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Prolog



‚Dieses Land trägt viele Narben
Im Gesicht und auf der Haut,
Die Gebeine meiner Väter
Sind noch lange nicht verdaut.
Aus den Söhnen werden Rächer,
Werden Väter, sterben jung,
Und die Witwen gehen schwanger.
Tod heißt die Erinnerung.

Der Horizont glüht blutig rot,
muss mich entscheiden für den Tod.

Tausend Meilen von zu Haus.‘
-Subway to Sally; Tausend Meilen-




Prolog




Dunkle Schemen tanzten in der Finsternis, kaltes Wasser schwappte gegen die hölzernen Wände des Schiffs. Ein breitbeiniger Mann mit Pfeife stand an Deck, spähte über die Reling, suchte nach einer Bewegung. Er hatte ‚heute Nacht‘ gesagt. Heute Nacht. Aber er schien sich zu verspäten, die roten Strahlen der Morgensonne krochen bereits über den Himmel, ein schmaler, leuchtender Streifen hing am Horizont über dem Meer. Der Mann blies seufzend Rauch in die Luft und klopfte seine Pfeife aus, steckte sie in die tiefen Taschen seines Mantels. Er gähnte und reckte sich, als er einen kühlen Hauch in seinem Haar verspürte. Blitzschnell drehte er sich um und sah zum Hafen hinüber. Es war gefährlich, zu dieser Zeit noch immer in der Stadt zu sein, die Wächter würden bald ihre Aufmerksamkeit auf das dunkle Schiff lenken. Und dann war es wohl für immer vorbei. In diesen Zeiten war man nicht gern gesehen, wenn man sich das Rauben zum Beruf gemacht hat.
Tatsächlich humpelte eine Gestalt über den Kai auf ihn zu. Er war gekommen. Sein Kennzeichen war das Holzbein und der riesige Hut mit den giftgrünen Federn. Niemand außer ihm besaß auf der ganzen bekannten Welt solch ein Prachtexemplar.
„Käpt’n Eorl! Wir warten seit der Dämmerung.“, begrüßte er den Humpelnden und half ihm an Deck. Ein wenig wankend kam er auf die Beine, hielt sich an der dargebotenen Hand fest.
„Käpt’n Akito, Ryu, bring mir den Käpt’n!“, keuchte Eorl und krallte seine Finger in sein Hemd. Der Seemann lief so schnell er konnte in den Bauch, suchte Akitos Kajüte auf.
„Käpt’n! Eorl sucht Euch, es scheint dringend zu sein!“, rief er atemlos. Ein junger Mann von etwa zwanzig oder zweiundzwanzig Sommern, dunkelbraunen Haaren und wiesengrünen Augen sah auf. Erst nach einer Weile schienen die Worte zu ihm zu schweben und er stürzte aus dem Zimmer. An der frischen Luft suchte er sein Schiff nach dem nächtlichen Gast ab und entdeckte ihn an Bug.
„Käpt’n Eorl, ich bin erfreut, Euch wohlbehalten anzutreffen.“, sagte er mit tiefer Stimme und setzte sich neben ihm auf den Boden. „Was ist der Grund für diesen ehrenwerten Besuch zu so später Stunde?“
Eorl schloss die Augen und seufzte tief wie die Seelöwen. „Sie suchen mich, ich muss auf der Hut sein.“, murmelte er.
Akito lachte leise. „Wer muss das in unserem Geschäft nicht?“
Eorl sah ihn verbittert an. „Käpt’n Akito, ich kann mich kaum noch verstecken. Deswegen habe ich eine Bitte an Euch.“
„Spannt mich nicht auf die Streckbank! Wollt Ihr, dass ich Euch hier auf meinem Schiff ein Plätzchen bereithalte?“
„Nein. Ich werde allein kämpfen müssen. Da führt kein Weg daran vorbei. Aber ich muss es wirklich allein tun. Ich bitte Euch, meinen Freund und Geschäftsmann, nehmt meine Tochter bei Euch auf, nur solange, wie ich auf der Flucht bin. Ich möchte nicht, dass sie ein Leben führen muss, wie ich es tun werden. Nehmt sie unter Eure Fittiche, ich bitte Euch.“, er sah Akito mit flehenden Augen an. Dieser fuhr sich nachdenklich über das raue Kinn.
„Eure Tochter… Tut mir Leid, aber was soll ich mit einem kleinen Kind?“
„Sie ist siebzehn Sommer.“, sagte Eorl tonlos und seine Lippen verzogen sich bei Akitos Gesichtsmimik zu einem leichten Lächeln. „Ja, es ist mir auch erst vor fünf Jahren berichtet worden, dass ich ein Kind habe. Cyeas Mutter hatte es mir bis dahin verheimlicht, doch als man ihr vor sechs Jahren erneut einen Antrag machte, musste sie Cyea loswerden. Also schickte sie sie zu mir.“ Er starrte gerade vor sich hin. Akito fuhr sich durch das zerzauste Haar.
„Nun gut.“, brummte er, „Ich will ihr einen Plätz bereitstellen. Doch glaubt mir, es ist für keine Frau gut, allein mit vielen Männern zu leben.“
„Mach Euch keine Sorgen, mein Mädchen weiß sich zu wehren.“, er lachte kalt, „Aber ich danke Euch, dass ihr mir geholfen habt.“, er richtete sich auf und schüttelte Akito die Hand. „Wäre es für Euch möglich, morgen Abend noch einmal hier vor Anker zu liegen? Ich werde sie dann hier her schicken.“
„Geht schon klar. Aber nun müsst Ihr mein Schiff verlassen, wenn die vermaledeite Sonne am Himmel steht, haben wir die Krone am Hals, und die wird ihn uns gleich einen kürzer machen.“

First




Als die Sonne sich zur Erde neigte, beobachtete ich, wie ein Schiff in den Hafen einfuhr. Es sah aus wie eine einfache Handelsflotte, das Prunkstück eines reichen Kaufmanns, und doch ahnte ich, dass der Schein trog. Es war das Schiff, das ich suchte. Still blieb ich auf meinem Platz sitzen, nahm es über den Rand meines Buches hinaus genauer in Augenschein. Niemand war an Deck, keiner warf den Anker, nicht ein dunkler Schatten war hinter den Fenstern zu erkennen.
Ich setzte mich gerade auf und sah mich um. Kaum ein Mensch befand sich in meiner Näher, viele waren in ihre Häuser zurückgekehrt. Die Zolleintreiber waren längst gegangen, denn kein Schiff würde nach Sonnenuntergang noch anlegen. Eine Frau zerrte ihr maulendes Kind die Straße entlang, schimpfte und schließlich halte der scharfe Laut einer Ohrfeige durch die Stille der Gassen.
Ich schloss die Augen, legte den Kopf in Nacken und sah zum blutroten Himmel hinauf. Der Mond stand bleich zwischen den langsam aufgehenden Sternen und nahm eine leicht orange Farbe an.
Ein Schleier des lastenden Schweigens hatte sich über die Handelsstadt gelegt. Ich stand auf.
Ein warmer Herbstwind fuhr durch mein Haar, spielte mit den fransigen Strähnen. Sie waren hellbraun und hatten einen leichten Hauch von lila. Ich hatte vor einigen Monaten von einer alten Frau eine Tinktur geschenkt bekommen, mit der man Haare leuchtend violett färben konnte. Mit der Zeit jedoch ging die Farbe raus. Ich hatte mir fest vorgenommen, dieses alte Weib wieder zu besuchen, denn dieses lila hatte mir recht gut gefallen.
Meine Augen waren blau wie das Meer, umrahmt von langen, geschwungenen Wimpern. Die Nase zierlich, die roten Erdbeerlippen voll und geschwungen. Ich hatte eine zerbrechlich wirkende Figur, doch ich war wahrlich stark. Stärker als alle anderen Frauen, denen ich bisher begegnet war. Meine Beine steckten in einer kurzen, schwarzen Hose, meine Füße in schweren Stiefeln. Mein Oberteil war bauchfrei – ein weißes Hemd, kurz unter den Brüsten zusammen geknotet. Ein kleiner Ring mit einem lila Stein steckte in meinem Bauchnabel. An meiner Seite trug ich gut sichtbar einen kostbaren Degen, auf den ich sehr stolz war. Um den Hals wand sich ein hölzernes Kruzifix, ein Geschenk meiner Mutter, das einzige, das ich jemals von ihr bekommen hatte. Ich trug es mit Würde.
Von meinem Vater hatte ich ein zierliches Armband bekommen. Kleine, silberne Sonnen mit blauen Steinen waren zu einer Kette zusammengefügt worden.
Auf meinem linken Schulterblatt prangte das Tattoo eines Raben. Mein Lieblingstier. Mein Vater hatte mich vor zwei Jahren zu einem jungen Mann geschleppt, wo er sich einen neuen Tiger auf den Rücken hatte tätowieren lassen. Ich hatte ihm bei der Auswahl des Motivs helfen sollen. Als ich die Vorlage für einen Raben entdeckt hatte, war ich nicht mehr aufzuhalten. Ich bettelte und bettelte, bis er endlich nachgab. Und so hatte ich mit fünfzehn Sommern erlebt, was es hieß, Schmerzen auszuhalten. Ich seufzte bei der Erinnerung daran.
Die See war unruhig geworden, ein kleiner Sturm zog auf. Meine Beine trugen mich schneller zum Schiff hinüber. Der Nachteil einer Flotte wie dieser war, man konnte nirgends seine Ankunft verkünden. Es gab weder Tür noch Klingel. So stellte ich mich einfach mit verschränkten Armen auf den Kai und wartete, in der Hoffnung, man würde mich bemerken.
Es dauerte erstaunlicher Weise wirklich nicht lange. Ein alter Mann mit schütterem Haar und eisgrauen Augen, erschien an Deck und sah auf mich hinab.
„Wer bist du?“, fragte er und seine Stimme zischte gefährlich. Als würde mich das abschrecken!
„Cyea, Tochter von Käpt’n Eorl. Er schickte mich hierher.“, gab ich mit fester Stimme zurück und reckte das Kinn. Seine starren Züge schienen sich ein wenig zu entspannen. Er gab kurz ein Zeichen und zwei Männer erschienen an seiner Seite. Zusammen mit ihnen ließ er eine Strickleiter hinunter. Ich schnaubte so leise, dass sie es nicht hörten, dann kletterte ich hinauf. Eine Hand streckte sich mir entgegen, aber ich ignorierte sie. Die Kerle sollten bloß nicht denken, ich sei auf ihre geheuchelte Hilfe angewiesen. Eher würde ich vor Scham im Boden versinken! Ich hob würdevoll den Kopf. Hätte mein Vater sich nicht in seinen Dickschädel gesetzt, mich zu seinem Freund zu schicken, hätte ich ein eigenes Schiff gekapert und meine eigene Mannschaft angeheuert. Aber er war mir so wichtig, dass ich ihm diesen Wunsch nicht hatte abschlagen können. Schließlich war es möglich, dass dies sein letzter Wunsch war. Ich schluckte schwer, als ich daran dachte.
„Wenn sie mir folgen würden. Käpt’n Akito wartet bereits.“, brummte er vor sich hin, dann sah er ihr grinsend ins Gesicht. „Mein Name ist übrigens Ryu.“
Ich nickte bloß, hatte keine Lust, mich auf ein längeres Gespräch mit ihm einzulassen. Ich folgte Ryu einfach.

Die Gänge waren verworren und düster. Ich hatte keine Ahnung, wie ich mich später hier zu Recht finden sollte. Ich stolzierte so gut es ging, um meine Würde nicht zu verlieren, den neugierigen der beiden Männer in meinem Rücken. Sie durchbohrten mich fast wie Pfeile. Ich atmete tief durch und schloss kurz die Augen. Prompt stolperte ich in Ryu hinein, denn er war plötzlich stehen geblieben. Wir standen vor einer Tür aus massivem Buchenholz, verziert mit verschiedensten Motiven von kämpfenden Männern, Drachen und der stürmischen See. Völlig verzaubert betrachtete ich das Schauspiel und vergaß meine Fassade, die langsam bröckelte. Erst, als die Tür aufgestoßen wurde, erinnerte ich mich daran, wieder die stolze Miene und den entschlossenen Gang beizubehalten. Unter lauter Männern musste ich sicher hart um meinen Platz kämpfen, nicht dass ich in die Schiffsküche abgeschoben wurde. Ich zuckte unwillkürlich zusammen, dann straffte ich mich mahnend. Der weite Saal, welcher vor mir lag, war ausgestattet mit allerlei kostbaren Möbeln, Teppichen und Prunk. In der Mitte stand ein riesiger Tisch, auf welchem eine Weltkarte lag, kleine Nadeln steckten an den verschiedensten Orten. Ein Fernglas lag daneben, ein Kompass und ein Jakobsstab. Ein weites Fenster gab den Blick auf den Ozean frei.
Ich versuchte, meinen verzückten Blick zu verbergen und biss mir auf die Lippe. Um den Tisch standen drei Männer, die nun den Kopf zu uns drehten. Ich spürte, wie ihre Blicke über meinen Körper wanderten. Bei zweien von ihnen blieb er an meinem Busen hängen, der dritte und jüngste von ihnen dagegen musterte mit zusammen gekniffenen Augen mein Gesicht. Er mochte wohl nur ein paar Jahre älter sein als ich, aber seine abweisende Art ließ mich den Kopf zu den anderen wenden. Ich behielt meine Arroganz bei. Derweil rätselte ich, wer von denen Käpt’n Akito sein mochte. Ryu trat vor mich und deutete eine leichte Verbeugung an.
„Käpt’n, Eorls ehrenwerte Tochter ist eingetroffen. Wir können den Hafen hinter uns lassen.“
„Lass gut sein, Ryu. Ich denke nicht, dass sie hier wie eine Lady behandelt werden muss.“, erwiderte der jüngste. Seine leuchtend grünen Augen beobachteten mich lauernd. Innerlich keuchte ich. Dieser junge Rotzlöffel sollte der bekannte Käpt’n Akito sein? Der erfolgreichste von allen Piraten? Erfolgreicher als mein eigener Vater, der nur in den höchsten Tönen von Akito sprach. Ich zwang mich, nicht aufzuschreien, wo ich ihm doch am liebsten die Gurgel hätte zugedrückt. Ich ballte die Fäuste und sah ihn herausfordernd an.
„Oder legt Ihr Wert darauf, Cyea?“, fragte er übertrieben höflich.
„Nein, Käpt’n.“, knurrte ich und musste mich stark zusammen reißen, nicht den Blick abzuwenden, denn der seine war beißend unangenehm.
„Ryu, führ sie bitte in Kammer Neun.“, sagte er bloß und beugte sich wieder über die Karte.
„Aber Käpt’n…“, begann er, aber Akito knurrte: „Tu, was ich dir auftrage!“, dann sah er zu mir. „Wenn Ihr nicht mit anpackt, werfe ich Euch den Haien zu Fraß vor. Egal wie sehr ich Euren Vater mag.“ Er grinste gemein. Ich zuckte zusammen, als Ryu nach meinem Handgelenk griff und mich leicht erzürnt aus dem Saal schleifte.
Das Zimmer war echt groß. Ryu stieß mich einfach hinein. Je mehr ich von seinem Wesen mitbekam, desto weniger gefiel er mir.
„Morgen bei Sonnenaufgang stehst du auf und kommst an Deck. Es gibt genug Arbeiten, die eine Frau erledigen kann.“, sagte er tonlos, dann knallte er die Tür hinter mir zu.
Ich war allein.
Eine bittere Gefühlswoge stieg in mir auf. Ich sank auf die Knie und weinte haltlos. Was hatte Vater sich nur dabei gedacht, mich hierher zu schicken? Es war das Grauen in Person. Dieser Wechsel von der Tochter des Käpt’n auf eine bloße Dienerin verursachte mir Kopfschmerzen. Ich nahm mein Haupt zwischen beide Hände und versuchte, ihn festzuhalten, damit er mir nicht abfiel. Ich fürchtete mich davor, mich zu vergessen. Ich war immer noch Käpt‘n Eorls Tochter! Ich stand auf und reckte die Faust in die Luft und schrie in Gedanken lauter Siegeshymnen. Aber das half nichts. Die nackte Wahrheit holte mich wieder ein.
Ich sah mich um und versuchte dabei, mich zu beruhigen. In dem Zimmer standen zwei Betten, säuberlich gemacht. Eine ganze Reihe von Gegenständen standen hier rum, jede Menge Gold, Silber und Edelsteine. Aber keinerlei Dinge, die jemanden in seinem Stil offenbarten.
Ich setzte mich einfach auf eines der Betten und bald sackte ich zur Seite und schlief ein. Es waren einfach zu viele Dinge auf einmal.

