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Über dieses Buch:

Das Leben am Lindenhof nimmt seinen Lauf. Antonia Morbach und Jan Ollson haben miteinander die große Liebe gefunden. Toni wird nun offiziell die Besitzerin vom Gestüt Lindenhof und dem dazugehörigen Ferienhof. Ihr Großvater, Arthur Morbach, hat seine veralteten Ansichten fallen gelassen.

In Stefan Brender hat die Familie Morbach einen kompetenten Zuchtmeister, der Toni in Zukunft unterstützen wird. Nach einer herben Enttäuschung in jungen Jahren ist er ein eingefleischter Junggeselle. Aber ein fünfjähriger Junge und seine Mutter stürmen in sein Leben und krempeln es gehörig um.

Als Thomas Wegener abermals Tonis Weg kreuzt, wird sie vor eine neuerliche Entscheidung gestellt.

 

Lindenhof – Mit Pferdestärken ins Glück

Copyright © 2021 Danielle A. Patricks

publiziert von www.telegonos.de

(Haftungsausschluss und Verlagsadresse auf der website)

 

Cover: Kutscherdesign

 

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ISBN der Printausgabe: 978-3-946762-54-6

Kontakt zur Autorin über die Verlagshomepage

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

 

 

 

 

 

 

 

Diese Geschichte widme ich all jenen Personen, die mit gesundheitlichen Problemen kämpfen und die täglichen Herausforderungen, die das Leben an sie stellt, meistern.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vorwort – Was bisher geschah

 

Antonia Morbach, fünfundzwanzig Jahre jung, seit einem schweren Unfall vor zwei Jahren an den Rollstuhl gefesselt, liebt das Reiten, die Pferde und vor allem ihr Zuhause, das Gestüt Lindenhof. Geleitet wird der Lindenhof samt dazugehörigen Ferienhof von ihrem achtundsiebzigjährigen Großvater Arthur Morbach. Gerne hätte Antonia, von allen Toni gerufen, das Anwesen übernommen. Ihr Großvater ist jedoch einer alten Tradition verhaftet und meint, dass sie als Frau, die noch dazu gelähmt ist, einen derartigen Betrieb nicht leiten kann. Daher beschließt er, zu verkaufen. Für Toni bricht eine Welt zusammen. Sie ist eine Kämpfernatur und setzt alles daran, ihren Großvater vom Gegenteil zu überzeugen.

Als Jan Ollson am Hof auftaucht, der Interesse am Kauf des Gestütes bekundet, wird Toni bewusst, wie ernst es ihrem Großvater ist. Gleich beim ersten Zusammentreffen macht sie deutlich, wie wenig sie vom Verkauf hält.

Jan Ollson ist allerdings ein Mann, der ihr zu gefallen beginnt, der ihr und ihren Ansichten Gehör schenkt, der sie dazu ermutigt, sich weiteren Untersuchungen zu unterziehen, weil er glaubt, dass sie wieder Gehen lernen könnte. Er verwirrt sie und im gleichen Maße zieht er sie an. Liebe kommt ins Spiel. Umso enttäuschter ist Toni, als sie feststellt, dass nicht Jan der eigentliche Käufer von Gestüt Lindenhof ist, sondern ihr Ex, Thomas Wegener, der sie nach dem schweren Unfall, als sie im Krankenhaus lag, einfach verlassen hatte.

 

 

Traurig und gekränkt, ohne ihm die Möglichkeit einer Erklärung zu geben, tritt sie den geplanten Krankenhausaufenthalt an und später die Rehabilitation. Nach langen Wochen kehrt sie wieder auf den Lindenhof zurück. Umso erstaunter ist sie, als sie dort Jan antrifft. Ihr Großvater hat ihn in der Zwischenzeit angestellt. Endlich kommt es zur Aussprache.

 

 

 

 

 

1 Toni

 

Morgendlicher Tau überzog die Wiese mit einer Glitzerdecke. Die Sonne blinzelte rötlich schimmernd hinter dem Hügel hervor. Einzelne Wolken malten Bilder an die Himmelsdecke. Lautes Hufgetrappel und Wiehern durchbrach die idyllische Stimmung. Langsam kam Leben in den Lindenhof. «Ist ja gut, Amigo, bin ja schon da», hallte die verschlafene Stimme von Max gemeinsam mit dem Gewieher aus dem Stall. Der angehende Pferdewirt besänftigte den aufgebrachten Hengst. Amigo wartete auf seinen täglichen, frühmorgendlichen Ausritt.

Aber anscheinend hatte seine Besitzerin heute verschlafen. Wobei, ganz vorstellen konnte Max sich das nicht. Toni war die Pünktlichkeit in Person und der allmorgendliche Ausritt mit Amigo war ihr heilig. In der Nebenbox begann nun auch Sultan nervös herumzutrampeln.

«Na, das wird ja heiter werden mit euch beiden», meckerte Max. Er schob seine Kappe zurück und kratzte sich an der Stirn, ergriff den Schubkarren und verließ die Stallungen, um im angrenzenden Schuppen frischen Hafer und Zusatzfutter zu holen. Im Vorbeigehen begrüßte er die beiden Stallburschen, die ihren Dienst antraten. Am Morgen war er kein gesprächiger Mensch, deshalb fiel die Begrüßung kurz aus. Er packte drei Säcke mit Hafer auf die Schubkarre und eine Packung mit dem Zusatzfutter, dann machte er sich auf den Weg zurück zum Stall.

Stefan, der Gestütsleiter, befand sich ebenso auf dem Weg zu den Pferden.

