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Der Renommiste, Fünftes Buch



Die träge Finsterniß warf schon mit brauner Hand
Auf Leipzig Schlaf und Traum, die Still auf Feld und Land.
Schon sah man den Booth den festen Pol umgehen,
Und manche Welt mit ihm sich in den Norden drehen.
Die Schönen änderten die Farb in dem Gesicht,
Von ihrer glatten Stirn floh das erborgte Licht,
Das sie zuvor beglänzt, der Nachttisch, der sie schmückte,
Wars, der itzt ihrem Haupt den fremden Putz entrückte.
Wie wenn der wilde Nord die rauhen Flügel regt
Und sich vom kalten Pol zu unsern Hainen trägt,
Er noch das gelbe Laub dem nackten Wald entführet
Und falbe Blätter streut, wenn sich sein Fittig rühret;
So wird der Nachttisch auch mit Bändern übersät.
Der Putz entflieht nunmehr, die Schleifen sind verdreht.
Die Locken werden schlaff, gleich prangenden Narcissen,
Die, wenn der Abend kömmt, die Häupter neigen müssen.
Da kam der schwere Fuß von Raufbolds treuer Schaar
Auf den beglänzten Markt, der oft ihr Kampfplatz war.
Gestiefelt ist der Fuß, umgürtet ihre Lenden
Und Schlägerhandschuh sind an den bewehrten Händen.
Sie gehn, so oft ihr Fuß mit Schrecken niedertritt,
So oft erbebt der Markt und jeder Wächter mit.
Zuletzt erblicket sie der arme Raufbold wieder.
Vor Freuden ruft er aus: Willkommen, werthe Brüder!
»Itzt seh ich, daß ihr noch Jenensern ähnlich seyd,
Itzt seh ich, daß ihr auch in Leipzig mich nicht scheut.
Kommt, itzo sollt ihr hier als treue Räthe sitzen;
Euch folg ich, doch ihr müßt auch meinen Ruhm beschützen.«
In seiner Stube tönt ein allgemeines Ja;
Ihr Degen und ihr Arm ist ihm zum Beystand da.
Darauf erzählt sein Mund, wie ihn Sylvan verschmähet.
»Sagt selbst, rief er zuletzt, da er sich so vergehet,
Sagt, ist der Jungferknecht nicht meiner Strafe werth?
Ja, Bruder, riefen sie, was wäre sonst dein Schwerdt?
Was wäre sonst dein Arm, willst du ihn nicht gebrauchen?
Geh hin und laß den Schimpf mit seinem Blut verrauchen.«
Gleich schreibt der Renommist das kriegrische Cartell.
Da er von Rache hört, wird seine Feder schnell.
Sein Blatt und auch zugleich Sylvans geschwornes Sterben
Wird schleunig fortgeschickt, den Stutzer zu verderben.
Ein alter Hausknecht wars, der es zum Stutzer trug,
Jedoch sein Wesen war ein listiger Betrug;
Es war der Kobold selbst, der sich zum Hausknecht machte,
Und Raufbolds Fehdebrief dem Stutzer überbrachte.
Ein Schlüssel hing an ihm, der seinen Schatz bewahrt;
Um seine Lippen floß ein brauner Zwickelbarth.
Kurz: wie die Pallas sich in Mentor einst verstecket,
So ward er mit der Tracht vom Hausknecht überdecket.
Man wartet, ob der Kampf Sylvanen schmackbar dünkt,
Und man vertreibt die Zeit nach jenscher Art und trinkt.
Zweymal zerbricht dabey die volle Las in Stücken,
Zweymal muß man den Tisch aus braunen Fluthen rücken.
Wie wenn der nasse Sud im Herbst vom Meere stürmt,
Die schweren Dünste häuft und eine Wolke thürmt,
Die oft als wie ein Schlauch auf nahe Berge hänget,
Aus der, wenn sie zerbricht, sich ein Gewässer dränget,
Das alles überschwemmt und alles fliehen heißt:
So wird der Tisch benetzt, da dieß Gefäß zerreißt.
Sylvan empfing nunmehr das fürchterliche Schreiben.
Der Rothmündinn Befehl zwang ihn, bey ihr zu bleiben.
Es traf ihn das Cartell gleich bey dem Spieltisch an,
Und gleich sah er sich ihm die Schöne schalkhaft nahn.
Sie las, wie er, das Blatt. Vor Schrecken fällt sie nieder;
Sie sinkt in einen Stuhl; es zittern ihre Glieder.