Jemand rüttelte an mir. „Aufwachen!“ Ich blinzelte verschlafen und richtete mich auf. Sonne durchflutete das kleine Zimmer, blendete meine schwachen Augen. Vor mir stand Akito.
Ich schrie auf und drückte die Bettdecke schützend an meine Brust.
„Ich sagte ‚Aufstehen‘, nicht ‚Verstecken‘ oder ‚Zurückweichen‘.“, sagte e gefährlich leise. Ich biss die Zähne aufeinander, ignorierte ihn und schwang mich aus dem Bett. Ein wenig schlaftrunken taumelte ich aus der Tür, reckte die Arme in die Luft und gähnte. Er hielt mich fest.
„Das hier ist keine Traumreise. Ihr werdet dafür sorgen, dass mir nicht mehr langweilig ist.“, er grinste gemein. Ich ballte die Fäuste und riss mich los.
„Sucht Euch eine andere! Mich könnt Ihr nicht benutzen!“, schrie ich und lief durch das verworrene Labyrinth aus Gängen und Zimmern. Keuchend lehnte ich mich gegen eine Wand und legte den Kopf in den Nacken. Ich schloss die Augen und atmete tief durch. Ich wusste nicht mehr, wo ich war. Ich sah zur rechten Seite. In schwärzester Dunkelheit verlor sich der Gang. Auf der anderen Seite war es nicht anders. Ich ließ mich zu Boden gleiten und horchte. Kein Laut war zu hören. Ich war weit genug entfernt. Ich begann erneut zu weinen. Ich konnte die Tränen einfach nicht aufhalten, sie rannen in Strömen meine Wangen hinab.
Ich tastete nach meinem Degen. Da war ein Geräusch gewesen. In einer Geschwindigkeit, die ich mir selbst nie zugetraut hätte, richtete ich die Spitze in die Dunkelheit, doch statt eines erschrockenen Schreis hörte ich ein leises Kichern. Ohne, dass ich etwas tun konnte, ohne dass ich es überhaupt bemerkte, hatte man mir die Waffe entwendet und sie fiel weit von mir entfernt zu Boden. Nun spürte ich eine Hand an meinem Hals, ich richtete mich auf, um mir zu entkommen, doch ein schweres Gewicht drückte mich an die Wand. Nun erkannte ich die dunklen Umrisse des Käpt’n.
„Lassen Sie mich los!“, zischte ich.
„Wieso sollte ich? Ihr habt ja nicht einmal eine Waffe, mit der Ihr mir drohen könntet.“, er lachte leise auf und ich spürte seinen heißen Atem an meinem Ohr.
„Was wollt Ihr von mir?“, knurrte ich.
„Das habe ich Euch doch schon erklärt: Ihr sollt meine Langeweile beseitigen.“, seine Finger glitten mir über das Schlüsselbein. Ich zuckte zusammen. Als ich noch auf dem Schiff meines Vaters war, hat es niemand gewagt, mich auch nur einmal zu berühren, Vater hatte mich beschützt. Doch nun gab es keinen mehr, der mich retten konnte, ich war auf mich allein gestellt. Ich raffte meine ganze Kraft zusammen und schubste ihn von mir weg. Dann rannte ich auf meinen Degen zu, hob ihn geschwind auf und hielt ihm die Waffe vor das Gesicht. Er war nicht im Geringsten erstaunt, noch war er mir gefolgt. Er stand noch immer an derselben Stelle, wie vorher. Er lachte, seine schwere Stimme waberte an meine Ohren, wie ein schauriges Gas. Ich kannte davon, immer weiter hinauf, in der Hoffnung, endlich das Deck zu erreichen. Irgendwann schien die Dunkelheit dem Licht zu weichen. Ich keuchte, mein Herz schlug so laut gegen meine Rippen, wie ein aufgeregtes Tier. Ich riss die Tür auf, unter welcher ein Spalt Sonnenstrahlen hervor drangen. Frische Luft strömte in meine Lungen, ließen mich aufleben. Ich japste und ließ mich zu Boden sinken, meine Beine versagten in ihrem Dienst. Ich war schon erstaunt, dass sie mich bis hierher getragen haben, so sehr haben sie gezittert. Ich hob den Kopf und faste meine Umgebung ins Auge. Geschäftig wuselten die Piraten über Deck, schrubbten, putzten, setzten die Segel und lachten über derbe Witze. Sie kamen mir vor wie ein Volk des Grauens. Ich zog mich in den Schatten zurück, ehe man mich bemerkte. Meine bebenden Finger fuhren über den Knauf meiner Waffe, streichelten sie zärtlich. Was hatte sie mir nur für ein Glück gebracht. Ich atmete tief ein und registrierte Käpt’n Akitos Anwesenheit. Er musste schon vor mir hier oben angekommen sein, vermutlich kannte er alle Geheimgänge seines Schiffes auswendig. Mich grauste vor seinem Blick, seiner Stimme und seiner Verschlagenheit. Wie konnte mein Vater nur mit solch einem Bastard verkehren und ihn allen Ernstes seinen Freund nennen? Ich strich mir eine widerspenstige Strähne aus dem Gesicht, da bemerkte Ryu mich und meine Bewegung.
„Cyea! Kommt sofort her! Hatte ich Euch nicht gesagt, dass Ihr bei Sonnenaufgang an Deck sein sollt? Und seht Euch um! Es ist fast Mittag!“, er schnaubte ungeduldig und ich zog den Kopf ein.
„Kommt mit.“, knurrte er und ging von Deck. Zurück in die Dunkelheit. Wo ich doch so gerne wieder das Meer gesehen hätte.
Doch wider meiner Erwartungen waren die Gänge nicht pechschwarz. Unendlich viele Fackeln erleuchteten nun die Finsternis. Ryu führte mich in eine kleine Kammer, drückte mir ein Stoffballen in die Hand und murrte: „Anziehen!“ Dann verließ er mich und ich starrte auf das Kleidungsstück. Es war ein Kleid, so eins, welches die Mädchen in den Schenken trugen. Weinrot, weite Trompetenärmel und an der Taille geschnürt. Der Ausschnitt war groß und hielt gerade so auf den Schultern, wurde bloß durch ein Band richtig befestigt. Der Rock war lang und bauschig. Ich kniff die Augen zusammen. Wieso sollte ich so etwas tragen?
Ryu hämmerte gegen die Tür. „Cyea, wenn Ihr Euch nicht beeilt, werde ich gezwungen sein, Euch zu helfen.“ Ich starrte in seine Richtung und begann hastig, mich umzuziehen. Dann stieß ich keuchend die Tür auf. Ich spürte seinen musternden Blick auf mir, dann griff er mich hart an den Schultern und drehte mich so, dass ich mit dem Rücken zu ihm stand. Mit fachkundigen Fingern steckte er meine Haare hoch, band kleine Rosen hinein. Dann band er eine Schleife mit Rosen eng um meinen Hals. Ich wunderte mich, wo er das bloß gelernt hatte.
Plötzlich ließ er mich los und ich sah an mir hinab. Es stand mir eigentlich recht gut, aber ich fühlte mich nicht wohl.
„Warum soll ich das denn tragen?“, fuhr ich ihn an. Er antwortete mir nicht, bedeutete nur, dass ich ihm folgen sollte. Ich verschränkte die Arme vor der Brust und erschrak, als sie fast rausfiel. Was war das bloß für ein Teufelskleid?
Er zerrte mich von der Stelle, wieder hinauf an die Seeluft. Ich schloss verzückt für einen Moment die Augen, bemerkte erst gar nicht, dass er mich losließ und zwischen den arbeitenden Männern in der Menge verschwand, die sich natürlich sofort zu mir umwand. Ich sah sie mit dem giftigsten Blick an, den ich zustande brachte, doch sie wendeten sich nicht ab, verzogen bloß ihre Lippen zu einem hämischen Grinsen. Ich streckte die Zunge raus und kehrte ihnen den Rücken zu, die Arme bestimmt in die Hüften gestemmt.
„Das würde ich an Ihrer Stelle nicht tun. Die Kerle sind immer ein wenig nachtragend.“, raunte eine Stimme direkt an meinem Ohr. Ich fuhr herum. Es war Akito, der lässig neben mir lehnte. Ich stieß einen spitzen Schrei aus.
„Kein Grund mich gleich so zurück zu weisen. Das war nur ein gut gemeinter Ratschlag.“, murmelte er, dann schnappte er nach meiner Hand. „Auf geht’s!“, rief er fröhlich.
Ich stolperte hinter ihm her. Er führte mich in einen weiteren großen Saal mit einer riesigen Tafel.
„Also, Eure erste Pflicht wird sein, mich und meine Männer bei Tisch zu bedienen.“, er grinste gemein.
„Einen Teufel werde ich tun!“, rief ich und schüttelte seine Hand ab. „Niemals werde ich Euch und eure widerwärtigen Männer auch nur einen Gefallen tun!“ Zornesröte stieg in mein Gesicht.
„Ihr werdet eure alten Kleider nicht zurückbekommen. Und genau das ist auch für uns ein Gefallen.“, er kicherte und strich mit seiner Fingerspitze über die weiche Kehle zwischen meinen Schlüsselbeinen. Ich zuckte zusammen, ballte erneut die Fäuste und schlug seine Hand weg.
„Lasst das! Ich werde beim nächsten Hafen aussteigen!“, erwiderte ich heftig.
„Wir sind kein Gesellschaftsschiff. Wir halten bei keinem Hafen.“
Ich schnaubte wütend. „Dann werde ich eben einfach ins Wasser springen.“
Er lachte. „Die Haie würden Euch innerhalb von wenigen Minuten verschlingen. Gebt auf, Euer Vater wird schon gewusst haben, was er Euch antut. Und er schien gewilligt zu sein, das auf sich zu nehmen, um Euch zu schützen.“
„Mein Vater wird nie gewusst haben, was für ein Bastard Ihr seid. Niemals hätte er mich sonst zu Euch geschickt.“, knurrte ich gefährlich und feuerte mörderische Blicke in seine Richtung ab.
„Ich bin kein Bastard. Meine Eltern waren verheiratet.“ Er lächelte.
„Ihr wisst genau, was ich meine.“ Meine Geduld neigte sich dem Ende entgegen. Dieser Kerl war der schlimmste, dem ich je begegnet bin. Und wahrscheinlich auch der schlimmste, dem ich in meinem ganzen Leben begegne.
„Schluss jetzt!“, auch er schien dieses Thema satt zu haben, „Ihr tut, was ich Euch sage. Ich bin immerhin der Käpt’n dieses Schiffs. Und nun wartet, es ist gleich Mittag.“
Er ignorierte alle Beleidigungen, die ich ihm an den Kopf warf und stolzierte aus dem Saal. Ich ging zum Fenster hinüber und machte mich daran, es zu entriegeln.

Ich hörte die ersten säuselnden Stimmen über mir und wagte kaum, zu atmen. Der eisige Seewind peitschte mir ins Gesicht, zerrte an meinen Haaren und brachte mich gefährlich ins Wanken. Ich war aus dem Fenster geklettert und versteckte mich nun an der Fassade. Ich konnte gerade so auf einem schmalen Querbalken hocken, meine Finger, die sich verspannt in einen Hohlraum krallten, wurden fast weiß vor Kälte. Das Fenster hatte ich so gut es ging angelehnt, so dass man nicht sah, dass es auf war, doch noch immer hörte ich ihre Laute, wenn auch leise. Ich biss mir auf die Lippen und horchte mit klopfendem Herz. Stuhlbeine schabten über den Boden, noch lachten sie, man hatte mein Verschwinden nicht gemerkt. Ich hoffte, dass sie das ganze Schiff nach mir absuchten, aber niemals auf die Idee kamen, dass ich außerhalb war. Ich spähte unter mir auf die spritzende Gischt, die mir ins Gesicht schlug. Ein kleines Rettungsboot schaukelte auf den wilden Wellen. Mein fernes Ziel. Niemand wurde darauf kommen, dass ich es wagte, über dem gefährlichen Abgrund zu stehen. Mein Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen. Warum hatte Vater nur solch einen dummen Gedanken zu Tage gebracht? Ich seufzte und drückte mein Ohr an das nasse Holz. Innen vernahm ich einen spitzen Schrei. Hatte sich einer dieser Holzköpfe mit dem Messer in die Hand gestochen? Ich kicherte bei dieser Vorstellung. Es tat gut zu lachen, wo ich sonst doch so selten tat, selbst als ich noch bei meinem Vater war.
Innerhalb von Sekunden begriff ich aber, dass dieser Schrei mein Verschwinden bemerkte. Nun war die ganze Meute in Aufruhr, nur weil ihnen ihre hübsche Dekoration fehlte. Ich war wohl nichts anderes für sie, als ein Wertgegenstand, das Prunkstück unter den Schätzen. Ich blies verbittert eine Strähne aus meinem Gesicht und leckte mir über die ausgedorrten Lippen. Ich tastete mich an der Wand entlang, es war Zeit, mich weiter vor zu wagen, nun da ihre Aufmerksamkeit auf die Verstecke im Bauch des Schiffes gerichtet war und nicht auf die kleinen Boote, die im Wind schaukelten. Langsam kletterte ich hinab, meine Finger schmerzten, ich hatte keine festen Schuhe an, keine Hose. Nur dieses teuflische Kleid, welches meine Flucht erheblich schwerer machte, da ich mich ständig im Rock verfing. Ich fluchte, als mein linker Fuß abrutschte, suchte verzweifelt nach einem neuen Halt. Auf Deck war es nun laut geworden, ich hörte, wie sie Befehle riefen, Türen aufrissen und wieder zuschlugen. Ein kleines, aber angestrengtes Lächeln schob sich auf meine Lippen, war im nächsten Moment jedoch wieder verschwunden. Schweiß lief mir über die Stirn, als mein Fuß endlich wieder festen Stand hatte. Über mir riss man die Fenster auf, was ich mit einem Schrecken registrierte, was mich fast zu Fall brachte. Ich atmete tief durch, kniff die Augen zusammen und ließ mich ein wenig in die Hocke gehen. Das letzte Stück war besonders gefährlich, da nun kein einziger Querbalken an der Wand befestigt war. Ich spürte, dass man mich entdeckt hatte, denn plötzlich verstummten alle Stimmen, allein das Rauschen der Wellen war zu hören. Das Boot lag nun fast direkt unter meinen Füßen und ich ließ mich fallen, in der Hoffnung, auf es zu schwimmen zu können, wenn ich es verfehlte. Ich hielt den Atem an.
Grässliche Kälte empfing mich, vor lauter Schrecken riss ich die Augen auf und schnappte nach Luft, wodurch ich einen ganzen Schwall Salzwasser in die Lungen bekam. Verzweifelt versuchte ich, an die Oberfläche zu paddeln, doch mir wurde ein wenig schwarz vor Augen, ich bekam keine Luft mehr. Ich registrierte, wie ein weiterer Schatten ins Wasser eintauchte, dann schnappte ich erneut nach Luft und nun versagte mein Bewusstsein völlig. Die Dunkelheit empfing mich.

