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Dämonenrache

 

 

 

Alfred Bekker

 

 

 

Horror-Roman

 

© 2001,2010,2012 by Alfred Bekker

© Digitalausgabe 2012 AlfredBekker/CassiopeiaPress

Ein CassiopeiaPress E-Book.

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„Es gibt so viele Welten im Polyversum... Und manchmal ist der metamagische Übergang kaum zu spüren. Die Dämonen der Dämmerung – oder welchen Namen wir dem Bösen auch immer geben mögen, existieren überall. Und bisweilen stand ich auf der Seite der Dunkelheit – oder zumindest nicht immer eindeutig dort, wo der Schein des heiligen Lichtes hinreicht... Manchmal ist die Magie eine mächtige Waffe des Guten, mitunter aber wirkt nur die Dunkle Kraft der Finsternis und ich bin gezwungen, sie einzusetzen...“

 

Aus den Kristalljournalen des David Murphy, aufgefunden in der Schädelhöhle von Maskatan, irgendwo im Limbus zwischen den Dimensionen und jenseits von Raum und Zeit

 

*

 

 

Nacht.

Nebel hing über der San Francisco Bay und kroch vom Hafen her in die Stadt herein, quoll durch die engen Straßenschluchten wie die Tentakel eines vielarmigen Monstrums, dass es sich zum Ziel gemacht hatte, die Stadt auf seine Weise zu erobern.

Murphy hatte sich vom Taxi in der Pell Road absetzen lassen.

Dort gab es eine Latino-Bar mit dem nicht gerade fantasievollen Namen BUENA SUERTE.

Murphy sah die Neonreklame des Ladens bereits blinken.

Eine kleine Bar, in der ab und zu ein paar Schöne der Nacht nackte Tatsachen präsentierten.

Murphy erreichte das Lokal, zog sich die Jacke zu, weil es jetzt empfindlich kühl wurde. In der Seitentasche ruhte seine Hand. Normalerweise hatte er dort eine SIG Sauer P226 stecken, die sich inzwischen als Standardmodell bei den meisten amerikanischen Polizeibehörden durchgesetzt hatte. Dann war man wenigstens mit seinen potentiellen Gegnern auf gleicher Ebene, was die Feuerkraft anging!, hatte Murphy immer gedacht.

Aber jetzt hatte er die Waffe nicht bei sich.

War zu riskant, bei dem, was er vorhatte. Und außerdem brauchte er sie jetzt eigentlich auch nicht mehr. Nicht, seitdem er jenes geheimnisvolle Amulett der Dunkeldämonen besaß, dass ihm unheimliche Kräfte verlieh... Jenes Amulett mit der Seele eines Mörders. Es passt zu dir!, dachte Murphy. Du bist ja auch ein Mörder. Ein Killer, der für Lohn jeden ausknipst, von dem irgendein großer Hai glaubt, dass er's verdient hat. Hitman, so war die gängige Bezeichnung für einen wie ihn.

Nein, erinnerte sich Murphy. Das war in einem früheren Leben. Und das buchstäblich.

Aber das war ein Thema, über das er im Moment nicht näher nachdenken wollte.

Murphy betrat das BUENA SURTE, ließ sich dabei vom Türsteher geduldig filzen. Schon deswegen war es besser gewesen, keine Waffe dabei zu haben. Jaime Fernandez, der Besitzer, war in diesen Dingen nämlich ziemlich empfindlich, seit ihm vor drei Jahren der Laden von Unbekannten angezündet worden war.

Murphy betrat einen Raum im Dämmerlicht. Auf der Bühne tanzte eine barbusige Schönheit, schaukelte ihre Brüste hin und her und ließ sich von den Gästen Scheine hinter die Bänder ihres String-Tangas stecken. Die Musik war gedämpft und kam von einem ausgeleierten Band. Latino-Pop natürlich. Jaime Fernandez wusste, was er seiner Kundschaft schuldig war.

Murphy ging zur Bar.

Der Keeper war groß, bullig und wog mindestens zweihundert Kilo. Der Schnauzbart verdeckte den Mund. Er hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Seehund.

"Einen Tequila", sagte Murphy.

"Muy bien. Wenn's weiter nichts ist!"

"Ist der Boss noch im Laden?"

"Que quieres? Was willst du von ihm?"

"Ihm ein Geschäft vorschlagen."

Der Seehund blickte zur Seite. An einem Nebenausgang stand ein schmächtiger Kerl im grauen Anzug, dessen Haar mit Pomade an den Kopf geklebt war. "Dónde está el jefe?", fragte der Seehund.

"El jefe no está allí!"

Murphys Blick wurde schmal.

Er langte über die Theke, griff nach dem Hemdkragen des Seehunds und zog ihn zu sich heran.

"Hör zu, es ist mir egal, wo Fernandez jetzt steckt, ich will, das er hier aufkreuzt und sich anhört, was ich ihm zu sagen habe! Er ist mir nämlich einen Gefallen schuldig!"

"Eres tonto!"

"Du bist tonto, wenn du nicht machst, was ich sage! Dann wird nämlich dein eigener Boss dir die Fresse so polieren, dass du nie wieder einen Zahnarzt brauchst!"

Murphy ließ ihn los.

Der Seehund rieb sich den Hals.

Der Schmächtige kam herbei.

"Hay problemas?"

"De nada!", murmelte der Seehund.

Murphy wandte sich an den Schmächtigen. "Sag Mr. Fernandez, dass Murphy hier ist. Dann wird er seinen Arsch schon hochkriegen. Comprendido?"

Der Seehund nickte dem Schmächtigen zu, unter dessen Jackett sich deutlich eine Waffe unter der Achsel abzeichnete. Wenn man wollte, dass so ein Schießeisen nicht auffiel, musste man eine Nummer größer tragen. Murphy wusste das aus seiner langjährigen Hitman-Erfahrung. Dieser Mini- Rambo offenbar nicht.

"Warten Sie hier!", sagte der Schmächtige und verschwand durch einen Nebeneingang.

Wenig später kehrte er zurück.

"Venga!"

"Wenn das heißen soll, dass Sie mich zu Fernandez führen..."

Der Schmächtige brachte Murphy in einen schmalen Korridor. Murphy kannte sich aus. Er war schon des Öfteren hier gewesen, wenn er neue Papiere brauchte. Das BUENA SUERTE diente nur der Tarnung und der Geldwäsche für Einnahmen aus dem illegalen Sektor. Fernandez' eigentliches Geschäft war nämlich das Fälschen von Dokumenten aller Art. In erster Linie natürlich Pässe, Führerscheine und Sozialversicherungskarten. Fernandez war perfekt darin, einer der Besten. Er konnte einem eine regelrechte Identität besorgen, mit der man unbehelligt existieren konnte. Immer wieder hatte Murphy in seiner Eigenschaft als Lohnkiller die Dienste dieses Mannes in Anspruch nehmen müssen.

Und jetzt brauchte er sie dringender denn je.

Schließlich war Murphy offiziell tot.

Hingerichtet mit der Giftspritze. Es gab einen Totenschein und Dutzende von Medienberichten, in denen über die Hinrichtung informiert worden war. Eine Mafia-Bestie vor dem großen Richter im Himmel... Da ließ sich eine Story draus machen.

Und wenn so jemand wieder auftauchte, machte das Aufsehen.

Es war unter diesen Umständen nicht daran zu denken, eine Wohnung zu mieten, ein Hotelzimmer zu beziehen, einen Wagen zu leihen, sich eine Waffe zu besorgen... Jedenfalls nicht ohne dass jemand Fragen stellte und versuchte, der Sache auf den Grund zu gehen.

Murphy brauchte eine Tarnung.

Und Fernandez sollte sie ihm geben.

Der Besitzer des BUENA SUERTE war auch noch aus einem anderen Grund wie prädestiniert für dieses Geschäft. Er war nämlich von der Mafia-Größe Rico Altobelli vor Jahren übel maltraitiert worden. Der Brand im BUENA SUERTE war wahrscheinlich von Altobellis Leuten gelegt worden. Das hatte erst aufgehört, als Fernandez sich vom Syndikat der Puertoricaner hatte schützen lassen.

Murphy betrat das Büro.

Es sah chaotisch dort aus. Bierdosen standen überall herum. Es roch nach Pizza. Ein halbes Dutzend Schachteln türmte sich auf dem Schreibtisch. Ein Fernseher lief.