So wie ein Feiger bebt, wenn ihn um Mitternacht
Ein polterndes Geräusch mit Schrecken munter macht,
Und wenn er ein Gespenst darbey zu sehn geglaubet,
Die lächerliche Furcht ihm die Empfindung raubet:
So bebt auch sie vor Angst, ihr schöner Mund wird blaß,
Der Wangen Röthe flieht, ihr Auge selbst wird naß.
Die Seufzer flieht Sylvan, die ihn zu ändern drohten,
Und spricht mit innrem Grimm zu Raufbolds schnellem Bothen:
»Verwegner, geh und sprich zum tollen Renommist,
Daß, ob Sylvan nicht prahlt, er doch nicht furchtsam ist.
Sprich, daß ihm morgen noch mein Degen zeigen solle,
Daß auch ein Leipziger sich tapfer schlagen wolle.«
Hierauf geht er zurück. »Du bist nicht meiner werth,«
Rief seine Rothmündinn, die alles angehört,
»Sylvan, Sylvan, ists wahr, du willst ein Schläger werden?
Ja, ja du bist es schon in Sitten und Geberden.
Geh, Wilder, geh nur hin; doch rühme dich nur nicht,
Daß ich den je geliebt, der sich mit Schlägern ficht.
Geh hin, ich werde dich von nun an ewig hassen.
Dich, Lieb und Zärtlichkeit, will ich ergrimmt verlassen.
Doch warum bleibt mein Herz dir dennoch zugethan?
Warum verehr ich dich, feindseliger Sylvan?
Entweder mußt du nicht zum nahen Kampfe gehen,
Wo nicht, so muß ich dich und deine Gunst verschmähen.«
Sie schwieg. So wie ein Baum den stolzen Wipfel neigt,
Wenn ihn itzt bald der West, und bald der Ostwind beugt:
So wird Sylvan bestürmt. Bald heißt die Ehr ihn kämpfen,
Bald sucht die Zärtlichkeit den regen Muth zu dämpfen.
Doch endlich fing er an: »was forderst du von mir?
Die Ehre soll ich fliehn? bin ich nur darum hier?
Ein Stutzer und zugleich ein feiges Weib zu heissen?
Nein, Schöne, nein, verzagt kann ich mich nie erweisen.
Viel lieber will ich hier wild und verwegen seyn,
Als einen blassen Stal von meinem Feinde scheun.
Wie würde Jena nicht die Leipziger verschmähen,
Nein, morgen soll man mich im Rosenthale sehen.
Da stürz ich meinen Feind, ich hab ihn da besucht,
Doch hab ich stets den Gang zu diesem Kerl verflucht.
Du hast ihn selbst gesehn, du hast ihn selbst betrachtet;
Er war in der Allee, in der ich ihn verachtet.
Drum fordert er mich aus; ich willige darein.
Auch er hat mich verschmäht; er soll bestrafet seyn!
Wie? hörte man darauf die Schöne trostlos klagen:
Mit diesem Renommist wilst du den Zweykampf wagen?
Armseliger Sylvan, worein begiebst du dich?
Dein fürchterlicher Feind raubt dir, durch einen Stich,
Dein Leben, ja mich selbst. Wird man mir Nachricht geben,
Daß du getödtet bist, so wünsch ich nicht zu leben.
Grausamer, sieh, wie hoch dein seltnes Wüten steigt,
Du bist, Rachgieriger, in Leipzig nicht erzeugt;
Sonst wüßtest du ihn wohl großmüthig zu verklagen.
Nie hast du gegen mich die kleinste Gunst getragen;
Vergebens bitt ich dich; denn hab ich wohl dein Herz
Durch Thränen weich gemacht? hat dich mein wahrer Schmerz
Ein einzigmal gerührt? Geh hin in dein Verderben,
Geh, dich bedaur ich nicht, denn du verlangst zu sterben.«
Ihr misvergnügter Blick, der den Sylvan erreicht,
Sprach noch, obgleich ihr Fuß ergrimmt von ihm entweicht.
So wie ein Schooßhund bebt, wenn von dem weichen Sitze,
Auf dem er ruhig lag, die aufgebrachte Hitze
Ihn wider Willen treibt, sich aus dem Zimmer drängt,
Die Augen niederschlägt, die schlaffen Ohren hängt:
So bebt der Stutzer auch; sein Fuß verläßt das Zimmer,
Aus dem die Schöne floh, und eilt beym Mondenschimmer
Nach seiner Wohnung zu; er flucht, er ist ergrimmt.
Sein frecher Feind wird schon dem nahen Tod bestimmt.
In jedem Putzgemach sitzt auf den großen Spiegeln
Ein aufgeputzter Geist mit himmelblauen Flügeln.
