächere Licht und er begriff, was er sah.

Das hier war eine Plattform gewesen, einst auf der halben Höhe der gigantischen Hochhäuser. Orte für Geschäfte, Straßen und Parks hatte es gegeben, Flaniermeilen voller Menschen.

Heute war es vor allem eins.

Gefährlich.

Über sich sah er nur den dunstigen Nebel und Dunkelheit.

Er fluchte innerlich darüber, dass er unbewaffnet war.

Es hieß, dass es hier Tiere gab, Lebewesen tausender Welten, ausgesetzt und entlaufen. Es hatten Kreuzungen stattgefunden, neue Arten waren entstanden, die hier unten lebten. Jagten.

Er spürte den Lauf seiner eigenen Waffe im Rücken, als ihn die Frau vorwärts stieß.

Widerwillig ging er los.

Sie gingen durch ein Trümmerfeld. Ausgeschlachtete Gleiter und allerlei Schrott lagen auf der Plattform verteilt. Vieles sah alt aus, Rost gab vielem sicher einst Glänzendem eine dreckige Farbe.

Er kam beinahe ins Stolpern, als direkt neben ihm ein Abgrund gähnte. Im Boden der Plattform war ein zwei Meter durchmessendes Loch. Seine Kanten waren völlig glatt abgeschnitten. Fast wie mit einer Maschine.

Er machte einen großen Bogen darum. Immerhin konnte die ganze Statik der Plattform dadurch gestört sein.

Dann standen sie vor einem anderen Schott, das von selbst aufglitt. Isaak duckte sich, als ein Mensch seine Waffe auf sie richtete.

Er hatte ungesund helle Haut und dunkelblaue Haare. Seine schwarzen Augen bildeten einen harten Kontrast zu der kränklichen Hautfarbe.

Die Frau hinter Isaak trat ihn in die Seite, so dass er vorwärts auf den Hellhäutigen zutaumelte. Er blickte sich zu ihr um, sie hatte noch immer seine Pistolen auf ihn gerichtet. Sie nickte zu dem Hellhäutigen. Isaak trat zu ihm und die Frau verschloss das Schott wieder. Der Dunst der Außenwelt sammelte sich in Knöchelhöhe.

Nachdem sich das Schott geschlossen hatte, sammelte sie Isaaks Maske wieder ein.

„Ist er tot, Nigo? Der Kenar“, fragte die Frau den Hellhäutigen. Dieser schüttelte den Kopf.

„Er ist weg, wenn auch verletzt. Hat aber Hilfe gerufen. Ich hatte keine Zeit ihn noch zu erledigen“, erklärte der als Nigo angesprochene Hellhäutige.

Die Frau sah Isaak an und stellte sich vor: „Dann glauben die Kenar wirklich, dass du mit uns zusammenarbeitest. Mein Name ist übrigens Roxane, Roxane Ava.“

Sie nickte auf den Blauhaarigen. „Das ist Nigo.“

„Isaak“, stellte sich selbiger vor. „Meine Waffen?“

„So viel Höflichkeit dann jetzt doch nicht“, erwiderte Roxane. In ihren Augen blitzte es. „Die bekommst du noch. Wenn es soweit ist. Wenn du dich gut benimmst.“

Sie gingen einen Korridor entlang, vermutlich einst Teil eines Wohnhauses.

Der Korridor wand sich durch das Gebäude. Irgendwann erreichten sie einen Bereich, in dem Isaak sofort auffiel, dass er noch in Benutzung war.

Statt der schwach flackernden beschädigten Lampen der anderen Korridore herrschte hier kaltes und konstantes Licht, das von unregelmäßig an den Wänden befestigten Lampen kam. Die Lampen waren an Eisenpfählen befestigt, die man in die Wandverkleidungen gerammt hatte.

Vor einer mit metallenen Flicken versehenen Tür standen zwei breit gebaute Humanoide in schweren Rüstungen. Menschen, vielleicht von einer der unzähligen Welten der Allianz, vermutlich aber aus der Tiefe der Stadt. Sie richteten ihre Gewehre auf die Neuankömmlinge. Sie schienen verunsichert. Isaak vermutete, dass sie Roxane kannten.

„Ist in Ordnung, er soll zu Araken“, erklärte Roxane. Bei „er“ deutete sie auf Isaak.

Die beiden Wachen sahen sich kurz an, dann zuckte einer von ihnen mit den Schultern.

„Ist Ihre Verantwortung, Ava“, sagte er und betätigte die Türschaltung. Zischend öffnete sich die Tür.

Dahinter lag ein großer Raum, in dem fleißig allerlei Kreaturen herumliefen.

Manche Spezies erkannte Isaak, andere sah er zum ersten Mal.

„Da lang“, zischte Roxane und lotste ihn in einen kleinen Flur, der in einem Büro endete.

An einem schweren, dunklen Tisch in Holzoptik saß ein katzenhafter Humanoider mit rotbraunem Fell. Am Ende der abstehenden Dreiecksohren waren kleine Haarbüschel.