Gerade als ich in völliger Schwärze angekommen war, wurde ich auch schon wieder ins Licht zurückgezerrt. Ich wehrte mich heftig dagegen, wollte das Leben hinter mir lassen. Es macht doch eh keinen Spaß. Doch ein eiserner Griff zog an mir, ich konnte nicht mehr.
Hustend kam ich wieder zu mir, spuckte eine Menge an Wasser und meine Brust hob und senkte sich gewaltig. Ich schlug die Augen auf und sah in eine Reihe von verschiedenen Augen, allesamt sahen mich fassungslos an. Ich blinzelte kurz, woraufhin man erleichtert aufatmete.
„Lasst mich durch.“, knurrte eine tiefe Stimme und ein paar grüne Augen und schokoladenbraune Haare schoben sich in mein Blickfeld. Ich setzte mich ruckartig auf und wich vor Akito zurück.
„Könnten Sie uns sagen, was Ihr Euch dabei gedacht habt?“, fragte er scharf und ich zuckte zusammen. Dieser Tadel klang ein wenig sonderlich, wenn man mich dabei siezte. Ich kauerte mich zusammen, woraufhin Akito alle anderen wegschickte und sich zu mir hinunter hockte. Er zupfte an dem nassen Kleid. „Das müssen wir wohl zum Trocknen aufhängen. Du bekommst ein anderes.“, sagte er, dann sah er mir direkt in die Augen. Ich hielt dem Blick stand und hob stolz das Kinn an. Er verdrehte ein wenig genervt die Augen.
„Ihr seid wirklich töricht. Glaubt, ich merke es nicht, dass Ihr fliehen wollt.“, murmelte er fassungslos und verschränkte die Arme. Als ich beharrlich schwieg, seufzte Akito und hob mich, ehe ich mich versah, auf die Arme. Erschrocken schrie ich auf und begann, wie wild zu strampeln, doch er ließ sich nicht beirren. Er trug mich in Kammer Neun und setzte mich auf dem Boden ab, dann ging er zu einer der vielen Truhen und zog ein weites, weißes Kleid heraus, das einem Nachthemd recht ähnlich war, und reichte es mir.
„Wir haben leider keine weiteren Frauen an Bord. soll ich Euch helfen, die Kleider zu wechseln, oder bekommt Ihr das selbst hin?“, fragte er sanft.
„Das kann ich allein!“, knurrte ich und nahm es entgegen. Er verließ lachend die Kammer und ich blieb allein. Ich drückte das Kleid gegen meine Brust und begann haltlos zu weinen. Warum war ich nicht gestorben? Wieso meinte Gott es so schlecht mit mir? Wieso war das Leben nur so ungerecht?
Als meine Tränen versiegten, begann ich, mich aus dem nassen Ding zu schälen, trocknete mich ein wenig mit meiner Bettdecke ab und schlüpfte in die warmen Leinen. Dann legte ich mich auf mein Bett und schloss seufzend die Augen.

Second

 

Ein Klicken ließ mich aufsehen. Akito betrat erneut das Zimmer.

„Ich habe nichts mehr gehört, daraus schloss ich, dass Ihr fertig seid.“ Er hob das weinrote Kleid auf und hing es an einem Bügel direkt im Zimmer auf. Ich schloss wieder die Augen und wand meinen Kopf ab. Ich musste mich erst einmal selbst beruhigen, vorhin war ich ein wenig zu weit gegangen. Ich spürte, wie er wieder ging und setzte mich auf, stützte den Kopf in meine Hände. War es schon zu spät oder noch zu früh, um mich aufzulehnen? Ich seufzte und stand auf. Mittag war längst vorbei und wenn die Männer noch nicht gegessen hatten, würden sie sicher gerade am Tisch sitzen. Ich lief barfuß über die Dielen, die Stirn in Falten gelegt. Mein Kopf fühlte sich an, als würde er gleich zerschellen. Ich ächzte und irrte durch die Gänge, bis ich endlich an Deck stand.

Nur ein einziger Mann stand an Deck, der zweite Kapitän. Ich lief hinüber zur Reling und beugte mich hinüber, das Gesicht in den Fahrtwind haltend. Seufzend atmete ich die salzige Luft ein und ließ sie mit meinen Haaren spielen, wie ein kleines Kind kam ich mir vor, ein Kind, das mit seinem besten Gefährten lacht und sich bewegt. Langsam ging ich auf den zweiten Käpt’n zu. Er hatte einen bauschigen Bart und paffte an seiner Pfeife.

„Herr Kapitän, wie ist Euer Name?“, fragte ich neugierig und ein kleines Lächeln huschte über seine Lippen.

„Jarim. Aber wollen wir uns nicht duzen? Sonst klingt das so versteift.“

Ich nickte strahlend. Er erinnerte mich sehr an meinen Vater. Ich setzte mich neben ihm auf den Boden und ließ meinen Blick über das Meer schweifen.

„Spürst du etwa auch dieses heilende Gefühl, wenn du die wogende See siehst?“, fragte Jarim leise, aber ich hörte ihn deutlich.

„Ja.“, murmelte ich gedankenverloren, „Immer wenn ich Sorgen habe, brauche ich bloß den Wind in meinen Haaren, den salzigen Geruch in der Nase und die Gischt im Gesicht und schon vergesse ich sie alle. Das Rauschen hilft mir beim Einschlafen und der Anblick der stürmischen Wellen hält mich wach. Das Meer allein ist mein Retter in der Not.“ Ich legte den Kopf schief. Der Seemann brummte zustimmend. Dann kratzte er sich am Bart.

„Die anderen sagen, du wärst ein Teufelsweib, immer harsch und kalt. Ich verstehe nicht, wieso du dich vor den anderen so gibst. Verrat es mir, bitte.“, sagte er plötzlich. Ich seufzte.

„Ich habe mir gedacht, ich bewahre immer meinen Stolz, meine Anmut, meine Schärfe, bloß damit ich mich selbst schützen kann. Ich war noch nie so verloren, noch nie allein auf einem Schiff nur mit Männern, dessen Begierden ich nicht kenne. Selbst bei meinem Vater gab es immer noch das Küchenmädchen, mit dem ich reden konnte. Sie war mein ein und alles.“, ich seufzte erneut und legte mein Kinn auf die angewinkelten Beine, umschlang meine Schenkel mit den Armen und krallte meine Finger in den dünnen Stoff des Kleides. Ich spürte Jarims Blick auf mir, sah jedoch nicht hoch.

„Ich weiß nicht, wie eine Frau denkt, ihre Sicherheit scheint immer an erster Stelle zu sein, doch manchmal lassen sie trotzdem alle Vorsicht fallen. Das macht mich nachdenklich. Aber deine Erklärung ist die Erste, die ich vollständig verstehe.“, ich hörte aus seiner Stimme ein Schmunzeln heraus und musste selbst auch lächeln. Ich spürte, wie er mir plötzlich sanft über das Haar strich und sah auf. „Du ähnelst sehr meinem Vater.“, murmelte ich und sah ihm direkt in seine Augen. „Und du gleichst meiner verschwundenen Tochter aufs Haar.“, gab er ein wenig traurig zurück. Ich senkte wissend den Blick. „Die Welt ist wahrlich ein grausamer Ort.“, flüsterte ich stockend. Er nickte, dann schüttelte er aber den Kopf: „Aber auch ein Platz voller immerwährenden Wunder.“

Ich lachte leise. „Das stimmt wohl.“ Dann lenkte ich meinen Blick wieder auf das Meer und den Horizont, der so fern war und doch so nah schien. Ich legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Der ferne Laut von Lachen drang an mein Ohr und ich dachte unwillkürlich an die anderen Männer, die anders als Jarim waren, die die in mir ein Objekt der Begierde sahen. Ich riss meine Augen wieder weit auf und starrte auf das Meer, bis ich wieder ruhig atmete.

„Grausige Gedanken?“, fragte der Seemann leise und ich nickte bloß, dann streckte ich mich und legte mich lang auf die Planken, die Arme weit von mir gestreckt. Jarim lachte leise. „Das hat meine Tochter auch immer gemacht.“ „Wie hieß deine Tochter?“, wollte ich wissen, hielt aber mein Licht geschlossen.

„Mekyolia. Dieser Name kommt von dem Magnolienbaum, der vor meinem Haus wuchs. Bis zu dem Tag, wo Kyolia verschwunden ward. An dem Tag habe ich beschlossen, ein Leben auf der See zu führen. Eine Frau hatte ich nicht mehr, denn die war mir bei Kyolias Geburt unter den Händen gestorben.“ Ein kümmerlicher Ausdruck trat auf sein Gesicht.

„Meine Mutter hat mich abgeschoben, als sie einen neuen Mann kennenlernte, der keine Frau haben wollte, die ein uneheliches Kind am Rockzipfel hatte. Mein Vater hat mich dann aufgenommen. Er konnte mich davor nicht nehmen, da er nicht einmal etwas von meiner Existenz wusste. Allein meine Mutter wusste von mir, kein anderer Mensch auf der Welt. Bis zu meinem siebten Lebensjahr hatte sie mich im Keller eingesperrt, so getan, als sei ich eine Missgeburt. Doch als der neue Mann kam, hatte sie zu große Angst, er würde etwas von mir erfahren.“, das alles sprudelte einfach so aus mir heraus, ich wusste nicht warum. Vielleicht brauchte ich einfach mal jemanden, dem ich mich anvertrauen konnte. Jarim bückte sich kurz zu mir hinab und tätschelte mein Haar, dann legte er die Hände wieder ans Steuer, aus Angst, das Schiff könnte in seiner Abwesenheit auf falschen Kurs geraten. Wir schwiegen beide. Sehr lange sogar. Ich wäre immer wieder fast eingenickt, würde Jarim nicht immer im richtigen Moment anfangen, ein Lied zu summen oder sich zu räuspern. Wir waren noch immer allein an Deck, und es kam mir ein wenig unwirklich vor. Mittag war schließlich schon lange vorbei.

„Was machen die eigentlich die ganze Zeit im Saal?“, murmelte ich schließlich. Jarim lachte auf.

„Cyea, die sind schon seit einer ganzen Weile wieder an Deck, nur kommt keiner hier hoch zum Steuer, sondern sie erledigen ihre Arbeiten. Leise. Und der Käpt’n und ein paar andere sind sicher in der Kapitänskajüte und diskutieren über irgendwelche Schätze und Feinde.“

Stimmt. Mein Vater war auch immer Stunden im Bauch des Schiffes verschwunden. Ich schüttelte den Kopf über meine Torheit.

Ich reckte die Arme in die Luft und gähnte, blinzelte kurz, um den Sonnenstand zu sehen und rollte mich zusammen, so als würde ich mich zum Schlafen hinlegen. Ich hörte laute Schritte, die zu Jarim liefen, doch ich tat so, als wäre ich bereits völlig im Traumland versunken. Es war Akitos Stimme, die nun begann zu reden, leise, als wollte er nicht, dass irgendjemand ihm zuhören. Ich verstand ihn aber ganz genau.

„Der tote Bote, den wir zusammen mit Cyea aus dem Wasser gefischt haben, hatte eine Nachricht im Mantel.“, wisperte er. Man hatte nicht nur mich aus den Wellen gezerrt? Und sie hatten ihn vor mir versteckt. Weshalb?

„Es war ein Bote für uns, weiß der Teufel, warum er tot war. Es ging um Käpt’n Eorl.“

Ich unterdrückte das Bedürfnis, aufzuschreien. Mein Vater? Was zur Hölle war passiert?

„Er ist tot, man hat ihn gestern Abend gefasst und heute in den Morgenstunden hingerichtet. Wir müssen Cyea wohl auf ewig hier behalten. Und sie darf niemals erfahren, was passiert ist.“, ich spürt die Blicke von Beiden auf mir ruhen und zwang mich zur völligen Gelassenheit, dabei bebte ich innerlich. Vater war tot. Warum wollte niemand, dass ich es erfuhr?

„Es soll sein letzter Wunsch gewesen sein, dass wir beide, Jarim, du und ich, auf sie achtgeben.“

„Es wird hart für sie sein. Sie macht sich jetzt schon zu viele Gedanken, Käpt’n. Ich fürchte, sie wird bald völlig am Ende sein.“, murmelte Jarim.

„Ich weiß.“, seufzte Akito und ich hörte, wie er dem Seemann auf die Schulter klopfte und sich abwandte. Ich ballte die Fäuste. Als ich völlig sicher war, das der Käpt’n außer Reichweite war, ließ ich den Tränen freien Lauf. Ein Beben durchzuckte meinen ganzen Leib.

„Du hast nicht geschlafen.“, stellte Jarim nüchtern fest. Ich schüttelte heftig den Kopf, hielt aber die Augen geschlossen. Vielleicht war das alles nur ein Albtraum und ich erwachte irgendwann in meiner alten Kajüte, neben mir das leise Atmen des Küchenmädchens, meiner besten Freundin. Jarim seufzte und rief nach einem Jüngling, den er anwies, das Steuer zu übernehmen. Dann beugte er sich zu mir hinab und half mir auf die Beine.

„Komm. Es ist nicht gut, einfach hier zu liegen.“, brummte er.

„Ich will nicht in die Kammer.“, rief ich aufgebracht und zerrte an seinem Arm. Mein Blick irrte aufgelöst durch die Gegend.

„Ich weiß. Aber hier oben ist es nicht gut für dich. Du musst weg von allem. Allein sein.“

„Nein! Ich will nicht mehr allein sein! Nie wieder!“, rief ich und ließ mich fallen. Tränen brannten heiß

in meinen Augen. Ich wollte nicht fort, nicht weg vom blauen Meer.

„Lass mich los, Jarim, ich bitte dich, lass mich los! Ich will nicht zurück in die Dunkelheit, will hier im

Licht bleiben. Ich bitte dich!“, ich stammelte lauter wirres Zeug. Ich wusste selbst kaum noch, was ich

Redete. Jarim seufzte frustriert und ließ mich los. Dann ging er von Deck, ich saß verloren in mich zusammengekauert. Die Seele wollte mir entgleiten. Noch nie habe ich mich so schlecht gefühlt. Halt! Mir war tatsächlich schlecht! Ich robbte auf die Reling zu, beugte mich drüber und übergab mich, dabei hatte ich kaum etwas im Magen. Ich hustete. Fröstelnd schlang ich die Arme um meinen zitternden Leib, ich sank auf die Knie und neigte mein Kopf der Erde zu. Vater war tot. Er war unwiderruflich von mir gegangen. Ich würde nie wieder mit ihm reden können, nie wieder würde seine Hand stolz über mein Haar streichen. Ich konnte es nicht fassen, er war wirklich von mir gegangen. Warum genau jetzt? Verdammt! Vater, warum hast du mich nicht bei dir behalten? Vielleicht hätte ich dich retten können! Oh, Herr im Himmel, wieso tust du mir solches Leid an? Ich verfluchte die ganze Welt, aber ich fühlte mich trotzdem nicht besser. Ein ständiges Beben durchzuckte meinen Körper, verloren starrte ich in den Himmel, dann wieder auf den Boden. Ich hustete, keuchte und hielt mir die Hand vor den Mund. Es kam mir wie eine halbe Ewigkeit vor, dass Jarim von mir gegangen war, aber in Wirklichkeit, waren es gerade einmal ein paar Minuten gewesen. Ich übergab mich erneut. Warum hatte ich es so schwer in dieser Welt? Was hatte ich den Göttern getan? Ich war doch bloß ein einfaches Mädchen. ‚Eine Piratin‘, meldete sich mein schlechtes Gewissen zu Wort, doch ich boxte es brutal nieder. Vater war tot, ich durfte nicht mich bemitleiden, sondern ihn! Ich taumelte und hustete erneut, diesmal entdeckte ich einen roten Fleck in meiner Hand. Blut. Ich fuhr mir erschrocken über die Lippen. Noch mehr Blut klebte an meiner Hand. Wieso? Kein Mensch hustete Blut! Ich keuchte und hielt mir den Bauch, das Blut verfärbte den weißen Stoff, aber es kümmerte mich nicht. Was war das? Was war da in mir? Ich schüttelte mich, die Umrisse verschwammen, ich sah, wie Akito und Jarim auf mich zukamen. Deswegen war der Seemann also gegangen. Ich hustete erneut und rote Flecken übersäten das Holz und mein Kleid.

„Cyea!“, rief Jarim, Akito sagte nichts, sondern legte meinen Kopf vorsichtig in den Nacken und untersuchte meinen Mund.

„Keine Sorge, ihre Zähne haben ihre Lippe blutig geschlagen, deshalb sieht es so aus, als hustete sie Blut.“, beruhigte er mehr sich selbst, als den zweiten Käpt’n. Ich riss die Augen weit auf und keuchte. Tränen vermischten sich mit dem Rot. Ich zuckte zurück, als Akito sie zur Seite strich und sanft auf mich einredete. Jarim hatte ihm wohl gesagt, dass ich seine Worte gehört hatte. Ich kauerte mich erneut zusammen, schob ihn von mir weg. Das Meer. Ich wollte das Meer sehen, aber ich konnte mich kaum aufrecht halten. Jarim sprach mit Akito, der nun wissend meinem sehnsüchtigen Blick folgte. Er seufzte und hob mich auf die Arme. Ich stemmte mich erst gegen ihn, dann bemerkte ich, dass er mich bloß auf die Reling setzten wollte, damit ich die wogende See sah. Augenblicklich krallte ich mich in sein Hemd um mich besser festzuhalten. Kleine Wassertropfen spritzten an meine Füße und mit großen Augen sah ich den glitzernden Spuren im Wasser nach. Ich atmete tief ein und versuchte meinen Herzschlag wieder zu neutralisieren. Akito legte ein Arm um meine Hüfte, damit ich ja nicht noch einmal ins Meer fiel, wobei ich es diesmal freudig empfangen würde. Ich lehnte mich ein wenig gegen ihn und ließ sein Hemd los, das nun ebenfalls rote Flecken aufwies. Er streichelte mir besänftigend übers Haar, so wie Vater es immer getan hatte, und für einen kurzen Augenblick hatte ich ihn wieder bei mir. Erneut traten mir Tränen in die Augen, aber ich zwang sie zurück, biss mir auf die Lippe, auch wenn sie schon wund war. Der Wind spielte mit meinen Haaren und ich seufzte. Das Meer, mein einziger Retter und Helfer in der Not.