Da, wo das breite Band die große Schleife macht,
Ist dieser Geister Sitz, wo ihre Sorge wacht.
So oft ihr Amt befiehlt, die Schönen zu bebändern,
So oftmals können sie in Schleifen sich verändern.
Stets triegt ihr Angesicht; sie halten in der Hand,
Den Menschen unsichtbar, ein purpurfarbnes Band.
Mit diesem wissen sie die Schönen anzuziehen,
Daß sie die Arbeit zwar, doch nie den Spiegel fliehen.
Das Band wird leicht und zart um ihren Arm gethan;
Dann fesseln sie sie sanft am flachen Nachttisch an.
Der eine Geist, Rubor, erfuhr Sylvans Entschließen.
Er sah die Rothmündinn, er sah die Thränen fließen,
Die sie vor ihm vergoß. Er wird dadurch bewegt,
Und spricht: »Geist, den wie mich ein großer Spiegel trägt,
Den man hieher gebracht, den Nachttisch zu beschützen,
Ists möglich, kannst du itzt in stolzer Ruhe sitzen,
Da unsre Schöne seufzt, da unsre Göttinn klagt,
Ja da ein Stutzer sich in einen Zweykampf wagt?
Nein, Geist, laß uns bemühn, wo nicht den Kampf zu hindern,
Doch wenigstens die Noth der Schönen zu vermindern.
Wir müssen uns bemühn, daß, wenn Sylvan noch kriegt,
Er den Jenenser stürzt, und kämpft, jedoch auch siegt.
Wie würde sich um ihn die Rothmündinn betrüben?
Sie würde niemals froh, sie würde niemals lieben.
Und niemals träte sie vor unser Spiegelglas,
Vor welchem sie doch oft den ganzen Morgen saß.
Sprich, würde sich auch wer an diesen Nachttisch setzen,
Und unsern lüstern Blick durch Putz und Reiz ergetzen?
Nein, unser Reich muß auch in diesem Zimmer blühn,
An diesem Nachttisch muß sich manche Hand bemühn,
Vor unserm Spiegelglas die Locken aufzubauen,
Auf die mit munterm Blick geschmückte Stutzer schauen.«
Er schwieg. Der andre Geist, der gegen über war,
Zupft erst mit reger Hand das aufgeputzte Haar,
Wie oft ein Redner thut, der, eh er seine Blicke
Auf die Versammlung wirft, erst an der Staatsperücke
Die stolzen Zipfel faßt. Er hustet dreymal laut,
Eh er von seinem Blatt zu reden sich getraut.
Drauf sprach er: »kannst du auch von einem Freund dieß denken?
Geliebtester Rubor, mich, mich sollt es nicht kränken,
Wenn unsre Schöne seufzt? Nein, mir auch geht es nah.
Ich bin zu ihrem Schutz und dir zum Beystand da.
Wohlan denn! sprach Rubor, so gieb auf meinen Spiegel
Mit aller Sorgfalt Acht; mich tragen meine Flügel
Zu der Galanterie. Die schütze den Sylvan;
Sie schütz ihn, denn er ist ihr treuster Unterthan.«
Er wirft sich alsobald in die gewölbten Lüfte.
Sein dunkelrothes Band bestralt die nassen Düfte.
Er eilt, sein blauer Schwung, der durch die Lüfte streicht,
Macht, daß sein Fuß behend des Tempels Dach erreicht.
Wie eine Lerche sinkt, verstört man ihre Lieder:
So flattert dieser Geist auch auf die Erde nieder.
Sogleich begiebt er sich zu der Galanterie,
Und sprach vor ihren Thron: »sieh, große Göttinn, sieh,
Sieh einen Geist vor dir, den Zeit und Noth gezwungen,
Daß er von Leipzig sich zu deinem Thron geschwungen.
Er kömmt und meldet dir Sylvans beschloßnen Streit,
Des artigen Sylvans, den itzt ein Raufbold dräut,
Ein Raufbold, dessen Stal ihn grimmig wird zerspalten,
Suchst du nicht seinen Arm, o Göttinn, aufzuhalten.
Der Zweykampf ist gewiß, Sylvan ist voller Wuth,
Und Raufbold geht auf nichts, als auf sein rieselnd Blut.
Kaum glänzt das Morgenroth auf hoher Berge Spitzen,
So wird sie schon der Kampf im Rosenthal erhitzen.
O Göttinn, deine Macht steh diesem Stutzer bey,
Sonst stürzt ihn Raufbolds Faust«. Er schwieg, ein Lustgeschrey
Theilt die bewegte Luft; man wirft die lüstern Blicke
Auf diesen fremden Geist, und zieht sie schnell zurücke.
