Cover

Prolog

 

Seitdem die Gletscher der letzten Eiszeit das Land neu geformt, und sie sich dann, als das Klima wieder wärmer geworden war, in den Norden zurückgezogen haben, liegt der Hügel Buku zwischen den Flüssen Trave und Wakenitz eingezwängt.

Von Süden kommend, fließt die Trave westlich des Hügels an ihm vorbei, nach Norden, in Richtung der Ostsee, um dort in dieses Meer zu münden.

Von Südosten her kommt die Wakenitz an den Hügel heran geflossen, um nördlich von ihm auf eine wasserundurchlässige Erdschicht zu stoßen, die den Fluss zwingt, hart nach links, fast um ganze 180° zu drehen, und in einem großen Halbkreis, östlich des Hügels längs, zuerst nach Südost, dann nach Süden, Südwest und schließlich in Richtung Westen zu fließen, um südwestlich des Hügels dann doch noch an die Trave zu gelangen und in ihr zu strömen.

So ist der Hügel Buku, seit die Gletscher der letzten Eiszeit sich zurückgezogen haben, fast ganz von Wasser umschlossen, nur an der Nordseite, durch eine schmale Landverbindung, ist er mit dem Rest des Landes verbunden.

Tausende von Jahren zogen Jäger durch das Land und nutzten den fast ganz von Wasser umgebenden Hügel als Übernachtungsstelle. Als die Menschen sesshaft wurden, siedelten Bauern auf dem Hügel und nutzten ihn für ihre Felder und Viehweiden.

Dann kamen die Slawen aus dem Osten, bauten auf dem Hügel eine Burg und eine Siedlung. Später wurde ungefähr 5 km nördlich des Hügels, dort, wo die Schwartau in die Trave mündet, eine slawische Siedlung, mit dem Namen Liubice, gegründet. Ein Fürstensitz entstand dort, und die Siedlung mit der Burg, auf dem Hügel Buku, wurde irgendwann aufgegeben. Nur noch reisende Händler und anderes fahrendes Volk kamen, auf ihren Reisen von Liubice nach Bardowick, oder in entgegengesetzter Richtung, auf dem Fernhandelsweg, der über die Halbinsel führte, auf den Hügel, und nutzten den verlassenen Burghof als Übernachtungsplatz.

So lag der Hügel Buku, A. D. 1138, verlassen am westlichen Rand des slawischen Siedlungsgebietes, mit einer Burg, die langsam verfiel, während von der Westküste des Landes her, und von Süden über die Elbe kommend, die Sachsen sich langsam aber sicher, westlich und südlich des Hügels, immer weiter ausbreiteten.

- 1- A. D. 1138Liubice brennt

 

Boruslaw saß still in seinem Einbaum im Schilf, den gespannten Bogen in den Händen. Er hatte seiner Frau versprochen, für morgen zwei oder drei Enten zu schießen. Sein Schwiegervater, der in Schleswig wohnte, war mit seiner Handelsware gestern eingetroffen und sollte entsprechend bewirtet werden. Boruslaw ärgerte sich ein bisschen, dass seine Frau so viel Aufheben wegen des Besuchs machte, aber Roger Olofsson war ein angesehener Handelsmann aus Schleswig, und war immer noch etwas verstimmt darüber, dass Boruslaw vor sechs Jahren seine Tochter geheiratet hatte. Boruslaw war ein Slawe. Nach Roger Olofssons Auffassung nicht die angemessene Verbindung für die Tochter eines Wikingers. Nur weil Boruslaw Rogers Tochter, ohne dass sie verheiratet waren, geschwängert hatte, hatte der alte Wikinger der Heirat im Nachhinein zugestimmt. Wobei Roger Olofsson inzwischen so in seinen Enkel vernarrt war, dass wohl eher die Tatsache, dass seine Frau die Verbindung ihrer Tochter verfluchte, ihn immer noch ab und zu abweisend wirken ließ.

Boruslaws Sohn, zu ehren von Boruslaws Schwiegervater Roger genannt, lag unbeweglich auf einer Decke im vorderen Teil des Einbaums und blies mit dem Mund gegen ein, zwischen den Händen gehaltenen Grashalm, um den Enten nachzuahmen. Roger würde nächsten Monat sechs Jahre alt werden, und sein Großvater hatte ihm kostbare Geschenke mitgebracht. Darunter auch ein Gladius, ein altes römisches Kurzschwert. Obwohl schon sicher fast tausend Jahre alt, war es durch gute Pflege immer noch eine schöne Waffe, und ihr Stahl war besser als bei den meisten Schwertern, die man im Slawenland schmiedete. Boruslaw war ja der Ansicht, dass ein Schwert, auch wenn es nur ein römisches Kurzschwert war, für so einen kleinen Jungen nicht das richtige Geschenk sei, aber er wollte nicht gegenüber seinem Schwiegervater undankbar erscheinen.

Nun lag Roger, der Beweis der Liebe zwischen Boruslaw und der Wikingertochter Freja, vor ihm im Einbaum und versuchte Enten anzulocken. Neben ihm lag das Geschenk des Großvaters. Auch wenn Boruslaw davon überzeugt war, dass ein Schwert auf einer Entenjagd nichts zu suchen hat, hatte er seinen Sohn nicht dazu bringen können, das neue Geschenk des geliebten Großvaters zu Hause zu lassen. Roger war vom Aussehen, über Freja, das Ebenbild des Großvaters. Blaue klare Augen und flachsblondes Haar. Boruslaw hatte dagegen dunkelbraune Haare und Augen. Es störte Boruslaw nicht, dass sein Sohn, vom Aussehen her, überhaupt nichts von ihm hatte. Im Gegenteil, immer, wenn er ihn ansah, sah er seine geliebte Frau vor seinem inneren Auge. Und wenn Roger in seinem Aussehen nicht so nach dem alten Wikinger geschlagen wäre, wer weiß, ob der Hass von Roger Olofsson sich wirklich in eine solch fürsorgliche Großvaterliebe gewandelt hätte, dass er sogar inzwischen den slawischen Schwiegersohn akzeptierte, und sich nicht durch das Fluchen seiner Frau groß beeindrucken ließ.

Voller Vaterliebe sah Boruslaw auf seinen Sohn, wie dieser versuchte, mit dem Grashalm, das Gequake der Enten nachzuahmen. Hier, in der kleinen Lagune, die von dem schmalen Bach Medebek ausgespült worden war, kurz bevor dieser in die Trave mündete, war es ein ideales Entenjagdgebiet. Schräg gegenüber, auf der anderen Seite der Trave, lag auf einer Halbinsel, dort, wo die Schwartau in die Trave mündet, ihr Heimatort Liubice. Nach dem der inzwischen verstorbene Slawenkönig Heinrich die Siedlung Liubice zu seiner Residenzstadt erhoben hatte, war der Ort erheblich gewachsen und hatte an Einfluss gewonnen. Der Kern der Siedlung bestand aus der Burg und der Kirche, um die ein stark befestigter Erdwall, mit Holzpalisaden auf der Wallkrone, errichtet war. Außerhalb der Wallanlage hatte sich, zum Ufer der Trave hin, eine Handwerkersiedlung entwickelt. An dem, der Burg gegenüberliegenden Südufer der Trave, nicht weit von der Lagune der Medebek entfernt, gab es inzwischen auch eine Kaufmannssiedlung. Bei Gefahr eilten deren Bewohner über den Fluss in die Burg.

Boruslaw schaute über die Lagune. Leichte Nebelschleier lagen in der Morgendämmerung über dem dunklen, stillen Wasser. Abgesehen von den Tönen, die sein Sohn mit dem Grashalm erzeugte, war es absolut still. Auch aus der Siedlung war noch kein Laut zu hören. Die ersten hatten dort wohl gerade erst ihr Nachtlager verlassen und saßen jetzt am Esstisch, um das Frühstücksmahl zu sich zu nehmen.

Plötzlich stob ein Schwarm Enten und Blesshühner in einiger Entfernung von der Wasseroberfläche in den Himmel. Boruslaw schoss schnell den Pfeil ab und traf, obwohl nicht richtig gezielt, eine Ente. Irgendetwas musste den Schwarm aufgescheucht haben. Vielleicht ein wildernder Hund, oder ein Reh, das dicht am Ufer durch den Bruchwald schlich.

Eigentlich sollte sein Sohn die Enten einzeln anlocken, die er dann lautlos mit dem Pfeil hätte töten können. Nun waren die Enten erst einmal verscheucht. Es hatte keinen Sinn mehr lautlos im Schilf zu warten. Boruslaw griff zu dem Paddel und fuhr aus dem Schilfgürtel raus, auf die offene Lagune, wo er die getroffene Ente tot auf dem Wasser treiben sah.

Gerade als Roger sich über den Bootsrand beugen wollte, um den toten Vogel zu ergreifen, ertönte von der Kaufmannssiedlung, auf dieser Uferseite der Trave, tosender Lärm. Boruslaw und sein Sohn erschraken beide. Boruslaw noch mehr als Roger. Er kannte die Geräusche. Man hörte lautes Gebrüll, panikartiges Schreien und das Schlagen von Eisen auf Eisen. Schnell paddelte Boruslaw wieder in den Schutz des Schilfes zurück. Jetzt war der Lärm auch von der anderen Seite der Trave, an der Handwerkersiedlung und der Burg zu hören.

