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Der Renommiste, Viertes Buch



Wie, wenn ein rauher Bär aus Lapplands kalten Wäldern,
Die stets der Nord entlaubt, zu den beschneiten Feldern
Mit trägen Klauen kömmt, sie halb erstarrt bewegt,
Sich mit bereifter Haut durch öde Furchen trägt,
Die Menschen zwar nicht flieht, jedoch sie nicht verletzet,
Bis wenn die Lappen ihn durch ein Geschrey gehetzet,
Er sein befrohrnes Haupt unwillig aufwerts hebt,
Den lichten Schnee zerscharrt, mit breiten Tatzen gräbt,
Doch wenn sein feiger Feind auf ihn zu gehn verweilet,
Er wiederum zurück in finstre Wälder eilet,
Mit brummendem Getöß zu seinen Höhlen irrt;
So murrt der Renommist, da er verachtet wird.
Er geht mit schwerem Tritt nachsinnend auf und nieder;
Doch da der Gram ihn quält, so wirft er seine Glieder
Auf eine nahe Bank, die er zuvor verschmäht,
Und spricht: »Sieh, Raufbold, sieh, wie schlecht es dir hier geht!
Ein Stutzer, der aus Furcht vor Fechten, Streit und Schlachten
Aus Jena sich entfernt, der soll dich hier verachten?
Der untersteht sich, dich und deinen Stal zu scheun,
Dem soll ein Mägdchen mehr, als du sein Bruder, seyn?
Ists möglich, konntest du bey diesem Schimpf dich halten,
Und konnte denn dein Stal den Sclaven nicht zerspalten?
Was hinderte mich denn, da er allein mich ließ,
Daß ich ihn nicht sogleich in meinem Grimm durchstieß?
Ach Jena! mußtest du mich darum nur vertreiben,
Von Stutzern hier verhöhnt, von Rach entblößt zu bleiben?
Bin ich nicht mehr wie sonst den Feigen fürchterlich?
Verhöhnt man jetzt den Arm, dem man sonst zitternd wich?
Ja, ja, mein großer Stal dient nur, mich zu verlachen;
Er kann nicht mehr wie sonst die Stutzer zitternd machen.
Doch nein; er kann es noch; ich zeig als Renommist,
Daß Raufbold noch voll Muth, mein Stal noch furchtbar ist.«
Er schwieg, gleich sah man ihn an seinen großen Degen
Die ausgestreckte Faust mit trüben Blicken legen.
Sein blankes Stichblatt schwirrt, sein gelbes Ohrband bebt,
Da er den scharfen Stal aus brauner Scheide hebt.
Doch, Muse, sage mir, was macht ihn so erbittert?
Macht es Sylvan allein, daß alles vor ihm zittert?
Nein, eine Leidenschaft, und nicht der Schimpf allein,
Macht seinen Muth geschwächt und ihn im Unglück klein.
Er greift nach seinem Stal, da ihm der Muth entfliehet;
Er rast, da er sich doch im Herzen furchtsam siehet.
O Liebe, machst du stets die Tapferkeit verzagt?
Machst du, daß auch sogar ein Raufbold liebend klagt?
Soll man beym seltnen Muth von diesem jenschen Helden
Mit seiner Liebespein auch seine Schwachheit melden?
Rothmündin, dieß ist groß, was hier dein Blick verübt,
Du zwingst den Renommist; er sieht und wird verliebt;
Der Held, der wüthend schwur, Sylvanen zu zerstücken,
Sieht dir mit Zittern nach, und bebt vor deinen Blicken.
»Ach, Raufbold! rief er aus, bist du ein Renommist?
O fühlst du, daß dein Herz auch zu bezwingen ist?
Der Hagel! nie hab ich ein solch Gesicht gesehen;
Soll ich nicht ohne Scham die Leidenschaft gestehen,
Die – – geh, o leichter Rock, nun bist du mir zu klein;
Mich zwingt ein schöner Blick, ein Leipziger zu seyn.«
Dieß hört der Kobold an, der mit hieher gegangen;
Das Schrecken und die Wuth entfärben ihm die Wangen.
So wie der krumme Blitz, wenn er die finstre Nacht
Durch rothes Feuer theilt, mit Schrecken lichte macht,
Und etwan vor den Fuß erschrockner Wandrer fähret,
Durch den geschwinden Stral sie zwar nicht sehr versehret,
Doch durch den Schlag, der folgt, ihr zartes Ohr betäubt,
Daß die bestürzte Schaar vor Schrecken starre bleibt:
So und noch mehr erstaunt schlägt er den Blick zur Erde;
Er hört, was Raufbold spricht, mit ängstlicher Geberde.
»Ists möglich, rief er aus, ist der auch schon verführt?
Ein Mägdchen macht ihn sanft? dieß flieht er, was ihn ziert?