Ein murmelndes Geräusch schwirrt in der Göttinn Ohr,
Und jede Mode lobt den artigen Rubor.
Wie wenn im warmen Lenz das Volk der jungen Bienen,
Die sich das erstemal den Stock zu fliehn erkühnen,
Mit summendem Getöß um eine Tanne schwärmt:
So war auch das Geschrey, das in dem Tempel lärmt.
Die Göttinn winkt und sprach: »wenn doch der Renommiste
Nur meinen nahen Zorn und seine Schwachheit wüßte!
Er wäre nicht so kühn. Rubor, soll denn sein Stal,
Soll denn sein wilder Arm auch noch im Rosenthal,
Ja über meinen Sohn, den besten Stutzer, siegen?
Nein, wir sind stark genug, sein Auge zu betriegen;
Sind wir gleich nicht so stark, daß seine Raserey
Von uns gehindert wird. Wohlan, Rubor, es sey!
Es sey! Sylvanens Arm erlang auch Ehr im Schlagen;
Man soll durch meine Macht von ihm in Jena sagen.
So bald der Morgen graut, soll man im Rosenthal
Mich auf dem Kampfplatz sehn, nebst meiner Krieger Zahl.
Wir wollen den Sylvan im Kämpfen unterstützen,
Wir wollen unsichtbar sein zart Gesicht beschützen.«
Sie sagt es, und der Geist eilt auf den Westwind fort,
Und kam im Augenblick an seinen alten Ort.
Der Renommist erfuhr indeß Sylvans Bezeigen.
Der falsche Hausknecht sprach: sehr viel muß ich verschweigen
»Das er im Zorn geredt. Ihr wärt ein Renommist,
Der nur durch Raserey in Jena furchtbar ist.
Doch kurz, sein Mund versprach, mit seinem Stutzerdegen,
Euch in dem Rosenthal verächtlich zu erlegen.«
Er schwieg. Wie wenn der Nil sein nasses Haupt erhebt,
Die aufgebrachte Fluth erst um die Dämme schwebt,
Und denn, wenn keine Macht die stolzen Wellen hemmet,
Das Wasser auf einmal die Aecker überschwemmet.
»So war auch Raufbolds Zorn. Seht des Verwegnen Muth!
Es schlägt doch wohl in ihm ein jenisch tapfres Blut.
Beym Teufel! wenn Sylvan im Fechten glücklich wäre,
Und überwände mich; wo bliebe Ruhm und Ehre?
Doch nein, mein Name schon ist Stutzern fürchterlich.
Ich trau in diesem Kampf auf meinen Muth und mich.
Drum, Brüder, welcher will mein Secundante werden?«
Die Schaar veränderte die muthigen Geberden.
So wie ein Krieger bebt, wenn der Befehl ihn zwingt,
Daß er im ersten Glied mit in die Feinde dringt;
So sieht man auch die Schaar von Raufbolds Brüdern beben.
Sie liebten zwar sein Bier, jedoch noch mehr ihr Leben.
Dieß sieht der Renommist. »Ihr wollt Jenenser seyn?
Sprach er, und ihr erschreckt vor eines Degens Schein.
Nun will ich nicht einmal von euch, ihr feigen Seelen,
Da ihr so furchtsam seyd, den Secundanten wählen.«
Er schwieg. Der eine sprach: »verdamm uns nicht zu bald;
Du siehst an uns auch hier die jenische Gestalt,
Und auch ein jenisch Herz, das vor Begier schon brannte.
Es weis von keiner Furcht, ich bin dein Secundante.«
Im nahen Streit erschrickt ein munterer Husar,
Der von Begierde schon sich auf des Pferdes Haar
Mit krummem Sebel wirft, wenn ihn die tapfern Brüder
Im dicksten Kampfe fliehn; doch er erfreut sich wieder,
Wenn ein Freywilliger ihn tapfer unterstützt;
Er sieht es, und sein Schwerdt, das auf den Feind geblitzt,
Zeigt nun den blutgen Kopf erschlagner Saracenen;
Er schwebt mit krummem Leib an seines Pferdes Mähnen:
So rief auch Raufbold nun: »o Bruder, du hast Muth!
In dir erkenn ich noch das edle jensche Blut.
Komm, hilf mit mir den Feind, den stolzen Feind bezwingen,
Du kämpfst und siegst mit mir; uns muß der Streich gelingen.«
Ein Krug, der durch die Last selbst seine Hand beschwert,
Wird in dem Augenblick mit Freuden ausgeleert.