 

Ich saß über Stunden einfach nur so da und starrte auf den Horizont. Die Sonne ging schon vor einer Ewigkeit unter und hatte alles in ihren blutigen Schein getaucht. Bei diesem Anblick habe ich wieder begonnen zu weinen. Akito war nach einer Weile gegangen, war dann aber wieder gekommen und saß nun reglos neben mir. Ich war ihm das erste Mal dankbar, ich brauchte jemanden, der neben mir war. Jarim steuerte derweilen das Schiff für ihn.

Nun war es Nacht geworden, die Sterne funkelten am schwarzen Himmel, so als würden sie für mich tanzen. Nein. Ich berichtigte mich. Sie tanzten für meinen Vater. Gerade in diesem Augenblick trat er durch die Himmelspforte und wurde von den Göttern herzlich empfangen. Ich schloss die Augen und summte ein Lied, das Vater mir immer vorgesungen hatte, wenn er mich ins Bett brachte. Ich legte den Kopf in den Nacken und sah den Mond an. Wie ein Vater über sein Kind, wachte er über uns Menschen. Wann würde diese Zeit wohl vorbei sein? Vielleicht nie…

Neben mir regte Akito sich. „Cyea, wenn Ihr keine Einwände habt… Ich würde jetzt zur Ruhe gehen und ich lege es Euch ans Herz, auch mal ein Auge zu zumachen.“

Ich nickte, auch wenn ich mich nicht bewegte. Ich machte keine Anstalten, mich auch nur einen Zentimeter wegzubewegen. Akito seufzte.

„Ihr lasst mir wohl keine andere Wahl…“, er stieg von der Reling und drehte sich wieder zu mir um, dann nahm er mich auf die Arme und trug mich in den Bauch des Schiffes. Ich tat nichts. Ich beschwerte und erleichterte ihm nichts. Starrte bloß gerade vor mich hin. Er stieß die Tür zur Neun auf und setzte mich sanft auf meinem Bett ab, dann deckte er mich zu. Ich schloss die Augen und entschwebte.

 

Mitten in der Nacht erwachte ich plötzlich und fuhr auf. Schlaftrunken fuhr ich mir über das Haar und ließ meinen Blick schweifen. Plötzlich erstarrte ich. Akito lag in dem Bett mir gegenüber, schlief friedlich. Warum? Warum ging er nicht in sein eigenes Zimmer? Ich schwang die Beine aus dem Bett und lief leichtfüßig durch den Raum, auf die Tür zu. Geschwind rannte ich durch die Gänge, langsam konnte ich mir den Weg merken. An Deck war niemand, nicht einmal Jarim. Man hatte den Anker geworfen und still lag die See unter uns. Ich sah mich um, dann kletterte ich die Takelage hinauf in den Mastkorb. Ich lehnte mich an den Mast uns sah durch die Geländer Stäbe hinaus auf das Meer. Langsam überkam die Müdigkeit mich wieder und ich legte mich auf den Boden, ließ noch einmal meinen Blick schweifen, dann schlief ich erneut ein.

 

Kalter Morgenregen weckte mich am nächsten Tag. Die Tropfen wuschen all meine Sorgen hinfort und ließen eine freie Cyea in mir zurück. Ich atmete tief durch die Nase ein. Der Geruch von Regen. Ich schloss die Augen und horchte auf das leise Prasseln auf dem Holz. Unter mir wurden Stimmen laut, das Schiff erwachte. Die roten Flecken auf meinem Kleid leuchteten durch den Nebel, auch das Weiß fiel viel zu sehr auf. Ich rollte mich weiter zusammen und dankte, dass mein Kleid vom vielen Regen nicht durchsichtig wurde. Meine Haare klebten auf der Stirn. Es war ein warmer Regen, ich fröstelte nicht ein einziges Mal.

Als man mich entdeckte, war es bereits Mittag und der Nebel war einer gnadenlosen Sonne gewichen, die meine Kleider sofort wieder getrocknet hatte. Ich erhob mich, als Jarim meinen Namen rief und kletterte wieder hinab.

„Was hast du denn da oben gemacht?“, wollte er wissen.

„Gedanken sortiert und verschlossen.“, ich strahlte ihn an. Alles, was gestern geschehen war, rückte weit weg, ich hatte es in den hintersten Winkel meines Bewusstseins abgeschoben.

Er grinste. „Gut so. Das wird dir einiges erleichtern.“

Ich fuhr mit den Fingern durch das zerzauste Haar, um es ein wenig zu ordnen und seufzte dann. Mein Magen knurrte heftig, ich hatte einen Tag lang nichts gegessen. Ich fragte mich, weshalb mir das nicht zur Last gefallen war. Ich hatte gestern nie das Gefühl von Hunger gehabt.

„Jarim, kann man auch essen wann man will?“, fragte ich deshalb. Er zog die Augenbrauen hoch und sah mich komisch an. „Ich habe gestern und heute nichts gegessen.“, erklärte ich, woraufhin ein erschrockener Ausdruck auf seinem Gesicht erschein.

„Warte hier. Ich werde da was einrichten.“, sagte er und lief eilends davon. Ich stand da und wusste nicht, wohin mit mir. Ich sah den Männern zu, wie sie den Anker einholten, das Deck schrubbten und die Segel setzten. Die Sonne schien mir ins Gesicht und ich musste die Augen zusammen kneifen. Dann kam er wieder und ich folgte ihm in den großen Saal, wo er mich allein ließ und meinte, ich solle einfach zuschlagen. Unsicher setzte ich mich an die große Tafel, allerlei Speisen waren aufgetischt, ich griff zögernd nach den verschiedensten Dingen. Gerade als ich mir Saft einschenkte, kam Akito wankend in den Saal, gähnte und reckte sich. Vor Schreck verschüttete ich den Saft und fluchte. Er setzte sich neben mich und die Erinnerungen von Gestern krochen im mir hoch. Ich senkte meine knallrote Birne zu Boden und begann schweigend zu essen. Er schien meine Anwesenheit noch gar nicht richtig bemerkt zu haben. Dann seufzte er und kratzte sich am Kopf, ich musste unwillkürlich zu ihm schauen. Er hatte mich die ganze Zeit beobachtet, nur ich Närrin hatte es nicht einmal bemerkt.

Ich wand den Kopf ruckartig ab und steckte mir eine Gabel mit Fleisch in den Mund, nur um etwas zu tun zu haben.

„Geht’s Euch besser?“, fragte er plötzlich und ich würgte, um den Bissen herunter zu bekommen. Ich nickte mit hochrotem Kopf, er glühte fast. Mir fiel wieder ein, dass er im selben Zimmer geschlafen hatte, wie ich.

„Danke, dass Ihr mir beigestanden habt. Aber Ihr musstet nicht mit in meinem Zimmer schlafen.“, sagte ich trocken und schaute ihm nicht direkt an. Mir war unwohl dabei.

Ich hörte, wie er leise lachte.

„Das ist meine Kajüte. Ihr habt es bloß die Nacht davor nicht bemerkt, dass wir im selben Raum geschlafen haben.“

Ich fuhr plötzlich herum und starrte ihn entgeistert an. „Wieso habe ich keine eigene Kajüte?“

„Unsere Zimmer sind fast vollständig besetzt, und ich weiß, dass ich mich zusammenreißen kann, wenn eine Frau mit mir in einem Raum schläft, wenn auch vielleicht nicht immer.“, er grinste kurz, woraufhin ich zusammenzuckte und mir kalt wurde. Er fuhr fort: „Bei meinen Männern wäre ich mir da nicht so sicher. Ich wollte kein allzu großes Risiko eingehen.“ Er zuckte die Achseln. Ich starrte auf meinen Teller. Ich habe immer gewusst, dass Männer widerwärtige Wesen waren, verkleidet als Menschen. Einzig allein mein Vater war anders gewesen, was vielleicht aber auch nur daran lag, dass er mein Vater war. Die Erinnerung trieb mir wieder Tränen in die Augen, doch ich wischte sie bestimmt fort. Ich holte tief Luft und zwang mich, weiter zu essen, auch wenn ich nichts mehr richtig wahrnahm.

„Wo ist mein Degen?“, fragte ich nun tonlos.

„Warum wollt Ihr das wissen?“

„Weil ich gerne trainieren würde. Ich bin Euch keine große Hilfe, wenn Ihr mich andauernd beschützen müsst.“

„Wer sagt, dass ich das tun muss?“, er grinste gemein.

Ich setzte mich kerzengerade auf. „Warum haben Sie mich dann gerettet, als ich fast ertrunken wäre? Warum setzten Sie alles daran, dass es mir halbwegs passabel geht?“, schnaubte ich und stach so heftig auf mein Fleisch ein, das der Teller einen Sprung bekam. Akito seufzte.

„Ich tu das alles nur, weil Euer Vater ein wirklich guter Freund von mir war. Auch wenn ich das Thema lieber nicht ansprechen sollte.“, seine Stimme verebbte.

„Dann müssen Sie auch dafür sorgen, dass ich im Falle eines Angriffs heil davon komme.“, erwiderte ich kalt. „Und wenn Ihr nicht alle Hände voll zu tun haben wollt, müsst Ihr mir meinen Degen wieder geben. Ich habe ein Fable dafür, mich in den Mittelpunkt zu stellen.“

Der letzte Satz von mir entlockte ihm ein Kichern. „Ich weiß.“

„Gebt Ihr ihn mir zurück oder nicht?“ Harsch knallte ich ihm diese Frage ins Gesicht, doch er zuckte nicht einmal zusammen. Er seufzte.

„Nun gut. Geht und trainiert. Euer Degen liegt in der Kammer in der größten Truhe.“

Ich stand geschwind auf, da richtete er erneut das Wort an mich: „Und zieht das rote Kleid wieder an, die Blutflecken auf diesem sehen ein wenig unheilvoll aus.“ Er lachte.

Ich knallte die Tür hinter mir zu und konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Ich hatte meinen Degen wieder. Ich schwebte fast wie auf Wolken, als ich durch die Gänge rannte. Schwer atmend stand ich vor der Kammer, riss den Eingang auf und untersuchte die Truhen, welche von ihnen nun die größte war. Ich hatte sie bald ausfindig gemacht. Mit einem Kribbeln im Bauch hob ich den schweren Deckel an und lugte über den Rand. Tatsächlich. Zwischen anderen Waffen lag mein wunderschöner Degen. Ich hob ihn heraus, zog ihn aus der Scheide und vollführte einige Kampffiguren in der Luft. Dann legte ich ihn zur Seite und griff nach dem Kleid. Wenn er mir schon meine Waffe zurückgab, wollte ich nicht undankbar sein, und seinen Ratschlag ignorieren. Gerade als ich den letzten Knopf losließ, klopfte es an der Tür.

„Cyea, darf ich reinkommen?“, es war Jarim.

Ich lief zur Tür und öffnete.

„Käpt’n Akito hat mir im Geheimen geflüstert, dass du trainieren willst. Wenn du möchtest, stehe ich zu deinen Diensten.“, er deutete eine Verbeugung an. Ich lachte, „Ja, gerne.“

Ich ging hinüber zum Bett, griff nach meiner Waffe und folgte ihm an Deck.

 

Heftiger Schmerz durchzuckte mich. Ein Kratzer zog sich über meinen rechten Oberarm. Ich fluchte. Sonst erlaubte ich mir nie auch nur einen kleinen Fehler. Jarim zog die Stirn in Falten.

Ich lächelte, um ihm zu zeigen, dass es nichts Schlimmes ist, dann biss ich die Zähne zusammen, leerte meinen Kopf und konzentrierte mich allein auf diesen Kampf.

Jarim setzte zum Angriff an, ich parierte, drehte meinen Körper um meine eigene Achse, tauchte unter seinem Arm hindurch und setzte meine Degenspitze an seinen Hals. Das alles ging für ihn so schnell, dass er gerade mal erschrocken gucken konnte.

„Sieg.“, ein feines Lächeln machte sich auf meinen Lippen breit.

„Mh… Ich kann dir wohl nichts mehr beibringen. Wie wär es, du trainierst mit jedem Crewmitglied, bis du es besiegt hast, dann wechselst du zu einem besseren.“

„Das ist eine gute Idee, Jarim! Sag, wer ist besser als du?“, ich sah ihn neugierig an. Er lachte kurz auf.

„Eine ganze Menge. Aber gleich nach mir kommt als erstes Ryu.“

Ich zog die Stirn kraus. Ryu konnte ich wahrlich nicht gut leiden.

„Ich geh mal zu ihm hinüber.“, murmelte der Seemann und stapfte davon. Ich übte ein paar Aufstellungen, Drehungen und Techniken, dann sah ich, wie Ryu geradewegs auf mich zukam, mit einem abscheulichen Grinsen im Gesicht, als wolle er mich bei lebendigem Leib verschlingen.

„Du suchst also Streit?“, fragte er.

„Nein, ich suche jemanden, mit dem ich trainieren kann.“, erwiderte ich kalt.

„Gut gekontert. Dann lass mal sehen, was du so drauf hast.“, er zog erstaunlich schnell seine Waffe, doch ich setzte bereits zum Angriff an. Ein wilder Kampf entbrannte, er war gut. Seine Stärke lag in seiner Eleganz und Wendigkeit. Ich begann, ihn zu studieren, seine Züge vorauszusehen. Denn darin bestand seine Schwäche. Man konnte ihm seine Pläne an der Nasenspitze ansehen.

Nach einigen Minuten hatten wir die Aufmerksamkeit der halben Mannschaft auf uns gelenkt. Ich keuchte, duckte mich und Ryus Degenspitze bohrte sich dort in den Mast, wo gerade eben noch mein Kopf gewesen war. Er machte auf Ernst. Ich lächelte. Dann würde ich es ihm auch nicht leicht machen. Ich parierte seinen Angriff, ging selbst dazu über und schlug schnell hintereinander auf ihn ein. Er kam gerade so dazu, meine Hiebe zu parieren, er sah nicht den Dolch, den ich einem Schiffsjungen aus der Hand riss, erst als ich ihn ihm bereits an die Kehle hielt. Mit großen Augen starrte er auf die Waffe in meinen Händen und ließ seinen Degen fallen. Ich hatte gewonnen.

Jarim klatschte als erster Beifall, dann schlossen die anderen sich ihm an.

Ich wurde auf der Stelle rot, Ryu dampfte zischend ab und knallte die Tür hinter sich zu.

„Wer ist der nächste?“, fragte ich und gab dem Jungen seinen Dolch zurück.

 

Es war erstaunlich, welche Kraft manche dieser Männer hatten, doch meine List war wohl um einiges stärker. Ich genoss den Triumpf. Ich hatte noch zwei Männer zu besiegen, dann stand ich an der Spitze des Schiffes.

„Sag Jarim, wer steht eigentlich an der ersten Stelle?“, fragte ich ihn am Abend. Ich hatte den ganzen Tag mich mit den anderen gemessen und nun lief mir eine lästige Schar an Bewunderern hinterher.

„Der Käpt’n natürlich. Wer sonst?“, antwortete er und schob sich eine Weintraube in den Mund. Er stand hinterm Steuer und ich reichte ihm etwas zu Essen.

„Bei meinem Vater an Bord gab es etliche, die besser waren als er. Mich eingeschlossen. Mein Vater war Käpt’n, weil er besser als alle anderen über die See Bescheid wusste und die Meuterei sein liebstes Handwerk war.“, murmelte ich ein wenig schläfrig.

„Dein Vater war da womöglich eine Ausnahme. Auf den meisten Schiffen ist immer der beste Kämpfer der Käpt’n.“, erwiderte Jarim leise. Ich nickte verstehend.

„Mein Vater war schon immer eine Ausnahme bei vielen Dingen gewesen.“ Ich sah zu den Sternen hinauf. „Ob er wohl glücklich ist, da oben?“, fragte ich leise.