Statt dieses engen Kleids, das er bisher getragen,
Soll ein gesteift Gewand um seine Schultern schlagen?
O Geist der Schlägerey, sieh, sieh, ein Renommist
Beschimpfet deinen Thron indem er dich vergißt.
Vermaledeyter Blick, vermaledeyte Schöne,
Du machst es, daß mein Held, der Liebste meiner Söhne,
Daß der, des kühner Stal nie, als mit Ruhm, geirrt,
Zum Stutzer und zugleich zu einem Weibe wird.«
Er sagt es und springt auf. Von seinen schnellen Schritten,
Wird die bewegte Luft mit Sausen durchgeschnitten.
Was erst etherisch war, läßt sich jetzt menschlich sehn;
Er geht in solcher Tracht, wie Renommisten gehn.
»Jenenser, rief er aus, da er den Raufbold siehet,
Jenenser, da dein Fuß verjagt von Jena fliehet:
So mußt du nicht auch fliehn, was dich in Jena hob,
Ein Renommist zu seyn, bringt auch in Leipzig Lob.
Du siehst in mir den Stamm, den ersten Renommisten,
Du folgst mir; und du fliehst, da sich die Feinde rüsten?
Wohl! thu es, sey verzagt! verändre dein Gewand,
Doch dieses, wenn dus thust, bleibt feiger Unbestand.
Und wie wirst du dereinst, wie ich, kühn in Geberden,
Ein ewger Renommist, am Leib etherisch werden?
Denn siehst du, wer wie ich sein Jena nie verschmäht,
Stets renommistisch flucht, in Leipzig jenisch geht,
Und keinen Sammt sonst trägt, als den zu seinem Kragen,
Der kann sich als ein Geist auch nach dem Tode schlagen.
Dem stärksten Renommist, der schwarzen Schnurren Trutz,
Der jeden Feind besiegt, dem wirst du dann zum Schutz,
Den mußt du als ein Geist, so wie ich dich, begleiten,
Siegt er, so siegst du mit, schlägt er, so hilfst du streiten.
O Raufbold, willst du noch an Jena untreu seyn?
Nimmt dich nun noch ein Kleid, ein Blick, ein Mägdchen ein?
Nein, thu es nicht, mein Sohn, verlaß, verlaß die Linden,
Du kannst das, was dich reizt, auch noch in Halle finden.
Steig auf dein muthig Roß, begieb dich nach der Stadt,
Die den Jenenser schätzt, der sie geschätzet hat;
Flieh Leipzig, so hast dus, kannst du es standhaft hassen,
Als Renommist gesehn, als Renommist verlassen.«
Er sagt es, und verschwand. So wie, wenn durch den Wald
Das schwirrende Getön des muntern Hüfthorns schallt,
Mit wild gestreubtem Haar ein aufgebrachter Hauer
Den dick verwachsnen Hayn, wo er im kühlen Schauer
Bemoßter Eichen lag, mit festem Zahn zerstückt,
Und den beharzten Leib aus spröden Büschen rückt:
So eilte Raufbold auch aus schattigten Alleen;
Man sah ihn nach dem Thor mit wilden Schritten gehen.
»O Raufbold, rief er aus: so sey es denn gewagt,
Entweder flieh von hier, wo nicht, so sey verzagt!
Willst du in Leipzig seyn, willst du in Leipzig brennen:
So bist du mehr ein Sclav, als Renommist zu nennen.«
Er sagts, ein edler Zorn, der seinen Blick erfüllt,
Macht ihn von neuem stark, macht ihn von neuem wild;
Er eilt gestiefelt fort, und kömmt, voll von Gedanken,
Vom stolzen Petersthor bis an die vordern Schranken.
Hier stund auf seiner Post ein ehrlicher Soldat,
Der noch die Flinte trug und auf die Wache trat,
Ob gleich sein graues Haar, die abgelebten Hände
Und manche Runzel wies, daß ihm ein nahes Ende
Vier Jahr bereits gedräut; der sein geladnes Rohr
Nie auf den Feind gekehrt, und dessen altes Ohr
Kein Stückschuß sonst betäubt, als der, der ihn erschrecket,
Wenn der bepflanzte Wall mit dickem Rauch sich decket.
An dem stieß, halb mit Fleiß, und halb aus Unvorsicht,
Der wilde Raufbold an, der mit sich selbsten spricht.
Wie wenn man mit der Hand an die bejahrten Rinden
Gehöhlter Weiden stößt, die in den sichern Gründen
Noch stehn, weil sie ein Bach, der sie benetzt, belebt,
Das zitternde Gebäu der alten Wurzeln bebt:
So wird von dem Soldat die dürre Brust erschüttert;
Er wankt vom starken Stoß, das schlaffe Haupt erzittert.