«Guten Morgen, Max. Alles okay bei dir?»

«Morgen, Stefan. Ja, ja. Bin nur im Stress, weil Amigo Flausen macht und Sultan mitreißt. Die beiden warten auf den Ausritt.»

Stefan grinste breit. «Na, dann wünsche ich viel Spaß. Ich kann sie bis hier draußen hören.» Er schüttelte sich und lachte. Dann bog er in die linke Stallhälfte ab, wo sich die Boxen der Muttertiere mit den Fohlen und die, der trächtigen Stuten befanden. Das war in der Früh immer sein erster Weg. Das Wohl der Tiere ging vor alles, waren sie doch das Herzstück der Zucht hier auf dem Lindenhof. Die prächtigsten Stuten, selbst einst hier gezüchtet und trainiert, waren nun für die Nachkommen zuständig. Ein Tier wertvoller als das andere. Jedes der Pferde wurde gehegt und gepflegt. Sie waren die Aushängeschilder des Gestütes, das weit übers Land in den Zuchtkreisen bekannt war und einen exzellenten Ruf hatte.

Max holte noch einmal Nachschub beim Futter.

«Guten Morgen Max», riss ihn die Stimme von Toni aus den Gedanken.

«Morgen», nuschelte er zurück. «Amigo ist ziemlich aufgebracht und unruhig.» Der Vorwurf in seiner Stimme war nicht zu überhören.

«Ich habe ihn bereits gehört, aber jetzt bin ich ja da. Jan ist schon bei den Pferden, um sie zu satteln. Du kannst also ruhig zuerst bei den anderen Tieren mit der Fütterung beginnen.»

Max tippte sich an die Stirn. «Jawohl, Toni, bis später.» Ohne auf seine Chefin zu warten, marschierte Max voraus in den Stall. Er steuerte mit dem Futter die anderen Pferdeboxen an …

 

Toni folgte ihm langsam. Obwohl sie nach ihrem folgenschweren Unfall mit Hilfe einer langwierigen Therapie nun den Rollstuhl nicht mehr benötigte, vermochte sie trotzdem noch nicht so schnell zu gehen, wie sie es früher tat. Heute stützte sie sich ausnahmsweise wieder auf den Gehstock und setzte bedacht einen Fuß vor den anderen. Und doch strahlte sie über das ganze Gesicht, glücklich darüber, wieder von ihren eigenen Beinen getragen zu werden. Endlich bei den Boxen angekommen, wo Jan die beiden ungeduldigen Vierbeiner für den Ausritt sattelte, stützte sie sich am Gestänge der Box ab. Die Anstrengung des Fußmarsches vom Haus zu den Stallungen merkte man ihr an. Aber keiner, weder Max noch Jan sprachen sie darauf an. Jan drehte sich zu ihr und zog Amigo, ihren Hengst, aus der Box. «Na mein Schatz, willst du gleich hier aufsitzen oder lieber draußen im Freien?»

«Draußen, hier ist es mir zu eng.» Sie klopfte Amigo auf die Schulter, streichelte seine Mähne und holte schließlich aus ihrer Hosentasche ein Stück eines speziellen Pferde-Goodies. «Heute machen wir das Aufsitzen auf altbewährte Methode, mein Junge», flüsterte sie dem Hengst ins Ohr. Jan führte das Pferd an die frische Luft und Toni humpelte langsam hinterher. Als sie bei den beiden angekommen war, lag Amigo auf dem Boden, damit seine Herrin leichter in den Sattel klettern konnte. Erst als Toni fest im Sattel saß, richtete sich das Pferd vorsichtig auf. Schon damals, als Toni noch im Rollstuhl saß, hatte Amigo ihr auf diese Weise, das Reiten überhaupt ermöglicht. Die beiden waren ein eingespieltes Team. Heute schmerzte ihr linkes Bein besonders. Die Therapieeinheiten von gestern waren wohl doch zu intensiv gewesen. Sie wollte jedoch nicht auf ihren Therapeuten hören, weil ihr die Heilung zu langsam voranschritt. Zwei Jahre war sie an den Rollstuhl gefesselt gewesen, ohne Hoffnung, jemals wieder laufen zu können. Und nun schritt die Heilung für ihren Geschmack viel zu langsam voran. Sie streichelte Amigo, redete beruhigend auf ihn ein, während sie auf Jan und seinen Sultan wartete.

«So, mein Schatz, jetzt kann es losgehen», vernahm sie Jans Stimme hinter ihr. «Sultan ist heute besonders eigenwillig, mir scheint, er nimmt die Marotten von Amigo an.»