Boruslaw paddelte durch den Schilfgürtel vorsichtig zum Ufer und gab seinem Sohn den Befehl, in dem vom Schilf verdeckten Boot zu bleiben, bis er zurückkommen würde. Er nahm den Gladius, das neben Roger lag, stieg leise aus dem Boot und schlich durch den Bruchwald in Richtung der Kaufmannssiedlung. Der Wind kam aus der Richtung der Siedlung und Boruslaw roch Feuer. Es war aber zu viel, um nur von einigen Kochstellen zu kommen. Kurz darauf hörte er auch das Prasseln des Feuers, und sah zwischen den Bäumen des Waldes durch, wie die Flammen hoch in die Morgendämmerung schossen. Es gab keinen Zweifel, die ganze Siedlung stand in Flammen. Vorsichtig schlich er bis zum Waldrand. Von hier aus konnte er die Kaufmannssiedlung auf dieser Uferseite überblicken.

Es war zu spät, um einzugreifen. Die ungefähr zwanzig, mit Schilf bedecken Holzhäuser standen in Flammen, und das Kämpfen hatte bereits aufgehört. Der Feind hatte sich um die Siedlung gescharrt, und als die Bevölkerung voller Panik aus ihren brennenden Häusern gestürmt kam, diese einfach abgeschlachtet. Zumindest die kampffähigen Männer waren ohne Gnade ins Jenseits befördert worden. Frauen und Kinder hatte man in der Nähe des Waldrandes zusammengetrieben. Ihr Schicksal als Sklaven in der Fremde war besiegelt. Noch immer war im Süden, im großen Konstantinopel, mit blonden und braunhaarigen Sklaven viel Geld zu machen. Vereinzelnd lagen noch verwundete Krieger der Siedlung auf dem Boden, aber ihr Leben war verwirkt. Die Fremden gingen in aller Ruhe durch die Reihen und erschlugen jeden von ihnen, der nicht bereits tot war.

Hier konnte Boruslaw nicht mehr helfen. Er zog sich wieder tiefer in den Wald zurück und schlich in einem großen Bogen zum Ufer der Trave. Dort angekommen sah er auf die Siedlung an der anderen Flussseite. Auch dort brannten die Häuser hoch auflodernd. Die Siedlung war verloren. Auch die Handelsschiffe, die am Ufer, an den, aus Holz gebauten Kaianlagen befestigt waren, fingen bereits Feuer. Fremde Krieger lauerten außerhalb der Feuersbrunst und erschlugen jeden, der versuchte, aus dem Flammenmeer auszubrechen.

Aber einige der Einwohner hatten sich anscheinend hinter den Wallanlagen der Fürstenburg verschanzen können. Man sah sie, neben den Soldaten, auf dem Wehrgang der Burg stehen, um den Feind abzuwehren. Die Burg hatte noch kein Feuer gefangen, aber schon flogen die ersten Brandpfeile über den Palisadenzaun hinweg. Kurz darauf sah man auch aus der Burg die ersten dunklen Rauchschwaden emporsteigen. Dann schossen die ersten Flammen aus den Schilfdächern der Burggebäude. Das Tor der Burg, das nach Süden lag und von Boruslaw eingesehen werden konnte, war geschlossen. Auf dem Turm über dem Tor standen Bogenschützen, die auf die Angreifer schossen. Die ersten Brandpfeile der Angreifer steckten aber schon im Turmdach. Zum Glück war dieses Dach nicht aus Schilf, sondern aus Holz. Holz brannte zwar auch, aber längst nicht so schnell wie Schilf. Aber das verzögerte nur kurz das unabwendbare Schicksal der Burgbesatzung und der, in die Burg geflüchteten Siedlungsbewohner.

Auf dem Wehrgang der Burg, hinter der Palisade, konnte Boruslaw, neben den anderen Kämpfern, auch die riesige Gestalt seines Schwiegervaters sehen. Der alte Wikinger schwang sein Langschwert wie ein junger Krieger und köpfte jeden Angreifer, der in seiner Nähe den Kopf über die Palisade steckte, mit einem kräftigen Schwerthieb. Dabei hatte er doch schon die fünfzig überschritten und war ein alter Mann. Der Feind hatte vom Wallgraben aus Leitern gegen die Palisade gestellt und versuchte diese zu stürmen. Noch war jeder Angriff abgeschlagen worden, aber Boruslaw sah, dass der Wehrgang nur dünn mit Verteidigern bestückt war. Nur wenige schienen es geschafft zu haben, sich aus der Siedlung hinter die Wallanlage, in zumindest vorläufige Sicherheit zu bringen.

Der Überfall musste eine totale Überraschung gewesen sein. Boruslaw fragte sich, wie das geschehen konnte. Von Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang wurde die Umgebung von Kriegern überwacht, und über Nacht standen Wachen auf dem Wehrgang und in versteckten Vorposten. Wie konnte denen so eine Heerschar entgangen sein? Und Boruslaw sah auch, außer dem Drachenboot von Roger Olofsson, keine Kriegsschiffe an dem künstlich angelegten Hafen.

Hatte es seine Frau hinter den Palisadenwall geschafft? Er musste es herausbekommen. Aber was sollte er machen? Über den Fluss schwimmen, und den Feind unerwartet von hinten angreifen? Das war sicher eine gute Taktik. Gut, wenn man zwei oder dreihundert Krieger hinter sich hatte. Aber alleine wäre es sein Todesurteil. Verzweifelt grübelte Boruslaw, was er machen sollte, aber ihm fiel nichts ein. Er alleine konnte die Burg mit den Insassen nicht retten. Sollte seine Frau noch in der Siedlung sein, war sie jetzt tot oder bei den Gefangenen, die Abseits von der Siedlung zusammengetrieben worden waren.

Boruslaw zog sich wieder in den Wald zurück. Er eilte, so schnell es ging, durch den Bruchwald, an der Lagune vorbei, flussabwärts, bis er glaubte, ohne entdeckt zu werden, die Trave durchschwimmen zu können. Schnell kam er in dem Wald nicht voran. Oft musste er bis zu den Knien durch Wasser gehen. Der Bruchwald war Überschwemmungsgebiet. Immer wenn der Wind aus Nordosten kam, drückte er das Wasser des Baltischen Meeres in die Trave, und das Wasser stieg in diese Niederung. Auch wenn später dann die Trave sich in ihr Bett zurückgezogen hatte, gab es hier große Flächen, in denen das Wasser stehen geblieben war.

Als Boruslaw wieder aus dem Wald ans Ufer trat, war die Siedlung selbst nicht mehr zu sehen, sondern über dem Uferschilf und Gebüsch nur das Flammenmeer der brennenden Gebäude. Er wendete seinen Blick flussabwärts, und dort sah er auf der anderen Uferseite, hinter der nächsten Flussbiegung, eine Reihe von Kriegsschiffen am Ufer liegen. Die Morgendämmerung war inzwischen so weit fortgeschritten, dass er auf einem der Schiffsmasten die Fahne des Ranenfürsten Race von Rügen erkennen konnte. Also waren die heidnischen Slawen von Rügen mal wieder unterwegs, um Beute zu machen. Das christliche Liubice war ihnen schon lange ein Stachel im Fleisch, aber bis jetzt hatten sie es nur immer gewagt, das Hinterland der christlichen Siedlung zu überfallen. Sie mussten sich mit anderen heidnischen Stämmen zusammengetan haben, um sich stark genug zu fühlen, die Siedlung selbst anzugreifen.

Boruslaw schätzte die Flotte auf fünfzehn bis zwanzig Schiffe. Bei so vielen Schiffen mussten es mehr als fünfhundert Krieger sein, die seinen Heimatort angriffen. Sie mussten schon in der letzten Nacht hier heimlich gelandet und Stellung bezogen haben. Bis zum Sonnenaufgang hatten sie sich sicher dann in den Wäldern um Liubice herum versteckt, sich an die Wachen in der Umgebung herangeschlichen und diese überwältigt. Sie mussten somit gewusst haben, wo in der Umgebung die versteckten Wachposten ihre Stellungen hatten. Der Überfall war also bestens vorbereitet gewesen und schon länger geplant.

An dieser Stelle konnte Boruslaw nicht durch den Fluss. Die Ranen hatten sicher Wachen bei den Schiffen gelassen, und die würden ihn, sollte er hier durch die Trave schwimmen, wohl sofort bemerken. Außerdem waren auf dem Weg zwischen den Schiffen und der Siedlung sicher Krieger unterwegs, um die geraubten Schätze an Bord der Schiffe zu bringen.

Boruslaw stapfte durch den morastigen Bruchwald wieder zurück. Er umging die Lagune, in der hoffentlich immer noch sein Sohn brav und unentdeckt im Boot versteckt lag, die noch brennende Kaufmannssiedlung an seiner Uferseite, und eilte so lange weiter flussaufwärts, bis er an eine Stelle kam, wo er glaubte, ungesehen durch die Trave schwimmen zu können. Dort band er sich mit seinem Gürtel den Gladius auf den Rücken und schwamm durch den Fluss. Das Drachenboot seines Schwiegervaters stand inzwischen, wie die anderen Handelsschiffe, auch in einem lodernden Flammenmeer, genauso wie die künstlichen Hafenanlagen aus Holzbohlen.