»Blitz, Donner, Hagel, Dampf, und Schrecken, Tod und Graus
Sey dir auf deinem Kopf! rief Raufbold wüthend aus.
Canalje, kannst du mir nicht aus dem Wege gehen?
Stehst du nur darum da, mir zum Verdruß zu stehen?«
Er sagts, und der Soldat, der sich nicht schlagen will,
Großmüthig ihn verschmäht, geht furchtsam, zitternd, still
Ins falbe Schilderhaus, wo er mit Freuden siehet,
Wie Raufbold durch das Thor mit großen Stiefeln ziehet.
Er geht indeß gespornt kühn mitten durch die Schaar,
Die zu der Mauren Schutz in diesem Thore war;
Sein hönisches Gesicht wies in den schiefen Blicken,
Nichts als die größte Lust, sie sämtlich zu zerstücken.
»Seht! dachten sie bey sich, seht dieß ist ein Student,
Der wohl noch diese Nacht das feste Thor berennt;
Der Himmel steh uns bey, fängt dieser an zu stürmen,
So wird uns dieses Thor vielleicht wohl kaum beschirmen.«
Sie fliehn. Der Renommist eilt mitten durch die Stadt.
Die Peitsche, die sich wild um ihn geschlängelt hat,
Sein aufgeschlagnes Kleid, das in ein Dreyeck schläget,
Macht, daß ihn jeder flieht, wenn sich sein Fuß beweget.
Die Schönen, die zuvor im Fenster sich gezeigt,
Erzittern, da er kühn durch glatte Straßen steigt;
Man schlägt das Fenster zu, die großen Scheiben klirren,
Und mitten in der Flucht muß sich ihr Haar verwirren.
Dieß sieht der Renommist, sein wild Gelächter tönt;
Die Luft entweicht zurück, da er die Schönen höhnt
»O könntet ihr dieß sehn, rief er, geliebte Brüder!«
Indem erblickt er sich im blauen Hechte wieder.
Ein kleiner Sybarit hört seines Schutzgeists Wort;
Und kaum war Raufbolds Fuß aus grünen Linden fort:
So sah man schon den Geist die gelben Flügel schwingen,
Und das, was er gehört, zu seinem Führer bringen.
»O sprach er: Lindamor, der Fechter, den wir sahn
Mit fürchterlichem Schritt sich unsern Linden nahn,
Der wird nun ganz gewiß die kurzen Kleider hassen;
Denn sonsten müßt er die, die er doch liebt, verlassen.
Sein Schutzgeist nur hat Schuld, daß er sich nicht bekehrt:
Von dem wird er bestraft, von dem wird er gestört,
Wenn er sich ändern will. Ist dessen Stolz gedämpfet,
So ist auch Raufbolds Herz bestritten und bekämpfet.«
So sprach er: Lindamor hört dieses Geistes Wort;
Er hebt den schlanken Fuß, sein Fittig trägt ihn fort.
Er war der schönste Geist halbnackter Sybariten,
Hold war er an Gestalt, und hold an Gang und Sitten.
Sein Haar glich diesem Haar, das unsre Stutzer ziert,
Sein hoh und stark Tupe, steil in die Höh geführt,
Glich einem schroffen Fels; wie steter Schnee den decket:
So war dieß ewig weiß, vom Puderreif verstecket.
An beyden Seiten wies des langen Haares Pracht,
Der Locken runde Reih, die dieser Geist erdacht;
Denn diesen hat zuerst ein langes Haar geschmücket.
Der Stutzer ahmt ihm nach, den man, wie ihn, erblicket.
Ein schwefelgelbes Paar von Flügeln decket ihn;
Sein rauschendes Gewand ist ohne viel Bemühn
Nachläßig aufgeknüpft; es flattert in den Lüften.
Ein himmelblauer Schurz ziert die gewölbten Hüften.
Er stürzt sich in die Luft; sein Flügel sinket schon,
Und die Galanterie sieht ihn vor ihrem Thron.
Da, wo Vincennens Schloß sein altes Haupt erhebet,
Um das gesunde Luft in leichten Wolken schwebet,
Wo Staatsgefangne sonst ein klein Vergehn gebüßt,
Eh die Galanterie zur Wohnung sichs erkießt,
Liegt ein verschonter Wald von Zeit, und Sturm, und Winden,
Den Zärtliche nur sehn, und nur Verliebte finden.
Hier hat kein Winter noch den Baum vom Laub entblößt,
Kein Nordwind, der den Hauch aus wilden Backen stößt,
Hat je die Luft durchirrt; nichts darf den Hayn durchdringen
Als Schäfer, die von sich die eigne Schwachheit singen.
In dem halbnackten Busch, den nur die Blüthe deckt,
Steht manche Schäferinn durch junges Laub versteckt.
