Cover

Liebestraum à la carte

Er ist fesch, jung, zielstrebig und seine Leidenschaft ist das Kochen. Thomas Neumann ist mittlerweile ein erfolgreicher Sternekoch. Sein Traum ist es, ein eigenes Restaurant zu eröffnen.
Sie, Melanie Kröger, stammt aus reichem Haus, ist ohne Liebe aufgewachsen, hat keine Freunde. Eine finanzielle Notsituation zwingt sie, eine Anstellung zu suchen. Sie bewirbt sich bei Toms Genussoase.
Zwei verschiedene Charaktere aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten und doch verbindet sie eines – die Liebe. Ist diese stark genug, für eine dauerhafte Beziehung?

 

Liebestraum à la carte

Danielle A. Patricks

 

 

Copyright: © Danielle A. Patricks – publiziert von

telegonos-publishing 1. Auflage

Cover: © Kutscher-Design unter Verwendung einer Vorlage von Pixabay

 

www.telegonos.de (Haftungsausschluss und Verlagsadresse auf der website)

 

Kontakt zur Autorin:

www.herzgeschichten.net

 

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig. Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mein besonderer Dank gilt meinem Gatten, der mich in meinen Schreibphasen mit meinen Protagonisten teilen musste, die anfallenden Arbeiten erledigte, ohne zu murren, und mir immer wieder Mut zusprach, wenn Unsicherheiten mich zu plagen begannen. Es ist schön einen Menschen an seiner Seite zu haben, bei dem man geborgen ist, wo die Liebe noch immer täglich das Sagen hat - vielleicht sprießen meine Geschichten mit den Happy Ends doch ein wenig auch aus den eigenen Erfahrungen. …

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Prolog

 

Zwei Jahre zuvor …

 

„Jetzt zapple nicht so rum. Bleib endlich ruhig stehen. Wie soll ich dir denn das Kleid gerade ziehen?“ Klara Neumann zupfte und ruckelte am feinen Seidenstoff.

„Ist ja schon gut, Mama. Lass gut sein, bitte.“ Anika blickte ihre Mutter mit einem gequälten Blick an, als müsste sie zur Strafe auf Holzscheiten knien. Klara lachte auf. „Sei doch nicht so ungeduldig. Sieh dich doch an, wie hübsch du aussiehst.“ Ihre Blicke trafen sich im hohen Spiegel vor ihnen. Anikas fuchsrotes, langes Haar war in einer kunstvollen Hochsteckfrisur fixiert, feine Strähnchen fielen gelockt aus der Frisur und umschmeichelten ihr zartes Gesicht. Der helle Teint ihrer Haut, den sie von ihrem Vater geerbt hatte, harmonierte mit dem cremeweißen Seidenstoff ihres Hochzeitkleides. Ein schlichtes Etuikleid, das ihr bis zu den Knien reichte, schmiegte sich an ihren Körper. Es war rückenfrei und als Zusatz besaß es einen raffinierten Tüllschleier, den man abnehmen konnte. „Einfach wunderschön“, seufzte Klara. Ein wenig Wehmut überkam sie. Jetzt war auch ihr Küken, ihr Nesthäkchen endgültig den Kinderschuhen entwachsen. Wie schnell die Zeit doch verflogen war. Sie erinnerte sich noch gut an den Tag ihrer Geburt. Viel zu früh wollte das Baby aus ihrem Bauch. Kaum, dass die Wehen begonnen hatten, merkte Klara, wie schnell die Abstände dazwischen kürzer wurden. Ins Krankenhaus wären sie nicht mehr rechtzeitig gekommen, daher hatte sie geistesgegenwärtig den Arzt angerufen, der mit der Hebamme innerhalb weniger Minuten zur Stelle war. Keine Minute zu früh. Anika flutschte aus ihren Körper, klein, zierlich, dafür mit lautem Organ. Ein Lächeln huschte über Klaras Gesicht. Gert war vom Büro nach Hause geeilt. Seine Tochter lächelte ihn bereits aus dem Arm seiner Mama entgegen. Nun war die Familie mit den Kindern Jenny, Thomas und Anika vollständig. Ja, und nun kam die schwere Zeit, die Kinder loszulassen. Verstohlen wischte sie sich eine Träne weg. Zum Glück hatte es Anika nicht gesehen, die an ihrem Schleier herumzupfte. Jenny und Thomas traten ein. „Seid ihr fertig? Es warten schon alle“, meinte Jenny. „Mir scheint, der Bräutigam ist etwas blass um die Nase“, scherzte Thomas, der zum zweiten Mal die Ehre hatte, eine seiner Schwestern zum Traualtar zu begleiten. „Gott sei Dank, habt ihr nicht noch eine Tochter in die Welt gesetzt“, entschlüpfte es Thomas und sah seine Eltern verschmitzt an, als Anika ihn gebeten hatte, ihr Trauzeuge zu sein. Aber er hatte diese Aufgabe gerne angenommen und war ein Stück weit stolz, dass sie ihn gefragt hatte. Er stellte sich neben seine kleine Schwester, die um zwei Jahre jünger war als er und um vier Jahre jünger, als seine große Schwester Jenny. Die beiden waren schwer in Ordnung, wie er fand. Anika sah bezaubernd aus. Sie feierte erst vergangene Woche ihren fünfundzwanzigsten Geburtstag, verlobt war sie hingegen bereits seit drei Jahren. Ihr zukünftiger Gatte Michael, der die Firma seines Vaters wieder in die grünen Zahlen wirtschaftete und mittlerweile eine Zweigstelle in Manhattan aufgebaut hatte, war vor sechs Monaten zum erfolgreichsten Jungunternehmer gewählt geworden. Anika unterstütze ihn in jeder Hinsicht. Thomas sah Anika stolz an. „Bist du soweit, deine Freiheit aufzugeben, Kleines?“