Wie wenn der laue Lenz die langen Nächte kürzet,
Der aufgelöste Schnee sich von den Felsen stürzet,
Mit rauschendem Getön in öde Thäler dringt,
Wo ihn im Augenblick der dürre Sand verschlingt:
So stürzt das braune Bier, bewegt von starkem Zuge,
In Raufbolds wilden Mund aus dem gefüllten Kruge.
Des glimmenden Tabacks verdoppelter Gebrauch
Umnebelt das Gemach mit aufgestiegnem Rauch.
Ein dicker dunkler Dampf steigt aus den rauhen Hälsen.
Den Tisch bedeckt die Zahl durchglühter Aschenfelsen.
So wie das gleiche Feld mit Hügeln sich erhebt,
Wenn mit bemühter Hand der blinde Maulwurf gräbt:
So ist die Tafel auch mit rauchenden Vesuven
Und Aetnen überdeckt. Drauf fing er an zu rufen:
»Ihr Brüder, da mein Kampf nunmehr beschlossen ist;
So folgt nur noch einmal dem tapfren Renommist.
Folgt mir, ich führ euch an; wir wollen etwas wagen,
Davon ganz Leipzig soll mit Furcht und Schrecken sagen.
Ich muß von Leipzig gehn; jedoch ich geh nicht ehr,
Als bis ich auch der Stadt mein glänzendes Gewehr
Und seine Kraft gezeigt. Der ausgestreute Schatten
Der dunklen Finsterniß kömmt uns hierbey zu statten.
Ihr wißts, durch Häscher wird der Gassen Ruh beschirmt.
Wie wärs, wenn unsre Faust die Häscher selbst bestürmt?
Kommt, laßt uns sie zerstreun, sie des Gewehrs berauben,
Und wenn sie Stang und Stock auf uns zu werfen glauben;
So nehmt die Stangen weg, und werfet sie getrost
Auf ihren eignen Kopf. Kommt, ich bin schon erboßt.
Mein Stal, mein Arm, mein Muth soll, Brüder, euch begleiten.
Ist Raufbolds Stal bey euch, könnt ihr die Welt bestreiten.
Kommt, fürchtet euch vor nichts; seyd tapfer, kämpft, und wagt,
So flieht die Räuberschaar bestritten und verzagt.«
Ein jeder fällt ihm bey: »ja, Bruder, laß uns kriegen!
Wir wollen unter dir die Feinde sehn, und siegen!«
Sogleich bewaffnet man die Hände mit dem Schwerdt,
Das vor Verlangen selbst aus weiter Scheide fährt.
Man eilet auf den Markt mit heimlichem Erfreuen,
Wie wenn ein Löwe sich aus öden Wüsteneyen
Des dürren Lybiens mit seinen Jungen trägt,
Und sich mit trägem Schritt nach einem Wald bewegt,
Er das verdorrte Laub mit scharfen Klauen drücket,
Der Buchen sprödes Holz mit breiter Brust zerstücket,
Und ein Geräusch erregt, das durch die Felder eilt,
Und in der finstern Nacht die stillen Lüfte theilt:
So hört man ihren Schritt und die gezognen Degen,
Auf dem itzt leeren Markt, ein sanft Geräusch erregen.
Da, wo der grüne Thurm am Rathhaus sich erhebt,
Ist der bekannte Platz, vor dem der Pursche bebt.
Da wohnt der Knechte Schaar. Das fürchterliche Schrecken
Steht an der dunkeln Thür, und an den beyden Ecken
Lauscht schlaue Hinterlist und die Verwegenheit,
Die allen voller Wuth, jedoch unsichtbar, dräut.
Dahin gelangt ihr Fuß; der Renommist steht stille,
Und auch die ganze Schaar; er sagts, gleich ists ihr Wille.
»Ihr Brüder, fing er an, ihr Brüder, die ich schon
In Jena angeführt, sprecht den Canalljen Hohn!
Kommt, ruft und wetzt und schreyt, daß sie ihr Loch verlassen,
So können wir sie frey an ihren Hälsen fassen.«
Sogleich durchdringt die Luft ein lautes Pereat!
Man schimpft auf ihren Kopf und flucht die Hälse matt.
Drauf wetzt die ganze Schaar; die Gluth fährt aus den Steinen,
Daß diese Krieger fast in lauter Funken scheinen.
So wie der Heiden Zevs den rothen Blitz ergreift,
Der schnell aus seiner Hand auf die Giganten streift:
So scheinen diese Zevs mit Gluth und Blitz zu spielen,
Indem sie mit dem Stal in glatten Kieseln wühlen.