In diesem sichern Wald hebt aus den festen Gründen,
Sich ein Palast empor, ein Kranz erhabner Linden,
Der sich um diesen Bau mit tausend Zweigen krümmt,
Macht ihn dem unsichtbar, der seinen Weg hier nimmt.
Die Thür beglänzt die Reih verzierter Marmorseulen,
Um die mit krummem Zug geschlanke Reben eilen.
Man sieht an dieser Thür ein Frauenzimmer stehn;
Bald ist ihr Auge wild, bald furchtsam und doch schön.
Im Anfang scheint sie frech; drauf zitternd, still und blöde,
Und wenn man sie besiegt, ist sie am meisten spröde.
Die Zärtlichen sieht sie auch zärtlich schmachtend an,
Und wilde macht sie sich durch Frechheit unterthan.
Verführung nennt man sie; stets sinnt sie, sich zu zieren,
Denn dieses ist ihr Amt, gefallen und verführen.
Sie ändert, wie das Herz, auch täglich das Gewand;
Die sich dem Tempel nahn, führt sie mit weisser Hand
Zu der Galanterie, die hier mit Blicken krieget,
Und was sie sieht, auch reizt, und was sie reizt, besieget.
Etwas entfernt von ihr sieht man die Zärtlichkeit.
Was uns erträglich ist, wird schon von ihr gescheut;
Sie wird beym Pfänderspiel oft ganze Nächte wachen,
Und alle, die sie sieht, will sie zu Schäfern machen.
Gleich bey der Zärtlichkeit seufzt die Verzweiflung laut,
Stets droht sie sich den Tod, stets wird ihr Sarg gebaut,
Stets sucht sie ihren Schimpf durch Gift und Dolch zu rächen:
Jedoch ihr Gift ist schwach, ihr Dolch will niemals stechen.
Die Schwüre, die der Mund der Liebenden gethan,
Und die die That doch bricht, trifft man hier flatternd an.
Sie fliegen um den Hayn zu tausend großen Heerden,
Und endlich müssen sie zu Nachtigallen werden.
So gleich wenn man den Fuß in Tempel selbst gesetzt,
Wird der bestürzte Blick auf tausend Art ergetzt.
Auf einem stolzen Thron, den theures Erzt beschweret,
Sitzt die Galanterie, die man hier bückend ehret.
Zu ihren Füssen schwingt der kleine Gott, Roman,
Den sieggewohnten Pfeil. Ihn hat der Alten Wahn
Den Liebesgott genannt; mit seinen schwachen Händen
Regieret dieses Kind das Glück von allen Ständen.
Auf beyden Seiten steht, mit aufgeziertem Haar,
In einer langen Reih, der Moden bunte Schaar.
Am Nachttisch, welchen man dem Thron zur Linken schauet,
Sitzt unsre Leipziger, die ihr Tupe erbauet.
Der Franzen Mode sitzt zur Rechten, welche lacht,
Daß unsre Leipziger ihr vieles nachgemacht.
Wie Türk und Perser gehn, wie sich Europa kleidet,
Was noch der schwarze Mohr um schwarze Lenden leidet,
Dieß alles sieht man hier; man hält sie nicht für neu,
Drum sind sie auch beynah die letzten in der Reih.
Ganz hinten, ganz verlacht, sieht man, in finstern Ecken,
Die abgelebte Reih der alten Moden stecken.
Die alte deutsche Tracht, die sonst ein Herrman trug,
Wenn er um seinen Leib ein rauches Stierfell schlug,
Die sieht man oft betrübt nach ihren Töchtern sehen,
Die zwar mehr tapfer nicht, doch mehr verzärtelt gehen.
Zu diesem Tempel kömmt der zarte Lindamor;
Der Flügel gelbes Paar, der Himmelblaue Flor,
Der um die Hüften schlägt, und bald davon entweichet,
Macht, daß sein leichter Fuß den dicken Hayn erreichet.
Hier hört er, was der Mund der Schäferinnen sang,
Die ein Damöt zum Kuß, vom Kuß zur Liebe zwang,
Die bey der Heerde nur bloß darum schlafen wollten,
Damit die Schäfer sie durch Küsse wecken sollten.
»O! rief er freudig aus, zwar zärtlich stellt ihr euch:
Doch meine Leipziger sind euch hierinnen gleich.
Geht hin und fragt die Schaar von meinen liebsten Söhnen,
Ihr Auge, wenn es sieht, sieht es nach zarten Schönen.«
Er sagts; sogleich war er dem Thron der Göttinn nah.
Als sie ihn noch von fern mit trübem Antlitz sah:
»So rief sie schon bestürzt: was quälen dich für Sorgen,
Getreuer Sybarit, hast du an diesem Morgen
Dein schönes Haar verbrannt? ist es nunmehr zu kurz?