Fernandez saß dahinter, die Füße auf dem Tisch.

Er blätterte einen Ordner mit Kontoauszügen durch, zuckte dann zusammen als er Murphy sah.

Murphy grinste.

"Du hast wohl nicht damit gerechnet, mich nochmal zu sehen, was?"

"Madre de Dios!", stieß Fernandez hervor.

"Ich wusste gar nicht, dass du religiös bist!"

"Wenn man dich so sieht, Murphy, dann wird man's wieder!!" Er blickte kurz zum Fernseher, starrte dann wieder Murphy an. "Schließlich hieß es doch ziemlich laut und vernehmlich, dass man dich für deine Schandtaten über den Jordan geschickt hat!"

"Totgesagte leben länger!"

"Hey, Hombre! Das musst du mir erklären! No puedo creerlo!"

"Ich muss gar nichts!"

"Ich kann das nicht glauben, Murphy! Du bist mit Gift vollgepumpt und von mehreren Ärzten für tot erklärt worden und stehst jetzt vor mir! Jesús! No es possible!"

Murphy dachte nicht im Traum daran, auch nur eine Silbe über das zu verlieren, was geschehen war. Kein Wort über das Eingreifen der Dunkeldämonen, die ihn auf ihre dem Untergang geeweihte Welt Lykoor geholt hatten. Kein Wort darüber, dass der Killer Murphy jetzt im Auftrag dieser fremden Wesenheiten agierte, die die Erde als ihren neue Heimat zu erobern trachteten. Diese Geschichte war so fantastisch, dass Murphy manchmal selbst Zweifel daran hatte, ob es sich um die Wirklichkeit handelte, was er erlebt hatte. Oder nur um einen eigenartigen Traum.

"Ich brauche Papiere", sagte Murphy sachlich. Seine Stimme klirrte wie Eis.

Fernandez wandte einen Blick zu dem Schmächtigen, der sich neben der Tür postiert hatte.

"Vaya!"

"Sí, Senor Fernandez!"

Der Schmächtige verließ den Raum, bedachte Murphy zuvor noch mit einem halb ungläubigen, halb misstrauischen Blick.

Fernandez lehnte sich zurück.

Murphy deutete auf die Pizza-Packungen.

"Wissen die Puertoricaner eigentlich, dass du den Fraß der Konkurrenz zu dir nimmst!"

"Mierde! Lass uns Klartext reden, Murphy!"

"Da bin ich auch immer für!"

"Also, was willst du? Que quisiera?"

"Papiere."

"Das sagtest du bereits."

"Mehrere Sätze natürlich."

"Du willst endgültig abtauchen!"

"Nein, ich habe einen Job."

Murphy genoss das Erstaunen in Fernandez' Gesicht.

"Wer dich unter diesen Umständen anheuert, muss verrückt sein!"

"Ich werde Altobelli töten. Und wenn du das herumerzählst, habe ich nichts dagegen. Er soll ruhig etwas ins Grübeln kommen..."

"Cooles Amulett hast du da am Hals..."

"Weich mir nicht aus, Fernandez!"

"Tu ich das?"

"Sag mir lieber, wann ich die Papiere bekomme!"

Fernandez schwieg.

Er starrte zum TV. Seine Augen wurden schmal. Er drehte lauter. Eine brünette Reporterin stand vor dem Bildschirm.

"...die Polizei steht vor einem Rätsel. Ich stehe hier in der Ecke Delaware/Dolores Street. Der ganze District ist abgesperrt, man kommt nicht durch, aber so viel ich erfahren konnte, verdichten sich Gerüchte, dass tatsächlich mehrere Straßenzüge in dieser Gegend komplett entvölkert sind..."

Unter der linken Brust erschien eine Einblendung.

'Sarah McCall für Frisco TV.'

Ein kleines Fenster war in der Ecke rechts oben zu sehen. Es zeigte den Moderator. Die Unterzeile lautete: 'Tom Dressel im Studio.'

"Stimmt es, dass es bislang keinerlei offizielle Verlautbarungen des San Francisco Police Department dazu gibt?", fragte Tom Dressel.

"Das ist richtig, Tom Dressel. Man scheint hier irgend etwas unter der Decke halten zu wollen. Ich habe mit Leuten gesprochen, die Angehörige in den betroffenen Straßenzügen haben und sich nicht erklären können, wo die Verschwundenen abgeblieben sind. Ein Mann sagte mir völlig aufgelöst, er sei nur kurz ein paar Blocks weiter gefahren, um sich eine Schachtel Zigaretten in einem 24 hours Supermarket zu kaufen und als er zurückkehrte, waren die Straßen wie ausgestorben. Er alarmierte dann die Polizei, die allerdings wohl erst mit erheblicher Verzögerung reagierte."

Fernandez drehte den Ton leiser.

"Kaum zu glauben", meinte er. "Da kann man glatt auf die Idee kommen, dass die sich das nur ausdenken. So wie die Story letzte Woche von dem Krokodil in der Kanalisation des Russian District..."

"Du bist 'ne feige Ratte, Fernandez!", sagte Murphy. "Du drückst dich um eine Antwort auf meine Frage herum."

"Du kennst sie doch längst, Murphy. Es gibt keine Papiere. Und wenn du versuchst, mir die Knochen zu brechen, rufe ich meine Leute."

Murphy verzog das Gesicht.

"Ich bekomme richtig Angst!"

Fernandez beugte sich vor, sprach jetzt in gedämpftem Tonfall, während Tom Dressel im TV ein paar umständliche Fragen formulierte, um damit etwas Zeit bis zur Werbung zu schinden.

"Hör mir zu, Murphy! Ich bin aus dem Geschäft! Die Bullen haben mich in der Hand."

"Du arbeitest als Spitzel für die?"

"Blieb mir nichts anderes übrig!"

"Das darf nicht wahr sein!"

"Und selbst, wenn ich noch im Business wäre, könnte ich dir nicht helfen. Aber ich geb' dir'nen heißen Tip."

"Na, großartig!"

"Geh zu einem Chinesen Namens Mr. Tang. Dessen Pässe sind auch nicht schlechter als die meinen früher waren. Aber Mister Tang kann Altobelli die Stirn bieten und wird dich nicht gleich an ihn verkaufen!"

Murphy nickte langsam. Wut kochte in ihm auf. Aber Fernandez' Argumentation leuchtete ihm ein. "Offenbar habe ich dich unterschätzt, Fernandez."

"Offensichtlich."

 

 

 

 

 

 

 

 

 

*

FERNANDEZ WÄRE DAS PERFEKTE OPFER GEWESEN, meldete sich eine Gedankenstimme in Murphys Bewusstsein, während er durch die nebligen Straßen des nächtlichen Frisco ging.

Murphy kannte sie nur zu gut.

Es war die Stimme YYNDRONS, dessen Seele in dem Amulett gefangen war, mit dem die Dunkeldämonen Murphy ausgestattet hatten.

Dem Abrash'dala...

In seiner Welt, der Welt der Dunkeldämonen, war Yyndron ein Mörder gewesen. Eine Gemeinsamkeit zwischen uns, dachte Murphy. Aber ansonsten empfand er dieses fremde Bewusstsein, dass sich hin und wieder erdreistete, dem Hitman Ratschläge zu geben, als einen Eindringling. Es gefiel ihm nicht, dass da jemand war, der zu seinem Innersten Zugang hatte.

Du spinnst!, antwortete Murphy in den Gedanken.

WANN WILLST DU DENN IN DER BEHERRSCHUNG DER ABRASH'DALA-KRÄFTE FORTSCHRITTE MACHEN? DU KANNST NICHT EWIG DAMIT WARTEN,MURPHY. AUCH WENN DU DAVOR ZURÜCKSCHRECKST, WEIL DU NICHT WEISST, WAS IN DIESEM AMULETT UM DEINEN HALS ALLES SCHLUMMERT.

Niemand braucht mir zu sagen, wie das Töten funktioniert!, erwiderte Murphy.

SO? WIRKLICH? GEGEN ALTOBELLI BIST DU NICHT GEWAPPNET. UND AN FERNANDEZ UND SEINEN LEUTEN HÄTTEST DU HERVORRAGEND TRAINIEREN KÖNNEN.

Ich töte nicht sinnlos.

DAS HAST DU BEREITS.