„Ich denke schon, schließlich kann er nun seine liebliche Tochter jeden Tag lang beobachten. Er ist immer bei dir.“, munterte Jarim mich auf. Ich schloss die Augen und atmete die frische Luft ein, die mir so gut tat.

„Ich geh jetzt zu Bett. Schlaf gut, Jarim.“

„Schlaf gut, Kleine.“, er lächelte. „Morgen wird ein harter Tag. Wenn du gegen Eltar gewinnen willst, musst du mehr bieten, als Taktik und Ausdauer. Und Käpt’n Akito wurde bis jetzt auch von noch niemandem besiegt.“

Was für eine aufmunternde Rede. Ich verließ das Deck und ging die Gänge entlang. Im Zimmer sah ich verwundert auf. Akito war noch nicht zu Bett gegangen, er war noch nicht einmal Anwesend. Was tat er um diese Zeit noch? Du wie hielt er es aus, mit so wenig Schlaf immer so früh aufzustehen?

Ich legte mich nieder und schloss die Augen.

 

Ein lauter Knall ließ mich aufschrecken. Akito war ins Zimmer gestürmt und kramte in der großen Truhe nach einer Waffe.

„Ist es schon Morgen?“, fragte ich gähnend. Er sah nicht einmal auf.

„Nein. Wir werden angegriffen.“, er schloss die Truhe und wandte sich an mich. „Ein Wunder. Schließlich ist unser Ruf überall bekannt. Kaum jemand greift uns noch an. Und nun schwing die Beine, du wolltest doch trainieren, das hier ist eine wunderbare Gelegenheit es mit echten Gegnern aufzunehmen.“ Er verschwand aus dem Zimmer und ich lief ihm eilig nach. Auf Deck war ein fürchterlicher Kampf ausgebrochen. Ich sammelte mich kurz, dann lief ich auf den erstbesten Kerl zu, der auf mich zukam. Das sein Blick zuerst an meinem Kleid hängen blieb, war mein Vorteil. Ich bohrte ihm ohne Vorrede den Degen in die Brust, zog ihn wieder heraus und eilte weiter. Der Schiffsjunge, dem ich gestern den Dolch entrissen hatte, hockte in einer Ecke und sah mit grauenerfüllten Augen auf einen Hünen, der unheilvoll auf ihn zukam. Ich stach ihn kurzerhand in den Rücken und schubste ihn zu Boden. Dann wand ich mich an den Jungen. „Du solltest dich im Bauch des Schiffes verstecken, wenn du nicht sterben willst.“ Ein Blutspritzer traf meine Wange, ich wischte ihn ärgerlich fort. Der Junge stand zitternd auf und ich half ihm, unbehelligt zur Tür zu kommen. Dann stürzte ich mich wie eine Furie in den Kampf. Mein Vorteil war noch immer, dass ich eine Frau war, der niemand zutraute, zu gewinnen. Ich stieß ihnen allen den Degen in die Brust.

Plötzlich stand der Käpt’n der Angreifer vor mir, ich erkannte ihn an seinem riesigen Hut mit den knallroten Federn. Er hatte mich erkannt.

„Käpt’n Eorls Tochter.“, er lachte leise, „Was machst du hier? Solltest du nicht tot sein, genauso wie dein verfluchter Vater?“ Er hob die Klinge und ich wich einen Schritt zurück. Die Erinnerungen fielen über mich her, mein Kopf war voll mit Bildern von seinem möglichen Tod. Ich ließ fassungslos meinen Degen fallen, krallte meine Finger über meinem Kopf zusammen.

„Gibst du etwa jetzt schon auf?“, fragte eine leise Stimme hinter mir und parierte für mich den Hieb, der voller Wucht auf meinen Kopf niederfuhr. Akito. Ich stolperte zur Seite, hob irritiert meinen Degen auf und schloss kurz die Augen.

„Keine Zeit zum Schlafen.“, knurrte er nah an meinem Ohr. Ich sah auf und bemerkte, dass er den anderen Käpt’n längst dem Erdboden gleich gemacht hatte. Akito hatte sich derweilen nun schon wieder von mir entfernt und kämpfte gegen einen Unteroffizier. Sobald die Angreifer den Tod ihres Käpt’n bemerkten, zogen sie sich langsam zurück. Ich sah mich um, verzweifelt auf der Suche nach jemand, an dem ich meine blinde Wut auslassen konnte. Meine Wut auf mich selbst. Kaum dass man meinen Vater erwähnte, verlor ich den Kopf. Was für eine jämmerliche Kreatur war ich doch. Ich rammte meinen Degen zwischen die Planken und starrte auf das Meer hinaus.

Vater, vergib mir. Vergib mir meine Torheit, meine Dummheit. Vergib der Närrin in mir!

Ich sank auf die Knie, vergrub den Kopf zwischen den Händen.

„Sich selbst zu bemitleiden bringt dir auch nichts.“, meinte Jarim hinter mir. Ich sah auf, blickte in sein freundliches Gesicht.

„Tut mir leid. Ich zweifle einfach zu oft an mir.“

„Wieso? Alles was du falsch machst, ist, dass du dich, eben weil du grundlos an dir zweifelst, selbst verabscheust. Und das ist nicht gut. Glaub an dich!“

Damit verschwand er wieder und ich erhob mich seufzend. Er hatte ja Recht. Wankend ging ich zurück in meine Kammer und schlief sofort ein.

 

 

 

Bittersweet

I won't give up

I'm possessed by her

I'm bearing her cross

She's turned into my curse

Break this bittersweet spell on me

Lost in the arms of destiny

Bittersweet

I want you

Oh how I wanted you

And I need you

Oh, how I needed you

Bittersweet’

-Apocalyptica; Bittersweet-

Thirdly

 

Noch bevor die Sonne ihr strahlendes Antlitz über das Meer hob, war ich auf den Beinen und begann, mich zu dehnen. Als der runde Feuerball dann am Himmel stand, kam Jarim zu mir und wir gingen gemeinsam in den großen Saal, wo wir mit den anderen aßen. Auch Eltar langte ordentlich zu, er hatte gehört, dass ich ihm seinen Platz als zweitbester Kämpfer streitig machen wollte. Dabei hatte ich ihm mein Anliegen noch gar nicht vorgetragen. Doch das Schiff war klein, solche Nachrichten verbreiteten sich im Flug.

Die Spiegeleier lagen schwer in meinem Magen, ich konnte kaum aufrecht stehen. Bis jetzt war ich schon zu drittbesten Kämpferin an Bord aufgestiegen, und das innerhalb eines Tages. Ich seufzte und tunkte mein Brötchen in den Rest Eigelb auf meinem Teller.

Jarim stieß mich mit den Ellenbogen an und ich drehte meinen Kopf in seine Richtung.

„Es gibt da etwas, was ich euch verschwiegen habe. Eltar ist bloß in diesem Moment zweiter. Es gibt einen Mann, so alt wie der Käpt’n, der noch besser ist als Eltar. Aber er ist zurzeit an Land, musste für eine Weile eine Auszeit nehmen. Er ist der beste Freund von unserem Käpt’n.“

Ich zuckte zusammen. Ich hatte also noch eine Hürde mehr zu übersteigen. Für mein Training war das sicher noch besser, aber es würde auch bedeuten, dass ich nicht rechtmäßig auf dem zweiten Platz sitzen würde. Also, angenommen, ich besiege Eltar.

„Wie ist sein Name?“, wollte ich wissen.

„Eicca.“

„Seltsamer Name.“, murmelte ich vor mich in.

„Er wurde auf hoher See geboren. Seine Mutter war Käpt’n auf einer Handelsflotte.“

Eine Frau als Käpt’n? Davon hatte ich zwar schon gehört, aber ich hielt es immer für einen schlechten Witz. Also konnte auch eine Frau das Kommando auf einem Schiff übernehmen. Würde ich auch Käpt’n von diesem Schiff werden, würde ich Akito besiegen? Nein, er würde es ganz sicher nicht zulassen. Die ganze Mannschaft würde auf mich losgehen. Und gegen so viele Männer hatte ich keine Chance. Ich kaute lustlos auf meinem Brötchen herum.

Dann stand ich einfach auf und kehrte in meine Kajüte zurück, polierte meinen Degen. Die anderen säuberten gerade das Schiff vom nächtlichen Kampf, eigentlich sollte ich ihnen helfen, aber meine Beine wollten sich nicht bewegen. Schließlich kam Akito in die Kammer und zerrte mich an Deck.

 

Der ganze Vormittag war vorbei, als die Säuberung endlich beendet war. Warum hatte man nicht auf dem anderen Schiff gekämpft? Das wäre weniger Arbeit für uns gewesen. Aber es ließ sich nun nicht ändern. Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn und stemmte die Hände in die Hüfte.

„Zeit zum Abkühlen!“, schrie nun einer der Piraten und sprang über Bord. Ich sah entsetzt zu, wie immer mehr seinem Beispiel folgten. Jarim ließ lächelnd den Anker über Bord werfen. Die ganze Crew kam mir vor wie spielende, kleine Jungs. Mit verzogenem Gesicht sah ich zu, bis Jarim mir lachend auf die Schulter klopfte.

„Komm mit, du wirst nicht so oft Gelegenheit haben, dich zu waschen. Nur der Käpt’n ist im Besitz einer Badewanne mit Süßwasser im Tank. Wir müssen mit Salzwasser vorlieb nehmen.“

Ich starrte ihn entgeistert an. Bei meinem Vater hatte ich meinen eigenen Zuber gehabt, nie musste ich im Meer baden.

Doch Jarim zog mich mit sich und ehe ich mich versah, hatte er mich einfach über die Reling geschubst. Ich erinnerte mich daran, die Luft anzuhalten, dann durchschlug ich auch schon die Wasseroberfläche. Ich schwamm zurück an die Oberfläche und machte keuchend Jarim Platz, der sich nun auch in das Nass begab. Ich strich mir lachend die tropfenden Haare aus der Stirn und begann, ihn mit Wasser zu bespritzen. Er ließ sich seufzend auf eine Schlacht ein, wo er ausnahmsweise als Sieger hervorging. Kein Wunder, er war ja stärker und alles, was ich im Wasser tun konnte, was schnell wegschwimmen. Rasselnd wurde neben meinem Kopf eine Strickleiter herunter gelassen, für die, die wieder hinauf wollten. Jarim schaute kurz nach oben und stieß dann einen erstaunten Pfiff aus. „Oho, es ist wahrlich selten, dass der Käpt’n beschließt, im Meer baden zu gehen.“, sagte er. Ruckartig riss ich mein Kopf nach oben und sah gerade noch, wie sich ein dunkler Schatten für einen kurzen Moment über die Sonne schob, dann krachte sein Körper auch schon zwischen die wogenden Wellen und wühlte das Wasser auf. Das Kleid, welches ich am Leib trug, strich aufgebracht um meine Beine. Ich legte die Stirn in Falten und sah zu den Segeln hinauf, die gerade eingeholt wurden. Dann schreckte mich eine eisige Welle, die gegen meinen Hinterkopf stieß, auf und ich tauchte unwillkürlich unter. Die Welt hier war so anders, man konnte sie kaum mit der über der Oberfläche vergleichen. Ich strampelte mich vorwärts, griff nach dem Seetang, der vor meinem Gesicht schwebte und schob die vorhangartigen Pflanzen zur Seite. Darunter begrüßte mich ein so farbenfrohes Riff, wie ich es noch nie zu Gesicht bekommen hatte. Kleine Fische flitzten durch die Korallen, Muscheln sperrten ihre Schalen auf. Ich schwamm schnell auf einige zu und krallte sie mir, dann spürte ich, wie die Luft mir langsam ausging und ich paddelte zurück an die Oberfläche. Ich zeigte Jarim meinen Fang. Er staunte nicht schlecht und half mir, sie zu knacken. Doch zu meiner Enttäuschung lag in keiner einzigen eine Perle.

„Suchst du die hier?“, fragte plötzlich Akito hinter mir. Ich fuhr herum. Er hielt eine Muschel in die Höhe, in der es verheißungsvoll glitzerte. „Die ist dir aus den Armen gefallen.“

Meine Augen weiteten sich erstaunt, mein Mund öffnete sich einen Spalt.

„Hier.“, er warf sie mir zu, sofort ließ ich alle anderen fallen, um sie fangen zu können. Es war tatsächlich eine Perle darin, eine kleine, aber sie leuchtete umso mehr im Sonnenlicht.

Ich gab sie Akito zurück. „Es ist deine, du hast sie an die Luft gebracht, nicht ich.“

„Was soll ich damit, es sind doch die Frauen, die sich an solchen Dingen erfreuen.“, wehrte er ab und schloss meine Finger wieder um sie. Ich sah erstaunt auf meine Hand. Jarim sah ausdruckslos zu, dann bekam er einen Schwall von kaltem Wasser direkt ins Gesicht. Er fuhr herum und sah in Akitos lachendes Gesicht. Ich fuhr mit der Faust voller Wucht auf die Wasseroberfläche und wusch es ihm von den Lippen, ich war diejenige, die triumphierte.

„Du…!“, knurrte Akito und war in ein paar Bewegungen bei mir, fasste mich um die Taille herum und drückte mich unter die Wasseroberfläche. Hustend kam ich wieder an die Luft. Die Perle in meiner Hand steckte ich mir vorsichtshalber ins Mieder, in der Hoffnung, dass sie nicht verloren ging.

„Ich gehe nach oben, schauen, ob alles in Ordnung ist“, grummelte Jarim und schwamm hinüber zur Strickleiter. Ich wollte ihm folgen, doch etwas hielt mich am Saum meines Kleides zurück. Ich sah mich erstaunt um und ließ die Leiter los. Erst im nächsten Moment registrierte ich, dass ich fiel und hielt in weiser Voraussicht die Luft an. Es gab einen Aufprall, aber kein Wasser. Ich schlug die eben noch zusammen gekniffenen Augen auf, konnte aber kaum etwas sehen, denn eine Hand lag auf ihnen. Ich war zu erstaunt, um aufzuschreien, ich strampelte bloß mit den Beinen. Leider hatte ich einen leisen Verdacht, wer es war. Und als er mich fallen ließ und ich wieder auftauchte, bestätigte sich meine Befürchtung. Es war Akito.

„Was soll das? Mir ist kalt, ich will raus!“, knurrte ich und begann ein paar Meter wieder zu schwimmen. Er hatte mich auf die andere Seite des Schiffes getragen, dort wo kein anderer war.

„Du zitterst aber gar nicht. Und auch deine Lippen sind rot, nicht blau.“, meinte er und hielt mich fest. Ich versuchte, ihn abzuschütteln, jedoch erfolglos. Schon die ganze Zeit über hatten wir aufgehört, uns zu siezen.

„Lass mich los. Es ist wohl egal, ob ich friere oder nicht, wenn ich raus will, dann gehe ich auch.“

Er lachte leise. „Dann versuch doch, zu ‚entkommen‘. Ich werde dich daran hindern.“

Ich riss die Augen auf und zischte: „Was willst du?“ Diese Frage habe ich ihm schon einmal gestellt. Ich wusste die Antwort bereits, konnte es aber immer noch nicht fassen, dass jemand aus solch einem Grund einem anderen das Leben so erschwerte.

„Mir ist langweilig. Und ich brauche auch einen Dienst von dir, der mich dafür entschädigt, dass du auf meinem Schiff schläfst und isst.“

„Dann geh ich von Bord und heuer mein eigenes Schiff an!“, knurrte ich.

„Und wer beseitigt dann meine Langeweile?“, fragte er und setzte einen Hundeblick auf, der so gar nicht zu ihm passen wollte. Ich wusste auch, warum. Ich wechselte wieder zur höflichen Form. Naja, nicht ganz so höflich.

„Sucht Euch eine andere!“

„Aber die anderen wollen vielleicht bezahlt werden. Euch habe ich kostenlos.“

Eindeutig Pirat. Verbittert verschränkte ich die Arme vor der Brust. Ich spürte, dass er näher kam, könnte seinen warmen Atem an meinem Hals fühlen. Ich schlug seine Finger weg, die an meinem Becken lagen und fauchte.

„Eine richtige Wildkatze.“, kicherte er leise und nun spürte ich die heißen Lippen auf meinem Hals. Das war zu viel. Ich stieß ihn weg, drückte mich gegen die Außenwand des Schiffs. Er lachte und dann ließ er mich allein.