Wächst dein Tupe nicht mehr? verschießt dein blauer Schurz?
Nein, Göttin, rief er aus; wirst du betrübt mich finden,
So macht es bloß allein der schwere Schutz der Linden.
Du weißt, o Göttinn, schon, daß dort ein Renommist,
Den Leipzigern zum Trutz, uns zur Beschimpfung ist;
Du weist es, daß ihn noch ein Schlägergeist beschützet,
Der, statt uns hold zu seyn, ihn gegen uns erhitzet.
Sieh, dieser Renommist wird zu bezwingen seyn;
Er sah die Rothmündin, und diese nahm ihn ein;
Er war auch schon bereit, die kurze Tracht zu hassen,
Sein Jena zu verschmähn, das Schlagen zu verlassen.
Allein er ward verführt; sein Schutzgeist hielt ihn ab;
Der machte, daß er auch den Linden Abschied gab.
Doch, Göttinn, meynst du wohl, daß, da er sich entfernet,
Er Leipzig, Lieb und sich auch zu verschmähn gelernet?
Nein, große Göttinn, nein, du wirst von ihm geehrt.
Da er Sylvanen sah, ward er bereits bekehrt;
Sein glänzend Stutzerkleid hat seinen Stolz gedämpfet,
Im Herzen liebt er es, ob er uns gleich bekämpfet.
Jedoch die Rothmündin, die ists, die ist die Macht,
Die, was dein Reich vermehrt, und ich gewünscht, vollbracht.
Der, welcher wütend oft in seinen Feind gedrungen,
Sieht sich durch ihren Blick getroffen und bezwungen.
O Göttinn, schickst du nur den Gott Roman an ihn:
So liebt er, und er muß sein wildes Jena fliehn;
So wird er sich zu dir, o Leipzger Mode, wenden;
Und wenn er sich bekehrt, auch deine Sorgen enden;
So wird der Renommist, der uns so lang getrutzt,
Ein Stutzer, welcher sich am Nachttisch zärtlich putzt.
Und wie hat dann der Geist, der unsern Raufbold führet,
Ein solch gehärtet Herz, das keine Schöne rühret?
Wie Göttinn? wenn man ihm die schönste Mode schickt,
Wer weis, ob er sich nicht vor deinem Throne bückt?«
Er schwieg; der Tempel tönt, die bunten Pfeiler beben,
Und alles sucht den Geist durch Loben zu erheben.
Ein murmelndes Getöß macht aller Beyfall kund.
Doch die Galanterie eröffnete den Mund.
»Sie spricht, die Stille herrscht: so will denn Raufbold siegen?
Und dieser Schläger soll euch ungestraft bekriegen?
Ists möglich, Lindamor, er trägt noch seine Tracht?
Noch ist er nicht bekehrt? noch schmäht er meine Macht?
Wohl! will er, Mode, mich und dich, o Geist, verschmähen;
So laß ihn du, Roman, die Macht der Liebe sehen.
Geh hin, geliebter Sohn, vielleicht daß dir es glückt,
Du weist schon, wie man auch ein wildes Herz berückt.
Du aber, deren Macht ein ganzes Land erkennet,
Du Mode, die der Mund der Franzen reizend nennet,
Geh hin, bezwinge du den Renommistengeist,
Daß er in dich verliebt und mir gehorsam heißt.«
Sie sagts, der Gott Roman regt die gefärbten Flügel,
Und schwingt, wie Lindamor, sich über Thal und Hügel.
Indem sein schneller Flug durch leere Lüfte stieß,
Entdeckt er in der Näh das prangende Paris.
Er lachte, da ers sah; so oft ein Stutzer küßte,
So oft empfand er auch was ihm den Weg versüßte.
»O rief er, werthe Stadt, du bist es würdig, blüh!
So steigt mit deinem Flor auch die Galanterie;
Sie konnt in dir zuerst die neuen Moden pflanzen,
Verehre sie noch oft! Lebt wohl, geliebte Franzen!«
Sogleich theilt er aufs neu die Luft, die sausend weicht;
Er fliegt, bis er zuletzt das Rosenthal erreicht.
»Hier, sprach er, Lindamor, hier will ich von dir gehen,
Sieg ich, so wirst du mich vor meiner Göttinn sehen.«
Er sagts und eilte fort. Ein unbekannter Duft,
Der seinen Leib umgab, floß in die heitre Luft.
Wer diesen Duft empfand, ward reizend an Geberden,
Und mußte mit Gewalt verliebt und zärtlich werden.
So wie sich ein Comet in dicken Dampfkreis hüllt,
Der, wenn er unsre Luft mit seinen Theilen füllt,
Uns Tod und Schrecken dräut so ist sein Leib umringet:
Mit einem Götterduft, der uns zur Liebe zwinget.
