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Netzwerken mit dem Buttoncowboy

Nachdem ich irgendwie eine Einladung zur Network- Plattform Xing© erhalten hatte, erstellte ich etwas nervös einen neuen Account. Was kommt da auf mich zu, ist das Spam, überlegte ich? Aber dann logte ich schließlich wie üblich mit Benutzernamen und Passwort ein.
Alsogleich klickte ich mich hinein und staunte: man/frau ist zum Beispiel CEO, Geschäftsführer, Trainee, Senior-, Junior- oder Vice- chairmen, Research Assistant, Consultant, Key Account Manager/in. Es muss Leute geben, die laut ihres Lebenslaufes noch nie gearbeitet haben dürften, da sie sich ständig weiterbilden.
Meine Volks- und Hauptschule, die Lehre, der Gewinn der Fußballmeisterschaft mit den Grazer Sportklub- Junioren 1977, ein Semester Gitarre- Unterricht auf der Volkshochschule, der 100 Schilling -Gewinn in der Jugendschutzlotterie, sogar meine Euro- Münzensatz- Sammlung der 12 ersten Beitrittsländer, die Meisterprüfung und die 35 Berufsjahre kamen mir nun ganz schön mickrig vor.
Trotzdem addete ich nach und nach Bekanntschaften für mein persönliches Netzwerk und wurde auch von ein paar anderen Usern in das Ihrige aufgenommen. Leider konnte ich die gleich darauf folgenden Einladungen zum Unternehmer-Frühstück in Köln, Passau oder Genf aus Zeitgründen noch nicht annehmen und mussten diese deshalb ohne meine Beteiligung stattfinden.
Durch einen Werbebanner, auf den ich meine Computermaus mit links drückte, wurde ich zu Yasni© weitergeleitet, einer Community mit nicht ganz so elitären Mitgliedern.
Ich lernte Philosophen kennen, Maler/innen, Hundefreunde, eine Jane Austen - Bewunderin, Skipper, Politiker, Flieger, verschrobene Künstler, sogar Hausfrauen und wirklich jede Menge Autoren von Zuschussverlagen wie mich, die auf Xing© als Versager angesehen werden und erreichte mittlerweile den Austrian Rank 28.
Daneben findet man mein Profil inzwischen auf Youtube©, MySpace©, auf WKO.TV und auch in Facebook©.
Bei SchülerVZ© wurde ich hinauskomplimentiert, aber mein neuester Coup ist: Bookrix© für die Lagerung meiner Geschichten.
Als nächstes bekam ich von einem Yasni© - Bekannten die Einladung, bei ecademy© einen account zu starten. Komplett in Englisch gehalten, bekam ich sofort nach dem Login 23 requests to accept the invitation to join the network of these fantastic people. Angefangen vom Inder Ramesh, der weltweiten Handel mit allem möglichen betreibt, dem kroatischen Buddisten Branko, über den gottesfürchtigen aber knallharten amerikanischen Businessman John bin ich befreundet mit so vielen Leuten bis hin zu der leicht schrägen holländischen Künstlerin Jet, der sprachbegabten Mary aus USA, dem Vielschreiber Daniel- Flavius aus Rumänien, dem Dänen Jungløw, der eloquenten Safae aus Marocco, Leuten aus Belarus, Kanada, USA, Nepal, Pakistan und noch vielen anderen, die sich allesamt als äußerst hilfsbereit erweisen. Ich müsse ihnen bloß schreiben, wenn ich irgendwas brauchen sollte, ganz egal was. Oberstes Gebot ist es, sich gegenseitig zu helfen, oder zumindest Hilfe anzubieten. Kurz danach wird sich der dann „gut“ Bekannte allerdings melden und mir anbieten, ihm auf Franchisingbasis eine Palette Vitamintabletten abzunehmen. Ich brauche dann nur mehr zwanzig andere Abnehmer finden um das Geschäft meines Lebens zu machen.
Ich kann nicht gut nein sagen, so bin ich als Konsequenz zum Beispiel auch im Twitters© -Club oder bei den Masterminds©. Bei Sta.rtUp.biz© erklärt eine blonde texanische Powerfrau im Video wahnsinnig schnell, wie sie fünf Jobs, fünf Kinder und noch was mit fünf, was ich mir in der Geschwindigkeit nicht merken konnte, unter einen Hut bringt, ohne burnout zu bekommen. Moderiert wird die Sendung vom graumelierten, smarten Moderator lächelnd und ebenso rasant sprechend. Ein gewisser "Mark wants to give me M.o.n.e.y.", ich solle mich aber erst in seinen Blog einschreiben. Dann bekomme ich die Tipps in einem E-Book geschickt. Irgendwie gelang es mir sogar in den Wealth Success and Women- Club© aufgenommen zu werden, danke Heather und Dr. Sally! Hier bekomme ich wie die anderen "Divas" Tipps über Branding, Bootstrapping & Goals und wie ich garantiert Millionaire werde! Bei Livemocha© korrigiere ich inzwischen die Deutschkenntnisse von Brasilianerinnen oder Schweden, bete bei den Ìntercessors of the world© für Menschen in Notsituationen und checke out die neuesten Cowboymusik- Tipps, die ich da von meinem friend Doug bei Country Roads© erhalte.