Ein Lonyke, ging es Isaak durch den Kopf. Er hatte bereits ein paar Angehörige dieser Spezies gesehen. Der Lonyke blickte von einem Datenmodul auf und zeigte ein raubtierhaftes Grinsen. Er entblößte dabei ebenmäßige, spitze Zähne. Es wirkte wie die Parodie auf ein menschliches Lächeln.

„Roxane, Nigo, was bringt ihr mir da?“, fragte er. Er hatte eine melodische Stimme. Isaak vermutete, dass er verdammt gut war im Schmeicheln und Manipulieren. Er wurde von Roxane und Nigo mit großem Respekt angesehen. Ehrfurchtsvoll.

„Einen Kopfgeldjäger, hat sich die Kenar zum Feind gemacht. Wir haben ihn rausgeholt, aber der Kenar lebt noch. Der Jäger flog ohne Tribut durch ihr Gebiet.“

„Ich hätte ihn entrichtet, wenn Sie nicht eingegriffen hätten“, entgegnete Isaak. „Ich habe nichts mit den Banden hier zu tun.“

„Sie sind doch hier“, flötete Araken mit seiner melodiösen Stimme. „Damit haben Sie im Krieg eine Rolle. Niemand, der Bandengebiet betritt, ist unbeteiligt. Es gibt hier nur zwei Kategorien. Soldaten und Opfer. Sie betreten das Spielfeld, sobald sie hier sind. Sie spielen von da an mit, nach den Regeln der Banden.“

„Was genau wollen Sie für sicheres Geleit?“, fragte nun Isaak. Er hatte genug. Er überlegte, ob er Roxane seine Waffen entreißen konnte, ohne dabei erschossen zu werden. Sie hatte sie gesenkt, der Raum war klein. Vielleicht konnte er schnell genug sein. Doch bisher war noch kein idealer Moment gekommen.

„Wir kennen Ihren Ruf“, stellte nun Araken fest. „Isaak Sanders, der Jäger von Kulkada. Man nennt Sie manchmal auch ‚die Vergiftung‘, weil Sie noch nie aufgegeben haben. Noch nie ist Ihnen jemand entkommen.“

Isaak stutzte. Hier wurde noch etwas anderes gespielt.

„Denken Sie, ein Humanoide wie Sie kann hier herumlaufen, ohne dass mir jemand erzählt, dass er Sie gesehen hat? Ihre Zunft ist gut zu erkennen. Gewalt-Menschen ohne Tätowierung.“ Araken schob seinen Ärmel etwas herauf, so dass ein rotes Symbol zu sehen war. Ein mehrarmiges spinnenartiges Tier. Nicht sehr detailreich.

„Die Roten Hachee. Es gibt hier in den Untiefen eine Spinnenart mit zwölf Beinen. Sie sind so gefährlich, dass sie sogar Kilto binnen Minuten töten können“, erklärte er. „Jede Bande hier hat ein Zeichen. Eine Tätowierung. Wir wollen, dass Sie zu den Kenar gehen und für Ärger sorgen. Wir wollen in ihre Festung.“

Isaak schnaubte verächtlich.

„Wieso sollte ich Ihnen dabei helfen? Damit Sie die Drogenversorgung des Kenar-Gebietes übernehmen können? Ich bin Jäger, ja. Ich habe einen Vertrag zu erfüllen. Ihnen schulde ich nichts. Ich bin nicht als Schläger anzuheuern. Ich bin kein Söldner.“

„Dann nehmen Sie einen kleinen Zwischenauftrag an“, sagte Araken. „Für sicheres Geleit stellen Sie mir ein Stück Technik sicher, aus der Festung der Kenar.“

„Was für Technik?“

„Eine Bombe.“

Isaak stutzte. Er merkte wie Roxane und Nigo sich versteiften. Was für eine Bombe machte ihnen Sorgen? Er hatte ein Gespür für die Stimmung eines Menschen. Es war lebensnotwendig für ihn zu wissen, was jemand tun würde, wie verzweifelt er war.

„Worum genau geht es?“

Araken lehnte sich in seinem Stuhl zurück.

„Hier unten gibt es keine Regierung. Alles von dort oben besitzt keine Macht. Wir, die Banden, sorgen für Ordnung. Wir bringen Sicherheit. Wir erlassen Gesetze. Im Gebiet der Roten Hachee darf man nicht nach Lust und Laune töten. Wir verhindern das Chaos. Die Kenar aber sind zu Söldnern geworden. Wir hatten Spione in ihren Reihen. Das letzte, was wir erfahren haben“, Araken zögerte. Roxane sah ihn an und sagte: „Sagen Sie es ihm. Es dürfte seine Motivation uns zu helfen vergrößern.“

„Sie bauen eine Bombe“, gab Araken zu. „Eine mit Oravit versetzte R-Bombe. Sie haben von überall Bauteile geholt. Es ist eine Bombe mit gewaltiger Sprengkraft, das Oraviterz potenziert die Gewalt der Explosion noch einmal.“

„Tragisch, und was geht es mich an?“ Isaak musste zuerst an sein Zielobjekt denken. Wie nahe war die Bombe? Konnte sie Julian schaden?