Du meinst die Dunkeldämonen, die man mir gewissermaßen als Sparring-Partner vor die Nase setzte...

JA!

Ich denke nicht gern daran.

EIN MÖRDER MIT SKRUPELN?

Ein Aspekt, der uns zu unterscheiden scheint.

WER SAGT DENN, DASS ES SINNLOS GEWESEN WÄRE, DIE ABRASH'DALA-KRÄFTE AN FERNANDEZ UND SEINEN LEUTEN ZU TESTEN?

Schweig!

Einmal hatte Murphy zuvor die Wirkung des Abrash'dala gespürt und in der Praxis ausprobiert. Die Dunkeldämonen hatten ihn dazu gezwungen, ihm einige der ihren als Gegner gegenübergestellt.

Und Murphy hatte sie besiegt.

Nahezu unglaubliche Reflexe, Schnelligkeit und Kraft hatten ihn erfüllt. Er erinnerte sich an diesen im wahrsten Sinn des Wortes mörderischen Rausch nur ungern. Wie eine vernebelte Erinnerung an ein Drogenerlebnis erschien ihm das. Vor einigen Jahren hatte ihm mal jemand, der es nicht so gut mit ihm meinte, einen Wirkstoff eingeflößt, der auch in vielen Designerdrogen vorkam und ihn dann stundenlang ziellos durch die Stadt hatte irren lassen. Ein Horrortrip, der ihm noch heute das kalte Grausen bereitete, wenn er nur daran dachte.

Er hatte damals ein verdammt großes Glück gehabt, dass er nicht umgekommen war.

Diese Stadt ist ein Dschungel, dachte Murphy. Ein Dschungel voller wilder Tiere. Und zu einem der wildesten wirst du jetzt gehen müssen, um es um einen Gefallen zu bitten...

SO DENKST DU ÜBER MISTER TANG?, kommentierte Yyndron, der Mörder einer anderen Welt mit mehr als nur einem Schuss Sarkasmus. Murphy glaubte in seinem Hinterkopf eine Art zynisches Lachen zu hören.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

*

Ein paar Tage später...

Fünf Uhr morgens.

Die letzten Gäste hatten das BUENA SUERTE verlassen. Der Barkeeper saß zusammen mit dem schmächtigen Leibwächter an einem der Tische und zählte die Einnahmen.

Mona, das Strip-Girl, das zuletzt aufgetreten war, kam aus der Garderobe. Die perfekte Figur zeichnete sich deutlich unter dem engen Rolli und der Jeans ab. Fernandez stand etwas abseits, sah seinen Leuten beim Geldzählen zu. Er wirkte müde und nachdenklich.

"Was ist los, Mr. Fernandez?", fragte Mona, als sie bei ihm stehen blieb.

Er machte eine wegwerfende Handbewegung.

"Lass dir dein Geld auszahlen und verschwinde!"

"War ja nur 'ne Frage!"

"Caramba! No preguntame! Geh mir mit deinen Fragen nicht auf die Eier, Muchacha!"

Mona sah ihn etwas befremdet an. Sie strich sich das schwarzblaue Haar nach hinten. Einen Augenblick lang starrte Fernandez auf ihre wohlgerundeten, üppigen Brüste, die sich unter dem Rolli hervorzeichneten. Aber im Moment hatte er nicht einmal daran Freude.

Er ahnte nämlich, dass sich ein Gewitter über ihm zusammenzog.

Alles hatte damit angefangen, dass ein gewisser Murphy quasi aus dem Jenseits zurückgekehrt war. Murphy, der hingerichtete Hitman, dessen Seele in die Hölle gehörte. Killer Murphy, gekillt von einem noch größeren Killer, der statt einer SIG Sauer P226 oder der guten alten Beretta die Justiz als Waffe benutzt hatte.

Mona ging zu dem Schmächtigen an den Tisch, ließ sich ihre Gage auszahlen, wollte dann in Richtung des Ausgangs gehen, in dessen Nähe ein riesenhafter Kahlkopf, der für Fernandez als Rausschmeißer arbeitete, an der Alarmanlage herumprogrammierte.

Was dann geschah ging sehr schnell.

Der Kahlkopf wirbelte herum.

Er zuckte wie eine Puppe.

Mehrfach.

Eine Sekunde später lag er ausgestreckt auf dem Boden, hatte ein rundes, rotes Loch zwischen den Augen, eins in der Brust. Zwei Schusswunden, aus denen Blut hervorsickerte und sich in einer immer größer werdenden Lache auf den Boden ergoss. Die Parkettlackierung verhinderte, dass es aufgesogen wurde oder versickern konnte.

Die Hand des Kahlkopf steckte unter der Jacke, hatte sich um den Griff eines 4.57er Magnum-Revolvers gekrallt, es aber nicht mehr geschafft, die Waffe herauszureißen.

Der Angriff war einfach zu schnell erfolgt.

Ein Mann mit einer Schalldämpferpistole stand in der Tür. Er trug einen dunklen Anzug, die Jacke mit fünf Knöpfen, so dass sie fast bis oben hin geschlossen war. Darunter einen ebenfalls dunklen Rolli. Er sah aus wie ein Existenzialist. Oder ein Reverend.

Der schmächtige Leibwächter sprang auf.

Der Barkeeper ebenfalls.

Der Tisch wurde angestoßen. Die Tageseinnahmen des BUENA SUERTE fielen zu Boden.

Beide Männer griffen zu den Waffen, die sie am Gürtel trugen.

Der Barkeeper hatte einen kurzläufigen Smith & Wesson-Revolver vom Kaliber 38 in der Faust. Normalerweise trug er ihn so unter seiner Weste, dass er den Gästen gleich auffiel, dennoch aber schnell zu ziehen war.

Ein Schuss löste sich aus seiner Waffe, krachte eine Handbreit über den 'Reverend' in den Türsturz hinein. Holz splitterte.

Der 'Reverend' schwenkte seine Waffe herum.

Ein Geräusch wie ein kurzes Niesen oder Schlag mit einer Zeitung, mehr nicht. Das Mündungsfeuer leckte wie die Feuerzunge eines Drachen aus dem Schalldämpfer heraus.

Der Barkeeper bekam einen Treffer ins linke Auge.

Er wurde nach hinten gerissen, taumelte und fiel dann der der Länge nach zu Boden.

Der Schmächtige bekam gar nicht erst die Gelegenheit, zu feuern.

Er hatte seine Waffe gerade in den beidhändigen Combat-Anschlag genommen, da ging ein Ruck durch seinen Körper.

Er fiel vornüber, klappte zusammen wie ein Taschenmesser.

Der Schmächtige war von hinten erschossen worden.

Auf der Bühne, auf der sonst ein paar knackige Girls ihre Reize zur Schau stellten, stand jetzt ein weiterer Mann, der wie ein Zwilling des 'Reverends' aussah. Zumindest von der Kleidung her gesehen.

Auch er hatte eine Schalldämpferwaffe in den Fingern.

Fernandez stand wie erstarrt da.

Er hatte kein Schießeisen bei sich, konnte auch nicht gut genug damit umgehen. Um sich zu schützen, hatte er schließlich Leute, die dafür bezahlt wurden.

Der zweite Mann musste durch einen der Hintereingänge hereingekommen sein.

Fernandez fragte sich, was mit seinen anderen Angestellten war, die sich zu diesem Zeitpunkt noch im Gebäude befunden hatten.

Wenn man von der kompromisslosen Art des Vorgehens ausging, die die beiden Männer in Schwarz an den Tag gelegt hatten, dann gab es nur einen logischen Schluss. Fischfutter!, dachte Fernandez. Diese Schweine haben jeden umgebracht, der sich ihnen in den Weg stellte! Er zitterte. Er ahnte, dass er der Nächste sein würde.

Mona stieß einen spitzen Schrei aus.

Ein Fehler.

Der Killer auf der Bühne brachte sie mit einem Schuss zum Schweigen.

Sie krachte auf einen der Tische, krallte sich noch an der Kante fest und riss ihn mit um.

"Unser Boss kann Krach nicht leiden!", sagte der Killer auf der Bühne.

Der 'Reverend' an der Tür trat auf Fernandez zu, postierte sich etwas seitwärts.

Er wandte sich kurz zur Tür. "Sie können hereinkommen, Mr. Altobelli!"