Wo ich schon überall eingetragen bin weiß ich inzwischen gar nicht mehr obwohl mein Notizbuch mit den verschiedensten Passwörtern und Benutzernamen randvoll geschrieben ist. Ich verrate ihnen im Vertrauen gesagt meine Nicknames, die sind zum Beispiel: Mietzekater88, Bärli32, Burli07, bernie01, Hardie76, derSchöne18CM, Superboy66 und so weiter. Zum Glück hat mein neuer Internet-Browser eine Möglichkeit, sich die Daten selbstständig zu merken. Bei gewissen accounts kann ich mich leider nicht mehr austragen, da ich die Kennwörter für den dazu nötigen Einstieg vergessen habe- sie waren vielleicht noch nicht notiert und gespeichert- aber egal, so wichtig waren sie augenscheinlich nicht.
Eine Wesensänderung habe ich in letzter Zeit mit einigem Bangen an mir bemerkt: ich habe nämlich den Killerinstinkt bekommen! Manche virtuelle Freunde hatten sich doch etwas zu aufdringlich benommen. Beim ersten Mal zögerte ich lange, meine Finger verweigerten fast, aber es mußte geschehen! So wurde der erste lästige Freund per Knopfdruck ausgelöscht, gekillt! Bei den paar Nachfolgenden ging es dann schon etwas leichter, man wird alles gewohnt. Nur manchmal wache ich Nächtens auf, dann schweben die unerlösten Gespenster vor mir im Cyberspace und klagen mich stumm und vorwurfsvoll an: „Warum hast du das getan, es wäre das Geschäft deines Lebens geworden?!“
Eine junge Dame von der Elfenbeinküste umwarb mich inzwischen mit überschwänglichen Annäherungsversuchen in meinem Live-Space©, ich sollte sie aber an ihrer privaten Emailadresse anschreiben. Sogar ihr Bild schickte sie mit und ich war ganz aufgewühlt, wie mich eine hübsche, junge und noch dazu fremde Frau so interessant finden konnte?
Als ich aber, nur so, aus Interesse, nicht wahr? in die Suchmaschine den Namen ihres im Mail erwähnten, von Rebellen getöteten Vaters eingab, erschienen sogleich dutzende Seiten, worin eindringlich vor ihr gewarnt wurde. Unter verschiedensten Namen und auffälligerweise immer mit Bezug auf Priester die aufopferungsvoll Krankenstationen in irgendwelchen entlegenen Flüchtlingslagern leiten, versendet jemand mit Bildern netter junger Frauen kombiniert, in englischer, französischer, spanischer und sogar in deutscher Sprache denselben Wortlaut in alle Welt, der zuerst so verlockend klang. Zum intensiveren Gedankenaustausch konnte ich mich also doch nicht durchringen, so wurde auch nichts aus einer neuen exotischen dunklen Freundin. (Bitte verraten Sie mich nicht an meine Frau!)

Und doch ist festzustellen, mit einigen dieser accepted contactrequests kam es zu unerwartet gutem und tiefergehenden Gedankenaustausch. Eine erfolgreiche Dame aus London etwa, die allerdings in der Steiermark geboren wurde das auch das Heimatland von mir und Arnold Schwarzenegger ist, hat mir mit einer Nebenbemerkung, der Beschreibung von aufbrechenden Blüten an Londoner Kirschbäumen, den ersten Geschmack des Frühlings kosten lassen, obwohl hier bei uns im Februar gerade meterhohe Schneeverwehungen für Probleme sorgten.
LieGrü an W.!
Eine Sache muss ich Ihnen noch erzählen: seit kurzem bin ich, was zu Hause nicht gerade leicht zu bewerkstelligen ist, über Facebook© verbunden mit meinen beiden Töchtern!. Das ist für mich der beste Beweis dafür, dass sie also wirklich existieren, denn manchmal habe ich den Eindruck, wir wären kinderlos geblieben. Aber sie richten mir nun über das Netzwerk aus, wann und wo genau ich sie nach Mitternacht abholen möge! Der absolute Höhepunkt ist aber - ich bin hier sogar befreundet mit meiner eigenen Ehefrau! Wir tauschen nun *hugs*, also Umarmungen, aus oder sammeln *sweet cherrykisses* und turteln hier im Netz verliebt wie schon lange nicht und außerdem störe ich meine Frau hier nicht so mit meinem Schnarchen in ihrer Bettruhe!
Sollte ich überhaupt einmal schlafen, mein Computer läuft ohnehin rund um die Uhr.

Ich fürchte zwar, dass ich möglicherweise den einen oder anderen Eintrag in einer Community vergessen habe. Wenn Sie aber eine eigene solche Seite starten möchten und Mitglieder für Ihr Netzwerk brauchen, schreiben Sie mir! Sie verfangen sich garantiert in meinem feingesponnenen Netz in der digitalen Welt und finden den Buttoncowboy tippend irgendwo in den Weiten des World Wide Webs !

Impressum

Tag der Veröffentlichung: 22.01.2010

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