„Bleibt nicht zu lang im Wasser, Ihr holt euch sonst noch einen Schnupfen.“, hörte ich ihn noch leise sagen, dann verschlang mich ein unangenehmes Rauschen, dass sich in meinen Ohren wie gnadenloses Feuer auszubreiten schien. Ich musste niesen und hielt mir fluchend die Hand vor den Mund. Das Salz des Wassers kristallisierte auf meiner nackten Haut und überzog die mit einer unangenehmen Steife. Ich schüttelte den Kopf, versuchte, ihn frei von Gedanken zu bekommen. Ich wusste nicht, wie ich es anstellte, doch plötzlich hatte mich mein Körper bis zu Strickleiter befördert und ich stieg an ihr hinauf, starr und monoton, als hätte ich einen Stock verschluckt.

Ohne dass ich es bemerkte, legte das Schiff ab. Ich bemerkte gar nichts mehr, saß bloß in meiner Kajüte und starrte die Wand an. Selbst an mein Training dachte ich nicht mehr. Spürte nur die ganze Zeit seine Lippen an meinem Hals, seinen heißen Atem auf meiner Haut. Ich sollte ihn dafür hassen, aber ich konnte nicht. Ich wusste nichts mehr. Alles verschwamm in bunten Farben und verschlang meinen Kopf. Ich gab auf, nach einer Antwort zu suchen, die ich doch nie finden würde, auch wenn sie noch so nah vor meinen Augen stand.

 

„Ihr solltet das Salz von Eurer Haut waschen. Männer sind hart im Nehmen, aber die Haut von Euch Frauen…“, der Satz hing unvollständig in der Luft. Ich schaute auf. Bot Akito mir etwa gerade seine private Badewanne an? Ich stand auf und nickte.

„Ich lass sie hier her tragen. Aber verschmutzt das Wasser nicht allzu sehr, ich will es danach auch noch benutzen.“, er lächelte.

Ich hatte schon fast das Gefühl vergessen, was es hieß, sich etwas zu gönnen. Doch nun, da ich im heißen Wasser saß und in die Kerzen starrte, die man mir mit hingestellt hatte, dachte ich wieder daran, wie ich mit meiner besten Freundin im Zuber gesessen hatte und wir uns unterhalten haben. Ich vermisste dieses Gefühl, jemanden zu haben, dem man alles erzählen konnte, der all die Geheimnisse barg, die man ihr anvertraute.

Ich tauchte meinen Finger ins Wasser, hob ihn wieder an und beobachtete die Tropfen, die an meiner Fingerkuppe hingen. Im Zimmer hing dichter Wasserdampf, meine Haut schwitzte und ich hatte das Gefühl, als säße ich in einer heißen Quelle an einem Vulkan. Ich fuhr mir mit der Hand über die Stirn und wusch mir das Gesicht, rubbelte den Dreck von meinem Körper, dann tauchte ich mit dem Kopf unter Wasser, um auch meine Haare zu reinigen. Nun lehnte ich mich zurück und starrte an die Decke. Endlich war mein Kopf leer. Keine lästigen Gedanken brachten mich dazu, mich hektisch auf zu setzten und nach zu denken. Ich konnte endlich mal richtig entspannen. Ich seufzte glücklich.

 

Nebel hing über dem dunklen Wasser, das still und bedrohlich vor uns lag. Ich schloss die Augen und ließ meine feuchten Haare an der Seeluft trocknen. Man hatte den Anker herunter gelassen, damit selbst Jarim mal zum Schlafen kam. Niemand war an Deck, außer mir selbst natürlich. Ich blies ein wenig Luft aus und sah zu, wie sie zu weißen Rauchwölkchen wurde. Ich mochte das Gefühl der Stille um mich herum, nur das Plätschern des Wassers in den Ohren. Ich legte meinen Kopf auf die Reling und sah in das Wasser hinab. Silberne Fische flitzten unter der Wasseroberfläche hin und her, das bleiche Mondlicht glitzerte auf ihren zarten Schuppen. Eine kleine Böe kam auf und die Wellen kräuselten sich, die Wassertropfen spielten fast wie kleine Kinder, trollten umher, und ab und zu verirrte sich ein Tropfen auf meiner Wange. Dann lachte ich auf und fuhr mit der Hand über meine Haut. Es kitzelte ein wenig, wenn das Wasser am Hals herunterrann. Ich drehte mich um und sprang übermütig über die Planken. Ich hatte wunderbare Laune, nichts konnte mich stoppen. Der leichte Stoff meines Nachthemds schlug gegen meine Fersen, wirbelte durch die Luft. In genau diesem Augenblick fühlte ich mich seltsam hübsch, so sehr, wie noch nie zuvor. Der Wind verfing sich in meinen wirren Haaren, meine blauen Augen leuchteten vergnügt. Ich verzog die Lippen zu einem Lächeln, hielt meine Hände offen vor mich hin, um die Kinder der Natur zu empfangen, sie in die Arme zu schließen und mit ihnen zu tanzen. Ich wusste, dass es für einen Außenstehenden sicher so aussah, als wäre ich verrückt geworden, doch ich war einfach nur endlos glücklich. Ich begann ein Lied zu singen, welches Vater mir immer vorgesungen hatte, wenn ich zu Bett ging. Meine hohe Stimme wurde vom Wind über das Meer getragen, verhallte zwischen den Wellen. Ich schloss wieder die Augen und tanzte nun blind über das Deck, darauf bedacht, nicht gegen etwas zu stoßen. Umso mehr war ich erstaunt, als ich dann doch gegen etwas prallte und zu Boden stürzte. Ich öffnete die Augen. Ich saß genau in der Mitte des Decks, eigentlich durfte ich gerade hier gegen gar nichts stoßen. Ich sah auf. Natürlich, es war ein frei beweglicher Gegenstand. Akito. Auch wenn er sicher nicht erfreut wäre, wenn er wüsste, dass ich ihn gerade als bloßen Gegenstand eingestuft hatte.

„Was macht Ihr um diese Zeit hier oben? Ich denke, Ihr wolltet morgen noch gegen Eltar kämpfen. Dafür sollte man ausgeschlafen sein.“, sagte er leise und hielt mir eine Hand entgegen. Ich ergriff sie vorsichtig und richtete mich auf. Gerade als ich etwas erwidern wollte, wurde die Stille der Nacht jäh und grausam unterbrochen.

„Hab ich es doch gewusst! Auch um diese Zeit steht der Käpt’n an Deck.“

Ich sah mich nach der Person um, der diese Stimme gehörte, Akito hingegen stürzte sofort auf die Reling zu. Dann sah ich, was er entdeckt hatte. Ein kleines Schiff schaukelte auf den Wellen und mir fiel auf, dass das Festland ganz nah war. Wie ein bedrohliches Tier ragte es am Horizont auf.

„Tut mir leid, Sir, Käpt’n!“, rief der junge Mann auf dem Boot. Er war kaum älter als ich. „Ich wollte Euch nicht unterbrechen, nun wo Ihr gerade eine gefühlvolle Unterredung mit einer Dame hattet, aber es ist wirklich kalt hier draußen.“

Akito lachte auf und ich zuckte zusammen. „Eicca, du weißt doch, dass du nie störst. Und was soll das Gerede von einer gefühlvollen Unterhaltung?“ Er holte die Strickleiter und ließ sie hinab.

Dies war also Eicca, der Mann, den ich auch noch besiegen musste, wollte ich wenigstens den zweiten Platz einnehmen. Ich betrachtete ihn eingehend, als er über die Reling stieg und er und Akito sich einen Klaps auf die Schulter gaben. Er war schlank und groß, aber nicht so groß und stark wie Akito. Seine Augen wirkten Schwarz, doch ich war mir sicher, dass sie dunkelbraun waren. Sein Haar war wirr und lang und hatte die Farbe von glänzendem Gold. Seine Lebhaften Augen huschten hin und her. Er schien sehr aufmerksam.

„Ich hätte nicht gedacht, dich so schnell wieder zu sehen.“, murmelte Akito.

Eicca lachte. „Ich auch nicht, doch als ich so am Ufer da drüben“, er zeigte auf das Festland, „umherwanderte, sah ich im Sonnenuntergang, wie ein Schiff den Anker ließ. Und die Flagge kam mir ein wenig bekannt vor.“ Er grinste. „Ich habe mir einfach ein Boot, das am Ufer lag, genommen, nein, ich habe es gekapert, und dann bin ich die ganze Zeit durchweg gepaddelt. Bis eben. Das waren einige Stunden Anstrengung.“ Er kratzte sich am Kopf. „Was für Wunder es doch gibt.“

„Oh ja.“, pflichtete Akito ihm bei.

„Jetzt erklär aber mal, seit wann gibt es auf deinem Schiff den Frauen?“, Eicca grinste und seine Augen huschten zu mir hinüber. Ich zuckte kurz zusammen, dann kam meine stolze Ader wieder zum Vorschein.

„Es gibt nur eine. Und sie ist die Tochter von Käpt’n Eorl, Cyea.“ Eicca drehte sich erstaunt zu Akito um.

„Eorl? Aber ich dachte, er sei…“, er ließ den Satz in der Luft schweben und ich war ihm dankbar dafür.

„Letzter Wunsch, schon mal was davon gehört?“, fragte Akito und klopfte an seine Stirn. Dann drehte er sich zu mir um. „Das ist mein Kumpel Eicca.“

„Ich weiß.“, murmelte ich. „Jarim hat mich schon einiges erzählt, vor allem weil es mich ja mit betrifft. Wegen meinem Training.“

Akito lächelte. „Ach ja, Euer Training. Aber als erstes müsst Ihr Eltar besingen, vergesst das nicht.“

„Welches Training?“, fragte Eicca tonlos. Akito erklärte es ihm, woraufhin ich von Eicca mit einem musternden Blick bedacht wurde. Vermutlich fragte er sich, ob ich auch ihn besiegen würde. Doch stattdessen lachte er nur auf.

„Die sieht aber nicht sonderlich stark aus.“ Ich konnte mir ein selbstgefälliges Lächeln nicht verkneifen, woraufhin er sichtlich aus dem Konzept gebracht mich anstarrte.

„Wie auch immer. Lasst uns rein gehen, ich wollte Cyea sowieso gerade dazu bringen, schlafen zu gehen. Aber unter diesen Umständen, wird sie wohl nicht schlafen.“, sagte Akito bestimmt, und ich fragte mich, was er mit diesen Umständen meinte. Ich bewegte mich nicht von Platz, als die beiden Männer auf die Tür zutraten.

„Cyea, habt Ihr nicht zugehört?“, fragte Akito plötzlich, ging jedoch weiter.

„Ich will aber nicht schlafen. Und wer hat gesagt, dass ich morgen schon gegen Eltar antreten werde?“, fragte ich und meine Stimme hörte sich dabei an, wie die eines trotzenden Kindes. Akito murmelte etwas und Eicca nickte. Ich drehte mich um und lief zu Reling hinüber, wo ich meine Ellenbögen auf das kalte Holz stützte.

Plötzlich packten mich Akitos eiserne Hände um die Taille und hoben mich wie einen nassen Sack über die Schultern. Und ich hatte noch geglaubt, er würde mich in Ruhe lassen. Wütend trommelte ich mit meinen Fäusten auf seinen Rücken ein, biss und kratzte, bis ich nicht mehr konnte.

„Und sie soll schon die drittstärkste des ganzen Schiffes sein?“, fragte Eicca neben mir ungläubig. Ich starrte ihn giftig an und knurrte: „Ob du es glaubst oder nicht, mit dem Degen zu kämpfen ist nicht immer eine Frage der Kraft.“

„Und du vergisst, dass ich der Stärkste bin, sie hingegen ist einfach bloß geschickt im Schwertkampf.“, murmelte Akito und verpasste mir einen Schlag auf den nackten Oberschenkel, da ich ihm in die Schulter gebissen hatte. Ich knurrte. Er sollte die Finger von mir lassen! Doch statt es einzusehen, lachte er nur und ich begann wieder zu strampeln.

„Lasst mich runter, ich kann alleine gehen!“, fauchte ich und erstaunlicher Weise ließ er mich sogar runter, wohl eher wegen den Verletzungen, die ich ihm zugefügt hatte, als aus Freundlichkeit. Ich nutzte die Chance natürlich sofort, machte auf der Stelle kehrt und rannte die Treppen hinauf, die wir gerade eben erst hinab gestiegen waren. Akito fluchte und hechtete hinter mir her.

„Könntet Ihr nicht einmal tun, was ich Euch sage?“, brüllte er und ich war sicher, dass die Hälfe der Mannschaft dadurch aufwachte, wenn sie nicht schon bei meinem Gekreisch aus den Betten gefallen waren. Erst als ich schon wieder an Deck war, erreichte er mich und ich fluchte über meine Dummheit. Es war doch egal, wo ich hinrannte, er würde mich immer wieder einholen.

„Ihr habt es nicht anders gewollt.“, knurrte er und hob mich wie eine Beute auf die Arme. Ich fauchte wie eine Wildkatze. „Ich habe Euch doch schon einmal über die Rarität von Zimmern informiert. Eigentlich wollte ich Euch zuliebe mit Eicca in einem Bett schlafen, und Euch euer Bett erhalten. Aber ich muss wohl den Aufpasser spielen.“

Ich riss die Augen auf, und im nächsten Moment strampelte ich weitaus mehr. Ich wollte nicht mit diesem Kerl in einem Bett schlafen! Was dachte er sich dabei? Da schlief ich doch lieber auf dem Boden!

Eicca stand noch immer reglos im Gang und beobachtete nun ein wenig irritiert unseren Kampf. Ich wusste, dass ich keine Chance hatte, aber ich gab nicht auf, um ihm den Sieg möglichst schwer zu machen.

„Was für eine Wildkatze.“, grummelte Akito und öffnete die Tür zur Kammer. Die Badewanne war inzwischen verschwunden, doch die erloschenen Kerzen standen noch immer da. Ich weigerte mich strikt, in dieses Zimmer zu gehen. Aber Akito zerrte mich grob, zog mich an sich und schlüpfte unter die Decke. Ich schnappte nach Luft. Ein seltsames Gefühl breitete sich in meinem Magen aus, ein seltsames Kribbeln.

Eicca seufzte. „Ich wünschte, ich könnte mit dir tauschen.“, murmelte er. Ich fauchte erbost.

„Nein, das willst du nicht, glaub mir. Es wird schon schwer genug für uns, bei dieser Nachteule einzuschlafen.“, grummelte Akito und unterdrückte einen gequälten Schrei, da ich ihm in den Bauch getreten hatte. Ich spannte alle meine Muskeln an, trat mit den Füßen an die Wand und stemmte mich weg, so dass er eigentlich allein aus dem Bett fallen müsste, doch ich hatte vergessen, dass er mich festhielt. Wir fielen beide zu Boden. Ich spürte Eiccas verwunderte Augen auf meinem Rücken. Ich fluchte innerlich, hielt aber den Mund. Akito zischte wütend und rang mich wieder zurück auf die Matratze. Auf einmal spürte ich eine ungekannte Müdigkeit und beschloss, so zu tun, als würde ich einschlafen, und wenn auch die beiden Männer im Land der Träume versunken waren, würde ich mich aus Akitos Armen befreien. Triumphierend leuchteten meine Augen durch die Dunkelheit und ich hielt still.

 

Es verging eine Stunde, bis ich mir sicher war, dass beide eingeschlafen waren. Erst bewegte ich mich nur vorsichtig, damit ich auch sicher war, dass Akito auch wirklich eingeschlafen war. Er rührte sich nicht. Ich zog meine Arme aus seiner Umklammerung. Wenn mein Vater wüsste, an wen er mich abgeschoben hat! Er würde sich im Grab umdrehen.

Ich winkelte meine Beine an, um mich gleich darauf auf die Fersen zu setzten.

Plötzlich griff eine kalte Hand nach meinem Fußgelenk und hielt mich fest. Ich unterdrückte einen Aufschrei und krallte meine Finger verzweifelt in das Laken. Ich hatte mich geirrt. Akito hatte nur darauf gewartet, dass ich auf ihn hereinfallen würde. Er setzte sich auf, sein dunkler Umriss wirkte bedrohlich in der Finsternis.

„Ich bin nicht dumm.“, kicherte er leise.

„Und ich bin nicht Euer Eigentum.“, knurrte ich.

„Lass endlich den Quatsch mit er Höflichkeit! Wir sind Piraten.“, fiel er mir ins Wort.

„Wie du willst, Käpt’n“, sagte ich verächtlich, darauf bedacht, Eicca nicht auch noch zu wecken.