„Wir glauben, dass man sie dafür bezahlt. Vielleicht sollen sie damit die oberen Stockwerke erpressen. Aber ich glaube etwas anderes.“

„Und zwar?“

„Die Kenar werden bezahlt das Chaos zu bringen. Stellen Sie sich eine Oravit-Bombe vor, die hier unten explodiert.“

Isaaks Augen weiteten sich etwas, als er sich die Folgen ausmalte. Das war tatsächlich hier unten ein ganz anderes Problem.

„Damit kann man mehrere Gebäudefundamente zerstören.“

„Nicht nur das. Die Gebäude sind verbunden, Tausende von Flanierplattformen, auf jeder Ebene. Direkt eingelassen und verbunden mit den Skeletten der Gebäude. Sie würden andere mitreißen.“

„Aber die Kenar würden ihr eigenes Territorium damit vernichten.“

„Wir glauben, dass sie die fertige Bombe zu uns bringen wollen. Unser Gebiet würde damit vernichtet. Vielleicht bezahlt man sie aber auch gut genug, um ihr eigenes Gebiet zu planieren.“

„Wer hätte Interesse an so etwas Großem?“, fragte Isaak zweifelnd. „Das ist definitiv eine Nummer zu groß für Bandenkrieg.“

Araken nickte und lächelte dabei wieder. Auf Isaak wirkte es süffisant.

„Genau. Das ist Politik.“

„Sie meinen, sie werden von oben dazu angestiftet? Von wem?“

„Allen. Jedem, der einen Vorteil hat, wenn die Allianz sich blamiert, weil sie nicht den Tod von Milliarden Lebewesen mitten in ihrer Hauptstadt verhindern kann. Die Allianz wird reagieren müssen. Es wird tausende Soldaten brauchen, um die Unterstadt zu befrieden. Es wird teuer für die Allianz. Stell dir außerdem die untergrabene Autorität vor, nichtmal die eigene Hauptstadt sicher halten zu können. Wir wollen nicht, dass irgendetwas davon passiert.“

Isaak kratzte sich nachdenklich am Kinn. Er zweifelte daran, dass ihm der Lonyke die Wahrheit sagte.

„Ein schönes Märchen, aber doch arg weit hergeholt.“

„Sie sind Jäger, Sie arbeiten für Geld, oder?“, fragte Araken nun. Isaak lachte.

„Das klingt, als wollten Sie mich wie jeden beliebigen Söldner anheuern. Ich sagte bereits, dass ich kein Söldner bin.“

„Nein, aber zum freien Geleit biete ich Ihnen, was Sie wollen. Wie wäre es mit Informationen. Oder Geld? Wertgegenstände? Ich will einen Mann mit Ihren Erfahrungen, den die Kenar nicht kennen“, sagte Araken und seine Stimme wurde dabei kalt wie Eis.

Einen Mann mit Ihren Erfahrungen, hallte es in Isaaks Verstand wider. Das hier war kein Zufall! Hatten sie ihn gezielt ausgesucht, weil sie wussten, wer er war?

„Was Sie wollen, ist ein brauchbarer Soldat, den man aber im Zweifelsfall opfern kann. Den niemand Ihrer Leute kennt, der keine Antipathie in Ihrer Truppe hinterlässt, wenn Sie ihn opfern. Der vollkommen entbehrlich ist. Gut, Sie haben mich hiermit angeheuert“, erklärte Isaak und hielt auffordernd seine Hände in Richtung Roxanes. Sie blickte zu Araken. Als dieser nickte, reichte sie Isaak seine Waffen zurück.

Ein hinterlistiges Lächeln umspielte Arakens Mundwinkel.

„Roxane, erklär ihm, was nötig ist“, beendete Araken das Gespräch. Er widmete sich seinem Handcomputer und machte damit klar, dass sie entlassen waren.

Roxane führte Isaak heraus, nur Nigo blieb.

„Ist der Kenar wirklich entkommen?“, fragte Araken, als sie alleine waren. Nigo schüttelte den Kopf.

„Hab ihn erwischt, war viel zu träge, der Gute. Jetzt raucht der aus der Stirn“, erwiderte Nigo. Über Arakens Gesicht huschte erneut ein kurzes Lächeln. „Sehr gut.“


*


Isaak blickte hinab auf die Häuserschlucht. Eine dicke, dreckige Kunststoffscheibe schützte ihn und die anderen vor den giftigen Dämpfen und der sauerstoffarmen Luft.

„Also, ist Ihnen klar, was Sie tun sollen?“, fragte Roxane erneut. Isaak nickte und setzte die Sauerstoffmaske auf, die man ihm gegeben hatte.

Er zweifelte immer noch an den Motiven der Roten Hachee, aber es war ihm auch nicht wichtig. Er war bereits in dem Ganzen drin und würde sich sowieso Feinde machen. Also konnte er vorerst mitspielen, tun, was nötig war und sich vielleicht bei Zeiten einfach abseilen?

Dass es die Bombe wirklich gab, glaubte er nicht. Trotzdem war da dieser kleine Zweifel in ihm. Was, wenn doch?



Isaak ging die schmale Promenade entlang, vorbei an einem ausgeschlachteten Gleiter, der gigantische Triebwerke gehabt haben musste.

Da schien sich in den letzten Jahrhunderten technologisch wirklich etwas getan zu haben, allem Fortschrittspessimismus zum Trotz. Früher schien doch nicht alles besser gewesen zu sein.