Am nördlichen Traveufer angekommen kroch Boruslaw durch das Uferdickicht, das flussaufwärts der Siedlung nicht abgeholzt war, bis zum Rand der Lichtung zwischen der Siedlung und dem Burgwall. Der Wind trieb die Hitze des Feuers direkt zu ihm. Teilweise wehte der Wind brennende Schilfbündel von den Dächern durch die Luft, die in dem Dickicht, in dem Boruslaw sich versteckt hielt, landeten. Er konnte kaum atmen, Funken sprühten ins Unterholz. Die Hitze war so groß, dass seine Augenbrauen versenkten. Jeden Moment musste er damit rechnen, dass das trockene und tote Holz Feuer fangen würde.

Boruslaw konnte von seinem Versteck aus die gefangenen Frauen und Kinder sehen, die auf der Lichtung, zwischen Siedlung und Hafenanlagen, zusammengetrieben worden waren. Es waren gerade einmal zwanzig Überlebende. Wo war der Rest? Hatten die sich alle in die Burg zurückziehen können, oder waren sie gar nicht mehr aus ihren brennenden Hütten heraus gekommen, und waren bereits verbrannt oder erschlagen?

Boruslaw erkannte die meisten Gefangenen. Seine Frau und seine Eltern waren nicht unter ihnen. Entweder lagen sie tot in der brennenden Siedlung oder sie hatten es geschafft, hinter den Palisadenwall der Burg zu fliehen. Aber auch dort würden sie nicht mehr lange sicher sein. Boruslaw war versucht, sich von hinten auf den Feind zu stürzen, aber er wusste, dass das keine Wende des Schlachtverlaufs bringen würde. Er konnte hier niemandem mehr helfen, und am anderen Ufer wartete sein Sohn, der ihn ab heute dringender brauchen würde als jemals zuvor, in einem Boot versteckt.

Boruslaw schaute sich um. Er beschloss erst einmal, zumindest solange das Holz nicht Feuer fing, hier im Versteck liegen zu bleiben. Sollte er, wenn die Burg gefallen war, feststellen, dass seine Frau noch lebte, konnte er immer noch sehen, ob er sie vor der Sklaverei retten konnte. Aber die Schlacht selbst war für die Verteidiger verloren.

Die Angreifer hatten inzwischen große Schilfballen und totes trockenes Holz vor das Tor der Burg gelegt und angezündet. Die Verteidiger versuchten zwar das Feuer, von dem Torübergang aus, zu löschen, wurden aber von Bogenschützen daran gehindert. Es dauerte einige Zeit, aber dann leckten die ersten Flammen am schweren Holz des Tores. Nun zogen sich die Ranen zurück. Sie warteten darauf, dass das Tor vom Feuer vernichtet wurde. Dann würden sie die Burg stürmen. Die Angriffe über Leitern, vom Wallgraben aus, wurden nur noch halbherzig fortgeführt, und dienten nur dazu, um zu verhindern, dass sich alle Verteidiger hinter dem Tor sammeln konnten, um dort noch schnell einen neuen Verteidigungswall zu errichten, bevor das Tor fiel. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Burg fallen würde. Oben auf der Wallanlage sah Boruslaw immer noch seinen Schwiegervater aufrecht sein Langschwert schwingen. Der alte Wikinger wusste sicher, dass seine letzte Stunde geschlagen hatte; aber solange er aufrecht mit dem Schwert in der Hand fiel, war sein Einzug in Walhalla gesichert. Roger Olofsson war noch ein Diener der alten Götter. Ein ehrenvoller Tod, im Kampf, bedeutete für ihn einen Ehrenplatz an der Festtafel von Odin.

Boruslaw schlug mit der Hand das Kreuz vor seiner Brust. Möge der alte Heide in Walhalla glücklich werden. Boruslaw kauerte weiter im Dickicht und rührte sich nicht.

Als die Sonne bereits langsam wieder nieder ging, krachte mit großem Getöse das Tor zusammen. Sofort stürmten die Raner mit lautem Kriegsgeschrei aus ihrer Deckung durch das zusammengefallene Tor in die Burg. Jetzt ging alles sehr schnell. Das Kampfgetöse erhob sich noch einmal kurz laut über die Flussauen. Auch die panischen Schreie der Frauen und Kinder, die es zu Beginn des Überfalls geschafft hatten, in die Burg zu fliehen, schallten zu Boruslaw herüber. Er musste sich die Ohren zuhalten, um es ertragen zu können. Es dauerte aber nicht lange, und der Kampf war vorbei. Boruslaw blieb weiter in seinem Versteck, bis zum Schluss.

Dann war es plötzlich fast still. Nur das Prasseln des Feuers war noch zu hören. Kein Schlachtenlärm mehr, keine ängstlichen Schreie. Nach dem Kampf zogen die Raner mit ihren Toten, den Gefangenen und den geraubten Schätzen aus der Burg, in Richtung ihrer Schiffe. Boruslaw achtete genau auf die Gefangenen. Weder seine Frau noch seine Eltern oder sein Schwiegervater waren darunter.

Die Abenddämmerung fing bereits an über das Land zu ziehen, als die Raner zu ihren Schiffen abgezogen waren. Als keine Bewegungen mehr bei der Burg und der Siedlung zu erkennen waren, eilte Boruslaw vorsichtig, jede Deckung ausnutzend, bis zu den Wallanlagen. Auch die Palisade der Burg brannte nun. Vorsichtig schlich er zum zerstörten Tor. Es war nicht auszuschließen, dass die Raner noch eine Wache zurück gelassen hatten.

Im Schatten des Walls schlich Boruslaw durch die Toröffnung und schaute sich um. Vor ihm standen die Mauern der Steinkirche. Das Dach der Kirche war brennend eingestürzt, nur die Mauern standen noch. Alle anderen Gebäude, aus Holz gebaut, brannten immer noch hoch auflodernd. Boruslaw spürte die Hitze der Flammen. Schnell eilte über den Hof. Die Leichen der Verteidiger lagen dort, wo sie gefallen waren. Die große Gestalt von Boruslaws Schwiegervater war leicht auszumachen. Er lag blutüberströmt an der Kirchenmauer. Er hatte wohl, als die Raner in die Burg stürmten, diese als Schutz für seinen Rücken benutzt. Drei Pfeile steckten in seinem Körper. Keiner dürfte tödlich gewesen sein, aber einer der Pfeile steckte in seiner Ferse. Rogers Helm, aus Stahl, war gespalten. Er musste einen Schwert- oder Axthieb in den Kopf bekommen haben. Bei seiner Größe war das nur möglich gewesen, wenn er schon auf die Knie gestürzt war. Gehirnmasse war durch den Spalt im Helm ausgetreten. Boruslaw beugte sich über den Leichnam und schloss dessen Augen. Dann wandte er sich ab und suchte seine Frau.

Die Verteidiger lagen über den ganzen Hof verstreut in ihrem Blut. Seine Frau lag nicht unter ihnen. Boruslaw wollte schon aus der Burg in Richtung der Siedlung eilen, um dort nach ihr zu suchen, da drehte er noch einmal um und schritt durch das ausgebrannte Kirchenportal in das Gotteshaus.

Die Holzbalken, die das Dach getragen hatten, waren auf den Boden gestürzt und brannten noch. Die Reste der Dachfläche, bestehend aus Holzlatten, lagen auch auf dem Boden. Das meiste davon war schon verbrannt und glimmte nur noch leicht vor sich hin. Das einzige Teil aus Holz in der Kirche, das nicht verbrannt war, war das schlichte Kreuz aus Eiche, das hinter dem steinernen Altar an der hinteren Kirchenwand befestigt war. Der Mönch, der hier in der Burg gepredigt und für das seelische Heil der Bevölkerung gesorgt hatte, war, wie der Sohn Gottes, mit Nägeln, die man durch die Hände und Füße getrieben hatte, an das Kreuz genagelt worden. Er lebte noch. Aus seinem Mund kam ein leises Stöhnen. Boruslaw schaute entsetzt auf die leidende Gestalt und trat näher zu ihr heran. Neben den Wunden an den Füßen und Händen hatte der Mönch noch eine schwere Wunde im Bauchbereich. Die Eingeweide quollen unter der Mönchskutte hervor, Richtung Fußboden. Der Kopf des Mönchs war nach vorne auf die Brust gefallen.

Der Mönch musste die Schritte auf dem Steinfußboden gehört haben, denn sein Kopf bewegte sich und hob sich etwas von der Brust ab. Boruslaw konnte erkennen, dass der Gekreuzigte versuchte, ihn mit den Augen zu erfassen.

„Töte mich. Im Namen Gottes. Oh bitte, ich flehe euch an, töte mich.“

Das kam so leise aus dem Mund des Leidenden, dass Boruslaw es kaum verstehen konnte. Er trat direkt unter das Kreuz. Der Mönch war im Grunde schon tot. Gott wusste es nur noch nicht.

„Ich kann dich nicht töten. Das ist gegen den Willen Gottes.“

„Um Gotteswillen, hilf mir. Töte mich - Bitte.“

Es war nur ein leises Flüstern, das vom Kreuz kam. Boruslaw zögerte kurz, schlug dann aber mit der freien Hand ein Kreuz vor seiner Brust, nahm den Gladius, und stach dem Mönch von unten direkt ins Herz. Das Stöhnen hörte auf. Der Kopf des Mönches sank zurück auf seine Brust.