«Ja natürlich», lachte Toni auf. «Dein Sultan ist eifersüchtig, das ist alles. Der Kerl will dich für sich allein. Das schmink dir ab, mein Freund», tadelte sie das Pferd, als es neben ihr und Amigo trat und kraulte es hinterm Ohr. Toni beugte sich vor, um Jan einen Kuss zu geben. Beide grinsten, als Sultan zum Protest mit dem Vorderhuf aufstampfte. «Sag ich doch, eifersüchtig ist er», bestätigte Toni glucksend. Jan saß auf und sie verließen gemächlichen Schrittes den Hof. Toni wurde es warm ums Herz, als sie zu Jan blickte. Dieser Mann zeigte ihr tagtäglich, wie schön die Liebe und das Leben sein konnten. Erst nach langem Zögern hatte sie sich getraut, über den eigenen Schatten zu springen und sich auf ihn einzulassen. Knapp zwei Monate war es nun her, seit sie offiziell ein Paar waren. Jan hatte ihrem Großvater, dem das Gestüt und der Familienbesitz gehörte, angeboten, hier zu arbeiten. Ihretwegen hatte er seine Heimat verlassen und war mit Sack und Pack hierhergezogen. Großvater war seitdem zugänglicher und verträglicher. Er akzeptierte Jan. Endlich hatte er eingewilligt, den gesamten Besitz an Toni zu übergeben, obwohl sie eine Frau war. Seine verstaubten Ansichten hatte er nun endgültig zu den Akten gelegt. Der Notartermin war für kommende Woche fixiert. Toni konnte es kaum erwarten. Und das alles verdankte sie zu einem Großteil Jan, der ihrem Großvater ins Gewissen geredet hatte. Indirekt dankte sie auch dem vermaledeiten Ex, Thomas Wegener, der durch seine krumme Tour, ihrem Großvater die Augen geöffnet hatte. Er hatte ihm gezeigt, dass Männer nicht unbedingt die besseren Geschäftspartner und Betriebsführer sind. Toni atmete tief durch. Ihr Jan war bei der Aufdeckung federführend gewesen.

«Was ist? Du strahlst und irgendwie scheint mir, ist dein Lächeln festgeklebt», sinnierte Jan laut und studierte offensichtlich Tonis Gesicht.

«Wird wohl so sein», meinte sie lapidar. «Ich bin verliebt und gerade irrsinnig glücklich, irgendwie fühle ich mich, als schwebe ich auf Wolke sieben.»

«Huch, so schlimm? Kann ich dir irgendwie helfen?»

«Da hilft nur küssen, küssen, küssen, bis wir keine Luft mehr bekommen.»

«Meine Liebe, du bist ja unersättlich! Ich befürchte, langsam entwickelst du dich zu einem Sexmonster», scherzte Jan. «Deine Lippen sind immer noch von der ausgiebigen Nacht geschwollen. Max hat verlegen auf die Seite geguckt. Direkt rot ist der arme Junge geworden.»

«Papperlapapp, jetzt übertreib mal nicht, mein Lieber», rügte Toni entrüstet. «Was meinst du wohl, was er und Marie in ihren vier Wänden anstellen? Briefmarken sammeln wahrscheinlich nicht.» Marie und Max waren seit einem Jahr auch ein Pärchen. Die beiden waren entzückend, wie Toni fand. Anfangs hatte sie sie um ihr Glück beneidet. «Und außerdem, wer hat denn nicht aufgehört und ständig an mir herumgeknabbert», gab sie sich entrüstet. Sie trieb Amigo mit den Fersen an und er galoppierte über die Wiese, mit der lachenden Toni auf seinem Rücken. Jan nahm mit Sultan die Verfolgung auf. Das Leben konnte so leicht und unbeschwert sein. Die düsteren Zeiten schienen endgültig vorbei, die Nebelwand hatte sich gelichtet.

Im wilden Galopp fegten sie über die Wiese, sie schlugen den Weg Richtung Ferienhof ein. In knapp einer Stunde startete wieder das alltägliche Programm für die Kinder – Reitstunden, Therapiereiten, Hippotherapie. Für eine Schülergruppe, die statt des Turnunterrichtes, das Reiten auf dem fixen Stundenplan hatte und sehr geübt im Umgang mit den Tieren war, stand heute ein Ausflug auf dem Programm. Diesen würde Toni mit Elsa begleiten. Jan war für eine Hippotherapie gebucht. Er hatte eine spezielle Ausbildung dafür absolviert. Hippotherapie war eine Form der Krankengymnastik auf neurophysiologischer Basis. Der Patient sitzt dabei in der Gangart Schritt auf dem Pferderücken und das Therapiepferd wird als Medium verwendet, um dreidimensionale Schwingungen auf das Becken des Menschen zu übertragen. Hier am Ferienhof betreute Jan vor allem Kinder, die körperliche Einschränkungen oder Verletzungen hatten.

Am Hof angekommen, rutschte Toni vom Rücken ihres Amigos und Jan stützte sie. Die beiden Pferde trabten wie selbstverständlich in Richtung Boxen, wo sie Karl, der Stallbursche in Empfang nahm. Toni und Jan schlenderten zur Küche. Christl erwartete sie bereits mit einem warmen Apfelkuchen und Kaffee. «Ihr beiden seid heute aber spät dran», stellte sie fest.

«Hm, ja, wir haben verschlafen, tut mir leid», erwiderte Toni. Ihr Gesicht überzog sich mit einem leichten Verlegenheitsrot. Christl schmunzelte. «Ja, verstehe, ich möchte auch noch einmal jung und verliebt sein.» Für diese Worte erntete sie einen skeptischen Blick von Toni. «Ich dachte, du brauchst diesen ganzen Liebeskram nicht, wie du immer zu sagen pflegst?»

«Eh nicht, aber hin und wieder wird man ja noch träumen dürfen. Vor allem, wenn ich mir euch beiden Turteltäubchen so ansehe», gluckste Christl.

Jan verschluckte sich am heißen Kaffee. Er musste husten.

«Ich glaube, Toni, unsere Christl beneidet uns, auch wenn sie es nicht zugibt.»