„Nerv mich nicht! Ich bin schon lange kein Kleines mehr.“ Anika ließ sich nach wie vor leicht mit ihrem Kosenamen necken und ärgern. Sie fuhr jedes Mal gleich auf hundertfünfzig Sachen oder mehr. Thomas lachte. Galant hielt er ihr den Arm entgegen, damit sie sich einhaken konnte. Sie atmete tief durch. Was Thomas nicht wusste, er hatte ihr mit seiner Neckerei etwas von der Nervosität genommen, die sich hartnäckig seit dem Vortag hielt. Sie hatte kaum geschlafen. Die Tage davor war sie durch Hochzeitsvorbereitungen abgelenkt gewesen. Je näher jedoch dieser Tag rückte, desto unruhiger und nervöser war sie geworden. Anika wusste nicht warum. Insgeheim schlich sich Angst ein, dass alles nur ein wunderschöner Traum gewesen war, aus dem sie bald aufwachen würde. Sie konnte nicht glauben, dass gerade ihr so viel Glück gegönnt war. Michael war einfach perfekt für sie. Er hatte ihr das verlorene Vertrauen anderen gegenüber wieder zurückgebracht. Sie durfte bei ihm einfach sie selbst sein. Dass sie ihre Ecken und Kanten hatte, war ihr bewusst, aber wer hatte die nicht? Sie harmonierten in jeder Hinsicht, egal ob privat oder in der Firma.

Sie leitete und managte den Office Bereich, der mittlerweile aus fünf Angestellten bestand. Karin, ihre Freundin, vertrat sie, wenn sie mit Michael im Ausland unterwegs war. Nie hätte sie zu träumen gewagt, dass sie einmal in so viele verschiedene Länder reisen würde. Die letzten Jahre an Michaels Seite waren aufregend und abwechslungsreich gewesen. Sie mochte keinen Tag und Augenblick davon missen. Am schönsten war jedoch die Zeit, in der sie beide alleine waren. Ob sie jemals von Michaels Körper genug bekam? Ihm überdrüssig wurde? Sicher nie! Allein, wenn sie an Michael dachte, begann es in der Bauchgegend verdächtig zu kribbeln. Sie liebte seine Augen, seinen Duft, seine Aura, seine Zärtlichkeiten. Ein Leben ohne ihn wollte sie sich nie mehr vorstellen. Es war ein tolles Gefühl, endlich angekommen zu sein. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie, wie sich ihre Mama verstohlen die Nase putzte. Sie würde doch nicht weinen? Himmel! Auch Jennys Augen wirkten glasig. Doch nicht auch sie? Anika schluckte. Jenny und ihre Eltern gingen nun voraus. Thomas, bei dem sie sich untergehakt hatte, zog leicht und sie setzte sich mit ihm in Bewegung, einem neuen Lebensabschnitt entgegen …