„Nenn mich beim Namen.“

„Akito, dann eben!“, fauchte ich und funkelte ihn böse an. Er wich nicht einmal zurück, obwohl ich hätte schwören können, dass mein Blick todbringend war. Stattdessen griff er nach meinem Kinn und ich war gezwungen, ihn anzusehen.

„Ja, Akito.“, sagte er sanft. Ich sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an, unfähig, mich zu rühren. Seine andere Hand hatte er mir an die Taille gelegt. Ich spürte, wie es mir kalt den Rücken hinunter lief und sich flau in meinem Magen breitmachte. Ich begann zu zittern, was er mit einem leisen Lachen kommentierte. Ich schob ihn bestimmt weg und legte mich wieder hin.

„Soso, jetzt machst du auf liebes Mädchen. Vorhin hast du mich gebissen, falls es dir entfallen sein sollte.“, raunte er in mein Ohr und ich zuckte zusammen, blieb aber artig liegen und unterdrückte den Impuls, ihm eine Ohrfeige zu verpassen.

„Weißt du, eigentlich genieße ich es ja, dass du so aufsässig bist, es beseitigt meine Langeweile um einiges mehr, als wenn du brav tun würdest, was ich sage.“

Nun war er eindeutig zu weit gegangen! Ich drehte mich blitzschnell herum und fuhr mit meiner Faust auf seinen Bauch zu. Er konnte mich erstaunlicher Weise aufhalten. „Sag ich doch.“, schurrte er und lachte. Ich lief rot an und schlug energisch auf ihn ein. Es machte ihm nichts aus. Ich biss in alles, was vor meine Zähne kam, erwischte doch kein einziges Mal ihn, immer nur Stoff. Er lachte und fuhr mir über das Haar. „Darf ich dich Wildkatze nennen?“

„Wenn ich es dir verbiete, hältst du dich doch eh nicht dran!“, knurrte ich und riss mich hoch. Es war ein Wunder, dass Eicca nicht aufwachte, womöglich hatte er sich beim Paddeln so sehr angestrengt, dass er nun schlief wie ein Stein.

Schneller, als ich mir es selbst hätte zugetraut, sprang ich auf und stürzte aus dem Zimmer. Ich weiß immer noch nicht, wieso ich es dauernd versuchte, wo ich doch wusste, dass dieser Albtraum nie zu Ende war. Ich hörte, wie er hinter mir herkam, hörte ihn fluchen. Ich riss die nächste Tür auf, die mir vor meine hektischen Finger kam und stolperte keuchend in das dahinterliegende Zimmer. Es war der große Saal, in welchen Ryu mich damals gezerrt hatte, und wo ich Akito das erste Mal begegnet war. Ich hastete zu dem Tisch hinüber, auf welchem noch immer die ausgebreitete Karte lag. Es schien, als hätte ich ihn abgehängt, als wusste er nicht, wo ich war. Gebannt wartete ich darauf, dass mein Herzschlag sich wieder beruhigte und horchte panisch auf jegliches Geräusch. Als alles totenstill war, seufzte ich erleichtert und betrachtete die vor mir liegende Karte genauer. Das letzte Mal war mir bloß aufgefallen, dass an manchen Stellen ein Nagel steckte, als würde er einen besonderen Punkt markieren. Dieses Mal fielen mir auch die verschiedenen Farben der Köpfe der Nadeln auf. Die meisten waren weiß, manche rot und manche blau. Zwei Grüne steckten nicht auf Festland, sondern mitten im Ozean. Und eine einzige Schwarze befand sich auf einer kleinen Insel. Ich runzelte die Stirn. Die Weltkarte hatte ich auswendig lernen müssen, mein Vater hatte darauf bestanden. Doch diese kleine Insel war nirgends auf den Karten gewesen, die er mir damals gereicht hatte. Was hatte das zu bedeuten? Hatte Akito etwa eine Insel entdeckt, die niemand anderes kannte? Ich fuhr mit den Fingern über das vergilbte Pergament, ging um den Tisch herum. In keiner Position änderte sich das Bild in meinem Kopf, es war, als würde der Tisch sich mit mir drehen.

Ich fuhr mir über die Schläfen und sah mich um. Ein Stapel an Pergamentrollen fiel mir ins Auge. Plötzlich waren meine Sinne geschärft, es gab etwas auf dieser Reise, das mich vielleicht doch erlösen konnte. Ich griff mit fahrigen Fingern nach der ersten Schriftrolle und zog das alte Papier auseinander.

Es war bloß ein kurzer Haftbefehl. Er betraf Akito. Ich schloss die Augen. Hatte der Befehl für meinen Vater etwa genauso ausgesehen? So kurz und knapp, als sei der Tod eines Menschen nichts Besonderes.

Auch die meisten anderen Schriften waren Haftbefehle, Kopfgeldausschreiben und ähnliches. Ein paar persönliche Nachrichten von anderen Kapitänen, die offenbar mit Akito einen Bund geschlossen hatten. Ich wusste, dass auch das Schiff meines Vaters mit Akito freundschaftlich verkehrt war. Das war nun alles vorbei. Täglich wurden Piraten gehängt, gefoltert und vernichtet, nicht der Hauch einer Erinnerung an sie blieb. Wie auch, bei den vielen Seeratten.

Ich kramte tiefer im Berg aus Rollen und zog schließlich eine fast verbrannte heraus, entrollte sie vorsichtig und las mir die Nachricht durch.

Pirat Jarim Anderson, Vater des Piraten Eorl Anderson. Kopfgeld-“, den Rest konnte man nicht mehr lesen. Bestürzt sah ich auf das Pergament in meinen Händen hinab. Kein Wunder, dass er meinem Vater so ähnlich war, und auch dass ich seiner Tochter aufs Haar glich- sie war schließlich meine Tante. Warum hatte er es mir nie erzählt? Warum hatte er es mir verschwiegen, als ich ihm von meinem Vater erzählt habe? Ich starrte auf meine Hände und Tränen sammelten sich langsam in meinen Augen. Wieso dachten alle immer, ich wäre ein kleines, unbedarftes Mädchen, dem man nichts sagen musste, dass sich eh nur zu viele Sorgen machte? Warum sah man in mir immer bloß ein Kind? Ich ballte die Fäuste und legte das Pergament zur Seite. Zog die Nase hoch und fuhr mir mit den Händen über die Augen.

Nach einer Weile sah ich mich erneut um und entdeckte eine Truhe in der Ecke. Neugierig versuchte ich, sie zu öffnen, doch man hatte sie verschlossen.

Frustriert ließ ich mich auf dem Deckel nieder und verharrte einen Augenblick so, dann zog es mich erneut zu der Karte. Es musste doch so etwas wie eine Legende geben. Ich zog die Schubladen auf, fand jedoch nicht nützliches. Ich sah unter der Tischplatte nach, doch auf solche kindische Tricks kam nur ich. Nichts. Ich kratzte mich am Kopf. Hatte man etwa alles fein säuberlich weggesperrt, in weiser Voraussicht, dass ich diesen Saal betreten würde? Ich seufzte bitter.

Die Nacht draußen vor den Fenstern zog träge vorbei. Hinterließ keine Spuren. Es musste doch bald der Morgen grauen. Stattdessen blieb es finster, kein einziger Stern erhellte den Himmel. Was war das für eine verfluchte Nacht? Sie kam mir so ewig vor, so endlos. So allein.

Ich schlang meine Arme eng um meinen Leis, mir war plötzlich kalt. Fröstelnd stand ich auf, meine nackten Füße froren fast am Boden fest. Ich wusste nicht mehr, was Wirklichkeit und was Trugbild war. Welche teuflische Magie trieb hier ihr Unwesen? Ich drehte mich mehrmals um mich selbst, die Wände schienen näher zu rücken. Mit einem grässlichen Krachen fiel ich zu Boden. Ich war zu schwach, um mich wieder aufzurichten. Ich blieb liegen, frierend und ängstlich. Was war bloß los mit mir?

 

 

 

How many wishes do I still have left to fix the way it ends,

How many princes do you it takes to put a girl like this back together again,

How many instances can you point out when I was less than kind,

How many happy endings do you need to change your fucking mind,

And how much time do we have left before it's midnight and,

You see that I was never the right size?’

-The Dresden Dolls; glass slipper-

 

Fourthly

 

Ich hätte es wissen müssen. Schon als ich zu Boden glitt. Es war zu laut gewesen. Er hatte mich gehört. Umso erstaunter war ich, als nicht Akito die Tür zum Saal öffnete, sondern Eicca. Als er mich zitternd am Boden erblickte, eilte er auf mich zu und hob mich auf die Arme.

„Was ist passiert?“, fragte er besorgt und ich konnte mich kaum beruhigen. Er war so freundlich, ganz anders, als Akito es war.

„Mir ist kalt.“, murmelte ich und ein Beben durchfuhr meinen Körper.

„Kein Wunder, wenn du hier bloß im Nachthemd umher wanderst.“, er erlaubte sich ein warmes Lächeln. „Kannst du etwa nicht schlafen?“

Ich schüttelte leicht den Kopf. „Schlafen ist nicht mein Talent.“

Er seufzte und trug mich hinaus auf den Gang. Ich riss die Augen auf, als ich bemerkte, dass er mich zurück in die Kammer schaffen wollte.

„Bitte nicht. Nicht zurück in das Zimmer.“, keuchte ich und sträubte mich.

„Du magst Akito nicht wirklich, oder?“, fragte er leise, blieb aber dennoch nicht stehen.

Ich lachte kalt auf. „Wie kann ich ihn mögen? Er ist ein Albtraum! Nie hat jemand mich so sehr seelisch gequält wie er.“

„Ich glaube kaum, dass er dich hasst.“, sagte Eicca sanft und öffnete die Tür. Akito war noch immer nicht in sein Bett zurückgekehrt.

„Es nützt wohl alles nichts, aber du solltest wirklich versuchen, ein wenig zu schlafen.“, murmelte Eicca und legte sich nieder.

„Ich schlaf lieber auf dem Boden, als in seinem Bett.“, knurrte ich.

„Sei nicht albern. Er ist doch nicht einmal anwesend. Ich denke, er hat sich in seine Hängematte gelegt, mit Betten hat er es sowieso nicht so.“, er drehte sich auf die Seite und schloss die Augen. Eine Weile stand ich noch starr da und dachte über das nach, was Eicca gesagt hatte. Akito hasst mich nicht. Das wusste ich. Aber irgendetwas an seinen Gefühlen machte mir Angst, sie waren mir so fremd. War es wirklich Langeweile, die ihn dazu bewegte, mir immer wieder Grauen einzuflößen? Oder war es womöglich etwas völlig anderes?

Ich legte mich widerwillig auf die Matratze und sah zur Decke hinauf. Warum dachte ich so oft über Akito nach? Ich sah zu Eicca hinüber. Er hatte wirklich einen sanften Charakter. Ich mochte ihn. Kaum zu glauben, dass er der beste Freund vom Käpt’n war. Ich schloss die Augen und ertränkte meine wirren Gedanken im Nichts. Jedenfalls versuchte ich es.

 

Es war dunkel hier, genau richtig für ihn. Die Finsternis löschte alle Sorgen aus, zeichnete einfach ein Gesicht von ihr in das Schwarz. Er konnte sie stundenlang ansehen. Aber er wusste, dass sie ihn verabscheute, und das alles nur, weil er sie so abgewiesen hatte, ihr wehgetan hatte. Dabei wollte er das alles gar nicht. Sie durfte ihm einfach nicht nah kommen. Sie musste ihn hassen. Das Schicksal hatte ihn zur ewigen Reue verdammt, da führte kein Weg herum. Verzweifelt kniff er die Augen zusammen, als ihr Bild vor seinem inneren Auge zu entgleiten drohte. Nein! Sie durfte ihn nicht verlassen, sie war das einzige, was er begehrte. Aber sie floh vor ihm und seiner Grausamkeit. Er hätte es besser überdenken müssen, doch nun war es zu spät, sie war bereits gegangen, hatte ihre Gedanken ganz sicher schon anderen Männern zugewandt. Allen voran Eicca. Er hatte seinen Blick gesehen, wie sein bester Kumpel das Mädchen angesehen hatte. Sie war seine Traumfrau. Und bald würden die beiden ihn verlassen, ausgerechnet die Menschen, die ihm am meisten etwas bedeuteten.

 

Unruhig warf ich mich von der einen Seite auf die andere. Die Dunkelheit wummerte in meinen Gedanken, ich konnte einfach nicht schlafen. Sicher, Eicca schlief neben mir tief und fest, sein ruhiger Atem besänftigte mich, aber dennoch fehlte mir etwas. Diese Nacht war die schrecklichste die ich jemals erlebt hatte. Schlimmer als jene, wo ich erfahren hatte, dass Vater tot war. Ich konnte es kaum fassen, aber mir fehlte das Geräusch von Akitos Atem, es war so anders als Eiccas. Ich hatte mich so sehr daran gewöhnt, dass ich nicht ohne konnte. Wo zum Teufel war er?

Und zum wiederholten Mal stieg ich aus dem Bett und durchstreifte die Gänge. Alles war still, nur mein keuchender Atem hing in der Luft. Ich setzte mich zu Boden und wiegte meinen Kopf vor und zurück, dann sprang ich wieder auf. Eicca hatte etwas von einer Hängematte erwähnt. Meine Füße trampelten über den Gang, hallten ohrenbetäubend laut an den Wänden wieder, doch ich lief unbeirrt weiter. Ein Geräusch ließ mich Aufsehen. Es war das regelmäßige Schlagen eines laut pochenden Herzes. Ich trat auf die Wand ein, die erstaunlicher Weise einfach nachgab und sich hinter mir leise wieder schloss. Dahinter befand sich völlige Schwärze, und doch spürte ich, dass ich ihn gefunden hatte. Es war eindeutig sein Atmen. Ob er schlief oder nicht, konnte ich nicht sagen, aber ich lächelte zufrieden. Nachdem sich meine Augen ein wenig an die Dunkelheit gewöhnt hatten, durchforstete ich die Kammer nach ihm, fand Akito zusammengerollt in einer Ecke zwischen vielen Kissen auf einem einfachen Strohlager. Daneben einen Haufen an Decken. Er sah aus, als würde er frieren und so deckte ich ihn zu, lehnte mich an ihn und zog meine Decke bis an die Ohren. Ich wusste nicht, weshalb ich mich nun freiwillig in die Höhle des Löwen wagte, aber ich hatte das Gefühl, das Richtige zu tun. Innerhalb weniger Minuten war ich endlich eingeschlafen.

 

Sie war gekommen. Warum war sie gekommen? Er hatte sie doch immer eingeschüchtert. Warum hatte sie ihn sogar in Sorge um ihn zugedeckt? Sie hasste ihn doch, oder hatte er sich getäuscht?

Er spürte, dass sie sofort einschlief. Warum konnte sie hier so gut schlafen und sonst wandelte sie in der Nacht herum wie eine Katze? Wildkatze. Ja, sie hatte Recht, denn auch wenn sie es ihm verboten hätte, sie so zu nennen, insgeheim nannte er sie schon seit dem ersten Tag so. Seit sie sich das erste Mal gegen ihn aufgelehnt hatte. Seit er wusste, dass sie etwas Besonderes war. Vielleicht gab es in dieser trostlosen Welt doch noch Hoffnung für einen Verdammten. Vielleicht sah das Schicksal einmal über seine Sünden hinweg? Oder gab es vielleicht am Ende gar niemanden, der über einen bestimmte, konnte man die Zukunft selbst formen?

Er tastete nach ihrer Hand, ergriff sie und dankte Gott für seine Güte.

 

Obwohl es bereits Morgen war, drang kein Licht in die finstere Kammer. Ich war zu benommen, um mich zu erheben, genoss das wohlige Gefühl von Wärme. Wie lange hatte ich mich immer wieder der Kälte ausgesetzt? Wie oft habe ich Feuer gemieden? Und das alles bloß, weil ich Angst davor hatte, mich zu verbrennen. Ich schloss meine Augen und kuschelte mich in die Kissen, hatte völlig meine Umgebung vergessen, ihn vergessen. Und bemerkte den Arm, der über meiner Taille lag, nicht. Und wenn ich in meinem Unterbewusstsein etwas davon registrierte, dann vertuschte ich diese Bemerkung. Es war so schön warm, zu wertvoll, zu kostbar um es zu zerstören. Über uns wurden Stimmen laut, es kümmerte mich nicht. Akito schlief tief und fest, er konnte es gar nicht bemerken. Alles verlor an Bedeutung. Alles versank in Wärme. Und nun wusste ich wieder, weshalb ich sie wirklich gemieden hatte. Ich habe mich viel zu oft in diesem Gefühl verkrochen, war nicht mehr hervor gekommen und hatte meine Augen vor Wahrheiten verschlossen, bloß um diesen zerbrechlichen Zustand nicht kaputt zu machen. Was für eine Närrin ich doch war. Ich kicherte und versank tiefer in den Decken. Es kümmerte mich alles nicht mehr, von mir aus konnte ich hier sterben. Es war egal.