Der Mann, der jetzt in Begleitung von drei Leibwächtern eintrat trug ein edles Kaschmir-Jackett. Er ließ den Blick schweifen, verzog das Gesicht, als er die Leichen sah.

Dann ging Altobelli auf Fernandez zu, stellte sich neben ihn an die Bar. "War 'ne Scheiß-Idee von dir, deinen Schutz den Puertoricanern anzuvertrauen, Fernandez. Du siehst ja, dass die Brüder nicht auf Zack sind. Aber den Eindruck habe ich schon lange, das wundert mich nicht weiter."

Fernandez schluckte.

Sein Gesicht war aschfahl.

Altobelli langte blitzschnell nach vorn, erwischte Fernandez' Nase, drehte sie herum und zog den Besitzer des BUENA SUERTE zu sich heran. Fernandez knallte mit dem Kopf auf den Schanktisch, schrie auf, als es in seiner Nase knackte. Das Blut schoss nur so heraus.

Altobelli sah sich seine besudelte Hand an und wischte sie an Fernandez' Jacke ab.

"Du bist 'nen Ferkel, Fernandez!"

"Was soll das, Mann! Ich habe dir nichts getan! Was willst du überhaupt?"

"Es geht um jemanden, der eigentlich tot sein sollte!"

Fernandez hielt sich die Nase. Das Blut rann ihm am Handgelenk herunter.

"Ich glaube nicht an Zombis, Hombre!"

"Ich auch nicht. Aber dieser war hier. Er heißt Murphy und du weißt von wem ich rede!"

"Mr. Altobelli... Meine Nase! El sangre.. mierde!"

"Kümmer dich nicht um deinen verdammten Zinken. Wenn du unter der Erde liegst, brauchst du kein Riechorgan mehr! Aber je nachdem, wie auskunftsfreudig du bist, kann es sehr lange dauern, bis du im Jenseits ankommst, Fernandez!"

Der 'Reverend' steckte seine Schalldämpferpistole weg, knöpfte dafür seine Jacke auf und holte einen handelsüblichen Elektroschocker hervor.

"Soll ich anfangen, Boss?"

"Fang an!"

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

*

Die mit chinesischen Schriftzeichen bemalten Lampions spendeten etwas Licht. Es herrschte Halbdunkel. Der dicke Mann sah aus wie ein großer Buddha. Murphy schätzte sein Gewicht auf zweihundert Kilo. Rechts und links hinter ihm hatten sich zwei Leibwächter postiert, ausgerüstet mit Uzi-Maschinenpistolen. Ihre Gesichter wirkten ausdruckslos.

Der legendäre Mister Tang!, ging es Murphy durch den Kopf. Er hatte schon viel von ihm gehört. Und er wusste, dass Tangs Leute die Todfeinde von Rico Altobelli und seinem Clan waren. Verbissen kämpften sie um Marktanteile in den verschiedenen illegalen Geschäftszweigen: Drogen, Glückspiel, Schutzgeld, Müll...

Mister Tang legte einen braunen Umschlag auf den Tisch.

"Ihre Papiere, Mr. Murphy. Mehrere Sätze, alles so wie Sie es wünschten. Außerdem haben wir ein Nummernkonto für Sie eingerichtet. Wir haben keinen Zweifel daran, dass Sie den Mann, der Ihnen so übel mitgespielt hat, töten werden."

"Altobelli..."

"Sie haben einen guten Ruf als Profi. Ich wünsche Ihnen alles Gute bei Ihrem Vorhaben."

"Zu gütig. Sie scheinen von der Devise auszugehen, dass der Feind des eigenen Feindes ein Freund sein muss."

"Sie sagen es, Mr. Murphy. Ich gehe davon aus, dass wir von Altobellis Tod in den Medien erfahren werden. Wenn es dazu kommt, werden wir uns nochmals finanziell erkenntlich zeigen. Könnte sein, dass Sie dann etwas Hilfe brauchen, schließlich werden Altobellis Nachfolger die Sache nicht auf sich beruhen lassen können."

"Ich verstehe. Und ich weiß Ihre Großzügigkeit zu schätzen.

"Es ist im Grunde nichts weiter als wohlverstandener Eigennutz, Mr. Murphy. Ich bin keineswegs das, was man in Ihrer Kultur einen Samariter nennt."

"Das bin ich auch nicht."

"Ich sehe, wir verstehen uns."

"Daran habe ich keinen Zweifel."

"Ich weiß." Mister Tang beugte sich etwas vor. Ein Kellner brachte zwei Gläser mit Reiswein, stellte eines vor Tang hin, das andere vor Murphy. Tang scheuchte den Mann mit ein paar Worten auf kantonesisch und einer ärgerlichen Handbewegung weg wie eine lästige Fliege. Seine rabenschwarzen Mandelaugen musterten Murphy durchdringend. "Sie werden sich darüber gewundert haben, dass ich mich mit Ihnen persönlich treffen wollte. Ich hätte schließlich auch meine Leute alles machen lassen können."

"Ja, das stimmt."

Murphy nahm den Umschlag an sich, warf einen kurzen Blick hinein. Er hatte keinerlei Zweifel daran, dass alles das darin war, wovon Murphy gesprochen hatte. Mister Tang war ein Mann, der sein Wort hielt. Im Guten wie im Bösen. Vor allem im Bösen.

"Ich möchte damit die außerordentliche Wichtigkeit dieser Sache unterstreichen, Mister Murphy."

"So habe ich das auch verstanden."

"Altobelli muss ausgeschaltet werden. Aber täuschen Sie sich nicht. Dass ist ist kein Job wie Sie ihn bisher gemacht haben. Altobelli ist eine Klasse für sich!"

"Ich werde jedenfalls nicht den Fehler begehen, ihn zu unterschätzen."

"Das könnte tödlich sein!"

"Danke für die Warnung."

"Irgendjemand steht hinter Altobelli. Ich weiß nicht, wer es ist. Wir haben Spione bis in die höchsten Führungsebenen seiner Organisation, aber wir haben es nicht herausbekommen."

Murphy lächelte dünn.

Ich weiß eben etwas mehr als du!, ging es ihm durch den Kopf. Denn die Macht, die hinter Altobelli stand, waren die Daran'dreen. Die ebenfalls außerweltlichen Gegner der Dunkeldämonen, die ihrerseits die Erde für sich beanspruchten. Altobelli war nichts weiter als eine Marionette der Daran'dreen. Eine gefährliche Marionette allerdings. Und das war der Grund, weshalb die Dunkeldämonen unbedingt seinen Tod wollten.

Mister Tang war eben keineswegs der einzige, der diesen Mann aus dem Weg haben wollte.

"Und noch eine nützliche Information, Murphy!"

"Ich höre!"

"Altobelli ist schwer zu fassen, tritt nicht oft in der Öffentlichkeit auf. Er verkriecht sich häufig wochenlang in seinem Landsitz in Bodega Bay oder sonstwo. Aber ich weiß, dass in ein paar Tagen ein Deal im Hafen über die Bühne geht, bei dem er anwesend sein muss. Es geht um Kokain, dass aus Kolumbien kommt. Eine neue Geschäftsbeziehung für ihn. Alle Angaben dazu sind in dem Umschlag enthalten. Ich will mich nicht einmischen, wie Sie Ihren Job machen - aber eine so perfekte Gelegenheit kommt so schnell nicht wieder!"

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

*

VERSUCHE, MIT DER FINSTERNIS ZU VERSCHMELZEN, MURPHY!

Wie ein fernes Echo klang die Gedankenstimme Yyndrons in Murphys Bewusstsein. Er saß da, hatte eine Hand auf das Abrash'dala um seinen Hals gelegt.

ÖFFNE DICH DER FINSTERNIS, WERDE ZU EINEM SCHATTENWESEN!

Ich kann nicht!, durchzuckte es Murphys Gedanken. Ich kann nicht...

WEIL DEIN BEWUSSTSEIN SICH NICHT GENÜGEND ÖFFNET!

Ein eisiger Schauder durchfuhr Murphy. Vielleicht wollte er sich gar nicht auf diese Weise öffnen, wie es der Geist des Mörders Yyndron verlangte und wie es zweifellos notwendig war, um das Abrash'dala zu beherrschen.