Er folgte dem Weg, so wie Roxane es ihm erklärt hatte, bis er schließlich abbog und zu einem Schott ging, das an einigen Stellen geflickt schien.

Er betätigte den Schalter und trat in einen Korridor. Mehrere bewaffnete Humanoide richteten ihre Gewehre auf ihn.

„Keine schnelle Bewegung, oder es wird deine letzte“, knurrte ein Mensch, der ein altes Repetiergewehr trug.

„Ist ja gut, ich will nur eurem Anführer ein Angebot machen“, erklärte Isaak. Die Männer warfen sich Blicke zu und sahen dann den an, der zuerst gesprochen hatte. Sie wirkten verunsichert.

„Der ist nicht da“, erklärte eine der Wachen dann. Isaak wusste das bereits von Roxane.

„Dann will ich auf ihn warten.“

Sie kamen näher und durchsuchten ihn. Er ließ es über sich ergehen. Sie nahmen ihm seine beiden Pistolen ab und führten ihn durch ein Gewirr von Gängen in eine kleine Kammer, die als Zelle diente. Von innen gab es keinen Mechanismus, um die Tür zu öffnen.

Isaak fühlte sich seltsam nackt ohne seine Pistolen. Vor allem, da der Tag noch nicht herum war und er sie dennoch zum zweiten Mal abgenommen bekommen hatte.

„Wir richten aus, dass du Interesse hast“, erklärte einer von ihnen. Er lachte dabei hämisch. Sie kontrollierten seine Oberarme und Handflächen.

„Keine Bandentätowierung“, murmelte einer dabei.

„Natürlich, ich komme von oben, ich biete ihm meine Dienste an. Ich könnte nützlich sein. Sagt ihm das“, erklärte Isaak. „Er soll mich überprüfen.“

Es wurde zugestimmt. Inzwischen schienen sie von seiner Geschichte überzeugt zu sein.

Dann war Isaak in der kleinen Kammer allein.

Hätten sie eine Tätowierung einer konkurrierenden Bande gefunden, wäre er vermutlich bereits tot gewesen.

Er betrachtete das Schott, das seine Zelle verschloss. Man hatte die Schalter zum Öffnen schlicht und ergreifend auf dieser Seite zerschossen. Er konnte sich ein kurzes Lächeln nicht verkneifen.

Das war schon mal ein guter Anfang.

Er beugte sich und zog aus einem kleinen Fach, das in seinem Stiefel eingenäht war, einen Handcomputer. Er war nur auf die einfachsten Funktionen reduziert, wie zum Beispiel einen Energieimpuls an ein anderes Gerät zu geben. Oder eine Schaltung. Vorsichtig versuchte Isaak eines der Kabel aus der Wand zu lösen, um es an seinen Handcomputer zu stecken. Dabei löste er das Kabel versehentlich, so dass es ein wenig tiefer hinter die Wandverkleidung rutschte. Isaak seufzte. Er mochte diese Geduldsspiele nicht. Aber wie hieß es? Alles Gute kam zu denen, die geduldig waren.


*


Roxane lief nervös auf und ab.

„Lebt er noch?“, fragte sie Nigo. Dieser nickte nach einem Blick auf seinen Handcomputer. „Der Sensor, den du an seinen Nacken geklebt hast, der seinen Herzschlag misst, zeigt, dass er noch lebt.“

„Mir gefällt Arakens Plan nicht.“

„Hör mal, Roxane. Er ist zwar einer von außerhalb, aber wenn er das nicht wäre, hätten sie ihn direkt erschossen. Er wird den Auftrag erfüllen.“

„Ob er uns glaubt? Das mit der Bombe?“

„Spielt keine Rolle, solange er den Auftrag erfüllt.“

„Wenn sie sie zünden, sind wir alle tot.“

„Darum ist es auch sinnlos sich aufzuregen. Wenn wir es schaffen, gut. Wenn wir scheitern, tja, dann haben wir nicht genug Zeit, um uns darüber Sorgen zu machen, bevor wir verschwinden.“

Roxane setzte sich auf eine leere Munitionskiste und sah mit zusammengekniffenen Augenbrauen zu Nigo.

„So einfach ist das?“

„So einfach ist das.“

Schweigend warteten sie und die anderen Roten Hachee darauf, dass die nächste Phase des Plans begann.

„Sein Herzschlag ist immer noch da und normal. Er ist bei Bewusstsein. Wenn Arakens Informationen über ihn stimmen, ist er wirklich gut“, beruhigte Nigo Roxane leise. „Hab Vertrauen.“

„In einen Oberweltler!“, schnaubte sie. Doch sie wusste, dass sie keine andere Wahl hatte.

Sie kannte die absonderlichsten Geschichten über die Oberwelt. Über den hellen Glutball, der dort oben Licht spendete. Die Sonne, die die Oberfläche erwärmte und Millionen als Energiequelle diente. Nicht alles, was man ihr erzählt hatte, glaubte sie auch. Manche Geschichten waren doch arg fantastisch. Dass angeblich dort die Luft sauber war, überall. Oder dass es viele Bereiche gab, in denen die Menschen unbewaffnet herumliefen. Ja, sogar ganze Planeten sollte es dort draußen geben, mit Menschen, die nie in ihrem Leben eine Waffe brauchten.