Boruslaw kniete vor dem Kreuz nieder und betete für den Mönch, und dafür, dass Gott es ihm verzeihen möge, dass er dem Mönch das Leben genommen hatte. Dann erhob er sich wieder, drehte sich um und ging in Richtung des Kirchenausgangs.

Auf dem Weg zum Kirchenportal erblickte er seine Frau. Sie lag neben dem Eingang. Ihre Kleider waren fort. Man hatte sie sicher vergewaltigt. Gestorben war sie durch einen Schnitt quer durch die Kehle. Das Blut schimmerte schwarz auf dem Steinfußboden, die Haut ihres Gesichts war von Brandblasen aufgeplatzt. Sie hatte keine Haare mehr. Sicher vom Feuer. Die Beine und der Bauchbereich lagen verkohlt unter einem Haufen glimmender, heruntergefallener Dachlatten. Boruslaws Kiefermuskeln verkrampften sich, als er neben ihr niederkniete.

Bis jetzt hatte er während des ganzen Tages kaum Gefühle gespürt. Die ganze Zeit hatte er versucht seinen Verstand zu gebrauchen und aufzupassen, dass er nicht auch noch ein Opfer der Raner werden würde. Jetzt aber, als er die angekokelte Leiche seiner Frau sah, brach er zusammen und weinte bitterlich. Diese verfluchten Heiden. Es dauerte einige Zeit, bis er sich wieder einigermaßen im Griff hatte.

Zärtlich schloss Boruslaw mit seinen Händen die Augen seiner Frau. Er schob mit dem Schwert die noch glimmenden Latten beiseite, hob die Tote auf und ging mit ihr, vorsichtig, als ob er sich Sorgen machen würde, dass jede seiner Bewegung ihr noch Schmerzen bereitete, nach draußen. Dort legte er sie neben der Kirchenmauer ab und grub mit dem Gladius zwei Gräber aus. In das eine Grab legte er seine Frau, in das andere seinen Schwiegervater. Aus der Kirche holte er einige Balken, band sie mit Stricken, die im Hof lagen, zu zwei Kreuzen zusammen, und stellte diese jeweils an die Stirnseite der Gräber in eine kleine gegrabene Vertiefung. Auch der alte Heide bekam ein Kreuz.

Mit Tränen in den Augen, den Gladius über der Schulter tragend, verließ Boruslaw die Festung. Direkt vor der Burg lag ein Gefallener, von den Angreifern liegen gelassener Raner. Wohl ein Unfreier, sonst hätte man ihn sicher mitgenommen, um ihn an einem sicheren Ort, nach Heidensitte, feierlich zu verbrennen.

Langsam den Kopf drehend, schaute Boruslaw sich auf dem Schlachtfeld um. Er könnte gut noch eine Waffe und ein Schild gebrauchen. Wer wusste schon, gegen wen er sich hier noch verteidigen musste. Aber die abziehenden Angreifer hatten die Waffen der Gefallenen mitgenommen. Schwerter und Schilde waren kostbar. So etwas ließ ein Sieger nicht auf einem Schlachtfeld liegen.

Mit schweren Schritten ging Boruslaw zur brennenden Siedlung. Seine Eltern waren nicht in der Burg gewesen, er wollte daher nachsehen, ob sie in der Siedlung lagen, und vielleicht konnte er außerdem noch einige Gegenstände aus seinem oder aus einem anderen Haus retten. Die dünnen Wände der Häuser waren inzwischen nur noch zusammengefallene, vor sich hinglimmende Holzhaufen. Sie strömten zwar noch eine fast unerträgliche Hitze aus, aber die Flammen loderten nicht mehr gefährlich in alle Richtungen.

In seinem Haus angekommen, das in der Nähe des Flusses lag, fand er als erstes die verbrannten Leichen seiner Eltern. Sie mussten schon beim ersten Angriff erschlagen worden sein, oder hatten versucht, sich im Haus zu verstecken. Die Wände und das Dach des Hauses waren zusammengefallen und schwelten nur noch vor sich hin. Boruslaw stocherte mit dem Gladius in den Hausresten. Die einzigen verwertbaren Sachen, die er noch finden konnte, waren die Familienholzkiste aus schwerer Eiche, die das Feuer überstanden hatte, einige Eisenwerkzeuge für den Bootsbau, wie Hammer, Meißel und Messer, und einen Lederbeutel voller alter römischer Gold- und Silbermünzen, die in einer Ecke des Hauses in der Erde vergraben waren. Münzen, die Boruslaws Urgroßvater in seiner Jugend, als dieser bei dem großen Slawenaufstand im Jahr 1066 dabei gewesen war, in irgendeinem Kloster, weiter im Süden, das sie überfallen und gebrandschatzt hatten, geraubt hatte. Erst als der sächsische Gegenschlag seine Heimat verwüstet hatte, hatte Boruslaws Urgroßvater, mit den Beutestücken, die er am Körper tragen konnte, seine Heimat verlassen und hatte sich hier in Liubice als Zimmermann niedergelassen, um für die Handelsleute Boote zu bauen. Er hatte sogar zum Schein den Glauben gewechselt und brav das Kreuz, das die hier Lebenden in der Kirche anbeteten, verehrt. Boruslaw wusste, dass sein Urgroßvater im Innersten immer ein Heide geblieben war, aber, um es sich nicht mit den christlichen Handelsleuten zu verscherzen, die seine Boote kaufen sollten, hatte er immer sehr gläubig getan. Auch Boruslaws Großvater, sowie sein eigener Vater waren Zimmermannsleute gewesen und hatten am Ufer der Trave Boote gebaut. Und Boruslaw war, bis zum Überfall der Raner, der Gehilfe seines Vaters gewesen.

Außer den Gold- und Silbermünzen fand Boruslaw in einem Tonkrug noch einiges Kupfergeld. Diese steckte er in den Beutel zu den römischen Münzen.

In der Ecke ihrer Schlafstelle fand Boruslaw, unter den verbrannten Resten der Decken, einen kleinen silbernen Anhänger, ohne dem dazugehörigen Lederband. Thors Hammer. Ein nachträgliches Hochzeitsgeschenk von Roger Olofsson an seine Tochter Freja. Über Nacht hat Freja den Anhänger immer abgelegt gehabt. Sie musste, wie die meisten anderen in der Siedlung, noch auf dem Nachtlager liegend, von dem Überfall überrascht worden sein.

Boruslaws linke Faust krampfte sich zusammen und hielt in sich den kleinen Anhänger fest umschlossen. Schluchzend musste er sich auf die Eichenholzkiste setzen und verbarg sein Gesicht in seine Hände, dabei spürte er den silbernen Hammer in seine linke Wange drücken.

„Oh, Freja, warum bist du nicht mit uns zur Entenjagd gekommen, so wie schon so oft vorher, und Roger es auch diesmal wollte. Warum bist du zu Hause geblieben. Du mochtest doch diese Stille in der Lagune, wenn die Morgendämmerung gerade anfängt.“

Boruslaw senkte die Hände und schaute, durch Tränen verschwommenen Blick, auf den Anhänger.

 

Vor acht Jahren, Boruslaw war damals gerade achtzehn Jahre alt gewesen, war Roger Olofsson, ein riesiger Wikinger aus Schleswig, mit seinem Boot hier in Liubice aufgetaucht, um Handel zu treiben. Ein Heide durch und durch. Sein Schiff war leckgeschlagen und Boruslaws Vater hatte den Auftrag erhalten, während Roger Olofsson in der Handelssiedlung seine Ware verkaufte und tauschte, das Schiff zu reparieren. Es war ein Drachenschiff gewesen. Eines von diesen gefürchteten Booten, die in früheren Zeiten so oft Tod und Verwüstung in die Städte, Dörfer und Klöster an den Küsten gebracht hatten.

Boruslaw hatte sich damals im Stillen gefragt, wie Roger Olofsson an die Ware, die er hier anbot, gekommen war. War sie ehrlich erworben, oder war es die Beute eines Raubzuges gewesen? Roger Olofsson war mit einer wilden Mannschaft damals hier aufgetaucht, die für so manche Schlägerei in der Taverne gesorgt hat. Aber neben den wilden Gesellen hatte er auch seine Tochter mit auf diese Reise genommen. Ein nicht ganz fünfzehnjähriges Wikingermädchen, mit langen blonden, zu Zöpfen geflochtenen Haaren und klaren blauen Augen. Boruslaw hatte sich sofort in dieses Mädchen verliebt. Auch sie war von ihm angetan gewesen und hatte neugierig zugeschaut, wie Boruslaw mit seinem Vater zusammen das Schiff ihres Vaters reparierte.

Als das Schiff wieder instand gesetzt war, waren Boruslaw und das kleine Wikingermädchen, das den heidnischen Namen Freja trug, in der Zeit, bis Roger Olofsson wieder nach Schleswig absegelte, oft am Flussufer längs gelaufen und hatten sich dort im Schilf versteckt, sich gegenseitig Geschichten erzählt und geneckt. Ein Jahr drauf war Boruslaw im Frühling mit einem Handelsschiff nach Schleswig gefahren, da er sich nach dem kleinen Wikingermädchen gesehnt hatte.