Schon das eine Mal, da er den ersten Grad der Abrash'dala-Kräfte benutzt hatte und zu einer gespenstischen Tötungsmachine mit superschnellen Reflexen und selbst den Dunkeldämonen überlegener Kraft geworden war, verfolgte ihn noch immer bis in die Träume hinein. Kein Job, den er als Hitman zu erledigen gehabt hatte, hatte ihn derart mitgenommen. Und es waren eine ganze Reihe gewesen, die ziemlich unappetitlich gewesen waren...

VERSUCH ES ERNEUT!

Reicht nicht der erste Grad?

NEIN. VIELLEICHT KANNST DU Altobelli MIT DEM, WAS DU BISHER GELERNT HAST BESIEGEN. WENN DU GLÜCK HAST. ABER ES WERDEN WEITERE AUFGABEN FOLGEN, DIE DIE DUNKELDÄMONEN DIR STELLEN WERDEN...

Diese Rolle als Werkzeug in den Händen fremder Mächte gefiel Murphy nicht. Er hatte immer auf eigene Rechnung gearbeitet. Aber andererseits reale Machtverhältnisse immer anerkannt. Es war sinnlos, sich dagegen auflehnen zu wollen. Und wer überleben wollte, musste die Kräfteverhältnisse im Auge behalten.

Und in diesem Fall waren sie nuneinmal so, dass kein Zweifel daran bestehen konnte, dass Dunkeldämonen und Daran'dreen die Erde beherrschen und sich Untertan machen würden.

Es war nur die Frage, welche der beiden Gruppen sie sich als erster unter den Nagel zu reißen wusste.

SIEH AUF DEINE HAND!, forderte die Stimme des Dunkeldämonen-Mörders in ihm. SIEH SIE DIR AN...

Murphy zögerte, bevor er gehorchte.

Er hob die Hand. Ein eigenartiges Prickeln durchfuhr ihn. Es fühlte sich an, wie ein leichter elektrischer Strom. Eine Empfindung, die ihn bis ins Innerste frösteln ließ. Warum tust du dir das an, Murphy, ging es ihm durch den Kopf. Du warst tot. Du hättest bleiben sollen. Um deiner Selbst willen...

Die kribbelnde Missempfindung verstärkte sich.

Die Hand...

Sie begann sich vor Murphys Augen langsam zu verwandeln, wurde zu etwas dunklem. Einer Art Schattenriss.

Murphy zuckte zusammen, als er es sah. Er spürte, wie eine unheimliche Kraft in ihn einströmte. Eine Kraft, die nichts gegen jene Energien war, die er schon einmal mit Hilfe des Abrash'dalas geweckt hatte. Unwillkürlich schreckte der Hitman davor zurück. Es war eine instinktive Scheu. Eine Scheu, die er nicht zu erklären vermochte.

FÜRCHTE DICH NICHT, DU NARR! NUZE DAS, WAS DIR GEGEBEN WURDE NUTZE ES UND...

...TÖTE!

Die Verwandlung ging schrittweise weiter fort. Finsternis, etwas, dass wie pure Dunkelheit aussah, eine namenlose Schwärze, die mehr war, als nur die Abwesenheit jeglichen Lichtes, fraß sich seinen Arm entlang, der jetzt wie der Arm eines Schattens wirkte.

Murphy bewegte ihn, stellte fest, dass es nicht leicht, seine Form konstant zu halten. Auswüchse bildeten sich. Der Arm wurde formlos, wie ein Tentakel.

Und dann war der Arm plötzlich weg.

Unsichtbar.

Wie amputiert.

Murphy schrie auf.

Er hatte das Gefühl zu fallen. Schwindel erfasste ihn. Alles drehte sich vor seinen Augen. Er glaubte, sein Bewusstsein würde in eine Art Strudel hineingerissen, dessen unheimliche Anziehungskraft einfach unwiderstehlich war.

NEIN, DU NARR! WAS BIST DU FÜR EIN NARR, MURPHY!

Die Stimme von Yyndron, dem abgefeimten Mörder einer anderen Welt, war zunächst wie ein gewaltiges Dröhnen zu hören. Dann verhallte sie, wurde leiser, schien sich immer weiter zu entfernen.

MURPHY, DU BIST EIN GOTTVERDAMMTER VERSAGER!, grollte sie ihm hinterher.

Ja, vielleicht, dachte Murphy. Vielleicht... Aber was spielt das für eine Rolle? Die Dunkeldämonen werden einen anderen finden, der ihre Aufträge ausfüllt. Und Altobelli...

Der Gedanke an Rache war immer noch in Cains Bewusstsein.

Aber lange nicht mehr so heiß und glühend wie zuvor. Ein Gefühl der Gleichgültigkeit und der Agonie hatte in seiner Seele um sich gegriffen, sich immer weiter ausgebreitet und inzwischen beinahe den letzten Winkel seines Bewusstseins okkupiert.

Was bedeutet schon Rache?, dachte er.

ERINNERE DICH!, krächzte Yyndron. ERINNERE DICH AN DAS, WAS DIR ANGETAN WORDEN IST!

Bilder vermischten sich mit den eher chaotischen Eindrücken, die Murphy umgaben. Bilder der Erinnerung. Der Moment, in dem er für die Hinrichtung vorbereitet worden war. Etwas ganz Banales mischte sich in diese Melange.

Warum bist du nicht längst auf dem Boden aufgeschlagen?, fragte er sich.

Oder bin ich es schon lange?

Er schien sich in einem Bewusstseinszustand außerhalb von Raum und Zeit zu befinden.

Vor seinen Augen war nichts weiter als Farben, Formen und sich drehende, verschwimmende Konturen, die immer undeutlicher wurden.

Dann erfasste ihn Dunkelheit.

Die Stimme Yyndrons verstummte.

Nacht senkte sich über Murphys Bewusstsein.

Vielleicht war es da, überlegte er. Vielleicht war dies das Ende...

Sein Bedauern hielt sich zu seinem eigenen Erstaunen in Grenzen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

*

Art Johnson betrat das Internetcafe in der Natoma Street im Stadtteil SoMa, was für South of Market stand.

"Hey, ich würde mal gerne einen von euren Rechnern benutzen", sagte Johnson zu dem schlacksigen, ziemlich hochgewachsenen Mann hinter dem Tresen, dessen Brille so dick war, dass man an Flaschengläser denken konnte.

Der Schlacksige lachte. "Klar, dazu sind wir da, Mann. Nehmen Sie die Nummer 5."

"Okay", erwiderte Johnson.

Johnson blickte sich um. Es war nicht viel los um diese Zeit, neun Uhr morgens. Da war die Computerfreakgemeinde noch in den Federn.

"Wollen Sie 'nen Kaffee?", fragte der Schlacksige.

"Lieber wär mir ein Expresso", antwortete Johnson.

Der Schlacksige verdrehte die Augen. "Sind wir ein Restaurant?"

Johnson unterdrückte ein Gähnen. Er hatte in den letzten Nächten nicht viel Schlaf mitbekommen. "Na, meinetwegen, ich nehme auch den Kaffee, aber sehen Sie zu, dass er nicht zu dünn ist."

Der Schlacksige hängte sich den Walkman-Kopfhörer wieder über die Ohren, den er bis dahin um den Hals getragen hatte und verzog das Gesicht. Es war schwer zu sagen, ob das eine Reaktion auf Johnson letzte Bemerkung war oder ein Ausdruck des Entzückens über den Sound, der ihm in die Ohren dröhnte.

Johnson ging an das Terminal, das man ihm zugewiesen hatte. Er wählte sich ins allgemeine Netz ein, wartete dann bis der Schlacksige ihm den Kaffee brachte.

So ein Mist!, dachte er, als er die dünne Brühe sah, aber vermutlich besser als gar nichts.

"Alles easy, Mann?", brüllte der Schlacksige unnötigerweise. Aber er musste ja auch die Musik in seinen Ohren übertönen. Er warf einen misstrauischen Blick auf den Bildschirm, traute Johnson offenbar nicht zu, damit richtig umgehen zu können.

Auf dem Schirm war allerdings nichts verfängliches zu sehen, nur die Homepage von Microsoft.

"Wenn Sie Hilfe brauchen, ich bin da drüben."