Die Angesprochene winkte mit der Hand ab und machte sich am Herd zu schaffen. Darauf köchelte bereits eine kräftige Rinderbrühe in einem riesigen Topf. Die Knödel für die Suppeneinlage bereitete sie gerade zu. «Sag Toni, wo bleibt denn eigentlich Marie, sie hat versprochen, mir heute auszuhelfen?» Kaum hatte sie den Satz beendet, öffnete sich die Küchentür und Marie trat ein. «Hallo, alle zusammen. Ich musste noch ein paar Besorgungen erledigen, vorrangig für deinen Großvater, Toni, daher bin ich später dran. Die Apotheke sperrt leider nicht früher auf.»

«Apotheke? Was fehlt ihm denn? Mir gegenüber hat er nichts erwähnt.» Toni war sichtlich besorgt.

«Seine Medizin gegen die Arthrose ist ihm ausgegangen, das Rezept hatte er schon zu Hause. Nichts Tragisches, keine Sorge.» Marie hob zur Beschwichtigung die Hände. «Es kann schon sein, dass er wieder verstärkt Schmerzen in den Gelenken verspürt. Vielleicht fragst du ihn einfach und versuchst ihn zum Arzt zu schleppen», riet ihr Marie. «Jedenfalls ist er ziemlich miesepetrig gelaunt.»

«Gut, ich werde gleich heute am Nachmittag mit ihm reden», beschloss Toni. Ihr Großvater war für seinen Sturschädel wohl bekannt und dass er nicht zum Arzt ging, bevor die Schmerzen unerträglich wurden. Mit seinen knapp neunundsiebzig Jahren meldete sich sein Körper vermehrt und zeigte ihm unerbittlich das fortgeschrittene Alter. «Wie lange wirst du heute hier sein, Marie?», fragte Toni.

Marie sah zu Christl. «Was schätzt du, wie lange brauchen wir?», richtete sie die Frage weiter.

«Voraussichtlich bis sechzehn Uhr müssten wir es schaffen. Die Schülergruppe kommt gegen vierzehn Uhr zurück, oder Toni?»

«Genau, wir starten in einer viertel Stunde und um vierzehn Uhr ist die Rückkehr geplant, so nichts dazwischen kommt.»

«Für das Essen und das anschließende Aufräumen benötigen wir zirka zwei Stunden.»

«Du hast es gehört», meinte Marie an Toni gewandt. «Warum ist das wichtig? Brauchst du mich dann noch am Gutshof?»

«Nein, das nicht. Aber ich dachte, vielleicht kannst du noch einmal ins Dorf fahren und noch einige Besorgungen erledigen? Ist jedoch nicht so eilig, kann morgen auch sein. Ich komme leider erst wieder am Freitag zum Einkaufen, wenn ich die nächste Therapie habe.»

«Kein Problem, schreib mir auf, was du brauchst.»

«Danke und tschau, bis später.» Toni hob die Hand zum Gruß und zog Jan hinter sich aus der Küche.

«Tschau», rief er völlig überrumpelt, bevor die Tür hinter ihm ins Schloss fiel.

«Warum so eilig?»

«Sieh auf die Uhr, du Plaudertasche.»

«Ich und Plaudertasche? Wer hat denn die längste Zeit gequatscht? Warte nur, mein Schatz, das wirst du mir büßen.»

Toni lachte und versuchte so schnell als möglich davon zu gehen. Es war wohl eher ein Davonhumpeln. Jan hielt sie am Ärmel ihrer Jacke fest. «Nichts da, davonlaufen gilt nicht.» Er zog sie sanft in seine Arme und umschloss ihre Lippen mit den seinen. Toni schlang ihre Arme um seinen Hals. Beide versanken in einen intensiven innigen Kuss. Sie ließen die Zungen miteinander spielen. Wärme und Hitze und Gänsehaut überzog abwechselnd Tonis Körper. Die Schmetterlinge wirbelten im Bauch. Beide vergaßen sie die Welt um sich herum. Konnten sie überhaupt je voneinander genug bekommen? Niemals!, schoss es Toni durch den Kopf. Sie schwebte in einem Ausnahmezustand und einem Glücksgefühl, das sie so noch nie erlebt hatte.

«Da seid ihr ja», riss die Stimme von Elsa die beiden Turteltäubchen aus ihrer innigen Umarmung.

Toni löste sich widerwillig von Jans Lippen. «Überall wird man gestört», meckerte sie und grinste. «Du siehst, ich muss leider arbeiten», sagte sie an Jan gewandt, löste sich nun gänzlich aus seiner Umarmung. Sofort stieg das Gefühl auf, dass etwas Wichtiges fehlte. Wo vorher Wärme, ja sogar Hitze zu spüren war, huschte ein kalter Schauer. Gemeinsam mit Elsa ging sie davon.

«Tut mir leid, dass ich eure Zweisamkeit stören musste, Chefin, aber die Kinder sind schon ungeduldig und Amigo tänzelt auch schon herum.

«Okay, wo geht es hin? Welche Route reiten wir?»

«Über den Anger Richtung Alm und dann über die Nordweide zurück.»

«Gut, das geht sich leicht aus, um rechtzeitig wieder zum Essen zurück zu sein. Auf geht es», spornte Toni an und freute sich auf den gemeinsamen Ausflug mit den Kindern.