Akitos warmer Atem streifte meine Haut. Unwillkürlich zuckte ich zusammen, dabei schlief der wilde Drache doch, stieß kein Feuer aus. Aber es war ein Impuls, davon zu rennen, wenn er in meiner Nähe war. Ich seufzte. Wenn er schlief war er so friedlich, ich mochte ihn fast. Ich drehte mich zu ihm herum, betrachtete sein schlafendes Gesicht. Wenn Menschen träumen, kommt ihr sanftes Ich zutage. Und ich mochte es viel lieber. Mit den Fingern strich ich ihm die wilden Haare aus dem Gesicht. Ich legte den Kopf schief und lächelte. Ja, so mochte ich ihn wirklich viel lieber. Sein grausames Ich jagte mich in meinen Träumen, versetzte mich in Angst und Schrecken, doch seine jetzige Form drängte alles andere in den Hintergrund. Ich konnte mich nicht zusammen reißen, ich wusste, dass ich diese Gelegenheit nie wieder haben würde, nie wieder würde ich diese Gestalt von ihm sehen. Ich drückte ihm einen Kuss auf die Stirn und fuhr erschrocken zurück, als er langsam die Augen öffnete. Der Impuls, wegzurennen, geriet gefährlich ins Schwanken, als ich ihm in die grünen Augen sah. Der Drache darin war verschwunden, wurde zurückgehalten von der Schläfrigkeit. Aber der Schalk saß ihm trotzdem im Nacken. Er grinste.

Ich wendete den Blick ab und wollte mich wieder umdrehen, als er meinte: „Was ist? Nur auf die Stirn? Ich hatte eigentlich ein bisschen mehr erwartet.“

Mein Kopf drehte sich abrupt in seine Richtung. Noch immer schien er sanftmütig, machte keine Anstalten, mich zu etwas zu zwingen, das ich nicht wollte.

„Auf einen Kuss auf die Lippen kannst du lange warten.“, foppte ich ihn.

Er lächelte. „Wie gemein. Da hast du mir solche Hoffnungen gemacht, und nun lässt du mich wie eine rohe Kartoffel fallen.“

„Ich versteh leider nicht viel von Kartoffeln.“, erwiderte ich. Mir gefiel dieses Gespräch, auch wenn ich nicht wusste, weshalb.

„Ich kann es dir alles beibringen.“, er strich mir langsam mit dem Finger über die Lippen und ein erstaunter Ausdruck trat auf mein Gesicht. Was meinte er damit?

„Was?“, stammelte ich überfordert. Sein Gesicht kam dem meinem immer näher.

„Küssen. Ich kann es dir beibringen.“, flüsterte er. Ich wich ein wenig zurück, nur ein Stück, ich wollte die Wärme beibehalten.

„Nein danke. Das kann warten.“

Nun war Akito es, der mich verwundert ansah.

„Was ist? Habe ich etwas Falsches gesagt?“, knurrte ich.

„Nein. Aber ich dachte, jetzt kommt so was, wie: Mit dir nicht.“, murmelte er.

„Wenn es dir lieber ist, kann ich das auch noch hinzufügen.“, fauchte ich.

„Nimm doch nicht alles so ernst, Wildkatze.“, lachte er und zog sein Gesicht wieder ein Stück zurück. Augenblicklich konnte ich wieder leichter atmen, aber ein Teil von mir bedauerte die verlorene Wärme. „Außerdem“, begann er, „Was machst du eigentlich hier. Solltest du nicht bei Eicca sein?“, fragte er und ich wurde sofort rot. Dann drehte ich den Kopf weg.

„Klingt es albern, wenn ich sage, dass ich mich so sehr an deinen ruhigen Atem gewöhnt habe, dass ich ohne ihn nicht einschlafen kann? Und Eiccas klang völlig anders als deiner.“, murmelte ich und vermied es strikt, ihm ins Gesicht zu sehen. Eine Weile herrschte Stille.

„Du kannst also ohne mich nicht einschlafen?“, fragte er sichtlich nach Worten ringend.

„Ja, wenn du es so formulieren willst.“

„Aber du hast doch kaum mehr als ein paar Mal meine Anwesenheit bemerkt.“, murmelte er.

„Ich kann trotzdem nicht ohne einschlafen. Aber mal eine ganz andere Frage: Was ist das eigentlich hier für ein Raum?“

Er lachte über meinen rasanten Themenwechsel. „Meine geheime Kammer. Von außen sieht man sie eigentlich nicht, es ist keine Klinke da. Aber wenn man sich dagegen lehnt, geht die Tür ganz leicht auf. Es ist ein Wunder, dass du hierher gefunden hast.“

„Das kommt davon, dass dein Herz zu laut schlägt. Man hört es bis auf den Gang.“, grummelte ich.

„Bist du ein Vampir, oder warum hörst du so deutlich meinen Herzschlag?“, fragte er erstaunt.

„Nein.“

„Du hast magische Fähigkeiten?“

„Nichts dergleichen.“, knurrte ich. „Und wo wir schon mal beim Fragen sind: Warum hat mir niemand auch nur ein Sterbenswörtchen darüber verraten, dass Jarim mein Großvater ist?“

„Ist er nicht.“, erwiderte Akito sofort.

„Und warum steht es dann auf einem Kopfgeldausruf?“, fauchte ich.

„Weil die Regierung das denkt. Aber er ist nur der Ziehvater deines Vaters. Dein richtiger Großvater ist schon lange tot.“

„Und warum weißt du über meine Geschichte mehr, als ich selbst?“ So langsam bekam ich eine Krise.

„Du vergisst, dass dein Vater und ich schon lange gute Freunde waren.“, murmelte Akito und gähnte heftig. Ja, ich vergaß. Ich schloss kurz die Augen, spürte seinen Blick auf mir.

„Du weißt aber schon, dass ich dir nicht die Erlaubnis gegeben habe, mit in mein Bett zu kommen.“, sagte er irgendwann. Ich knurrte.

„Nun hör aber auf! In der Kammer hast du mich fast ins Bett gefesselt und hier willst du mich allen Ernstes rausschmeißen?“

Er lachte leise und spielte mit einer Haarsträhne von mir. „Schon gut, du hast ja gewonnen. Ein bisschen wundert es mich ja schon, dass du noch nicht davon gelaufen bist, jetzt wo du ausgeschlafen hast.“

„Ich habe keine Lust, dir eine Erklärung dafür zu geben.“, sagte ich und seufzte. „Es ist einfach so schön warm hier.“

„Das kommt davon, wenn du mich so in Decken hüllst. Natürlich wärme ich dann alles auf.“, er kicherte und ich spürte abermals seinen heißen Atem in meinem Gesicht.

Er strich mir über das Haar. „Was war das für ein Lied, das du gestern Abend gesungen hast?“

„Das hat Vater immer gesungen, wenn ich nicht einschlafen konnte.“, murmelte ich. Die Dunkelheit machte mich erneut schläfrig. Dazu kam Akitos regelmäßiger Atem. „Er hat es die ganze Nacht gesungen. Ich habe mich gewundert, wie er sich am nächsten Morgen noch auf den Beinen halten konnte. Ich habe ihn dafür bewundert.“

„Hast du es gesungen, um einschlafen zu können?“, fragte er leise.

„Nein, ich habe versucht, die Erinnerungen an meinen Vater zu bewahren. Mit jedem Tag, den er fort ist, verblasst sein Bild in meinem Kopf. Ich will das verhindern.“, eine kleine Träne verirrte sich in meinen Augen. Ärgerlich wischte ich sie weg und biss mir auf die Lippe.

„Solange du weißt, dass es ihn gab, wird er in deinem Herzen existieren, egal ob mit oder ohne Bild. Er ist immer da. Ist nicht tot.“, versuchte er mich aufzumuntern. Wieso tat er das? Wieso war in dieser alles verschlingenden Dunkelheit nichts von seinem alten Ich zurückgeblieben? Nicht, dass ich es mir wieder wünschte, aber es war zu verwirrend. War das wirklich derselbe Akito, der mich jeden Tag gedemütigt hat? Mir kam er vor, wie eine völlig andere Person. Vielleicht sollte ich für immer in dieser Finsternis bleiben, gewärmt von seinem Atem…

„Was ist eigentlich das Ziel unserer Reise?“, fragte ich, um das Thema zu wechseln. Ich wollte herausfinden, was die schwarze Nadel bedeutete.

„Es gibt keins. Nur Zwischenziele, wo wir hinmüssen, um auf diesem Meer zu überleben. Aber ein großes Ziel, nachdem, wenn wir es erreicht haben, wir das Schiff verlassen und alles in unserem Gemüt befriedigt ist, das gibt es nicht. Wir segeln umher, dahin, wo es uns gerade gefällt. Und vielleicht gehen wir zwischendurch auf Schatzsuche.“, murmelte er und seufzte glücklich. Ich lachte.

„Vater hat nie einen Schatz gesucht, all das Gold hat er sich von gekaperten Handelsflotten genommen. Ich wollte schon immer mal einen Schatz suchen.“

„Wir haben aber zurzeit keine Karte. In der nächsten Stadt, wo wir anlegen, hören sich meine Männer ein wenig um.“

Ich erhob mich.

„Wo willst du hin?“, fragte Akito sofort.

„Essen gehen. Und außerdem will ich Eltar endlich gegenüber treten.“, ich tastete mich durch die Dunkelheit. Völlig verdattert stellte ich fest, dass ich nicht wusste, wo sich die Tür in der Wand befand. Akito trat hinter mich.

„Und du glaubst, ich lasse dich einfach so davon? Wo wir doch auch hier etwas zu essen haben?“, flüsterte er in mein Ohr. Ich riss die Augen auf und keuchte. Er war zurück. Ich hatte ihn erwachen lassen. Der Drache.

Im nächsten Moment flammte der Kegel einer Kerze auf und tauchte das Zimmer in schwaches Licht. Doch Akito zündete immer mehr an, bis wir hell erleuchtet wurden. Nun sah ich, dass es in diesem Raum allerlei Dinge gab, angeführt von Fässern mit eingelegtem Fleisch, bis hin zu wertvollen Gegenständen, mit welchen man den Sternhimmel genauestens einteilen konnte. Auch ein kleiner Tisch stand in der Ecke. Als er ein Tuch von der Wand zerrte, kam ein Fenster zum Vorschein. Ich sah erstaunt zu, als Akito allerlei Dinge auftischte und mich dann auf einen Stuhl drückte. Dieses Zimmer war die reinste Wunderkammer.

„Die Dame.“, er verbeugte sich spöttisch und setzte sich ebenfalls.

 

Groß ragte er vor mir auf. Als ich ihn immer bloß von weitem gesehen hatte, kam er mir nie so riesig vor, nie so gefährlich. Ich sollte lernen, meine Feinde besser einschätzen zu können, sollte mir überlegen, mit wem ich mich anlegte. Eltar war ein Hüne, er könnte sich als Söldner sicher gut Geld verdienen, aber nun war er hier. Und ich hatte mir vorgenommen, ihn zu besiegen.

Vor wenigen Minuten hatte ich mein Nachthemd gegen das weinrote Kleid getauscht. Gleich nach dem Frühstück mit Akito, welches peinlich still verlaufen war.

Ich ließ meine Schultern kreisen, um mich zu dehnen. Der Degen wog schwer in meiner Hand, die Sonne brannte mir in den Nacken. Meine Haare hatte ich hochgesteckt, damit sie mir nicht unnötig die Sicht versperrten und mich behinderten. Die Hälfte der Crew war anwesend, auch Eicca und Jarim. Ich hatte ihm noch nicht gestanden, dass ich über unsere neue Beziehung Bescheid wusste. Ich brachte es einfach nicht fertig.

Akito war nicht wieder in meinem Blickfeld aufgetaucht, hatte etwas von wichtigen Angelegenheiten gesagt, denen er nachgehen müsste. Ich seufzte und sah zum klaren Himmel hinauf.

Dann nahm ich Aufstellung und betrachtete Eltar mit einem siegessicheren Blick. Wenn man seinen Gegner einschüchterte, hatte man mehr Chancen. Hat Jarim zumindest gesagt. Eltar hingegen schien die Ruhe selbst zu verkörpern, sah in mir nicht mehr, als ein kleines, unbedarftes Mädchen, mit dem er spielen durfte.

Ich folgte seinem Beispiel und verbeugte mich kurz, dann blickte ich ihm fest in die Augen. Schon im nächsten Moment vollführte ich eine wirbelnde Kehrtwende, der schwere Stoff des Kleides machte ein dumpfes Geräusch, als er immer wieder mit einem Schlag auf den Boden traf. Meine nackten Füße vollführten eine Figur, gleich einem strengen Tanz. Ausstellschritt. Ich trat ihm heftig gegen die muskulöse Brust. Er ächzte nicht einmal. Schnell zog ich mich zurück und parierte seinen folgenden Hieb. Schnell folgte eine Anzahl an kleinen Schritten seinerseits in meine Richtung. Ich wich zurück, sah dann meine Sicherheit darin, unter seinen Armen hindurch zu weichen. Geschickt stellte er mir nach, und ich musste mich ducken, damit er mir nicht den Kopf vom Halse schlug. Es war ihm wirklich ernst. Ich keuchte auf, als seine Klinge einen feinen roten Strich auf meiner Wange hinterließ und ein hinterlistiges Grinsen auf seinem Gesicht erschien. Ich kniff zischend die Augen zusammen, worauf jemand im Publikum bewundert pfiff. Ich schwang mein Degen in die Luft und setzte zum Sprung an. Wie erhofft duckte er sich, ich flog über ihn hinweg und kaum, dass ich wieder auf den Füßen stand, blitzschnell umdrehte und dem verwunderten Pirat die Degenspitze in den Nacken setzte. Dann trat blanke Wut in sein Gesicht, ich sprang von ihm weg.

Jarim stellte sich zwischen uns. „Tut mir leid, Eltar, aber das Mädel ist wohl geschickter als du. Rohe Kraft hilft einem oft nicht weiter.“ Dann griff er nach meinem Arm und hob ihn in die Luft. „Cyea hat gewonnen!“ Ich sah wie über die Gesichter der Anwesenden ein allgemeines Grinsen huschte. Ich lachte und fiel Jarim um den Hals. Nun war ich offiziell Dritte.

 

Ich saß neben Jarim an Deck, während er das Schiff steuerte. Der Feuerball am Himmel ließ alle Wolken glutrot aufleuchten, als er sich dem Horizont entgegen neigte und mit einer Art Staunen betrachtete ich dieses Naturspiel.

„Warum hast du es mir nicht gesagt?“, fragte ich leise und stützte das Kind auf die angewinkelten Beine.

„Redest du mit mir?“, fragte Jarim.

„Ja.“

„Was habe ich dir nicht gesagt?“

Ich legte den Kopf schief und sah ihn nachdenklich an.

„Dass du mein Großvater bist. Zum Teil zumindest.“, hauchte ich und in seinen Augen leuchtete ein kleines Licht auf.

„Woher weißt du das?“

„Ich habe den Haftbefehl gegen dich gesehen.“

Er nickte wissend und kratzte sich dann am Bart. Seufzend bewegte er den Kopf hin und her.

„Ich wusste nicht, wie ich es dir sagen soll.“

Ich schwieg.

„Bist du sauer?“

„Nein.“, murmelte ich, „Mir wird bloß bewusst, dass auch du ihn so kanntest, wie ich, und du genauso das Recht auf Trauer hättest. Stattdessen behältst du deine Fassung. Warum? Ist es, für einen Piraten verwerflich, zu weinen, oder ist es einfach ein Bruch des männlichen Stolzes?“

„Ich kenne Trauer. Aber ich sehe in die Zukunft, statt in die Vergangenheit.“

Erneut schwieg ich und diese Stille breitete sich noch lange aus.

 

Ein leichter Sturm ließ das Schiff unruhig schaukeln und ich wankte auf dem Gang hin und her, versuchte, mich irgendwo fest zu halten. Wie verfluchte ich Unwetter!

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Texte: Zitate sind kenntlich gemacht
Bildmaterialien: Google
Tag der Veröffentlichung: 03.03.2012

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