Boruslaw war gerade von dieser Fahrt seit drei Monaten wieder zurück in Liubice, da tauchte Freja dort alleine auf. Boruslaw war mit seinem Vater gerade am Fluss dabei gewesen einen neuen Handelskahn zu richten, da stand Freja plötzlich neben ihm. Gar nicht so stolz, wie er sie kennengelernt hatte, sondern total verschüchtert. Es dauerte einige Zeit, bis er herausbekam, dass sie von ihm schwanger war, und ihre Mutter sie aus dem Haus geworfen hatte. So war Freja seine Frau geworden. Nicht ganz ein halbes Jahr, nach dem Freja unverhofft in Liubice aufgetaucht war, kam ein, vor Wut und Rachegelüsten kochender Roger Olofsson in die Siedlung. Als er von einem Handels- oder Raubzug wieder zu Hause eingetroffen war, hatte seine Frau ihm von der Schande erzählt, die ihre Tochter über die Familie gebracht hatte.

Mit gezogenem Schwert war Roger Ofofsson in das Haus von Boruslaw gestürmt, um demjenigen, der seine Tochter geschändet hatte, die Eingeweide aus dem Bauch zu schneiden und diese an die Bugspitze seines Drachenbootes zu hängen. Zum Glück waren Boruslaw und sein Vater damals nicht im Haus gewesen. Das erste, was der Wikinger im Haus erblickte, war seine, vor Glück über das ganze Gesicht strahlende Tochter, mit dem erst vor kurzem geborenen Kind im Arm. Dieser kleine Wurm besänftigte das Herz des Heiden, und als er auch noch erfuhr, dass der Kleine, nach ihm, Roger heißen sollte, war seine Wut verflogen. Seit dem war Roger Olofsson ein bis zweimal im Jahr regelmäßig nach Liubice vorbeigekommen, um Handel zu treiben, und um zu sehen, wie es seiner Tochter und dem, von ihm heiß geliebten Enkelkind ging.

 

Boruslaw legte behutsam den Anhänger in den Beutel mit den Münzen. Schwer erhob er sich von der Truhe und schüttelte energisch den Kopf. Sein Sohn – Frejas Sohn – brauchte ihn. Er musste jetzt stark sein. Er hatte keine Zeit, in Schmerz und Trauer zu zerfließen.

Boruslaw trug seine Eltern aus der noch rauchenden Hausruine in die Burganlage, zur Kirchenmauer, und begrub sie neben seiner Frau und seinem Schwiegervater in einem gemeinsamen Grab. Von zwei Toten, die im Hof lagen, nahm er sich deren Gürtel und band aus herumliegenden verkohlten Holzlatten zwei Kreuze zusammen, die er an die Stirnseite des Gemeinschaftsgrabes in die Erde steckte. Halb blind vor Tränen ging er danach wieder zu seiner Hütte, schulterte die Holzkiste, warf noch einen kurzen, schmerzhaften Blick auf die Reste ihres Nachtlagers, und ging zum Ufer der Trave.

Inzwischen war es dunkel geworden. Die Reste der Kaufmannssiedlung, am anderen Ufer der Trave, leuchteten gegen den dunklen Himmel. Aber auch das dortige Feuer war schon zusammengefallen. Es war nur noch die Glut des bitteren Restes, das noch seine Hitze und die glutrote Farbe ausstrahlte. Abseits im Dickicht fand Boruslaw ein nicht zerstörtes Boot. Er lud die Kiste ins Boot, nahm ein Paddel und paddelte zu der anderen Uferseite, und dort in die Lagune der Medebek, um zu seinem wartenden Sohn zu gelangen. Als er sich dem Schilfgürtel näherte, wo er seinen Sohn zurückgelassen hatte, rief er leise nach ihm. Es war absolut dunkel hier in der Lagune, der Mond von Wolken bedeckt, und er konnte nicht weit sehen. Plötzlich hörte er Schleifgeräusche im Schilf. Direkt vor ihm schob sich der Einbaum aus dem Schilfdickicht.

„Was ist mit Mutter“, fragte der Junge. Roger wusste, was geschehen war. Das Feuer der Kaufmannssiedlung und der Schlachtenlärm hier und auf der anderen Uferseite hatten ihm gezeigt, was passiert war.

„Sie sind alle tot. Mutter, die Großeltern, auch der große Roger Olofsson ist gefallen. In der Siedlung ist niemand mehr. Wer nicht getötet wurde, ist als Sklave auf die Schiffe verfrachtet worden. Wir sind alleine.“

Sie versteckten das Boot und die Kiste, die Boruslaw aus seinem heruntergebrannten Haus gerettet hatte, in dem Schilfgürtel der Lagune und paddelten mit dem Einbaum die Medebek bachaufwärts. Sollten die Raner die Umgebung noch unter Beobachtung halten, dann sicher nur in der Nähe des großen Flusses. Bachaufwärts der Medebek, die durch einen fast undurchdringlichen Bruchwald floss, dürften sie vorläufig sicher sein.

Während Boruslaw leise paddelte, hörte er seinen Sohn vorne im Boot leise vor sich hin schluchzen. Ihre Welt war zusammengebrochen. Auch Boruslaw wusste nicht, wie es weiter gehen sollte. Die Familie war tot, und das Zuhause glimmte hinter ihnen nur noch als ein Haufen zusammengefallener und verbrannter Balken.

Nach dem sie ungefähr eine römische Meile bachaufwärts gepaddelt waren, kamen sie an ein etwas höher gelegenes Uferstück, das zwar auch von sumpfigem Bruchwald umgeben war, aber selbst eine kleine trockene Fläche bot, in die man nicht einsackte, wenn man sie betrat. Hier zogen sie den Einbaum an Land und legten sich in ihm zum Schlafen. Boruslaw legte die Decke über seinen Sohn. Im Mondlicht, das eine Wolke freigegeben hatte, konnte er sehen, dass der Junge ihn verstört anschaute.

„Versuch zu schlafen. Morgen werden wir weiter sehen.“

„Ich will zu Mama.“

„Deine Mutter ist tot. Genauso wie deine Großeltern.“

„Aber Opa können die doch gar nicht besiegen.“

„Dein Großvater hat gekämpft, wie es sich für einen Wikinger gehört. Aber es waren zu viele.“

„Was wird jetzt aus uns?“

„Ich weiß es nicht. Wir müssen morgen sehen. Schlaf jetzt, mein Sohn.“

Boruslaw legte die Decke um seinen Sohn. Es wurde kühl hier im Wald. Er selbst legte sich ins hintere Teil des Bootes, und versuchte zu schlafen. Den Gladius legte er griffbereit neben sich, auch wenn es unwahrscheinlich war, dass während der Nacht ein Geländeunkundiger sich durch den sumpfigen Bruchwald schleichen würde.

Er hörte seinen Sohn im Bugteil des Bootes leise vor sich hin weinen. Auch Boruslaw hätte am liebsten laut los geschluchzt. Das Bild seiner Frau tauchte immer wieder vor seinen inneren Augen auf. Er hielt sich die Hände vor das Gesicht und wischte die Tränen fort. Er musste jetzt stark sein. Sie hatten alles verloren. Morgen mussten sie die ersten Schritte zum Überleben gehen. Boruslaw hatte noch einen Sohn. Um ihn musste er sich kümmern.

Im Norden schimmerte die rötliche Glut der niedergebrannten Siedlung am dunklen Himmel. Der Wind musste gedreht haben. Der Gestank von verbranntem Holz und Fleisch legte sich über die beiden einzigen Überlebenden des Überfalls, die nicht gefangen genommen worden waren, nieder.

 

- 2 - Flucht zum Hügel Bucu

 

Boruslaw wurde in der ersten schwachen Morgendämmerung des nächsten Tages wach. Ihm war kalt. Er spürte, dass seine Kleidung über Nacht klamm geworden war. Leichter Bodennebel war über Nacht aufgezogen und hatte sich wie eine feuchte Decke über den Boden gelegt. Noch verschlafen griff Boruslaw nach der Decke, um sie sich über die Schultern zu ziehen. Erst als seine Hände die Decke nicht fanden und ins Leere griffen, erinnerte er sich wieder daran, dass er nicht zu Hause in seinem Bett lag, sondern im Bruchwald der Medebek in einem Einbaum, und dass ihre einzige Decke sein Sohn hatte.

Er öffnete die Augen und lauschte. Es raschelte im Unterholz. Vorsichtig griff er zu dem Schwert. Das Rascheln verschwand wieder. Wohl nur ein kleines Tier bei der morgendlichen Nahrungssuche. Eine Eule schrie irgendwo in den Baumkronen. Boruslaw entspannte sich. Sollten sich Menschen durch den Wald schleichen, hätte die Eule diese längs bemerkt und hätte sich still davon gemacht. Außerdem war es unwahrscheinlich, dass jemand im schwachen Licht der Morgendämmerung sich durch den Bruchwald, in dem man bei jedem Schritt tief ins Wasser oder in die sumpfige Erde einsank, schleichen würde.