"Klar, ich meld mich schon." Johnson wartete bis er sich verzogen hatte. In den nächsten Augenblicken flogen seine Finger nur so über die Tasten. Er wählte sich in ein geheimes Netz ein, zu dem nicht jeder Zugang hatte. Es sei denn, man war Mitglied der Colin Drake Bruderschaft, einer Geheimloge, die sich dem Kampf gegen die Machenschaften von Daran'dreen und Dunkeldämonen verschrieben hatte. Der Computer gab den Zugang zum Intranet der Bruderschaft frei.

Art Johnson war drin. Sein Gesicht zeigte einen angestrengten Ausdruck. Er tippte eine Mail:

>Habe Spur von Murphy aufgenommen. Fahndungsobjekt hatte offenbar Kontakt zu einem gewissen Nachtclubbesitzer namens Fernandez, von dem ich bisher annahm, dass er vom Syndikat der Puertoricaner geschützt wird. Seine Leiche fand man heute in einer Nebenstraße von SoMa, eingepackt in einen Müllbeutel. Ich war gerade am nur wenige hundert Yards Quentfernten Tatort und habe einiges von den Cops aufgeschnappt. Zusammenfassend kann man sagen, dass die Begleitumstände der Tat nicht David Murphys Handschrift tragen. Der Coroner war sich sicher, dass Fernandez mit Elektroschocks gefoltert wurde. Sobald ich näheres weiß, meld ich mich wieder.>

Art Johnson schickte die Mail ab. Er verließ das Intranet der Bruderschaft. Zum Schluss nahm er noch ein paar Schluck von dem dünnen Kaffee.

Nicht gerade der Saft, der Tote zum Leben erweckt, ging es ihm durch den Kopf.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

*

Murphy hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war, als er erwachte. Er lag auf dem Boden. Der Kopf schmerzte. Sein Arm ebenfalls. Jener Arm, der sich in etwas Schattenhaftes verwandelt hatte. Etwas, wofür er keine Bezeichnung wusste.

ERWACHE, MURPHY! DU HAST LANG GENUG GESCHLAFEN.

Mir ist nicht nach einem inneren Dialog!, war Murphys kühle Erwiderung.

Die Gedankenstimme Yyndrons ging ihm mittlerweile gehörig auf die Nerven.

ICH BIN DEIN EINZIGER VERBÜNDETER, erklärte der Mörder ihm. BEDENKE DAS!

Du wirst ja nicht müde, mich ständig daran zu erinnern!

MIT GUTEM GRUND!

Ja, ja...

DENK AN DEINE RACHE! DENK AN DIE GIFTSPRITZE, DIE HINRICHTUNG, DIE ZUFRIEDENHEIT IN DEN AUGEN DER ZEUGEN... DENK AN AltobelliS ZUFRIEDENHEIT IN DIESEM MOMENT UND AN DEN SCHECKEN, DER IHM BEVORSTEHT WENN DU ALS LEIBHAFTIGER SCHATTEN AUS DEM JENSEITS VOR IHM STEHST!

Keine Sorge! Ich werde meine Aufgabe schon erfüllen. Ich bin schließlich Profi. Auch wenn du vielleicht gar nicht weißt, was das ist...

Murphy erhob sich. Er blickt sich um. Der Hitman befand sich einem Hotelzimmer im SHAPIRO, einem etwas heruntergekommenen Hotel im Russian District. Von dieser Gegend wusste Murphy jedenfalls, dass Altobelli hier keinen Einfluss hatte. Die Russen-Mafia allerdings auch nicht mehr. Sie hatte dieses Gebiet vor einiger Zeit an die ukrainische Müll-Mafia verloren, die ihr Geld damit verdiente, Giftmüll sehr preiswert und sehr illegal zu entsorgen. Ein Geschäft, dass in seinen finanziellen Dimensionen den Drogenhandel schon überholt hatte.

Murphy war das gleichgültig.

Für ihn zählte, dass die Altobelli-Leute es sich zweimal überlegen würden, bevor sie sich im Russian District sehen ließen.

Murphy streckte sich. Der Arm schmerzte noch immer, auch die Hand. Murphy starrte sie an, wirkte fast ungläubig.

Es ist nichts mit ihr geschehen!, erinnerte er sich. Er berührte sie mit der anderen Hand, so als müsste er sich dieser Tatsache erst vergewissern.

Alles in Ordnung!, durchzuckte es ihn. Glaub es endlich, Murphy! Glaub es!

Auf dem Bett lag eine Sporttasche.

Sie war geöffnet.

Murphy langte hinein, holte eine Waffe heraus.

Eine Beretta. Ein weiterer Griff förderte einen Schalldämpfer zu Tage, den er sorgfältig aufschraubte. Die Waffe lag gut in der Hand. Sie war sauber, dass hieß fabrikneu, aber nirgends registriert. Für Murphy war es keine Schwierigkeit gewesen, sich das Eisen zu besorgen. Tangs Papiere hatten ein übriges dazu beigetragen.

DU BRAUCHST SIE NICHT!, meldete sich Yyndron. DIR STEHT DIE MACHT DES ABRASH'DALA ZUR VERFÜGUNG!

Mag sein!, erwiderte Murphy. Aber solange ich diese noch nicht zur Gänze beherrsche, werde ich mich auch nicht allein auf die Kraft des Amulettes verlassen!

NARR!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

*

Rico Altobelli hörte die Frühnachrichten. Die schöne Blonde, die sich nackt neben ihm im Bett räkelte, kroch zum Nachttisch. Auf dem Nachttisch lagen fünf kleine Häufchen von einem weißen Pulver.

Kokain.

Mit einem Röhrchen begann sie sich eines dieser Häufchen in die Nase zu ziehen.

Die Geräusche, die dabei entstanden, ließen Altobelli das Gesicht verziehen.

"Mach verdammt nochmal nicht so'n Krach, Baby!", grunzte er und hörte angestrengter zu.

"...gibt es nach wie vor keine Spuren von den Verschwundenen. Zahlreiche Angehörige haben sich inzwischen gemeldet und wie aus gut unterrichteten Kreisen zu erfahren war...."

Das erfuhr Altobelli nicht mehr.

Die Blonde schniefte wie ein Walross am zweiten Häufchen.

Altobelli verdrehte die Augen.

Entvölkerte Straßenzüge...

Er wusste es nicht mit hundertprozentiger Sicherheit, aber er konnte sich denken, wer dahinter steckte.

Die Daran'dreen!

Seine Herren!

Der Verschwundenen waren vermutlich als Arbeitskräfte auf ihre Welt verschleppt worden.

Sie sind völlig ohne Skrupel!, ging es ihm durch den Kopf. Noch waren die Daran'dreen, die Gegenspieler der Dunkeldämonen, seine Verbündeten, und Rico Altobelli dachte daran, aus dem Krieg zwischen ihnen, der hinter den Kulissen geführt wrde, seinen Vorteil zu ziehen.

Noch brauchen sie Leute wie mich!, rief er sich in Erinnerung. Noch... Aber das konnte sich ändern. Und vor diesem Augenblick fürchtete der Mafioso sich.

Das Handy klingelte. Es steckte noch im Jackett.

Altobelli erhob sich, ging zu dem Stuhl, über das er es am Abend nachlässig gehängt hatte und nahm den Apparat heraus. Ein Prepaid-Handy. Bei dessen Benutzung konnte man nicht vom Gesprächsteilnehmer elektronisch identifiziert werden. Gegen die Abhör-Zeugen des FBI und der DEA half nur ein fleißiges Wechseln der Sim-Cards.

Altobelli rechnete damit, dass jedes Festnetz-Telefon in seiner Villa im Nobelviertel von Frisco abgehört wurde. Und dasselbe galt aller Wahrscheinlichkeit auch für seinen Landsitz in der Nähe von Bodega Bay.

"Ja?", meldete sich Altobelli.

"Der Deal geht klar, Boss. Es ist alles arrangiert."

"Gut."

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

*

Die rote Morgensonne schien von der Ostseite der San Francisco Bay herüber zu den Piers. Ein kühler Morgen. Wie der glutrote Stern einer sterbenden Welt stand die Sonne direkt über dem auf der anderen Bayside gelegenen Oakland.

Ein Frachter kroch in Richtung Norden, würde an der berüchtigten und heute zum Museum gewordenen Insel Alcatraz vorbeiziehen und die Golden Gate Bridge passieren, um dann den Pazifik zu erreichen.