*


Isaak sprang zur Seite, als sich das Schott öffnete und spähte in den Korridor. Niemand da.

Er runzelte die Stirn. War er nicht mindestens so bedrohlich, dass man immerhin eine Wache abstellen sollte?

Er schlich den Korridor entlang. Zwischendurch blickte er auf seinen kleinen Handcomputer. Er hatte einen Signalgeber in eine seiner Pistolen gesetzt. Langsam kam er dem Signal näher. Eine kleine Reihe grüner Balken nahm zu und zeigte ihm an, dass er sich näherte.

Ein Mensch in zusammengewürfelter Schutzkleidung saß auf einem Stuhl und besah sich die vor ihm auf dem Tisch liegenden Pistolen Isaaks.

Isaak steckte den Handcomputer weg und schlich hinter ihn. Bevor der Wächter wusste, wie ihm geschah, packte Isaak diesen von hinten und schlug ihm mit der Handkante gegen bestimmte Stellen seines Halses. Die meisten hatten dort stets die dünnste Panzerung. Sein Gegner war ihm sicherlich in der Körperkraft ebenbürtig, doch da der völlig unvorbereitet war, hatte Isaak leichtes Spiel.

Der Wachmann sackte bewusstlos in sich zusammen.

Isaak steckte seine Waffen ein und sah sich um.

Sicher war das hier einmal Teil eines größeren Komplexes von Wohnungen gewesen. Er besah sich eine Tür genauer. Dahinter fand er den erhofften Wandschrank. Wo früher einmal Putzutensilien verstaut waren, hatte man nun Waffen aufgereiht. Die meisten Gewehre hatten elektronische Schlösser, so dass nur ihre Besitzer sie herausnehmen konnten, durch Eingabe eines mehrstelligen Codes.

Isaak sah zu dem Wächter hin und schleifte ihn dann in den Schrank. Es gab keinen Öffnungsmechanismus im Inneren. Somit wäre der erstmal ausgeschaltet, entschied Isaak. Er erschoss ihn nicht nur nicht, weil er es ungerecht gefunden hätte. Es wäre auch dumm. Immerhin konnte jemand den Schuss hören. Denn bei allem, was seine Pistolen waren und konnten, waren sie nicht sehr leise.

Isaak nahm erneut seinen Handcomputer und betrachtete die groben Pläne, die er von den Roten Hachee bekommen hatte.

Er fand schließlich seine Position und den Ort, an den er gelangen musste.

Missmutig machte er sich auf den Weg.



Kapitel 4: Der Deal

Ort: Raumstation Kalagath im Orbit um den Planeten Dalagotha, äußerster Rand des Galaktischen Kaiserreichs

Zeit: 4699,1 NSüdK

Genormte Galaktische Zeitrechnung



Narlie lehnte sich zurück. Sie trank einen Schluck des dampfenden Getränkes, das sie sich bestellt hatte. Angewidert verzog sie das Gesicht.

„Wie viel würden wir denn bekommen?“, fragte sie nach einem Moment. Ihr Mund fühlte sich pelzig von innen an. Das war auch nicht normal bei diesem Getränk. Nicht wenn es noch haltbar war.

„Nun“, antwortete Parlius, „wenn man den Wert bedenkt, wären fünfzehntausend Kaiserliche Jarin doch recht angebracht.“ Jarin war die gängige Währungseinheit im Kaiserreich und vielen Grenzwelten. Selbst auf gesetzlosen Welten wurde diese Währung akzeptiert. Nur die Allianz weigerte sich offiziell, nur die Allianzwährung der Alizes waren gültig. Inoffiziell waren Jarin aber auch auf Grenzwelten der Allianz gut zu tauschen.

„Und wo genau sollen wir den Datenblock abliefern?“, fragte nun Jerel.

„Diareon, schon mal von dieser Welt gehört?“, fragte Parlius.

„Nein, nicht wirklich“, antwortete Jerel.

„Das ist nicht verwunderlich, es ist eine abseits der wichtigen Handelsrouten gelegene Welt. Hat auch keine besonderen Ressourcen. Es gibt nur eine große Stadt mit vielleicht etwas mehr als drei Millionen Einwohnern, hat einen einige Systeme weit reichenden Einfluss als Agrarproduzent“, erklärte Parlius. „Dort hat das Kaiserreich keinen spürbaren Einfluss mehr, der Planet liegt jenseits der imperialen Grenze. Je nachdem wen Sie fragen, liegt er aber auch noch innerhalb des Kaiserreichs. Es scheint da unterschiedliche Auffassungen zu geben. Jedenfalls ist die Welt unbedeutend.“

Er reichte Jerel eine kleine Speicherkarte. „Die Koordinaten. Damit Sie Diareon auch finden. Der Planet ist nämlich wirklich sehr unbedeutend.“

„Und das macht den Planeten perfekt für das Verstecken einer kleinen Widerstandsarmee, richtig? Keine Garnisonstruppen. Keine Flottenstützpunkte“, spekulierte Jerel. Er steckte die Speicherkarte ein. „Gut. Wem genau sollen wir diesen Datenblock nun bringen?“

„Es gibt dort ein paar Schiffe. Sie werden sicher angefunkt, wenn Sie in das System kommen. Es kommen selten ungeladene Besucher. Fragen Sie nach Darien Kolas“, begann Parlius. „Erzählen Sie ihm, dass Sie mich getroffen haben und dass ich Ihnen gesagt habe, dass er hat, was Sie suchen. Merken Sie sich das Codewort gut, Darien Kolas.“

„Gut“, willigte Jerel ein. „Wie wird bezahlt?“

„Fünftausend jetzt und der Rest bei Übergabe“, antwortete Parlius.