Er streckte seine steifen Glieder und schaute zu seinem Sohn. Der Menschenhaufen unter der Decke bewegte sich nicht. Roger schien noch zu schlafen. In der Nacht war Boruslaw mehr als einmal wach geworden und hatte dann immer das leise Wimmern seines Sohnes gehört. Am liebsten hätte er sich, immer wenn er nachts wach geworden war, neben seinen Sohn gelegt, um ihn zu trösten, aber dazu war der Einbaum zu schmal. Irgendwann in der Nacht war Roger dann anscheinend doch eingeschlafen.

Langsam und vorsichtig hob Boruslaw seinen Kopf und spähte über den Bootsrand in die Umgebung. Es war wirklich kein Feind zu sehen. Der Morgennebel strich so dicht über den Waldboden, dass zumindest der Kopf und der Oberkörper eines Menschen zu sehen gewesen wären, wenn jemand denn durch den Wald schleichen würde.

Boruslaw stand leise, um seinen Sohn nicht zu wecken, auf, nahm das Schwert und machte einen Rundgang am Rande der kleinen trockenen Bodenerhebung, auf der sie genächtigt hatten, und kontrollierte die Umgebung. In Norden war, am fast noch dunklen Himmel, immer noch ein leichtes rotes Leuchten zu sehen. Die schweren Balken in der überfallenden Siedlung glimmten immer noch. Während Boruslaw vorsichtig mit seinen Augen die Umgebung untersuchte, überlegte er, was jetzt zu tun war. Sie brauchten eine neue Heimat. Die Siedlung war verbrannt und es war zu gefährlich, dort wieder eine Hütte zu bauen. Wer wusste schon, wann die Rügener wieder auftauchen würden. Und nur mit seinem Sohn zusammen konnte er keine neue Siedlung gründen.

Bevor er sich aber um eine neue Heimat kümmern konnte, brauchten sie etwas zu essen. Vielleicht gab es in der niedergebrannten Siedlung einen abgelegenen Erdkeller, den die Rügener nicht geplündert haben. Egal wo sie ihre neue Hütte bauen würden, sie brauchten auch Werkzeug. In der ausgebrannten Siedlung würde er sicher Werkzeug finden. Auch wenn die Holzgriffe verbrannt sein würden, dürfte doch der Stahl von Äxten, Hämmern, Messern und anderen Sachen die Flammen überlebt haben. Alles, was verwendbar war und sie transportieren konnten, musste er holen; und zwar gleich heute Morgen. Das Feuer war weit zu sehen gewesen. So manch Neugieriger, der irgendwo in der Nähe in einer einsamen Hütte wohnte, würde sich heute Morgen auf den Weg machen, um zu sehen, was aus Liubice geworden war. Dass die Siedlung den Flammen zum Opfer gefallen war, dürfte jedem, der die Feuerbrunst gesehen hat, klar sein. Aber war es nur Unvorsichtigkeit gewesen oder hatte es einen Überfall gegeben? Das musste erkundet werden, und auch, was man aus den verkohlten Resten für sich herausholen konnte. Schon bald würden die ersten Plünderer auftauchen.

Boruslaw ging wieder zum Einbaum zurück und weckte vorsichtig seinen Sohn.

„Wir müssen los.“

Roger pellte sich aus der Decke und kletterte aus dem Einbaum.

„Wohin?“

„Ich muss noch einmal in die Siedlung. Wir brauchen Nahrungsmittel und Werkzeug, und wir müssen uns dafür beeilen. In ein paar Stunden werden Schmarotzer auftauchen und die Trümmer nach Verwertbarem durchwühlen. Bis dahin müssen wir wieder verschwunden sein.“

„Wohin verschwunden sein?“

„Ich weiß es nicht. Wir müssen aber erst einmal zur Siedlung. Wohin es dann geht, können wir uns noch auf dem Weg überlegen.“

„Ich habe Hunger.“

„Wenn wir Glück haben, finden wir auch etwas zu essen. Los, fürs Jammern haben wir jetzt keine Zeit. Trauern müssen wir später.“

Boruslaw zog den Einbaum wieder in die Medebek, hob den Sohn in das Boot und stieg selbst ein, nahm das Paddel und paddelte den schmalen Bach abwärts, Richtung Trave. In der Lagune paddelte Boruslaw in den Schilfgürtel, in dem er das Boot versteckt hatte, mit dem er gestern aus der Siedlung zurückgekommen war. Dort hob er seinen Sohn in das Boot.

„Du wartest hier, bis ich wieder komme.“

Roger begann zu weinen.

„Du darfst mich nicht verlassen.“

„Ich komme ja wieder. Ich muss in die Siedlung, um Nahrung und Werkzeug zu finden.“

„Ich will mit.“

„Nein. Das ist viel zu gefährlich. Ich verspreche dir, dass ich so schnell wie möglich wieder zurück komme.“

Roger klammerte sich an den Hals seines Vaters.

„Roger, ich habe jetzt keine Zeit, dir alles zu erklären. Du musst hier bleiben. Sei ruhig. Bleib still im Boot liegen, damit dich keiner sieht oder hört, sollte jemand die Gegend durchkämmen.“

Boruslaw riss den Jungen von seinem Hals und drückte ihn in das Boot neben die Eichenkiste, die er bereits gestern aus seinem ausgebrannten Haus geholt hatte.

„Sei jetzt still. Ansonsten gefährdest du uns beide.“

Boruslaw schüttelte seinen Sohn an den Schultern.

„Ich muss mich auf dich verlassen können. Kann ich das?“

Roger nickte schluchzend, wurde dann aber still.

Boruslaw strich mit einer Hand sanft über das Haar seines Sohnes.

„Ich beeil mich.“

Dann nahm er das Paddel und bewegte den Einbaum aus dem Schilfgürtel auf das offene Wasser. Vorsichtig, immer um sich schauend, paddelte er zur Mündung der Lagune. Ganz am Rande des Fahrwassers, fast schon im Schilfgürtel, steuerte er vorsichtig aus der Lagune in die Trave. Er schaute auf die gegenüberliegenden Reste der Siedlung und der Burg. Das Holz qualmte noch. Wilde Hunde und Krähen hatten sich über die Leichen hergemacht. Boruslaw war froh, seine gefallenen Verwandten gestern noch begraben zu haben. Menschen, die durch die Ruinen schlichen, konnte er nicht entdecken. Schnell, ständig die Siedlung im Blick, paddelte er über die Trave. Er rechnete jeden Augenblick mit einem Pfeilregen, aber nichts passierte. Am anderen Ufer angekommen schob er den Einbaum, damit es vom Fluss aus nicht gesehen werden konnte, ans Ufer, hinter einen Haufen ausgebrannter Holzbalken einer früheren Baracke am Hafen.

Er nahm den Gladius und ging auf die ehemalige Handwerkersiedlung zu. Es roch schon nach Verwesung. Einige Hunde knurrten ihn aus sicherer Entfernung an. Sie wollten ihre Beute nicht mit ihm teilen. Kam Boruslaw in die Nähe von Leichen, hob sich ein Schwarm schwarzer dicker Fliegen von den Toten. Männer, Frauen und Kinder lagen verstreut herum; keine Schweine oder Rinder. Diese hatten die Angreifer mit auf ihre Schiffe genommen, wohl um damit ein Festmahl zu veranstalten.

Boruslaw durchstöberte vorsichtig die Reste der Häuser. Er sammelte alles ein, was nicht verbrannt und für ihn verwertbar war. Das waren hauptsächlich Dinge aus Stahl und Eisen. Äxte, Zangen, Hämmer, Messer- und Dolchklingen, Meißel, Sicheln und Sensenblätter. In der Schmiede fand er sogar einige Stahlstangen, die eigentlich zu Schwertern hätten geschmiedet werden sollen. Auch einige Tonkrüge waren heil geblieben. In einem Haus fand er sogar Brotlaibe. Die äußere Schicht war zwar verkohlt, aber das Innere war bei einigen Laiben noch essbar. In vielen Ruinen fand er total verkohlte Menschen, nicht mehr erkennbar, wer sie zu Lebzeiten gewesen waren. Stocherte Boruslaw in der Nähe der Verbrannten und Erschlagenen nach Verwertbarem, war er sofort von einem dicken Schwarm Fliegen umgeben.

Kurz war Boruslaw versucht, die ganzen früheren Freunde und Bekannten auch an der Kirchenmauer zu begraben, aber er unterließ es. Gott musste sie auch so, ohne christliches Begräbnis, zu sich in den Himmel einlassen. Boruslaw dachte kurz an den Mönch, der wohl immer noch in der Kirche am Kreuz hing. Zumindest den sollte er vom Kreuz nehmen. Er hatte sich schon erhoben, um in die Kirche zu gehen, drehte sich aber schon nach ein paar Schritten wieder um. Er war jetzt nur den Lebenden verpflichtet. Er durfte nicht wegen der Toten seinen Sohn gefährden. Die Toten konnten nur auf Gottes Gnade vertrauen. Vielleicht war der Mönch ja sogar, wie Gottes Sohn am Kreuz gestorben, seinem Herrn näher als die anderen Opfer.