Murphy stand an der Ecke eines Lagerhauses. Ein gewaltiger Kran in seinem Blickfeld. Davor befand sich eine breite Asphaltfläche. Einige Container waren dort abgestellt worden.

Murphy wartete.

Genau hier war der Treffpunkt.

Es war vier Uhr morgens.

Und um diese Zeit gab es keinen einsameren Ort in der ganzen Bay Area.

Selbst auf dem Highway, der über die San Francisco-Oakland Bridge führte, über die man von Frisco aus links nach Berkeley und rechts nach Oakland gelangen konnte, wurde zur Zeit kaum befahren. Man konnte die Wagen noch zählen.

Murphy blickte auf die Uhr.

Er war früher hier als notwendig.

Das war immer das Beste.

Sich nie überraschen lassen. Eine Überlebensdevise, die er sich in seinem Job zu eigen gemacht hatte.

Unter der Lederjacke, die er trug, fühlte er den Abdruck seiner Beretta. Der Schalldämpfer war aufgeschraubt. Sicher war sicher. Auch wenn der Mörder, dessen Seele in dem Amulett namens Abrash'dala gefangen war, ihn dafür verhöhnte, dass er eine im Vergleich zum magischen Arsenal der Dunkeldämonen geradezu primitive Waffe mit sich führte, so wollte Murphy doch nicht darauf verzichten.

Alte Gewohnheiten, dachte er.

Der Schrecken, den ihm sein letzter Versuch verursacht hatte, 'mit der Finsternis zu verschmelzen', wie es von ihm gefordert worden war, saß noch sehr tief. Wie ein Stachel im Fleisch seiner Seele. Und du hast gedacht, dir kann nichts und niemand etwas anhaben, du wärst mit allen Wassern gewaschen, abgehärtet und stahlhart!, ging es ihm voller Sarkasmus durch den Kopf.

JEDER HAT SEINE GRENZEN, MURPHY.

Auf dich habe ich gewartet, meinen ungeliebten Kommentator!, war Murphys Erwiderung auf den Gedankenimpuls des Mörders Yyndron.

ES IST DIE WAHRHEIT, MURPHY!

Mag sein.

UND JEDER SOLLTE SEINE GRENZEN KENNEN UND SIE RESPEKTIEREN. WER IMMER DAGEGEN VERSTÖSST, WIRD ES BEREUEN!

Nicht ich habe versucht, meine Grenzen zu überschreiten, Yyndron! Du hast es mir eingeredet, mich quasi dazu gezwungen!

DAS IST KEIN WIDERSPRUCH. AUSSERDEM BIN ICH ÜBRZEUGT DAVON, DASS DU ES WIEDER VERSUCHEN WIRST. WIEDER UND WIEDER, BIS ES DIR GELINGT!

ÜBRIGENS - DIESER MOMENT WÄRE EINE GUTE GELEGENHEIT, EINEN ERNEUTEN VERSUCH ZU STARTEN.

Um dann im entscheidenden Moment zu versagen?

ES IST BEDAUERLICH, DASS DU DIESE MÖGLICHKEIT ÜBERHAUPT IN BETRACHT ZIEHST, MURPHY!

Hängt die Tatsache, dass du nichts weiter bist, als eine gefangene Seele in einem Amulett, vielleicht damit zusammen, dass du die Möglichkeit des eigenen Scheiterns nie genug in Betracht gezogen hast?, versetzte Murphy.

Yyndron schwieg.

Murphy hielt das für ein gutes Zeichen.

Er lächelte.

Auf der Bay nahm er eine Motoryacht wahr.

Ein ungewöhnlicher Zeitpunkt, um mit seiner Yacht hinauszufahren, ging es Murphy durch den Kopf. Kurz bevor der Killer in den Diensten der Dunkeldämonen zum Hafen aufgebrochen war hatte ihn ein Anruf erreicht. Einer von Mister Tangs Handlangern hatte sich gemeldet und ihn über die genauen Umstände des Deals informiert. Und dazu gehörte, dass die Kolumbianer mit einer Motoryacht an der Pier anlegen würden.

Und noch etwas anderes hatte Murphy erfahren.

Beide Seiten hatten sich darauf geeinigt, höchstens drei Leibwächter mitzubringen.

Für Murphy eine gute Nachricht.

Er konnte nur hoffen, dass sich alle Beteiligten auch daran hielten. Sonst wurde es vielleicht doch noch eng. Trotz der Kräfte des Abrash'dala.

Eine Limousine mit Überlänge fuhr auf die Pier.

Murphy sah sie ganz deutlich.

Ein Mann stieg aus, gekleidet wie ein Reverend. Die Uzi, die er über der Schulter trug, deutete allerdings an, dass es sich keineswegs um einen Diener des Herrn handelte. Ganz im Gegenteil. Misstrauisch ließ der 'Reverend' den Blick schweifen. Als er die Yacht draußen in der Bay sah, schien er sich etwas zu entspannen.

Jedenfalls glaubte Murphy das aus seiner Körperhaltung herauszulesen.

Er ging zur Hintertür der Limousine, öffnete sie und einen Augenblick später stieg Rico Altobelli ins Freie.

Murphy griff zur Waffe unter seiner Jacke. WAGE ES! ES IST EINE EINZIGARTIGE GELEGENHEIT! ERINNERE DICH DARAN, WIE DU DIE DUNKELDÄMONEN BESIEGT HAST!, meldete sich die Stimme Yyndrons in seinem Inneren.

Murphy ließ die Beretta stecken.

Stattdessen umfasste er mit der Hand das Abrash'dala.

Eine unglaubliche Wärme ging von dem Amulett aus, durchströmte jetzt seinen gesamten Körper.

JA, SPÜRE DIE MACHT, MURPHY... FÜHL SIE UND GLAUBE AN SIE, DANN WIRST DU ES SCHAFFEN!

Er pirschte sich voran, erreichte den Kran.

Murphy duckte sich, blickte unterdem gewaltigen Gewichte- kasten des Krans hindurch.

Altobelli ging ungeduldig auf und ab. Einer seiner drei Leibwächter hatte ein Walkie-Talkie in der Hand. Möglicherweise waren sie darüber in Kontakt mit der Yacht.

DREI LEIBWÄCHTER, erinnerte ihn Yyndron. MIT HILFE DER KRÄFTE DES ABRASH'DALA WIRST DU DAMIT SPIELEND FERTIG.

Murphy legte eine Hand auf das Abrash'dala. Die eigenartige Wärme, die von diesem Amulett ausging, durchströmte ihn. Er erinnerte sich an jenen Augenblick, an dem er in eine Art Blutrausch geraten war und die Dunkeldämonen vernichtet hatte, die man ihm als Gegner vorgesetzt hatte.

Er spürte jetzt wie ähnliche Empfindungen in ihm hochkamen, spürte wie die Kräfte des Abrash'dala von ihm Besitz ergriffen. Gleichzeitig schreckte er davor zurück.

Ich kann es nicht kontrollieren, dachte er.

DU WIRST ES LERNEN, war Yyndrons kalte Antwort.

Und wenn nicht?

DIESE MÖGLICHKEIT GIBT ES NICHT. DU SOLLTEST SIE DESHALB NICHT IN BETRACHT ZIEHEN. UND AUCH ICH WERDE ES NICHT TUN, war Yyndrons Erwiderung.

Der Instinkt für Gefahr meldete sich. Dieser Instinkt hatte nichts mit den Eigenschaften des Abrash'dalas zu tun. Er war vielmehr eine Eigenschaft, die Murphy in den vielen Jahren in denen er als Killer tätig gewesen war zugewachsen war. Murphy hatte es im Gefühl, ob ein Augenpaar auf ihn gerichtet war oder vielleicht der Lauf einer Beretta.

Er wirbelte herum. Aus den Augenwinkeln heraus nahm er eine Bewegung wahr. Reflexartig hechtete er zu Boden.

Die Reflexe waren durch die Eigenschaften des Abrash'dalas offenbar um ein vielfaches beschleunigt. Er kannte dies schon durch seine Erlebnisse mit den Dunkeldämonen.

Seine Schnelligkeit war es, die ihn in der nächsten Sekunde tatsächlich rettete. Denn nur einen Augenaufschlag später zischten mehrere Projektile dicht über ihn hinweg, klackerten in das Stahlgehäuse des Krans hinein. Hier und da wurden Löcher gestanzt, Funken sprühten.