 

Elsa ritt der Schülergruppe voraus und Toni machte mit ihrem Amigo den Abschluss. Dazwischen ritten die beiden Lehrerinnen, die die Gruppe begleiteten. Die Kinder liebten diese Ausflüge. Zwei Mal im Schuljahr standen diese am Programm, statt eines normalen Wandertages. Sie hatten zirka die Hälfte der Strecke hinter sich und waren bereits zwei Stunden unterwegs, weshalb es Zeit für eine Pause wurde. Elsa lenkte Joy, ihren Schimmel zum Platz, der zum Verweilen ideal war. «Absteigen», befahl sie, «Brotzeit! Eine Stunde rasten wir hier. Bitte führt die Pferde zur Quelle da hinten, damit sie trinken können. Anschließend könnt ihr selbst jausnen.» Während die Mädchen mit ihren Pferden beschäftigt waren, ließ sich Toni langsam vom Sattel gleiten, bedacht darauf, nicht mit dem linken Bein zuerst aufzutreten. Erst als sie sicher am Boden stand, ließ sie Amigo los. Er trabte zur Quelle, zu den anderen. Toni setzte sich auf einen größeren Steinbrocken. Elsa und die Lehrerinnen hockten sich zu ihr ins Gras. Sie plauderten über alles, das junge Damen interessierte, Mode, Filme und den üblichen Tratsch, der im Dorf kursierte. Das Wetter zeigte sich von der schönen Seite. So hätte Toni noch lange verweilen mögen. Nach einer Stunde war die Rast allerdings zu Ende und es hieß wieder aufsitzen. Die Reiterinnen machten sich auf den Heimweg zurück zum Ferienhof. Klara, eine Schülerin, wartete auf Toni, bis sie zu ihr aufgeschlossen hatte.

«Toni, darf ich dich etwas fragen», begann sie vorsichtig. Das Mädchen wirkte traurig, wie Toni für sich feststellte.

«Natürlich Klara.» Toni wunderte sich zwar, weil sie normalerweise nicht so zögerlich war.

«Du musst wissen, ich reite für mein Leben gerne», schwärmte Klara. «Aber ich werde bald nicht mehr am Reitunterricht teilnehmen dürfen, weil mein Papa arbeitslos geworden ist und er sich das Geld für die Stunden nicht mehr leisten kann.»

«Oh je, das ist aber schade.» Toni legte den Arm um Klaras Schulter. Sie bemerkte, wie dem Mädchen die Tränen in die Augen stiegen.

«Ich weiß eh, dass es nicht gehen wird, aber wäre es eventuell möglich, dass ich, statt die Stunden zu bezahlen, am Hof arbeite?» Sie wischte sich mit dem Ärmel über die tränenverschmierten Augen.

«Im Moment kann ich es dir nicht versprechen, aber ich melde mich bei dir, wenn ich eine Lösung für dein Problem gefunden habe. Oder wenn ich weiß, wo wir helfende Hände benötigen.» Toni lächelte Klara an und versuchte dem Mädchen etwas Hoffnung zu schenken. Sie legte ihren Arm tröstend auf die Schulter von Klara. «Wir finden eine Lösung. Ganz sicher. Und du kommst auf jeden Fall trotzdem zu den Reitstunden, auch wenn du sie vorerst nicht bezahlen kannst.» Sie nahm sich fest vor, noch am Abend mit Jan, ihrem Großvater und Sepp, dem Gutsverwalter zu sprechen. Am Lindenhof oder auch am Ferienhof brauchten sie immer wieder helfende Hände.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2 Jan


Jan hingegen schlug die andere Richtung ein und marschierte zum Reitplatz, auf dem bei schönem Wetter, wie heute, die Trainings für die Kinder abgehalten wurden. Sein Sprössling Markus, ein fünfjähriger Junge mit spastischer Lähmung, wartete bereits auf ihn. Markus saß schon auf Flecki, einer Haflingerstute und streichelte sie am Kopf. Den Namen hatte das Pferd bekommen, weil zwischen den Augen ein kreisrunder weißer Fleck prangte. Betty, ebenfalls eine ausgebildete Reittherapeutin hatte Markus beim Aufsitzen geholfen. Die Stute und der Junge waren ein eingespieltes Team. Sie machte keine schnellen Bewegungen. Wenn sie bemerkte, dass der Junge sich nicht mehr festhalten konnte, stoppte sie in der Bewegung. Jan zeigte dem Kleinen Tricks und Griffe, wie er am Rücken des Pferdes besseren Halt bekam. Seine Muskeln entspannten sich beim Reiten automatisch, wie durch Zauberhand, ohne dass es dem Kleinen bewusst wurde. Wegen der verkürzten Sehnen und der verkümmerten Muskelpartien saß Markus im Rollstuhl. Viele Operationen hatte er bereits hinter sich und es war gewiss, dass noch mindestens genauso viele folgen würden. Auch wenn sein Körper gehandicapt war, sein Geist war es auf keinen Fall. Der Knirps konnte mit seinen fünf Jahren besser lesen als so mancher Zehnjährige. Sein Hirn saugte jegliche Informationen auf, wie ein Schwamm. Oftmals kam Jan vom Staunen nicht heraus, was ihm der Junge alles zu erzählen wusste. Die Reitstunden mit Markus wurden nie langweilig.

«Na endlich kommst du, ist aber auch Zeit geworden», wurde Jan von Markus schon ungeduldig begrüßt. «Flecki und ich marschieren schon die dritte Runde im Kreis, langsam wird es fad.»

«Hi, kleiner Mann, nicht so ungeduldig. Wie ich sehe, bist du heute ja schon richtig aufgewärmt. Danke Betty, für deine Unterstützung.»

«Gerne, Markus und ich verstehen uns prächtig, also pass nur auf, dass er dir nicht untreu wird.»

«Na, na, was hör ich da, Markus? Du gibst dich mit Mädchen ab, und noch dazu mit solchen, die viel älter sind als du? Wir Männer müssen doch zusammenhalten, schon vergessen?» Jan blinzelte ihm zu.