Zuletzt gehn sie zur Thür, und Raufbold geht voran.
So wie Aeneas dort, was wenig noch gethan,
Mit fürchterlichem Schritt zu dem Cocytus eilet,
Den dicken Schwefeldampf mit seinem Schwerdte theilet,
Den Fürst der Höllen sieht und die Verstorbnen schreckt,
Wenn er den starken Arm auf falbe Schatten streckt:
So eilt auch Raufbolds Fuß zu der bewachten Pforte,
Mit seiner treuen Schaar, an diesem dunkeln Orte.
Das Schrecken bläst ihm zwar den Hauch in das Gesicht.
Er fühlt auch dessen Kraft; doch aber weicht er nicht.
Indeß erblickte man die fürchterlichen Schaaren,
Die Knechte, die schon nah am Renommisten waren.
Ein Harnisch, den noch nie ein treffend Schwerdt versehrt,
Bog sich um ihren Leib, den noch ein Stal beschwert.
Und destomehr bewehrt und fürchterlich zu heissen,
Füllt ihr verwildert Haupt ein alt verrostet Eisen.
Sie schwungen in der Hand die Stange, die so oft
Den kühnen Feind gestürzt, der auf den Sieg gehofft.
Die Spitze war behakt, schnell zum zurück zu weisen,
Und schnell, ein schön Gewand im Anziehn zu zerreißen.
Wie, wenn von dem Gebürg ein wilder Auer flieht,
Der seinen starken Feind, den gelben Löwen, sieht,
Er aus dem niedern Busch mit rauher Stimme schreyet
Und mit gehörntem Fuß den rothen Sand zerstreuet,
Den dickbemoßten Kopf hochmüthig seitwerts trägt,
Ihn an die steife Brust mit wilden Schütteln legt,
Sich endlich auf den Feind mit stolzen Schritten lenket
Und mit dem festen Horn ihn zu durchbohren denket:
So eilt der Renommist auf den verspürten Schwarm.
Flieht, rief er, oder sterbt! und gleich senkt er den Arm
Auf den umstählten Kopf, den er zuerst erblicket.
Jedoch er steht erstaunt, da ihn der Hieb nicht glücket.
Wie wenn ein Crocodill dem dichten Schilf entweicht,
Und ein Aegyptier, der schon vor Angst erbleicht,
Sich noch zu retten denkt, und seinen Sebel ziehet,
Doch durch den öftern Hieb den Arm umsonst bemühet;
Der Panzer, der die Haut des Crocodills umstählt,
Macht, daß der starke Hieb des breiten Sebels fehlt:
So gehts dem Renommist. »Ich glaube, rief er, Brüder,
Die Schaar bepanzert sich die fürchterlichen Glieder.
Werft eure Degen weg, folgt meinem Beyspiel nach,
Bedienet euch der List! Sogleich, da er dieß sprach,«
Erreicht er einen Pfahl nicht brennender Laternen;
Er schmiegt sich hinter ihm, die Feinde zu entfernen.
Jedoch den Augenblick nimmt er mit Schrecken wahr,
Daß man, mit wilder Faust, von seiner Brüderschaar
Zween aus dem Kampfe schleppt, die an zu fluchen fangen.
Er bebt, als fühlt er selbst schon die erzürnten Stangen.
In dieser Noth sprach er zu seinem Secundant,
Der seine Sicherheit noch unterm Sturmfaß fand:
»Auf, Bruder, schlag dich durch, jetzt denk an meine Lehre,
Sieg oder lauf davon; denn dieß bringt doch noch Ehre!«
Er sagts und dringt sogleich, da sich sein Zorn vereint,
Mit flüchtendem Geräusch durch den zertheilten Feind,
Sein edler Secundant folgt seinen schnellen Schritten;
Umsonst wird ihnen nur die schnelle Flucht bestritten.
So wie Serini sich einst durch die Türken schlug,
Den Sebel in der Hand, den Sieg im Herzen trug:
So schlug sich Raufbold durch; er kriegte noch mit Blicken.
Konnt er nicht in der That, so droht er zu zerstücken.
»Der Teufel hat den Kerls die Panzer angethan!
Sieh, Bruder, rief er aus, sieh meinen Degen an.
Wie hab ich ihn zerhaun! doch laß uns nur entspringen;
Man möcht uns sonsten noch um unsre Freyheit bringen.«
Er geht mit steifem Schritt, nach seinem Gasthof zu.
Es lag die halbe Welt jetzt mitten in der Ruh,
Und auch sein Gastwirth schlief schon auf dem müden Ohre;
Allein sein Schutzgeist kam und öffnete die Thore.
