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„Heilig, heilig, heilig“, singen
Ihrem Herrn die Seraphim,
Hüllen in die Silberschwingen
Bebend ihr Gesicht vor ihm;
Ihre Geisteraugen wagen
Sich nicht auf zu seinem Licht,
Ihre Engelslippen zagen,
Wenn ihr Mund das „Heilig“ spricht.

Herr, an des Altars Stufen
Knie‘ auch ich, dein schwacher Knecht,
Den zum Boten du berufen
An ein sündiges Geschlecht;
Aber weh, wie soll ich stehen?
Meine Lippen sind nicht rein,
Wo die Engel schier vergehen,
Wie kann ich dein Zeuge sein?

Mit den blöden Sünderaugen,
Trüb vom Schein des Erdentands,
Kann denn ich zu schauen taugen
Deiner Wahrheit Himmelsglanz?
Mit den schnöden Sünderhänden,
Von der Erde Kram bestaubt,
Sakrament und Segen spenden –
Ists dem schwachen Knecht erlaubt?

Weh! und diese Sünderlippen,
Noch vom Kelch der Freuden feucht,
Welchen zu vergnügtem Nippen
Schmeichelnd mir die Welt gereicht, --
Dürfen sie ein Wörtlein wagen,
Dreimal Heil’ger! deines Ruhms?
Dürfen sie die Perle tragen
Deines Evangeliums?

Die zerrissene Drommete,
Gibt sie auch noch hellen Ton?
Und ein sündiger Prophete,
Darf er keck den Sündern drohn?
Die beschmutzte Brunnenmündung
Spendet sie gesunden Trank?
Taugt zu reiner Heilsverkündung,
Wer noch selbst am Irrtum krank?

Nimm zurück die heilge Würde,
Ruf mich nicht ins Botenamt,
Das mich drückt als Zentnerbürde,
Das wie Feuer mich durchflammt;
Oder soll dein Knecht nicht dienen
Dir zum Schmach und ihm zur Pein:
Musst du selbst sein Herz entsühnen,
Selber ihm die Lippen weih’n.

Hast den Seraph du gesendet
Mit der Kohle vom Altar,
Als Jesaias glanzgeblendet
In den Staub gesunken war,
Der die Lippen ihm berührte,
Dass der Fluch der Sünde wich,
Dass er Geist und Feuer spürte:
„Herr, hie bin ich, sende mich!“ –

Schick auch mir den ernsten Engel,
Der das Gnadenwunder tut,
Meine Flecken, meine Mängel
Sühnet mit der Himmelsglut;
Nicht die Lippe nur zu rühren,
Nicht die Zunge nur zu weihn:
Ach, befleckt sind Herz und Nieren
Und vergiftet Mark und Bein!

D e i n e L i e b e , Ewigtreuer,
Die durch alle Himmel flammt,
Deine Liebe sei das Feuer,
Das mich sühnt füts heilge Amt!
B u ß e sei die heiße Kohle,
Die die Lippe mir besprüht
Und vom Haupte bis zur Sohle
Läuternd all mein Ich durchglüht!

So, von deiner Lieb entzündet,
Kein gewaltiger Prophet,
Nur ein Herold, der verkündet
Seines Königs Majestät,
Selbst ein Sünder, will ich rufen:
Sünder, kommt ins Gnadenreich!
Kniet nur an den letzten Stufen,
Ihr mit mir und ich mit euch!

Taug ich nicht zum scharfen Schwerte,
Leuchtend in der Geisterschlacht:
Wenn dein Geist, o Herr der Herde,
Nur zum Stabe „Sanft“ mich macht.
Bin ich keine Kriegsdrommete,
Der die Mauer Jerichos springt:
Brauch mich nur als Hirtenflöte,
Die auf Bethlems Flur verklingt!

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Tag der Veröffentlichung: 03.06.2011

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