Markus kicherte. «Betty ist schon okay, auch wenn sie ein Mädchen ist.» Betty hob triumphierend den Kopf. «Na also! Ja! Super Markus. So, aber jetzt muss ich euch allein lassen, Anna-Marie ist gerade gekommen. Tschau, bis später.»

«Tschau», rief ihr Markus hinterher. Jan stellte sich zu Pferd und Jungen. Kontrollierte gewissenhaft Halfter und den Spezial-Sattel. Bei manchen Kindern mussten zwei Trainer bei der Reitstunde dabei sein. Markus schaffte es mittlerweile allein, ohne dass er gehalten oder zusätzlich gesichert werden musste, auf Flecki zu sitzen. Jan führte die Longe und gab Anweisungen für den Jungen und dem Pferd. Nach etwa einer halben Stunde machten sich bei Markus die ersten Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Das war jetzt der Zeitpunkt, wo Jan den Jungen in eine liegende Position am Pferderücken brachte. Durch diese Weise entspannte sich die Rückenmuskulatur und Markus verbrachte eine weitere halbe Stunde auf Flecki. Am Ende gab es für Flecki selbstverständlich eine Belohnung. Heute hatte Jan eine Möhre eingesteckt und Markus durfte sie der Haflingerstute vor die Nüstern halten.

«Am liebsten würde ich für immer hierbleiben», seufzte der Junge. «Bei euch ist es immer lustig und toll.»

«Oh», antwortete Jan, «da wären aber deine Mama und dein Papa sicherlich traurig.»

«Nee! Mama vielleicht, aber Papa nicht, der hat uns verlassen. Ich bin ihm zu anstrengend, hat er zu Mama gesagt.» Eine Träne kullerte dem Jungen über die rote Backe.

Jan hielt in der Bewegung inne. Er hatte Markus kurz davor am Vorplatz des Ferienhofes in den Rollstuhl gesetzt. Flecki stand geduldig neben ihnen. Bald würde Markus von seiner Mutter abgeholt werden. Jan kniete sich vor das Kind und umarmte es. «Dein Papa ist aber eine schöne Memme, wenn er nicht erkennt, welchen Schatz er mit dir hat.» Wenn er dem Mann mal begegnen sollte, würde er ihm seine Meinung geigen, schwor sich Jan im Stillen. Wie konnte man so einen lieben, gescheiten Jungen und die nette Mutter verlassen. Zu Markus sagte er: «Nicht traurig sein, mein Freund. Du darfst so oft hierher kommen, wie du möchtest. Vielleicht mag deine Mama auch Reiten lernen und dann könntet ihr beide gemeinsame Ausflüge machen. Na, was meinst du?»

«Ehrlich? Super, das muss ich gleich Mama erzählen, die glaubt mir das nie im Leben.» Die aufgeregte Stimme hallte im Innenhof wider.

«Was glaub ich dir nicht?» Eine angenehme weibliche Stimme holte die beiden aus ihrem Gespräch. Markus strahlte seine Mutter an.

«Mama, Jan hat mir soeben erlaubt, so oft ich möchte, hierher zu kommen, auch außerhalb meiner Therapiestunden. Und du könntest auch Reiten lernen und später können wir das gemeinsam tun. Ist das nicht super?»

«Ja, das wäre es wohl», kam es zaghaft von Frau Julia Felber. «Herr Ollson, darf ich Sie kurz sprechen», presste sie leise hervor. Ihre Augen verrieten Ärger.

«Gerne, bitte gehen wir ein kleines Stück. Markus, wartest du bitte hier?» Jan sah zuerst zum Jungen und dann zur aufgebracht scheinenden Frau neben ihm.

Er ging ein paar Schritte voraus und verweilte einen Moment, bis sie ihm folgte. «Was ist das Problem?»

«Wie kommen Sie dazu, meinem Jungen Versprechen zu geben, die Sie nicht einhalten können? Er hat es bereits schwer genug und braucht wirklich keine weiteren Enttäuschungen!»

«Markus hat mir soeben erklärt, dass er gerne für immer hierbleiben möchte, worauf ich hellhörig wurde und nach dem Warum fragte. Frau Felber, es tut mir leid, dass Markus‘ Vater sie beide verlassen hat. Ich weiß, dass Markus darunter leidet, aber auch für Sie muss diese Situation irrsinnig schwierig sein. Daher nochmals mein Angebot, Sie und Markus können immer und jederzeit zu uns kommen. Sie sind herzlich willkommen. Und es ist nicht nur so daher gesagt. Mein Angebot steht. Und wenn Sie reiten lernen möchten, sehr gerne, immer und jederzeit.»

Julia schluckte. Der Ärger verrauchte. «Es wird allerdings trotzdem nicht möglich sein …» Es folgte eine Pause.

«Aus finanziellen Gründen. Aber ich will Sie nicht mit meinen Problemen behelligen, Entschuldigung, auf Wiedersehen.» Sie drehte sich um und wollte loslaufen, als Jan sie am Ärmel ihrer Jacke festhielt.

«Frau Felber, nicht so schnell. Warten Sie. Ich habe nichts von Bezahlung gesagt, oder? Davon ist keine Rede. Die Kosten für die Therapieeinheiten sind bereits hoch genug, obwohl die Kasse etwas dazuzahlt, oder? Das verstehe ich durchaus. Überlegen Sie es sich bitte. Und wenn Markus hier her möchte, dann bringen Sie ihn, ohne lange zu überlegen.» Er musterte sie eine Zeitlang und verabschiedete sich dann.

