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Prolog




Mein Vater war ein ganz besonderer Mensch! Sehr naturverbunden, gutmütig, auch jähzornig – durch und durch ein echter Masur vom Lande.

Nach dem Krieg konnte meine Familie nicht zurück nach Ostpreußen, es gehörte jetzt zu Polen. Ich habe in Niedersachsen das Licht der Welt erblickt. Drei Jahre nachdem meine zweite Schwester in meinem Geburtsort tödlich verunglückt war. Die älteste Schwester ist schon im Alter von sieben Jahren in Ostpreußen gestorben, die andere war zehn Jahre alt als sie verunglückte. Meine beiden älteren Brüder erfreuen sich noch des Lebens.

Wir sind sehr viel umgezogen, mein Vater fand irgendwie keine richtige Heimat mehr. Er starb dann leider schon mit 67 Jahren, als ich 20 Jahre alt war. Dies nur mal so zur Einführung. Die Geschichte, die ich erzählen möchte, geschah in einem kleinen Dorf im Emsland nach dem dritten Umzug, den ich miterlebt hatte. Meine Eltern hatten dort ein Haus mit vier Morgen (ein Hektar) Land gepachtet, das sehr dicht am Wald stand.

Unvergesslich




Meine Familie war in meinem zarten Alter von fünf Jahren nach Rastdorf gezogen, während ich in Düsseldorf in den städtischen Krankenanstalten, auf Leben und Tod lag. Es war eine verdammt harte Zeit für eine Fünfjährige, aus dem Koma zu erwachen und keine Mutter, kein Vater oder Bruder war an meiner Seite. Damals gab es nicht so viele Autobahnen, und die Autos waren auch noch nicht so schnell wie heute, schon gar nicht ein Matador-Verkaufswagen.

Nach vielen, vielen Wochen, wurde ich endlich von Mutti und Papa in mein neues Zuhause abgeholt. Ich glaub, mein ältester Bruder war auch dabei. Weiß ich jedoch nicht mehr sicher. Auf der Heimfahrt wurde mir erzählt, wie schön unser neues Zuhause ist, mit dem riesigen Garten, vielen verschiedenen Obstbäumen, Hühner, Enten und Gänse. Zwischen unserem Garten und dem Wald würde nur ein Haus stehen, also gar nicht weit von uns weg. Na ja, die Beschreibung der Fahrt erspare ich euch, auch meine erste Zeit. Nur soviel noch, leicht hatte es meine evangelische Familie in diesem katholischen Dorf nicht.

Natürlich hatte Papa mich abends auf den Schoß genommen und Geschichten von den masurschen Wäldern und Seen erzählt. Von Bibern, Luchsen, Elchen, Wölfen und Bären. Ob die Geschichten stimmten oder nicht? Wen interessierte es? Sie waren spannend, aufregend, und ich konnte nie genug von diesen Geschichten bekommen. Nun, was ich wirklich erzählen möchte, war ein mir unvergesslicher Tag mit meinem Vater im Wald. Zu welcher Jahreszeit weiß ich nicht mehr, jedenfalls waren die Zugvögel noch im Land.

In aller Frühe, es war die Zeit zwischen noch Dunkel und Dämmerung, sind Vater und ich los marschiert. Der erste Vogel meldete sich zögernd, eine Eule flatterte auf einen Baum. So nach und nach wurden es immer mehr Vogelstimmen, und wir kamen beim Hochstand an. Papa und ich sprachen die ganze Zeit kein Wort, um die Tiere nicht zu verscheuchen. Auf dem Hochstand wickelte er mich in eine mitgebrachte Decke ein, wenn man dort lange in der Morgendämmerung saß, stand oder kauerte, wurde es einem doch recht kalt. Und dann warteten wir. Über uns streiften noch vereinzelt Nachtvögel durch die Bäume, und unter uns sah ich sogar einen Fuchs. Ganz, ganz leise erklärte mir Papa die einzelnen Tiere. Ich kannte sie ja noch nicht. Plötzlich legte Papa seinen Finger auf meinen Mund, dass hieß: „Still jetzt, keinen Laut mehr!“ Genau gegenüber trat langsam ein Hirsch zwischen den Bäumen vor. Stolz hatte er den Kopf mit seinem imposanten Geweih erhoben, und witterte in alle Richtungen. Majestätisch sah er aus. Der Wind wehte aus seiner Richtung zu uns herüber, so dass er uns nicht wittern konnte. Vorsichtig setzte er einen Huf vor den anderen. Dann fing er an zu grasen. Dies muss das Zeichen für seine Frauen und Kinder gewesen sein, denn sie kamen nun auch auf das Gras bewachsene Stück Wald, um zu äsen. Es war für mich ein berauschender Anblick. So etwas Wunderschönes hatte ich noch nie gesehen. Zwischendurch spielten die Kitze. Sie waren wie die Menschenkinder übermütig, sprangen, hüpften und liefen kreuz und quer zwischen den anderen Tieren herum. Lange hatten wir dort oben gesessen und den Tieren zugeschaut, wir wollten sie ja nicht durch eine unbedachte Bewegung oder ein Geräusch vertreiben. Irgendwann konnte ich mich dann doch nicht mehr beherrschen, ich musste niesen. Ein Sonnenstrahl hatte meine Nase gekitzelt. Leider verschwand die ganze Herde im Unterholz des Waldes. Ich war den Tränen nahe. Doch Papa nahm mich in den Arm und tröstete mich mit den Worten: „Wir gehen jetzt öfter mal zusammen in den Wald, du darfst mich auch begleiten, wenn ich Pilze sammeln gehe.“ Diese Worte hatten mich wieder froh werden lassen.

Papa hielt sein Wort. Wir sind sehr oft gemeinsam im Wald gewesen und ich lernte die Vogelstimmen zu bestimmen, die verschiedenen Gräser, Kräuter und Pilze zu benennen, kurzum, Papa brachte mir die Natur und ihr Leben bei. Bis heute ist die Liebe zur Natur in mir geblieben, auch wenn ich leider wieder in einer Großstadt lebe.

Das war ein unvergesslicher Tag!
Mein Vater, ein unvergessener Mann!


Impressum

Texte: Gitta Weiß
Bildmaterialien: Gitta Weiß
Lektorat/Korrektorat: Gitta Weiß
Tag der Veröffentlichung: 02.09.2012

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