Boruslaw packte alle gefundenen Schätze in den Einbaum. Er musste mehrmals gehen, um alles, was er gefunden hatte, auch im Boot verstauen zu können. Nach dem er alles, was verwertbar war, in das Boot gelegt hatte, suchte er nach verborgenen Erdkellern, die die Rügener nicht gefunden hatten. Abseits des Ortes fand er endlich so einen Vorratsraum. Fast schon im Unterholz versteckt, hatten die Angreifer ihn übersehen. Boruslaw räumte das tote Holz, was über dem Eingang lag, beiseite und öffnete diesen. Er fand im Keller einige Tonkrüge mit Getreidekörnern, Obst, Gemüse und Käse. Er schleppte, soviel der Einbaum noch tragen konnte, zum Boot. Dann verschloss er wieder den Erdkeller und legte sorgfältig das tote Holz wieder über den Eingang, sodass dieser bei einem flüchtigen Blick nicht zu sehen war. Vielleicht würde er hier noch einmal herkommen, um weitere Lebensmittel zu holen. Zum Schluss ging er noch einmal vorsichtig durch die Siedlung und über den Burghof. Von der Palisade war nur noch wenig übrig. Nur noch einige verbrannte, verkohlte Holzstumpen. Für einen neuen Feind kein Hindernis. Nirgends gab es Leben; außer den Hunden, den Krähen und den Fliegen. Kurz blieb Boruslaw vor den Gräbern seiner Verwandten stumm, ohne zu beten, stehen. Er bückte sich kurz, strich zärtlich über den Grabhügel seiner Frau. Dann erhob er sich und verließ die Burgruine.

Als Boruslaw glaubte, nichts mehr finden zu können, was noch in den Einbaum passte, eilte er zurück zum Ufer, zog das Boot ins Wasser und paddelte so schnell er konnte über den Fluss, um in die geschützte Lagune zu gelangen. Der Einbaum war so voll beladen, dass die Reling nur ein paar Fingerbreit über der Wasseroberfläche endete, aber Boruslaw schaffte es, ohne in den Fluss zu versinken, auf die andere Uferseite. Am Eingang in die Lagune schaute er sich noch einmal um. Noch waren keine anderen Menschen der Umgebung dort aufgetaucht, um sich an den Resten zu bereichern. Die Bauern, die ihre Höfe in der direkten Umgebung hatten, waren wohl entweder auch überfallen worden oder erst einmal selbst geflohen, als sie das Feuer bemerkt haben und der Lärm der Schlacht zu ihnen gedrungen war. Aber Boruslaw war sich sicher, dass die ersten Plünderer schon auf dem Weg waren. Schnell paddelte er in den Schutz der Lagune.

Er schöpfte mit einem der Tonkrüge Wasser aus der Lagune, damit sie Trinkwasser hatten, und paddelte zu seinem Sohn in den Schilfgürtel. Dort legte er beide Boote nebeneinander. Dabei achtete er darauf, dass das Schilf um sie herum unberührt aussah. Er wollte hier den Tag über versteckt bleiben. Erst mit der Abenddämmerung beabsichtigte er, das Versteck zu verlassen. Er nahm einen Brotlaib, schnitt ihn auf, nahm das essbare Innere des Brotes und ein Stück Käse, und reichte dieses seinem Sohn.

„Iss“, sagte er nur. Roger verschlang das Gereichte gierig. Auch Boruslaw aß sich erst einmal gründlich satt.

Nach dem Roger sein Essen verschlungen hatte, nahm er den Tonkrug mit dem Wasser und spülte das Essen damit hinunter. Als er den Krug vom Mund nahm, wandte er sich zu seinem Vater.

„Was machen wir jetzt?“

„Wir warten, bis es dunkel geworden ist, und paddeln dann von hier fort. Wir legen alles in das Boot und binden es an den Einbaum. Wir werden das Boot hinter uns herziehen.

„Und wohin fahren wir?“

„Erst einmal die Trave aufwärts, zu der verlassenen Burg auf dem Hügel Bucu. Auch wenn von der dortigen Burg nicht mehr viel übrig ist, ist der Wall noch halbwegs intakt. Und aus den Resten der Burg können wir uns eine Unterkunft bauen. Dort können wir uns erst einmal verstecken. Und dann werden wir weiter sehen.“

„Können wir nicht zu Oma nach Schleswig“, fragte Roger.

„Ich weiß nicht. Wir wissen nicht, ob der Überfall auf Liubice eine Einzelaktion war, oder ob es wieder ein groß angelegter Aufstand der Heiden ist, und Schleswig auch dem Erdboden gleichgemacht wurde. Außerdem weißt du doch, was Großmutter von uns hält. Du bist zur Hälfte Slawe. Dein Großvater hat in dir immer den Wikingerenkel gesehen, den er sich gewünscht hat. Deine Großmutter hat in dir immer nur den Slawen gesehen. Den Sohn des Mannes, der ihre Tochter geschändet hat. Mir würde sie wohl am liebsten den Kopf abschlagen und den Schädel über ihre Eingangstür hängen. Und du könntest damit rechnen, auf dem Sklavenmarkt verkauft zu werden.“

„Aber wir können doch nicht in Bucu bleiben.“

„Wir werden sehen. Lass uns die Boote jetzt umladen, und dann versuchen wir etwas zu schlafen. Wenn es dunkel wird, paddeln wir los.“

Sie verstauten die Sachen, die Boruslaw aus der Siedlung geholt hatte, in das Boot. Dann legten sie sich in den Einbaum zum schlafen. Roger am Bug und Boruslaw am Heck, den Gladius griffbereit neben sich. Während Roger satt in einen unruhigen Schlaf fiel, lauschte Boruslaw die ganze Zeit nach verdächtigen Geräuschen. Ab und zu fiel er aber doch in einen leichten Schlaf, aus dem er immer wieder, nach kurzer Zeit, empor schreckte. Dann lauschte Boruslaw immer, ganz still im Einbaum liegend, um danach zu forschen, ob nicht ungewöhnliche Geräusche, vielleicht ein Knacken eines Zweiges, auf den jemand getreten ist, ihn geweckt hatte. Aber nichts Ungewöhnliches war zu hören.

Als die Abenddämmerung begann, weckte er seinen Sohn, gab ihm noch etwas von dem Brot und dem Käse, und band den Strick des Bootes hinten am Einbaum fest. Roger war noch am essen, da paddelte Boruslaw schon vorsichtig aus dem Schilfgürtel in die Lagune. Das Boot, was sie hinter sich herzogen, lag tief im Wasser. Sie kamen nur langsam voran, auch wenn Roger, nach dem er mit dem Essen fertig geworden war, mit einem zweiten Paddel seinem Vater half. Es war schon fast ganz dunkel, als sie die Lagune verließen und die Trave aufwärts paddelten. Von der Siedlungsruine waren keine Geräusche zu hören. Wenn Plünderer inzwischen da gewesen waren, hatten sie die Stätte schon wieder verlassen. Boruslaw hoffte, dass kein Plünderer den Erdkeller gefunden hatte. Er wollte in den nächsten Tagen den Rest aus dem Keller holen. Lebensmittel würden in der nächsten Zeit knapp für sie werden.

Sie mussten fast die ganze Nacht lang paddeln, um endlich den, nicht ganz fünf römische Meilen entfernten Werder, mit der verlassenen Wallanlage, zu erreichen. Die ganze Zeit hatten sie schweigend gepaddelt. Der Himmel war bewölkt, sodass der Mond kaum Licht spendete. Das erschwerte nur wenig die Orientierung, da der Wald am Ufer sich trotz des wenigen Lichts etwas dunkler vom Himmel abhob. Da das Mondlicht fast gar nicht durch die Wolken schien, hoffte Boruslaw die ganze Zeit über, dass eventuelle Feinde sie nicht sehen konnten.

Als sie an der Flussbiegung ankamen, hinter der, auf der linken Flussseite, die Reste der alten slawischen Wallanlage standen, konnten sie den halb eingestürzten Holzturm der verlassenen Burg, im Schein des Mondes, über den Baumwipfeln hervorragen sehen. Hier war nichts, was die Raner hätten plündern können, aber trotzdem war es nicht auszuschließen, dass dort Krieger als Wache stationiert waren. Boruslaw starrte durch die Dunkelheit, um den Schein eines Wachfeuers zu erkennen, sah aber nichts. Auch roch er kein Rauch. Vorsichtig paddelten sie zum Ufer, zogen den Einbaum an Land und dann das Boot mir ihrem ganzen verbliebenen Vermögen. Boruslaw ließ seinen Sohn erst einmal bei den Booten zurück und eilte leise den Hang zu der verlassenen Burg hoch. Vorsichtig ging er den Wall längs, bis zum Durchgang. Dort blieb er an den halb verfallenen Torpfosten stehen, um zu lauschen. Außer den üblichen Nachtgeräuschen war nichts zu hören. Vorsichtig schritt Boruslaw aus dem Schatten des Torpfostens und ging durch den Walldurchgang, das schon viele Jahre torlos war.

Innerhalb des Walls war es dunkel. Er lauschte wieder und versuchte die Dunkelheit mit seinen Augen zu durchdringen. Es war nichts Verdächtiges zu erkennen. Boruslaws Anspannung ließ etwas nach. Wenn jemand in der Dunkelheit der Anlage gelagert hätte, wäre zumindest die Glut eines bereits erloschenen Lagerfeuers zu sehen gewesen.