Julia nickte Jan zu und ging zu Markus.

Jan blickte ihr, in Gedanken versunken, nach. Er würde mit Toni sprechen müssen und sollte sie nicht einverstanden sein, dass Frau Felber und ihr Sohn gratis Reitunterricht erhielten, dann musste er wohl oder übel selbst in die Tasche greifen. Die beiden taten ihm unendlich leid. Was für ein Mistkerl musste das wohl sein, der seine Familie verlässt, nur weil er mit der Behinderung seines Sohnes nicht zurechtkam. Er führte Flecki in die Box, wo er sie von Sattel und Zaumzeug befreite. Dann begann er, sie sorgfältig trocken zu reiben. Nach einer anstrengenden Therapieeinheit schwitzte das Fell und die Stute genoss diese Aufmerksamkeit. Jan hielt ihr ein paar Karotten vor die Nüstern, die er vorhin in die Box gelegt hatte. Markus‘ Worte und die traurigen Augen des Jungen ließen ihn nicht mehr los. Wo blieb die Gerechtigkeit? Jan wetterte im Stillen. Musste Markus nicht schon viel zu viele körperliche Schmerzen als fünf Jähriger ertragen? Nein, auch seelische Schmerzen wurden im böswillig zugefügt – durch seinen eigenen Vater. Jan verstand die Welt nicht mehr. Er nahm sich fest vor, gleich heute Abend mit Toni zu sprechen, um gemeinsam nach einer Lösung zu suchen …


Bis dahin dauerte es allerdings noch. Gleich wartete die dreizehnjährige Charlotte auf ihre Hippotherapie. Für sie sattelte Jahn Schneeflocke, eine Warmblutstute mit einem sanften Gemüt und einem einfühlsamen Wesen. Hinzu kam, dass das Pferd besonders Kinder liebte. Jan sprach mit ihr, während er sie sattelte. Sie ließ ihre schwarzen Kugelaugen rollen. Mit ihren Nüstern stupste sie Jan an der Schulter. Ein Zeichen, dass sie auf ihr Leckerli wartete.

«Na, na, wer wird denn so ungeduldig sein, du Vielfraß.» Jan tätschelte das Tier am Hals und reichte ihm ein Stück Pferdeleckerli, angeblich mit Apfel-Zimt Geschmack, laut Beschreibung auf der Packung. Schneeflocke wieherte. Sie liebte dieses Zeugs. Jan lachte. Dann führte er sie aus der Box ins Freie. Charlotte war von ihrem Vater hergebracht worden. Als Jan mit Schneeflocke auf sie zuging, verabschiedete sich der Vater des Mädchens. Sie kam seit Jahren hier her, um die Hippotherapie zu absolvieren. Das Reiten lockerte ihre Rückenmuskulatur und stärkte sie gleichzeitig. Auch tat Charlotte der Kontakt mit Schneeflocke psychisch gut. Bevor das Mädchen in den Sattel stieg, liebkoste sie Schneeflocke. Sie streichelte sie am Hals, oberhalb der Nüstern, an den Wangenpartien. Charlotte legte ihren Kopf an Schneeflockes Kopf. Oft dauerte es mindestens zehn bis fünfzehn Minuten, bis die beiden sich ordnungsgemäß begrüßt hatten. Jan wartete geduldig daneben. Als Charlotte so weit war, half er ihr beim Aufsteigen. Dann führte er sie aus dem Innenhof hinaus auf den Außenplatz. Er achtete auf die Sitzposition von Charlotte.

«Wie geht es dir heute?» Jan versuchte, mit Charlotte ins Gespräch zu kommen, was oft schwierig war, da das Mädchen sehr introvertiert war. Sie sprach nie mit Fremden, wie er von ihren Eltern wusste. Bei ihm und Schneeflocke taute sie jedoch auf.

«Gut.»

«Sagst du mir, wenn du Schmerzen hast? Versuch, dich etwas nach vorne zu beugen und Schneeflocke am Hals zu umarmen. Dabei kannst du deinen Kopf auf ihre Mähne legen. Versuch es einfach. Ich stütze dich, keine Angst.» Jan hielt Schneeflocke am Halfter. Charlotte ließ sich tatsächlich langsam nach vorne fallen und hielt sich beidseits am Pferdehals fest. Ein Lächeln huschte über das ansonsten so verschlossene Gesicht. Jan führte nun Schneeflocke langsam im Kreis über den Platz. Nach einigen Minuten sollte Charlotte sich aufsetzen und den Rücken gerade halten. Diese Übung gefiel ihr nicht besonders gut. Jan ermutigte sie jedoch dazu.

«Das tut weh», gab sie zu. Sie durfte die Sitzposition ändern. Jan ließ sich ständig neue Ideen einfallen, damit ihr das Reiten Spaß machte. Seine langjährige Praxis und die hervorragende Ausbildung, die er genossen hatte, halfen ihm dabei. Die Zeit verging viel zu schnell. Charlottes Vater wartete bereits auf seine Tochter. Er hatte die letzten Übungen beobachtet und bedankte sich bei Jan, weil Charlotte nach den Therapien fröhlicher und glücklicher war und sich auch ihre Rückenschmerzen verbesserten.

