O Raufbold, nimm dein Herz und deinen Muth in Acht!
Der Gott Roman ist schon auf deinen Fall bedacht;
Mit Pfeilen wird er nicht dein hartes Herz beschiessen;
Ein Dunst, ein leichter Dunst wirft dich zu seinen Füssen.
Er gieng in das Gemach, wo Raufbold mit dem Arm
Sein schweres Haupt gestützt; sein innerlicher Harm
Verrieth sich, ob er ihn gleich zu verbergen suchte;
Man sah es, weil er oft sich und sein Glück verfluchte.
Indeß umnebelt ihn der Dunst und die Gefahr;
Er springt halb wüthend auf, da er getroffen war.
So wie ein sichrer Hirsch aus seinem Lager setzet,
Wenn ihn in seiner Ruh ein wilder Pfeil verletzet,
Jedoch, indem er denkt, daß sich die Wunde legt,
Er mit dem Pfeil den Tod auf rothem Rücken trägt:
So flieht der Renommist, jedoch indem er fliehet,
So macht er, daß der Dampf sich stärker um ihn ziehet.
»Der Donner! rief er aus, verwandelt sich mein Blut?
Entflieht von mir die Kraft, entflieht von mir der Muth?
Warum bin ich verzagt?« Er schwieg, er setzt sich nieder,
Die große Schleife bebt, es zittern seine Glieder.
So wie die Pythia die wilden Haare streubt,
Wenn der geweihte Dampf sie auf dem Dreyfuß treibt,
Den starren Blick verdreht und erst zu gehn sich waget,
Bis der erblaßte Mund mit Schrecken wahrgesaget:
So sieht auch Raufbold aus; es schien um ihn gethan;
Die Liebe macht ihn stumm, doch endlich fieng er an:
»So bin ich denn besiegt? so soll ich in den Linden
Das, was mein kühnes Herz noch nie gefühlt, empfinden?
Nein, nein, ich will noch nicht der Liebe dienstbar seyn;
Noch soll kein Renommist sich ihr zum Sclaven weihn,
Noch soll ihr – – – aber ach! wie soll ich ihr entgehen?
Den Schnurren kann ich zwar, nur der nicht widerstehen.
Das Mägdchen war zu schön, die ich zuvor erblickt;
Da ich sie einmahl sah, so ward ich schon entzückt.
Ich liebe, doch euch nicht, ihr Brüder, zu betrüben,
So soll der Renommist auch renommistisch lieben.«
Er sagts, der Geist Roman hört es und wird vergnügt.
»Nun, sprach er, ist es Zeit, daß ihn mein Arm besiegt.«
So gleich nahm er Gestalt, und Gang und Tracht und Minen
Von seinem Schutzgeist an, der ihm zuvor erschienen.
»Mein Raufbold, war sein Wort, wohlan! ich geh es ein;
Da weder mein Geboth, noch mein erzürntes Dräun
Dich abgehalten hat, so magst du auch entbrennen,
Geh, liebe, doch nur so, daß dich Jenenser kennen.
Es ist die Rothmündin, womit dein Herz sich quält,
Die, die du gestern dir zu der Charmant erwählt.«
Kaum hat er dieß gesagt, als Raufbold auch entbrannte,
»So war, die ich gesehn, von mir gar die Charmante?
O, rief er grimmig aus, unglücklicher Sylvan,
Dein Tod ist schon gewiß und du bist Schuld daran.«
Bey den Jenensern ist ein alt Gesetz in Ehren,
Das alte Bursche stets die junge Nachwelt lehren,
Das man mit Ehrfurcht sagt und unverbrüchlich hält,
Bis in den ewgen Staub das alte Jena fällt.
Dieß ists: so oft man sich vor volle Gläser setzet,
Wählt sich der nasse Bursch die Schöne, die er schätzet.
Er wählt sie, und sein Glas wird ihr zu Ehren leer,
Zu ihrer Ehre fällt sein glänzendes Gewehr
Auf seines Feindes Kopf; und hat sie ihm gefallen,
So wird ihr Name stets durch lange Straßen schallen.
Er trinkt sich einen Rausch bloß auf ihr Wohlergehn;
Er kennt sie weiter nicht, als daß er sie gesehn;
Und dennoch wird er sie mit seinem Blut beschirmen,
Ja auf ihr Wohl allein die feste Wache stürmen.
Die Renommisten sinds, die dieß Gesetz erhöht;
Ihr sieggewohnter Stal macht, daß es stets besteht.
Sie werden eh Taback und Ehr und Jena meiden,
Als dieß Gesetz verschmäht und sich verachtet leiden.
Ein alter Renommist, als er im Zweykampf starb,
Und durch den letzten Stoß den letzten Ruhm erwarb,
Sprach noch mit blassem Mund zu seinem Secundanten:
»Beschützet dieß Gesetz, beschützet die Charmanten!