Als der Mond mal wieder hinter einer Wolke zum Vorschein kam, sah er die Konturen des Innenhofes mir den Resten der Burg. Es waren, außer dem halb eingestürzten Turm, nur noch zwei Gebäude, deren Holzwände standen. Die Dächer waren allerdings eingebrochen. Boruslaw war das letzte Mal vor drei oder vier Jahren hier gewesen. Damals hatten die Gebäude noch ihre Dächer gehabt. Aber auch ohne ein Dach war es besser als gar nichts. Mit dem Werkzeug, das er gerettet hatte, konnte man einiges wieder aufbauen. Auf der linken Seite, dicht an den Resten des Walls, sah er einen alten Pferdeverschlag, ohne Wände, aber mit einem einfachen Dach, das auf vier schiefen Pfosten gestützt noch vorhanden war. Für die erste Nacht würde es reichen.

Boruslaw eilte an das Flussufer zurück. Zusammen mit seinem Sohn zog er die Boote etwas aufs Land, und sie legten, so gut sie das in der Dunkelheit der Nacht schafften, etwas totes Holz über die Boote, damit, sollten Fremde am Morgen auf dem Fluss vorbei paddeln, diese nicht gleich entdeckt werden konnten. Sie nahmen die Decke und gingen wieder in die Wallanlage. In dem Pferdeverschlag legten sie sich auf den nackten Boden und deckten sich mit der Decke zu. Boruslaw fühlte, wie sein Sohn zitterte. Er zog ihn dicht an sich ran.

„Schlaf Roger. Wenn es hell geworden ist, sehen wir weiter.“

 

Bereits mit der ersten Morgendämmerung erwachte Boruslaw schon wieder aus einem kurzen, unruhigen Schlaf. Ihm war kalt. Seine Kleider waren durch die Morgenfeuchtigkeit klamm geworden. Er fühlte den Morgentau auf den Gräsern neben sich. Auch die Decke war klamm. Boruslaw blieb erst einmal still liegen und lauschte in die Dunkelheit. Erst als er nichts Verdächtiges vernehmen konnte, erhob sich vorsichtig, den Gladius fest in der rechten Hand haltend, um im Notfall sofort zustechen zu können.

Er wollte Roger nicht wecken. Behutsam legte er die ganze Decke jetzt über seinen Sohn. Für die nächste Nacht mussten sie eine bessere Unterkunft finden; sie brauchten Wärme. Hier in der verlassenen Burg wagte Boruslaw es nicht, ein Feuer zu entfachen. Wenn auch der Handelsweg, der über den Hügel Bucu führte, selten benutzt wurde, gab es ihn doch, und ab und zu kamen Reisende diesen Weg längs. Und nicht alle Reisende hatten friedliche Absichten.

Der Hügel Bucu lag zwischen zwei Flüssen eingebettet. Er hatte die Form eines stehenden Tonkruges mit einem engen Hals oben im Norden. Dort, am engen Hals, war die schmale Landverbindung zu der Umgebung. Der Rest war von den beiden Flüssen umschlossen.

Die Trave floss auf der Westseite, in einem leichten, lang gezogenen Bogen, von Süden kommend, am Hügel vorbei. Von Osten kam der zweite Fluss, die Wakenitz, und stieß nördlich des Hügels, dort wo der enge Hals des Tonkruges sich befand, auf der Höhe der alten Wallanlage, fast auf die Trave. Aber der schmale Höhenzug, auf dem die verlassene Burg stand, hinderte die Wakenitz daran, ungefähr hundert bis hundertfünfzig Schritte vor der Trave, in diese zu münden. Daher machte der Fluss dort eine Kehrtwende und floss südlich seines ankommenden Flussarmes, Richtung Südosten, um dann in einem lang gezogenen Halbkreis, längs der Ost- und Südseite des Hügels Bucus, am südwestlichen Ende der Anhöhe in die Trave zu fließen.

Der Hügel bestand in der Mitte aus einem Höhenzug, der in nordsüdlicher Richtung verlief, aus festem Boden bestand und dicht mit Buchen bewachsen war. Die Niederungen an den Ufern der beiden Flüsse waren dagegen sumpfig und mit Moos, Blaubeer-, Wachholder- und anderen Büschen bedeckt, und von kleinen Birkenhainen unterbrochen, deren Bäume im sumpfigen Boden halt fanden. Auf der Traveseite zog sich, mittig des Hügels, ein schmaler Ausläufer des Höhenzuges nach Westen, bis fast an das Ufer des Flusses. Auch dieser Ausläufer bestand aus festem Grund, auf dem Buchen wuchsen.

Von Liubice kommend, ging der Handelsweg an der alten Wallanlage vorbei über den Hügel, um im Süden, an einer Furt durch die Wakenitz, diese Landzunge wieder zu verlassen. Von dort ging der Handelsweg weiter, bis zu der sächsischen Siedlung Bardowick, die, weit im Süden, südlich der Elbe lag. An der Stelle, an der der Handelsweg an der verfallenen Burganlage vorbei führte, musste auch einmal eine kleine Siedlung gestanden haben. Einige Reste der verfallenen Holzbauten fanden sich noch, an dieser schmalen Landzunge, verstreut auf dem Erdboden liegend. Einen niedrigen Wall, ohne Palisaden, der östlich des Handelsweges begann und bis hinunter zur Wakenitz verlief, konnte man noch als leichte Bodenerhebung erkennen, und musste die damalige Siedlung gegen eventuelle Angreifer aus dem Norden geschützt haben. In der Mitte des Hügels, gleich südlich des Ausläufers des Höhenzuges, der fast bis zur Trave reichte, zweigte von dem Handelsweg ein Seitenpfad nach Westen ab. Durch die Trave führte dieser Weg, mithilfe einer Furt, zum gegenüberliegenden Ufer, und von dort zu den weit entfernten sächsischen Siedlungen, die es westlich des alten Ochsenweges, der alten Heerstraße, die das Land in nordsüdlicher Richtung durchlief, gab.

Sollten also Reisende hier vorbeikommen, würden sie automatisch an der alten Wallanlage vorbei ziehen, und diese wohl auch als Übernachtungsplatz nutzen. Boruslaw musste einen anderen Platz finden, wo sie sich niederlassen konnten. Allerdings wollte er auf diesem Hügel bleiben. Die Ufer der beiden Flüsse waren auf beiden Seiten sumpfig. Auf den gegenüberliegenden Uferseiten sogar noch mehr als auf der Uferseite des Hügels. Das ergab eine Absicherung, die Boruslaw nutzen wollte. Wenn Fremde auf den Hügel kommen würden, dann hauptsächlich von Süden oder von Norden, auf dem Handelsweg längs, oder von Westen, durch die Furt in der Trave. Und die Reisenden hatten auch keinen Grund auf dem Hügel vom Weg abzuweichen, da niemand dort, außerhalb der Wallanlage, einen Lagerplatz suchen würde. Auch zum Feuerholz suchen würde niemand die verfallene Burganlage verlassen, da die Reste der Gebäude ausreichend Holz boten. Er musste also am Rande dieses Hügels eine Niederung finden, wo sie in einem kleinen Waldstück, unter Bäumen, wo der Rauch eines Feuers von Ferne aus nicht zu entdecken war, eine kleine Hütte bauen konnten.

Boruslaw nahm den Gladius und ging leise aus der Wallanlage, um auf dem Weg, außen an der Befestigung vorbei, weiter über den Hügel zu gehen. Die Sonne ging im Osten langsam auf, und Boruslaw konnte die Einzelheiten der Umgebung besser erkennen. Als er den Weg ungefähr bis zur Hügelmitte gegangen war, verließ er ihn und schlug sich durch das Unterholz zum Ostteil des Hügels, bis zum Ufer der Wakenitz. Dort fand er in einer Niederung einen kleinen Waldhain aus Birken. Auch wenn das Ufer an der Wakenitz zum größten Teil sehr sumpfig war, konnte man an dieser Stelle ziemlich gut bis zum Ufer gelangen, ohne tief in den Boden einzusacken. Auch schien der Platz an dieser Stelle, obwohl er nicht viel über dem Wasserspiegel der Wakenitz lag, relativ trocken zu sein. Sogar drei Buchen hatten sich hier in diesen Birkenhain verirrt, waren gewachsen und standen fest mit dem Boden verwurzelt. Hier konnte man sich erst einmal niederlassen. Die Boote konnte man die Trave aufwärts, bis zum südlichen Ende des Hügels, und dann von dort über die Wakenitz direkt bis hierher bringen. Auch Bauholz, aus der alten Burganlage, konnte man mit den Booten bis hierher transportieren. Vom Handelsweg aus dürfte diese Stelle nicht einzusehen sein.

Boruslaw merkte sich die Stelle und ging von dort wieder zu dem Handelsweg zurück, und diesen weiter längs bis zum Südende der Halbinsel. Dort konnte er die Furt durch die Wakenitz deutlich erkennen. Der Fluss war dort etwas breiter als sonst, schien aber in der Tiefe kaum bis zu zum Gürtel zu reichen. Er konnte keine frischen Spuren von Rädern am Flussufer erkennen. Der Weg wurde selten

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Tag der Veröffentlichung: 10.07.2017
ISBN: 978-3-7438-2186-6

Alle Rechte vorbehalten

Nächste Seite
Seite 1 /