3 Julia


Ihr Sohn quasselte die gesamte Heimreise über, wie lustig es am Ferienhof war und wie lieb die Betreuer dort waren und überhaupt und sowieso. Er kriegte sich in seiner Begeisterung nicht mehr ein. So aufgedreht erlebte sie ihn äußerst selten. Julia wurde mulmig zumute. Sie schluckte ihre aufsteigenden Tränen hinunter. Sie konnte doch dieses Angebot gar nicht annehmen. Sie nahm nichts geschenkt, basta. Aber bezahlen konnte sie die Reitstunden auch nicht. Zumindest so lange nicht, solange sie keine Alimente von ihrem Noch-Ehemann erhielt. Es schmerzte, dass er sie einfach verlassen hatte, aber noch mehr tat es weh, weil Markus ihren Streit mitbekommen hatte.

«Du schaffst das schon, aber mir ist Markus mit seiner Behinderung zu anstrengend», hatte er lapidar gemeint. «Ich wollte immer einen Sohn, mit dem ich Fußball spielen oder Skifahren gehen kann». Die letzten Worte hatte er geschrien. Wäre Markus nicht mitten in der Tür gestanden und hätte das mitangehört, hätte sie ihrem Ehemann mit Sicherheit eine gescheuert. Markus hatte seinen Rollstuhl gewendet und war in sein Zimmer geflüchtet. Tränen überströmt hatte sie ihn gefunden. Julia hatte ihn die Arme genommen, obwohl er sich wehrte.

«Verlässt du mich jetzt auch?» Die Frage war ein Schluchzen.

«Wo denkst du hin, mein Schatz. Du bist mein Ein und Alles. Wir beide schaffen das auch ohne deinen Vater. Er ist, wie er ist.» Sie liebte ihren Sohn, so wie er war und doch stieß auch sie an ihre Grenzen. Sie wusste oft nicht, wie sie alles schaffen sollte, und hätte selbst eine helfende Hand gebraucht. Ihr Gatte bot sie ihr nicht. Wieder drückte sie die aufkeimenden Tränen zurück. Sie musste sich auf den Verkehr konzentrieren. Die Stimme ihres Jungen drang wieder an ihr Ohr und holte sie zurück ins Hier und Jetzt. Er erzählte so gerne von den Erlebnissen am Ferienhof der Familie Morbach. Heute hatte sie ihm nur mit einem Ohr zugehört.


Auf dem Nach-Hause-Weg sollte sie auch noch den nötigen Einkauf besorgen. Für den nächsten Tag wollte sie außerdem vorkochen. Sie arbeitete in einer Rechtsanwaltskanzlei als Schreibkraft. Ihr Chef, Dr. Arno Lenz, hatte zum Glück Verständnis, wenn sie wegen Markus ab und zu früher gehen musste. Oder wenn sie, mehr als andere Kolleginnen, Pflegeurlaub benötigte. Oft nahm sie sich die Arbeit mit nach Hause. Vom Diktiergerät ins Schriftliche übersetzen konnte sie auch dort. In Zukunft würde sie wohl noch mehr Stunden arbeiten müssen, damit sie finanziell über die Runden kam. Diese Sorge lag ihr schwer im Magen. Sie wollte für Markus die besten Behandlungen und die besten Therapien. Leider gab es dafür kaum öffentliche Zuschüsse. Ihre Eltern unterstützten sie, indem sie Markus zu sich nahmen, wenn Julia eine Auszeit benötigte oder dringende Behördengänge zu erledigen hatte.

«Mama», riss sie die Stimme von Markus aus ihren Gedanken.

«Ja, mein Schatz.»

«Wirst du reiten lernen? Ich glaube, dass wäre voll super und schön, wenn wir beide dann gemeinsam reiten könnten.»

«Ja, das wäre sicherlich schön. Aber bitte sei nicht enttäuscht, wenn es nicht möglich ist. Es kostet schließlich alles Geld, auch die Reitstunden, und ich muss erst schauen, ob ich es mir leisten kann.» Julia sprach mit ihrem Sohn immer die Dinge an, wie sie waren, ohne etwas zu beschönigen. Leere Versprechungen, die nie eingehalten wurden, halfen ihm schließlich auch nicht weiter. Ganz im Gegenteil. Sie versprach Markus, ein paar Mal darüber zu schlafen und es sich gut zu überlegen. Vielleicht konnte sie ihre Hilfe dort am Hof anbieten, statt die Reitstunden zu bezahlen. Gratis, wie Herr Ollson es angeboten hatte, würde sie es auf keinen Fall machen. Allerdings, wie sollte sie die nötige Zeit dafür aufbringen? Sie schrammte jetzt schon an der Grenze ihrer Belastbarkeit.

Ehrlich, sie hatte sich das Muttersein anders vorgestellt. Am Anfang hatte es mit dem Schwanger werden nicht funktioniert. Robert, ihr Noch-Ehemann, war schon ungeduldig geworden. Sie waren von einem Arzt zum anderen gelaufen, es hatte unzählige Untersuchungen gegeben. Laut den Untersuchungsergebnissen waren beide gesund und es schien keinen Grund zu geben, nicht schwanger zu werden. Sie bekamen den Rat, es ruhig an zu gehen. Stress erzeugte Druck und der war hier bei dieser Sache mehr als kontraproduktiv.

Mit knapp dreiunddreißig Jahren, sie hatte schon lange nicht mehr daran geglaubt, erhielt sie von ihrem Frauenarzt die positive Nachricht, nach einer entsprechenden Untersuchung, dass sie schwanger war. Zuerst hatte sie es Robert nicht erzählt, aus Angst,

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Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Tag der Veröffentlichung: 03.05.2021
ISBN: 978-3-7487-8170-7

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