„Einverstanden“, sagte Jerel. Der Fremde erhob sich und legte einen kleinen Beutel mit den fünftausend Jarin, aufgeladen auf diversen Chipkarten, auf den Tisch.

„Dann viel Glück Ihnen beiden“, verabschiedete er sich und verließ das Lokal.

„Glaubst du ihm?“, fragte Jerel. Er verlor den Unterhändler aus den Augen.

„Ja, er meinte es ehrlich, als er sagte, er würde beschattet, und dass er die Ware nicht selber abliefern könne, war auch keine Lüge, denke ich. Du weißt, dass man mich im Lesen von Körpersprache geschult hat“, erwiderte Narlie. „Ich irre mich selten.“

„Es ist wirklich praktisch, einen Lügendetektor dabei zu haben“, sagte Jerel grinsend, was sie allerdings nicht sehen konnte, da er seine volle Rüstung trug. Die Dämonenfratze seines Helms verbarg dabei sein Gesicht.

„Glaub mir, ich kann mehr in den Leuten lesen als ich manchmal wissen will“, erwiderte sie.

„Wenn du wirklich so gut darin wärst, wie du behauptest, könnte ich es mir dann nicht oft sparen etwas zu sagen? Vielleicht ganze Erklärungen?“, sagte er und sah Narlie an.

„Du hast so eine ‚sympathische‘ Art, dass es mich nicht wundert, dass du im ganzen Kaiserreich gesucht wirst“, erwiderte sie.

„Wir wissen beide, warum ich gesucht bin, und mein Charme ist nicht der Grund.“

„Tut mir leid“, sagte sie plötzlich, als sie begriff, dass sie zu weit gegangen war.

Damals auf der AGGRESSOR, einem Paladin-Klasse-Schlachtschiff, hatte er sie vor der Exekution gerettet. Er hatte als Söldnerkommandant in der Kaiserlichen Marine gedient, sie war als Kaiserliche Wache die Augen, Ohren und der Wille der Kaiserin gewesen. Nun wurde er als Hochverräter im gesamten Kaiserreich gesucht, weil er sie nicht wie befohlen wegen Befehlsverweigerung getötet hatte. Er hatte damals alles verloren. Das Kaiserreich hatte fast sämtliche Konten in seinem Besitz sperren lassen. Sie hatten ihm alles genommen, auf das sie Zugriff bekommen hatten. Nur sein Schiff war ihm geblieben. Er hatte sich nie offen über seine Entscheidung damals beschwert, aber von Zeit zu Zeit sah man ihm an, dass er überlegte, ob es richtig gewesen war. Sie wunderte sich bis heute, wieso er nicht einfach in seine Heimat geflohen war oder sie ausgeliefert hatte.

„Schon okay, es war kein Fehler“, antwortete er und rief die Bedienung zu ihnen, um zu zahlen. Sie überlegte einen Moment, ob er ihre Worte von vorhin oder seine Entscheidung meinte, ließ den Gedanken aber fallen.

Nachdem sie das Lokal verlassen hatten, schlenderten sie noch eine Weile schweigsam über einen weiten Platz, der eine gigantische Fensterfront zum Weltall hin hatte. Es war eine beeindruckende Aussicht auf den Planeten.

„Es ist eine so friedliche Welt“, murmelte Narlie.

„Die Frage ist, wie lange noch“, sagte Jerel. „Die Einheimischen sind eine friedliebende Spezies. Das Kaiserreich beansprucht dieses System bereits seit langem. Man will den Freihandel auf dieser Station unterbinden. Wenn sie kommen, können die Einheimischen sich sicher kaum wehren. Und das Kaiserreich wird kommen. Zusätzlich zu dieser Raumstation, auf der ihnen Profite entgehen, wird auf dem Planeten ein Stoff namens Dearban abgebaut, der zur Verstärkung von Schiffsrümpfen eingesetzt wird. Sie sind damit weniger anfällig gegen bestimmte Waffensysteme. Natürlich ist der Preis dafür auch höher, aber ich bezweifele, dass das Kaiserreich überhaupt für derlei Ressourcen zahlt, wenn es sie sich auch nehmen kann. Vermutlich wird es die Gegenleistung für den ‚Schutz‘, den dieses System genießen wird.“

„Trotzdem fände ich eine kleine Atempause ganz nett. Was hältst du davon, wenn wir ein paar Tage hier bleiben?“, fragte sie. „Das Kaiserreich weiß sicher nicht, dass wir hier sind.“

„Ein paar Tage nicht gejagt zu werden, wäre sicher mal eine angenehme Abwechslung. Ein, vielleicht zwei Tage“, stimmte Jerel zu.