Doch warum stund er denn nicht seinem Helden bey?
Er hatte kurz zuvor, mit wüthendem Geschrey,
Den Caffeegott bestürmt, das Porcellan zerbrochen;
Drum hat er nicht gehört, was man vom Kampf gesprochen.
»O Bruder, geben wir wohl Alexandern nach?«
So sprach der Renommist im sicheren Gemach,
»Gieb Achtung, wie wir auch den Stutzer zwingen wollen,
Daß alle Leipziger an uns gedenken sollen.
Indessen mache dich und deinen Stal bereit,
Denn nun ist dieser Nacht doch keine Ruh geweiht.«
Dieß hört sein Schutzgeist an; sein gräßliches Gefieder
Trägt ihn behend davon; er läßt sich plötzlich nieder.
Da wo bey Jena man die stille Saale sieht,
Die oft ein ganzer Wald von Floßholz überzieht,
Sieht man das Paradies die langen Wiesen strecken,
Die ihre Flächen stets mit bunter Anmuth decken.
In diesem Paradies ist eine dunkle Gruft;
Sie wird, wenn sie ein Pursch bey ihrem Namen ruft,
Das Teufelsloch benennt. In dieser öden Grotte
Sieht man den seltnen Thron, von einen wilden Gotte.
Der Gott der Schlägerey hat seine Wohnung hier,
Der Hohn bewacht bemüht die rundgewölbte Thür.
Denn dieses ist der Geist, der manches Herz vergiftet,
Des Spotten meistentheils die Schlägereyen stiftet.
Ihm gegenüber steht die träge Trunkenheit;
Sie wankt bey jedem Schritt, sie rast, sie schimpft, sie schreyt,
Sie hält mit trübem Blick ein Paßglas in den Händen.
Das Schlagen ist ihr Recht, und ihre Kunst, Verschwenden.
Da irrt und wankt der Fuß der blassen Eifersucht;
Da hier der Argwohn tobt und dort die Zanksucht flucht.
Der Neid, das Spiel und Geld stehn an des Thrones Seiten,
Die noch die Unvernunft mit Lust zum Kampf begleiten.
Auf einem blutgen Thron sitzt, in besondrer Pracht,
Der Gott der Schlägerey, der alles zitternd macht.
Ein weißlichter Caput mit einem blauen Kragen,
Ist seine liebste Tracht, die er zeither getragen.
Ein Degen, dessen Stal das Eisen übertrifft,
Das man in Japan gräbt, und durch ein blaues Gift,
Das alles leblos macht, mit seltner Wuth bestreichet,
Ist an des Zepters Statt, vor dem der Schnurre weichet,
Sein Stichblatt ist so groß, als wie des Satans Schild,
Den Milton uns beschreibt. Manch fürchterliches Bild
Ist auf ihn eingeetzt. Die ersten Renommisten,
Wie sie den Himmel drohn durch Felsen zu verwüsten,
Giganten, sieht man hier; ihr scheusliches Gesicht
Verstellt noch mehr ein Mund, der Lästerungen spricht.
Auf die folgt Herkules, der um die starken Lenden
Die Haut des Löwen wirft. Er hält, mit festen Händen,
Den Riesen in die Höh, den er so knirschend drückt,
Daß er an seinem Kopf mit wildem Laut erstickt.
Der Macedonier, wie er die Welt bekrieget,
Wie dort Pompejus fällt, da Cäsar muthig sieget,
Und wie ein Roland ficht, wenn er die Riesenhand
Mit fürchterlichem Schlag auf seinen Feind gewandt.
Dieß alles sieht man hier. Von jäher Berge Höhen,
Die stets ihr bärtig Haupt in leichten Wolken sehen,
Sieht man den jenschen Markt. Da kämpft ein wüthend Paar,
Das bloß durch Lieb und Bier zum Kampf gekommen war.
Ein runder Burschenkreis, der sie bemüht umzirket,
Lacht freudig, wenn ein Stoß den andern Wunden wirket.
Nicht weit davon sieht man noch andre Stürmer stehn,
Die in der freyen Hand gesuchte Felsen drehn,
Mit einer Hand den Stal auf glatten Kieseln schärfen,
Und mit der andern Hand in stolze Scheiben werfen.
Zween andre, welche sich aus Unvorsicht berührt,
Sieht man, daß ihre Wuth darum den Degen führt.