Murphy rollte sich auf dem Boden herum. Links und rechts schossen weitere Projektile kleine Stücke aus dem Asphalt, ließen sie hochspringen.

Der Mann, der auf ihn gefeuert hatte, trug eine dunkle Lederjacke. Er befand sich an der Ecke eines Containers.

Murphy konnte sich an zwei Fingern ausrechnen, dass es sich um einen von Altobellis Leuten handelte. Offenbar hatte der Mafiosi nicht vorgehabt, sich an die Abmachungen zu halten, die er mit den Kolumbianern getroffen hatte. Zwischen beiden Parteien schien es doch erheblich mehr Mißtrauen zu geben, als dass Altobelli es wirklich riskieren wollte, sich mit nur drei Leibwächtern sehen zu lassen. Offenbar hatte der große Boss vorgesorgt.

Der Geschosshagel verebbte.

"Schnappt ihn euch, Jungs!", rief jemand.

In Windeseile kamen vier Mann aus ihren Deckungen heraus. Alle bewaffnet.

"Stehenbleiben! Keine Bewegung! Zieh ganz langsam deine Waffe heraus und wirf sie herüber!"

Murphy war wie erstarrt. Es war klar, was diese Männer vorhatten. Sie wollten ihn lebend fangen. Altobelli musste unbedingt wissen, wer es war, der da auf ihn gelauert hatte und wer diesen Hitman geschickt hatte.

Die Bewaffneten kamen näher, umringten ihn. Bei der geringsten falschen Bewegung hätte ihn ein Kugelhagel durchsiebt.

Vorsichtig öffnete Murphy seine Jacke. Er kauerte noch immer am Boden. Einer der Männer bewegte seine Beretta auf und ab und deutete Murphy damit an sich aufzurichten.

Murphy ging auf die Knie, öffnete die Jacke nun vollends. Seine eigene Waffe kam zum Vorschein.

Einer der Kerle kam heran, nahm sie ihm ab. Und diesen Augenblick nutzte Murphy. Der Reflex war mörderisch. Ein wuchtiger Schlag traf den Altobelli-Killer in der Körpermitte, schleuderte ihn nach hinten. Murphy erhob sich, wirbelte herum. Der getroffene Mafia-Mobster wurde mit geradezu übermenschlicher Gewalt gegen eine Containerwand geschleudert. Es schepperte. Eine Blutspur zog der Mobster hinter sich her, als er hinabsackte und an der Wand herunter rutschte.

Einer der Killer feuerte, aber Murphy hatte sich längst geduckt. Die Schüsse gingen über ihn hinweg. Querschläger wurden auf die Reise geschickt.

Murphy schnellte mit unglaublicher Gewandheit vor. Seine Fußspitze traf einen der Kerle, schleuderte ihn einige Meter weit zurück gegen seine Komplizen.

Seine Maschinenpistole knatterte los.

Die Schüsse gingen ins Nichts.

Dann hechtete Murphy hinter einen Container. Gerade noch rechtzeitig. Die dreißig bis vierzig Schuss, die man mit einem Feuerstoß einer Maschinenpistole abfeuern konnte, knatterten hinter ihm her, stanzten Löcher in die Containeraußenhaut. Murphy rappelte sich auf.

Habe ich es dir nicht gesagt, Yyndron, ging es ihm durch die Gedanken. Ich beherrsche die Kräfte dieses verdammten Amuletts einfach noch nicht genug.

Die Seele des Mörders antwortete. WER HÄTTE AHNEN KÖNNEN; DASS ALTOBELLI SICH NICHT AN DIE ABMACHUNGEN HÄLT?

Ich, erwiderte Murphy in Gedanken. Denn ich kenne Altobelli! Murphy spürte, wie die Kräfte des Abrash'dala ihn durchströmten.

Er hörte Schritte, viele Schritte.

Er sprang in die Höhe, erreichte mit den Händen die Oberkante des Containers und zog sich hoch. Es war keine Schwierigkeit für ihn, eher eine leichte Übung. Das Abrash'dala machte es möglich. Dann legte er sich auf die Oberseite des Containers, presste sich gegen das kalte Metall.

"Der verfluchte Hund muss hier irgendwo sein!", hörte er eine Stimme. "Hast du das gesehen, wie er Toni umgebracht hat? Mammamia, ich habe noch nie gesehen wie jemand so durch die Gegend geschleudert wurde."

Murphy hörte einen aufbrausenden Motor. Das musste Altobellis Limousine sein. Der große Boss machte sich davon. Der Deal im Hafen war geplatzt, soviel stand fest.

Und wenn auch Murphys Plan, Altobelli umzubringen, fürs erste gescheitert war, so erfüllte es Murphy doch mit einer gewissen Befriedigung, dass das genauso für Altobellis neue Geschäftsbeziehungen mit den Kolumbianern galt.

Murphy wartete ab. Keiner seiner Verfolger erwartete offenbar, dass es einem Menschen möglich war sich so derart schnell an einer glatten Containerwand emporzuziehen.

ABER DU BIST AUCH NICHT MEHR NUR EIN MENSCH, kommentierte Yyndron in seinem Schädel.

Die Worte hallten noch lange in Murphys Bewusstsein wider.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

*

Einen Tag später...

Murphy saß in einem Coffee Shop in Sausalito, einem nördlichen Stadtteil von San Francisco. Der Weg vom Shapiro auf dem Russian Hill nach Sausalito führte über die berühmte Golden Gate Bridge. Murphy hatte sich einen metallicfarbenen Mitsubishi geliehen. Dem Führerschein nach, der in der Brusttasche seiner Jacke steckte, hieß er Jack Seldur. Aber für den Notfall hatte er noch einige andere Identitäten, die er buchstäblich nur aus er Tasche zu ziehen brauchte. Man musste immer für jede nur erdenkliche Eventualität gerüstet sein.

Murphy hatte in Carlo's Coffee Shop einen Platz eingenommen, von dem aus man aus dem Fenster sehen konnte. Er wollte den Wagen, den er auf der anderen Straßenseite geparkt hatte im Auge behalten. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass ihm jemand etwas in den Wagen legte, was dort nicht hingehörte. Einen Sprengsatz zum Beispiel.

Außerdem wollte er wissen, ob ihm jemand auf den Fersen war.

Nach dem missglückten Attentat auf Altobelli musste er damit rechnen.

Verdammt, ich hätte mich auf die herkömmlichen Methoden verlassen sollen!, ging es ihm durch den Kopf.

DU BIST ES NICHT GEWÖHNT, DICH ZU QUÄLEN, WAS?, kommentierte Yyndron, die Mörderseele in seinem Kopf, mit einer Eiseskälte, die Murphy das kalte Grausen bis ins Mark trieb. DU BIST DER TRÄGER DES ABRASH'DALA. EIN PRIVILEG, MURPHY. BEDENKE DAS.

Ich denke schon an gar nichts anderes mehr!, dachte Murphy. Sein Gesicht verzog sich dabei zu einem galligen Lächeln. Erinnerungen stiegen in ihm auf. Erinnerungen an die Folter, der ihn die Dunkeldämonen unterzogen hatten und die letztlich zu dem Zweck angewandt worden war, ihn gefügig zu machen. Und sie hatten es geschaft. Ich bin ein willfähriges Werkzeug geworden, dachte Murphy. Er hatte schlicht keine andere Wahl gehabt. Die Tatsache, dass er sich kaum etwas so sehr wünschte, wie an Altobelli Rache zu nehmen, änderte daran nichts.

DU WIRST AN DIR ARBEITEN MÜSSEN, UM DICH ALS WÜRDIGER TRÄGER DES ABRASH'DALA ZU ERWEISEN, meldete sich die Stimme Yyndrons in seinem Hirn.

Klang das nicht wie eine Drohung?

Etwas davon schwang mit, kein Zweifel.

Inzwischen kannte Murphy den unsichtbaren Kommentator und Ratgeber gut genug, um dessen Gedankenimpulse richtig einschätzen zu können. Auch wenn er von einer fremden Welt stammte, auf der gewiss andere Gesetze und Regeln galten.

Yyndron beabsichtigte nichts weiter, als dem ehemaligen Hitman anzudeuten,

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Bildmaterialien: Steve Mayer
Tag der Veröffentlichung: 22.12.2014
ISBN: 978-3-7368-6632-4

Alle Rechte vorbehalten

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