„Gut, irgendein Ort, wo du gerne mal hin möchtest?“

„Ja, ich würde mir gerne mal wieder ein wenig ansehen, was an Modifikationen für meine Waffen verfügbar ist, kommst du mit?“

Narlie rollte mit den Augen.

„Klar, Waffen shoppen, immer gerne“, erwiderte sie und folgte ihm in Richtung des Handelsdistrikts.



Einige Stunden später saß Narlie am Rand einer Plattform des Handelsdistrikts und blickte durch eine Sichtluke in den Sternenhimmel. Der Handelsdistrikt wurde von viel Sicherheitspersonal bewacht. Er wirkte weniger zwielichtig als einige andere Bereiche dieser Station.

Nach einer Weile gesellte sich Jerel zu ihr. Er hatte noch immer seine Rüstung an, allerdings trug er den Helm unter dem Arm.

Natürlich wurden hier viele der Bereiche der Station mit Kameras überwacht. Doch es war bekannt, dass hier niemanden interessierte, was man irgendwo im Kaiserreich verbrochen hatte. Es zählte nur, was man hier tat.

„Was glaubst du, wie es für uns enden wird?“, fragte sie, nachdem sie schweigend nebeneinander gesessen hatten.

„Nun, wir werden die Ware abliefern und uns eine Weile nicht im Kaiserlichen Raum blicken lassen. Mit dem Geld kommen wir recht weit. Wenn es knapp wird, gibt es auch andere Leute, die Söldner und Kuriere benötigen“, antwortete er.

„Das meine ich nicht“, erwiderte sie. „Ich meine, was wird aus uns? Ich will nicht ewig auf der Flucht sein, aber was können wir tun? Das Kaiserreich ist alles, was ich kenne, und es hat immer noch Expansionsabsichten, es wird sich weiter ausbreiten ... Es muss bekämpft werden!“

„Von uns?“, fragte er spöttisch. „Ein dratikanischer Söldner und eine abtrünnige Kaiserliche Wache gegen das Galaktische Kaiserreich. Das klingt nach einem guten Drama. Oder nach einer Grabaufschrift“, fügte er etwas leiser hinzu.

„Danke für deinen Optimismus“, erwiderte sie.

„Tral‘agar“, antwortete er. Nach ein paar Sekunden wurde ihm klar, dass er in seiner Muttersprache Dratikanisch gesprochen hatte, und wiederholte seine Aussage in der Allgemeinsprache.

„Gern geschehen.“

„Es gibt dort draußen noch andere“, begann sie, doch Jerel unterbrach sie. „Ja, das hatten wir schon ein paar Mal, Narlie. Es gibt noch andere Feinde des Kaiserreichs und sie verstecken sich. Es gibt da draußen nun mal keinen Widerstand. Es gibt niemanden, der sich dem Kaiserreich in den Weg stellt. Die Allianz weiß, was das Kaiserreich mit anderen Spezies macht. Aber solange sie es auf ihrem eigenen Territorium machen und nicht in Sichtweite der Allianz, ist es ihnen egal. Das Kaiserreich wird immer mächtiger, aber was willst du tun? Was können wir tun? Nadelstiche, mehr nicht.“

Er hatte sich in Rage geredet, ohne es zu wollen. Sie hatten sich schon öfter deswegen gestritten.

Narlie wollte einen offenen Widerstand gegen das Kaiserreich aufbauen. Sie war einfach zu sehr Kommandantin, sie war es gewöhnt Truppen zu befehligen. Allerdings hatte sie in den letzten Monaten immer weniger davon gesprochen, sodass Jerel angenommen hatte, sie hätte von der Idee Abschied genommen. Sie schien begriffen zu haben, dass sie nun keinen Krieg mehr führte, keine Offizierin mehr war. Jerel verstand ihre Situation. Sie hasste das Kaiserreich für den Völkermord, den man ihr befohlen hatte. Aber sie liebte es auch. Sie war schließlich ein Klon, sie war gezüchtet worden, um für das Reich sterben zu wollen. Die Loyalität war nicht einfach abzuschalten. Sie hatte einen nicht zu überwindenden Bruch zwischen dem Kaiserlichen Ideal und der Realpolitik gesehen und das verkraftete sie nicht.

Das Einzige, was sie tun konnte, war sich zu verstecken.

„Ja, du hast recht“, antwortete sie. Bevor sie noch etwas sagen konnte, wurde sie vom hektischen Piepen von Jerels Kommunikator unterbrochen. Sie schaute ihn fragend an. „Was hat das zu bedeuten?“

„Ich habe den Schiffscomputer so eingestellt, dass er mich warnt, wenn Schiffe mit Kaiserreichskennung auf seinen Sensoren erscheinen“, antwortete er. „Leicht paranoid, ich weiß.“

„Glaubst du, dass sie wegen uns hier sind?“

„Ich hab nicht die geringste Ahnung“, antwortete Jerel und blickte auf die Nachricht auf seinem Kommunikator, der in den rechten Arm seiner Rüstung eingelassen war.