Die Seel entflieht mir jetzt, doch nicht mein Muth zugleich
Er und mein Degen kömmt nach meinem Tod auf euch.
Braucht ihn, daß dieß Gesetz kein Feiger je verhöhne;
Schimpft mans, so sterbt mit Ruhm, wie ich, für eure Schöne.«
Drum hielt es Raufbold auch, da ihn Sylvan verschmäht,
Da er in der Allee mit dieser Schöne geht,
Die er doch ungesehn Charmante schon genennet.
War es wohl ungerecht, da seine Rach entbrennet?
»Zum Henker! rief er aus, was denkt Sylvan von mir?
Denkt dieser Jungferknecht, ich sey nur darum hier,
Von ihm verhöhnt zu seyn? Mein Degen soll ihm zeigen,
Daß sich ein Renommist nicht wird vor Stutzern beugen.«
Er schwieg, der Gott Roman setzt durch die kleine Hand,
Die eine Fackel schwingt, sein Herz noch mehr in Brand,
Die Eifersucht sucht ihn mehr Argwohn zu erwecken,
Die Stirn beherrscht die Wuth, die Hand das falbe Schrecken.
»Mein Raufbold, lebe wohl! rief noch der Gott Roman,
Daß du auch liebend brennst, das, das hab ich gethan,
Geh hin, ich bin vergnügt; auch Schläger zu bezwingen,
Kann niemand sonst als ich mit solchem Glück vollbringen.«
So gleich begab er sich zu der Galanterie.
»O Göttinn, rief er aus, beglückt ist meine Müh!
Beglückt ist auch dein Reich, beglückt bist du, o Mode!
Der Stürmer ist gestürzt, der uns zu stürzen drohte.
Voll Feuer ist der Blick, sein Herz voll Eifersucht,
Dein liebster Sohn Sylvan wird zwar von ihm verflucht;
Er droht, ihn durch den Stal mit Schrecken zu verderben:
Allein, er wird nicht gleich von seinem Drohen sterben.
Jedoch, wenn wird einmal der Franzen Mode gehn?
Soll sie den Schlägergeist nicht auch bezwungen sehn?
Ja, rief die Göttinn, ja, laß, Freundinn, deinen Wagen,
Nunmehr dich durch die Luft zum Schlägergeiste tragen.«
Sie sagts, die Mode thuts; ihr Wagen wird verziert;
Er wird mit sanftem Schritt von Möpschen fortgeführt.
Ein Stutzer, der sein Glück gedankenlos besinget,
Ist an des Kutschers Statt, der sie zum Laufen zwinget.
Ein ganzes Geisterheer fliegt flatternd um ihr Haar.
Von weitem nimmt man es nicht um dasselbe wahr:
Doch wenn ein Dichter nur den Blick dahin erhebet,
So sieht er, daß die Luft von tausend Geistern lebet:
So wie, wenn man den Blick nach dem Orion lenkt,
Und einen einzeln Stern nur zu erblicken denkt,
Doch wenn wir alsobald des Sehrohrs uns bedienen,
Dieß achzig Sterne sind, was uns ein Stern geschienen.
Die Mode selber sitzt auf einem rothen Sammt,
Um den französisch Gold in krausen Trotteln flammt.
Gleich über ihrem Haupt schwebt in dem lüftgen Kleide
Mit freyem Blick der Reiz, mit heitrer Stirn die Freude.
Es eilt von ihrer Stirn ein bogigtes Tupe,
Das keine Deutsche schmückt, gekünstelt in die Höh.
Man hat es so gebaut, daß es in Locken schläget,
Daß ein Cylinder stets den andern zitternd träget.
Kein Puder hat noch je ihr schwarzes Haar durchirrt,
Damit die weisse Haut noch mehr erhaben wird;
Es fliesset lang gerollt auf ihre Schultern nieder,
Und spielend hebt sichs oft durch sanfte Weste wieder.
Dicht um den Hals schlingt sich, doch fremd, das Palatin;
Im Anfang scheint es oft die weiße Brust zu fliehn,
Doch eine Schleife muß mit dünnem Flor verstecken,
Was durch den muntern Blick die Stutzer gern entdecken.
Ein blaulichter Chrysett ist meist ihr liebst Gewand;
Den ausgezierten Stoff durchkreuzt ein weisses Band;
Es gleicht dem krummen Blitz, der in sich selbst verwirret,
Von dem geschwärzten Pol bis zu dem andern irret.
Ihr Wagen theilt die Luft; vor Henolds Caffeehaus
Trat sie, doch unsichtbar, aus ihrem Sitz heraus,
Sie wußte, daß dahin der Schlägergeist geflogen,
Weil ihn dahin ein Zank, den er gemacht, gezogen.