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 1

 

Die Koffer standen im Flur bereit zum Abtransport, bezeichnend für einen neuen Lebensabschnitt, der unweigerlich eintreten würde. Spannend und aufregend, allemal. Thomas Neumann, seines Zeichen Weltenbummler und einer der besten Köche, war gerade dabei, seinen Entschluss, sich sesshaft zu machen, in die Tat umzusetzen. Zum hundertsten Male kontrollierte er nun schon, ob er alle seine Sachen gepackt hatte. Viel war es nicht. Er war immer mit leichtem Gepäck gereist, wusste er doch, dass die Zeit, weiterzuziehen, kommen würde. Nur seine geliebten Kochbücher und seine Rezepte-Sammlung, liebevoll zusammengetragen und akribisch geordnet, begleiteten ihn seit jeher. Sie wuchsen beständig. Nun sollte sich dieses Leben ändern. Endlich währte er sich am Ziel seiner Träume.

In seinem Elternhaus hatte er die letzten zwei Monate verbracht. Diese Zeit war notwendig gewesen, sich eine geeignete Unterkunft zu suchen, diese nach seinem Geschmack einzurichten – sehr männlich und geradlinig, eher schlicht. Für einen Single-Haushalt benötigte er nicht viele Quadratmeter Wohnfläche. Er würde dort sowieso nur zum Schlafen verweilen, Aber das Objekt, für das er sich entschieden hatte, zeigte in Größe und Ausstattung Luxus pur. Wenn schon, denn schon, hatte sich Thomas gedacht und freute sich auf sein neues Zuhause. Dagegen ersparte er sich, nach einer passenden Lokation für sein eigenes Restaurant Ausschau zu halten. Die wurde ihm angeboten, regelrecht aufgeschwatzt, wie er später voller Stolz behaupten würde. Die letzten Jahre arbeitete er in den weltbesten Lokalen, Hotels und Restaurants, in New York, Paris, Venedig, Amsterdam, Portugal. Aber auch in einigen Hotels in Österreich, in der Schweiz und Deutschland. Viele Eindrücke nahm er mit und behielt sie in seinen Erinnerungen. Er kochte die Nationalgerichte der verschiedenen Länder nach und sammelte die Rezepte. Schon als Kind hatte er liebend gerne seiner Mutter beim Zubereiten der Speisen geholfen. Kochen war seine Leidenschaft, immer schon gewesen. Er hatte sich diese Liebe zum Beruf gemacht. Einmal in seinem eigenen Lokal zu stehen und seine Kreationen umzusetzen, wünschte er sich seit Kindestagen. Und nun, mit neunundzwanzig Jahren sollte eine neue Karriere beginnen. In genau vier Tagen würde er sein eigenes Restaurant eröffnen. Die Vorbereitungen dazu liefen bereits auf Hochtouren. Aber jetzt hieß es erst einmal, die Koffer im Auto zu verstauen. Er lief in die Küche. Ein Espresso zur Stärkung stand an.

„Hast du alles?“, fragte ihn seine Mutter. Sie saß wie jeden Morgen am Tisch, las die lokale Tageszeitung und genoss ihren Kaffee. „Es ist so schade, dass du jetzt wegziehst. Ich hätte mir gewünscht, du findest hier in der Nähe ein passendes Lokal.“ Ein Seufzen entfuhr ihr. Nichtsdestotrotz lächelte sie ihren Sohn stolz an.

„Aber Mama, ihr könnt mich doch jederzeit besuchen kommen. So weit bin ich dann auch nicht weg“, versuchte er sie zu trösten.