„Es sind drei. Drei Paladin-Klasse-Schlachtschiffe. Ich weiß gar nicht, was schlimmer wäre. Wenn sie hinter uns her sind oder wenn sie das System dem Kaiserreich einverleiben sollen.“

„Lass uns abhauen.“

Sie machten sich zur ENTDECKUNG auf.

Plötzlich knisterte es um sie herum. Ein Mensch mit starkem Akzent machte eine Durchsage innerhalb der Raumstation.

„Das Kaiserreich vermutet auf der Station eine Bedrohung des Reiches. Entflohene Gefangene befinden sich hier und alle Starts und Landungen sind vorerst nur mit Autorisierung des Kommandanten möglich. Wer Informationen hat, bekommt sie bezahlt. Wir bitten Sie, Ruhe zu bewahren und die Kaiserlichen ihre Arbeit tun zu lassen.“

Anschließend wurde die Durchsage noch einmal in den verbreitetsten Sprachen wiederholt.

„So viel zu den paar Tagen Entspannung“, murmelte Narlie.


*


Zaren blickte aus dem Fenster des Parak-Landungsschiffes hinaus, das auf eine große, mit Ausbuchtungen übersäte Raumstation zuflog. Hundert Landungsschiffe pendelten ohne Unterbrechung zwischen den Schlachtschiffen und der Raumstation, um Truppen herüberzubringen.

Zudem waren dreißig Jäger gestartet worden, die eventuell ankommende Schiffe direkt zur Station eskortieren sollten. Zaren war zufrieden. Er würde den Dratikaner bald in seiner Gewalt haben.

„Es wurde eine Frau, menschlich, auf der Handelsstraße in Richtung des Raumhafens gesichtet. Die Truppen, die sie dort aufhalten sollten, wurden niedergemetzelt. Möglicherweise ist sie unsere Zielperson. Das Alter scheint zu stimmen. Noch haben wir keine Bestätigung, ob sie es ist.“

„Versucht sie aufzuhalten, aber unser vorrangiges Ziel ist trotzdem der Dratikaner. Ich will jeden Dratikaner an Bord dieser Station“, befahl Zaren.

„Ja, Sir“, antwortete der Kommandant und gab die entsprechenden Anweisungen.

„Sir, wir bekommen eine Meldung, dass ein Frachter gestartet ist, von einem Hangar nahe der Handelsstraße“, meldete Major Drest plötzlich.

Zaren wirbelte herum.

„Was?“, rief er. „Verbinden Sie mich mit Kapitän Tarest.“ Er griff nach einem kleinen Headset, das ihm einer der anderen Soldaten im Transporter reichte.

„Kapitän Tarest?“, fragte er. „Ich will, dass der Frachter gefangen genommen wird, unter allen Umständen. Setzen Sie den ganzen Verband auf ihn an. Er darf uns nicht entkommen. Keine unautorisierten Starts.“

„Ja, Sir. Wir haben ihn auf dem Schirm. Ein Frachter, der durchaus auf die Beschreibung eines Xem.T-Frachters passt. Das könnte er sein. Die Jäger beginnen bereits damit, ihn zu beschießen. Wir haben ihn schon fast“, antwortete Tarest.

„Das will ich für Sie auch hoffen“, antwortete Zaren und beendete die Verbindung.

„Bringen Sie mich zurück auf die VERTEIDIGER“, befahl Zaren.



An Bord der VERTEIDIGER landete ein demolierter Xem.T-Frachter im Hangar. Er hatte grob die Form eines T in der Standardschrift der Menschen, was ihm seinen Namen eingebracht hatte. Es war ein ramponierter Frachter, wie man ihn vielerorts sehen konnte. Fast hundert Soldaten standen im Hangar und hatten die sich senkende Laderampe des Frachters im Visier. Kapitän Tarest stand neben Zaren und beobachtete, wie eine junge Menschenfrau in den Zwanzigern die Rampe hinunterging. Sie war recht klein, vielleicht 1,60 Meter. Sie hatte schulterlanges schwarzes Haar und trug ein blaues eng anliegendes Shirt zu einer dunklen Hose.

Sie trat in die Mitte der Soldaten und wirkte einen Moment verunsichert durch die mehr als hundert Gewehrläufe, die man auf sie richtete. Doch nach ein paar Sekunden gewann sie ihre Fassung zurück.

„Zaren, das ist die Frau, die auf der Handelsstraße Widerstand leistete“, sagte Major Drest nach einem Blick auf die Aufnahmen der Soldaten auf der Handelsstraße.

„Durchsucht das Schiff“, befahl Zaren einigen Soldaten neben sich. Er begann zu zweifeln, ob das der richtige Transporter war. Das war nicht Narlie, da war er sich sicher. Sein Headset piepte. Er betätigte die Taste daran, um die Nachricht anzunehmen.

„Ja?“, fragte er gereizt.

„Sir, es ist ein weiterer Frachter gestartet. Er versucht durch die Lücke in der Blockade zu

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Bildmaterialien: Steve Mayer
Tag der Veröffentlichung: 22.02.2015
ISBN: 978-3-7368-8022-1

Alle Rechte vorbehalten

Nächste Seite
Seite 1 /