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»Sie haben nun eine Stunde zur freien Verfügung,« sagte unsere Reiseleiterin. »Wir sehen uns am Bus wieder. Bis dann!«
Und schon schwärmte die Touristengruppe, zu der ich auch gehöre, in die Gassen aus. Wir hatten gerade eine Stadtführung hinter uns. Immer den Regenschirm hinterher, wer kennt das nicht?!

Lucca ist eine schöne, alte Stadt, ligurisch, etruskischen Ursprungs, mit einer 4,2 km langen Stadtmauer um den Stadtkern herum. Die Mauer ist 12 m hoch, bis zu 12 m breit und hat herzförmige Bastionen. Eine doppelte Baumallee krönt den Mauerring, den man zur Fußgängerpromenade ausgebaut hat.

Ich befinde mich in der wunderschönen Toskana, an einem herrlichen Sommertag, auf einer Piazza in Lucca. Eine Weile schlendere ich noch umher. Dann fällt mein Blick auf ein kleines Café mit ein paar Tischen und Stühlen vor dem Haus.

Links und rechts abgeteilt durch Pergolas, von denen Wilder Wein rankt. Es sieht recht einladend aus, die Korbsessel mit den rot-weiß karierten Auflagen und den azurblauen Stofftischdecken mit Fransen. Auf jedem Tisch steht eine schmale, weiße Blumenvase mit einer roten Rose darin.

Kurz entschlossen setze ich mich an einen freien Tisch und halte nach dem Kellner Ausschau.
Ein Blick in die Karte wäre überflüssig, denn ich weiß bereits was ich will.

Der Ober, ein junger, hübscher Italiener im schwarzen Anzug, kommt an meinen Tisch, und ich bestelle, wie ich es in der Volkshochschule gelernt habe:
»Buon giorno, io vorrei un Cappuccino, per favore!«
»Buon giorno, Signora. Si, un Cappuccino, subito!«
Er lächelt mich an und geht zurück ins Haus, um meine Bestellung aufzugeben.

Zwei Minuten später bringt er mir meinen Cappuccino.
»Prego« meint er und stellt ihn auf den Tisch.
»Grazie« erwidere ich freundlich und schaue ihm nach. Mmmhm, ganz mein Typ. Dunkle Augen und schwarze Haare, eben ein Italiener!

Ah, herrlich, es duftet nach Cappuccino!
Ich nehme etwas Zucker und rühre mit dem Löffel um. Dann führe ich den Löffel zum Mund und schmecke den, jetzt süßlichen Milchschaum auf meinen Lippen. Genüßlich fahre ich mir mit der Zunge darüber und schließe die Augen!

Als ich aufsehe, grinst mich eine junge Frau am Nachbarstisch an. Verlegen grinse ich zurück und rufe hinüber: »Endlich mal ein Cappuccino mit Milchschaum!«

Sie lacht. »Ja,« bestätigt sie mir und fügt hinzu, »in Deutschland bekommt man meistens nur Sahne!«
Ich nicke ihr zu und nehme einen kräftigen Schluck aus meiner Tasse. Mhm, das schmeckt. Der herb-würzige Geschmack zergeht mir auf der Zunge.

Erst jetzt nehme ich wahr, daß ganz in der Nähe ein Straßenmusikant singt. Ich lausche gespannt und erkenne das Lied.
Es ist eine Arie aus Giacomo Puccinis Oper Tosca. „E lucevan le stelle“. Ein Liebeslied, gesungen von Mario an seine Tosca, als er im Gefängnis sitzt. Dabei fällt mir das Video ein, in dem Plàcido Domingo den Mario Cavadossi spielt und singt.
Persönlich gefällt mir die Oper Carmen von Bizet am besten, aber wir sind ja hier in Italien.

Ja, hier in Lucca trällert es an jeder Ecke. Kein Wunder, denn Lucca ist der Geburtsort Puccinis. Ich werde nachher zu dem Sänger gehen und ihm ein paar Lira geben.

Gegenüber dem Cafe steht eine kleine, fast unscheinbare, alte Kirche! Leute gehen daran vorbei, nur ein paar ältere Italienerinnen mit Kopftuch bekreuzigen sich vor einer Madonnenstatue und gehen hinein. Eine Touristengruppe steht davor und macht Fotos.

In der Mitte der Piazza ist ein Brunnen. Drumherum sitzen junge Leute und reden. Ihre Vespas und Fahrräder stehen daneben.
Eine rot-weiße Katze schleicht sich verstohlen um eine Hausecke.Und dort drüben sitzen drei weißhaarige Männer vor dem Haus, rauchen Pfeife und spielen Karten!

Während ich noch beobachte, was sich alles auf der Piazza vor mir tut, bemerke ich, daß ich gerade den letzten Rest meines Cappuccinos getrunken habe!
Soll ich mir noch einen zweiten bestellen?
Ich sehe auf die Uhr. Nein! Schade, keine Zeit mehr! Die Stunde ist schon um.

»Pagare, prego« rufe ich dem Ober zu und strecke meinen Arm in die Höhe.
Wie in der Schule, fährt es mir durch den Kopf!
Der Kellner kommt und legt mir die Rechnung hin! 2000 Lire stehen darauf.
Ich gebe ihm 3000 Lire, denn der Cappuccino war wirklich gut!
 
 
buecherwurm116
Abdruck und Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Autorin. Geschrieben am 28.05.1996 / überarbeitet am 22.03.1997

Impressum

Texte: buecherwurm116
Bildmaterialien: Google
Tag der Veröffentlichung: 25.12.2010

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