„Ich weiß ja. Aber es wäre trotzdem schön gewesen, wenigstens eines meiner Sprösslinge in meiner Nähe zu wissen.“ Sie strahlte ihn an. „Wenn du einen Augenblick wartest, kann dir Papa beim Einräumen der Koffer helfen. Du weißt schon, wenn du bei der Eröffnung oder schon vorher Unterstützung benötigst, du kannst jederzeit auf uns zählen.“

„Ja, danke Mama. Sollte es einen Engpass geben, melde ich mich. Aber im Grunde darf nichts mehr schiefgehen. Morgen führe ich noch die letzten Vorstellungsgespräche. Dann müsste auch das Personal zusammengestellt sein. Der alte Eder hilft mir bei der Auswahl, hat da mehr Erfahrung als ich.“ Thomas schlürfte vorsichtig an seinem heißen Espresso. Er schmeckte genauso, wie er ihn liebte – stark. Zucker und Milch waren im Kaffee verpönt. „Übermorgen beginne ich mit den Essensvorbereitungen für den Eröffnungstag“, erklärte er.

„Was wirst du kochen?“ Klara Neumann klang neugierig.

„Gerichte aus aller Welt zur Einstimmung auf die Speisenkarte der Zukunft. Ich bereite ein Buffet vor, das jedem Gaumen gerecht wird“, schwärmte Thomas. „Ich hab dir doch erzählt, dass Lorenzo bei mir anfängt. Er hat seine letzte Stelle gekündigt und ist mittlerweile beim Eder eingezogen. Zumindest in eines seiner Apartments. Find ich toll von ihm, die beiden Ferienhäuser weiter zu betreiben. Im Sommer kann ich somit auch mit Urlaubern rechnen.“

„Und mit der Pacht für das Restaurant? Seid ihr euch da einig geworden?“

„Ja, natürlich. Eder ist ein feiner Kerl. Er war schon als Chef cool und gerecht. Für das erste Jahr zahle ich monatlich einen Pappenstiel für die Pacht. Und wenn es mit dem Lokal funktioniert und wir Erfolg haben, werden wir den Preis anpassen. Außerdem hat er sich bereit erklärt, mir auch in der Küche zur Hand zu gehen. Zumindest am Anfang. Ruhestand und Pension sind noch keine Optionen für ihn. Und mit Lorenzo im Team kann da gar nichts mehr danebengehen.“ Thomas lächelte zuversichtlich.

Im Eder’s hatte er seine Lehrjahre verbracht. Friedrich Eder war streng, kapriziös und stur, wenn es ums Kochen und seine Küche ging. Alle mussten sich sputen. Letztendlich erhielt Thomas aber genau bei seinem alten Lehrherrn die Kenntnisse zum vorzüglichen Koch, der er mittlerweile war. Alle anderen Dienstgeber dienten lediglich dazu, sich neue Inspirationen und Kreationen zu holen. Schon viele Jahre verband die beiden eine innige Freundschaft.

Vor einem Jahr besuchte ihn der alte Herr in Spanien, wo Thomas in einem fünf Sterne Hotel für die Küche zuständig zeichnete. Friedrich Eder verband Urlaub und Geschäft in einem Zug. Er wollte sich zur Ruhe setzen und suchte für sein Lokal, das Eder’s, einen Nachfolger. Durch Zufall erfuhr er von Thomas‘ neuem Aufenthaltsort. Er beschloss, seinem ehemaligen Schützling einen Besuch abzustatten. Mit der Zusage von Thomas, sein Restaurant zu pachten, fuhr Friedrich Eder wieder nach Hause. Thomas konnte zwar den laufenden Dienstvertrag des Hotels nicht vorzeitig kündigen. Aber in der Zwischensaison besuchte Thomas seinen alten Lehrherrn und beide unterschrieben den Pachtvertrag für die Nachfolge vom Eder‘s. Die Küche war top. Nur im Restaurantbereich nahm Thomas kleine Veränderungen vor. Neue Vorhänge und Polsterbezüge frischten den großen Raum auf. Halbhohe Raumteiler schafften gemütliche Nischen. Nur mit äußerster Disziplin gelang es Thomas, seine Vorfreude im Zaum zu halten und die letzte Arbeitsstelle durchzustehen. Am liebsten hätte er alles liegen und stehen gelassen und wäre vorzeitig nach Hause gereist. Nur, das war nicht seine Art. Was er angefangen hatte, brachte er ordnungsgemäß zu Ende. Erneut nippte er an seinem Kaffee. Sein Vater, Gert Neumann, betrat in diesem Augenblick die Küche.