Noch andre, die vergnügt in nassen Zimmern sitzen,
Im Saufen Helden sind, beym Taback rühmlich schwitzen,
Sieht man in vollem Zank. Ein großes Paßglas eilt
Nach eines Gastes Kopf, der sich im Ziehn verweilt
Kurz: die in Jena sich mit Ruhm geschlagen haben,
Die alle sah man hier im Stichblatt eingegraben.
Zum Gott der Schlägerey kam Raufbolds Schutzgeist an.
Er sprach vor seinem Thron: »sieh, was mein Arm gethan,
Sieh! Gott der Schlägerey, dein Raufbold kämpft und streitet,
Doch so, daß ihn der Ruhm bey jeder That begleitet.
Ganz Leipzig fürchtet sich vor seinem seltnen Muth.
Kein Stutzer nimmt nunmehr den aufgesteiften Hut
In den gebognen Arm; was soll ich größers sagen?
Noch Morgen wird er sich mit einem Stutzer schlagen.
Der Zweykampf ist gewiß, der Ort ist schon bestimmt.
Sylvan und Raufbold sind in gleichem Grad ergrimmt.
Vor kurzem hat er auch die Knechte selbst bestürmet,
Er hieb sich da auch durch, da ich ihn nicht beschirmet.
O du, des Zweykampfs Fürst, steh ihm auch Morgen bey,
Damit er noch zuletzt in Leipzig glücklich sey;
Denn er wird nach dem Kampf sogleich auf Halle reiten,
Und da von neuem blühn, und da von neuem streiten.«
Der grause Schlägergott, der von dem Throne sprang,
Sprach, daß vom starken Ton die runde Höl erklang:
»Wie sehr bin ich erfreut, daß Raufbold glücklich kämpfet,
Ja, daß er auch so gar den Stolz der Stutzer dämpfet.
Komm, ich beschütz ihn selbst. Ich kann es dir gestehn,
Daß ich mit keinem Blick das Leipzig ie gesehn,
Das zwar wohl prächtig ist, doch weibisch sich bezeiget.
Komm, daß wir, ehe noch die Sonne glänzend steiget,
Im Rosenthale sind.« Sein Flügel eilet fort.
Ihm folgt die ganze Schaar aus seinem Schreckensort;
Allein er heißet sie nach seiner Höhl entweichen;
Drey Schlägergeister sinds, die Leipzig mit erreichen.
Wie, wann sich von dem Feld ein schwerer Trappe hebt,
Die hartgepreßte Luft vor seinem Fittich bebt,
Der ihn erst nach und nach von grüner Erde bringet,
Bis er sich auf einmal schnell in die Wolken schwinget:
So bringt ihr schwerer Flug sie flatternd in die Höh;
Zuletzt erreichen sie die schattigte Allee.
Es war fast um die Zeit, da sich der Himmelswagen
Vom kalten Norden fort nach Osten zu getragen,
Als diese Geisterschaar in der Allee sich sieht,
Und ferner durch die Luft nach Raufbolds Zimmer flieht.
Man sieht sie im Gemach unsichtbar sich bewegen.
Der Renommist besah gleich seinen großen Degen,
Und sprach: »o welcher Stal, o Stal! mein höchstes Gut,
Mit dem ich meine Macht, mit dem ich meinen Muth
Den Schnurren oft gezeigt; o Stal, von seltner Treue,
Hilf, daß ich meinen Ruhm durch deinen Stoß verneue.
Sey mich zu schützen schnell, schnell in den Feind zu gehn,
Und fest, im ganzen Kampf vor deinem Herrn zu stehn.«
Er schwieg. Sein starrer Blick besieht die glatte Fläche;
Er beugt ihn und erforscht die Stärk und auch die Schwäche.
So wie Minervens Hand dem Telemach den Schild
Unsichtbar weggethan und ihn Egidens Bild,
Statt dessen hingelegt; so nahm auch Raufbolds Degen
Der Gott der Schlägerey, um seinen hinzulegen.
Armseeliger Sylvan, bewahre dein Gesicht!
Da Raufbolds kühne Faust mit Götterwaffen ficht,
Da wilde Geister ihn zum Kampf noch mehr erhitzen;
Wer will dich, o Sylvan, vor seiner Wuth beschützen?
Drauf sprach der Renommist, wormit wird diese Nacht,
Die bald die Erde flieht, noch vollends hingebracht?
Doch, daß wir Morgen früh nicht ohne Kräfte streiten,
So wollen wir uns selbst ein Lager zubereiten.
Er leget sich so fort mit siegesvollem Muth
Gestiefelt und gespornt auf den zerfetzten Huth.

Justus Friedrich Wilhelm Zachariae

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Tag der Veröffentlichung: 01.10.2010

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