Sein Aug erblickte sie. So wie ein Landmann steht,
Und seinen starren Blick nach Apels Hause dreht,
Das durch den fremden Bau ihn stutzend an sich ziehet:
So stutzt der Schlägergeist, da er die Mode siehet.
Sie geht; sein Schritt wird ihr auch zitternd nachgerückt.
Kaum sieht er ihr Gesicht so wird er auch entzückt.
»Wer mag das Mägdchen seyn? fragt er, was für Geberden!
In die möcht ich verliebt auch noch in Jena werden,
Doch nimmt mir nicht ein Wahn die trüben Augen ein:
So scheint sie als ein Geist etherisch schön zu seyn.
Mein Seel! mich triegt kein Schein.« Er geht, sein steifer Rücken
Muß voller Ehrfurcht sich vor seiner Göttinn bücken.
Ein Lächeln, welches macht, daß er zu siegen glaubt,
Ein zierlich Sprödethun, das es ihm wieder raubt,
Ein schalkheitsvoller Blick erhitzet seine Triebe,
Er wird von ihr besiegt, und sagt ihr seine Liebe.
So wie ein alter Baum, der bey der Winde Wuth,
Die ihn umsonst bestürmt, stets unbewegt geruht,
Zuletzt dem wilden Hieb erzürnter Aexte weichet:
So wird der Schlägergeist, der einem Felsen gleichet,
Der alle Furcht verlacht, wenn er erzürnt gekriegt,
Von einer Leidenschaft, die er nicht flieht, besiegt.
»Geist, war der Mode Wort, Geist, soll ich dich nicht hassen,
So mußt du diese Tracht und deinen Stal verlassen,
So sey dein Held nicht mehr der jungen Stutzer Trutz;
Du aber kleide dich, wie der beliebte Putz.«
Sie sagt es; und sogleich sah man ihn seinen Degen
Halb ungern, und doch auch halb willig von sich legen.
Den Huth, und was ihn noch ein kriegrisch Ansehn gab,
Die großen Handschuh selbst, legt er bezwungen ab.
Indem ergriff der Scherz, der um die Mode spielte,
Den Degen, den so oft der Schnurr unsichtbar fühlte;
Er hielt den großen Stal in seiner schwachen Hand,
Vor dessen Wirkung auch kein Renommist bestand.
Mit spöttischem Gesicht verhöhnt er ihm die Klinge,
Das Stichblatt war zu groß, die Scheide zu geringe.
Der Tanz, ein loser Geist, nahm seine Handschuh wahr;
Er zog sie an, und both ihm sein paar weisse dar.
Von einem andern Geist ward ihm der Hut entführet,
Den die geschickte Hand französisch ausstaffieret.
Dieß sah der Schlägergeist: »wie? diese nackte Schar
Nimmt meinen Degen weg? ja sie verhöhnt ihn gar?
Canalljen! wollt ihr fort! geht mir aus dem Gesichte,
Wo nicht, so macht euch noch mein wilder Zorn zunichte.
Du aber, die du mich zu dieser That verführt,
Coquette, lebe wohl! ich bin nicht mehr gerührt.
Ich will zu meinem Held, zum Renommisten gehen;
Fliehn ist der beste Rath, sich nicht verliebt zu sehen.«
So sprach er: und entwich. Die Mode sieht ihn fliehn.
»Vergeblich ist also mein Reiz und mein Bemühn?
Schrie sie vor innrer Wuth: mich fast nicht anzublicken?
Dieß, dieses ist zuviel und doch muß es ihm glücken?
Sieh, o Galanterie! sieh des Verwegnen Muth!
O könnt ich nur. – – Sie schwieg, und ihr etherisch Blut,«
Das sonst in dem Gesicht mit Lächeln aufgegangen,
Entwich vor Zorn zurück, verlohr sich von den Wangen.
Sie eilt mit Schrecken fort zu der Galanterie;
Der Renommistengeist zum Raufbold, welcher schrie:
»Ja, ja, es ist gewiß, Sylvan, du mußt dich schlagen
Willst du nicht stets zum Spott des Feigen Namen tragen.
Wie? schlagen? Recht mein Sohn, so machts ein Renommist,
Der auch in Leipzig nicht sich und sein Amt vergißt.
Bemühe dich ja wohl, ihm ins Gesicht zu hauen,
So muß der Feige doch die Larve häßlich schauen.«
Drauf lief der Renommist und rief die Jungemagd:
»Hohlt die drey Freunde her, die ich euch schon gesagt.«
Sie geht, er wirft sogleich die großen Handschuh nieder,
Und voll vom nahen Kampf erwartet er die Brüder.

Justus Friedrich Wilhelm Zachariae

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Tag der Veröffentlichung: 01.10.2010

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