„Guten Morgen, mein Junge. Na, wie ich sehe, bist du reisebereit.“

„Mhm.“

„Lass mich kurz frühstücken, dann helfe ich dir mit deinem Gepäck. So viel Zeit wirst du doch noch haben?“

„Ja, natürlich. Keine Eile. Länger als vier Stunden Fahrzeit habe ich nicht.“

„Wenn du sonst Hilfe brauchst …“

„Ja, danke, dann sag ich es euch. Hat mir Mama schon angeboten.“ Thomas zwinkerte seinem Vater zu. „Es ist alles durchgeplant und müsste ohne Probleme zu bewältigen sein. Aber bei der Eröffnung rechne ich schon mit euch. Ihr kommt doch?“

„Natürlich! Ich werde doch nicht auf das hervorragende Essen verzichten, dass da gratis angeboten wird.“ Klara und Gert lachten. Thomas schüttelte den Kopf.

„Nur wegen des Essens wollt ihr kommen? Das enttäuscht mich jetzt aber schwer.“ Er tat beleidigt.

„Vielleicht ein bisschen auch wegen dir.“ Klara schmunzelte. Sie musste ihm nicht extra sagen, wie stolz sie auf ihn war. Das spürte er auch so. Sie wünschte ihm so sehr, dass er mit seinem Lokal Erfolg haben möge. Schon als kleiner Knirps, der kaum über den Küchentresen gesehen hatte, plapperte er unentwegt davon, einmal ein berühmter Koch zu werden und sein eigener Chef zu sein. Zielstrebig hatte er die letzten Jahre hart daraufhin gearbeitet.

„So, ich wäre soweit“, sagte Gert und stand auf. Beide Männer verließen die Küche. Klara hörte die Kofferrollen über die Fliesen poltern. Die Tür wurde geöffnet, das Scheppern und Schleifen verlegte sich nach draußen und wurde leiser, als die schwere Tür wieder ins Schloss fiel. Eine Träne kullerte über Klaras Wange. Sie wischte sie weg. Viel zu oft hatte sie schon von einem ihrer Kinder Abschied nehmen müssen. Ja, natürlich nicht für immer. Aber immerhin. Jenny lebte mit ihrer Familie am Mattsee, Anika hatte vor knapp zwei Jahren ihren Boss geheiratet und führte mit ihm den Betrieb weiter, den er von seinem Vater übernommen hatte. Sie lebten zwar am anderen Ende von Perg, das wäre nicht so weit. Stimmt. Aber sie haben auch in New York eine Niederlassung errichtet und halten sich daher oft in Übersee auf. Sie sahen sich manchmal wochenlang nicht. Und Thomas, endlich wieder zu Hause, übersiedelte mit Sack und Pack nach Velden am Wörthersee.

Thomas ursprüngliche Pläne, sein Restaurant in Wien zu eröffnen, hatte sein ehemaliger Chef durchkreuzt, als er ihm die Übernahme seines Hauses angeboten hatte. Klara seufzte. Schön war es dort ja. Wo sie in den nächsten Jahren ihre Urlaube verbringen würden, wusste Klara auch schon zu beantworten. Ihre Kinder würden wohl abwechselnd Gastgeber spielen. Sie stützte ihren Kopf auf die abgewinkelte Hand und blätterte mit der anderen in der Zeitung weiter. Heute musste sie erst gegen neun zur Arbeit. Reichlich Zeit, um ihren Gedanken an frühere Zeiten nachzuhängen.

 

Ein letztes Mal noch alles kontrollieren. Thomas schloss die Heckklappe seines Kombis. Fertig. Abreisebereit in eine neue Zukunft. Er verabschiedete sich von seinen Eltern, herzte und drückte sie. Er blickte sich kurz um. Sein Elternhaus würde er jetzt länger nicht sehen. Rasch stieg er ein. Nur jetzt nicht sentimental werden. Das war er bislang nie gewesen, wenn er zu einem neuen Job in ein anderes Land aufgebrochen war. Dieses Mal roch es nach Endgültigkeit. Er brach nicht nur zu einem neuen Job auf, sondern auch in ein neues Leben. Sein neues Leben. Er drehte den Zündschlüssel, der Motor surrte auf. Langsam rollte der Wagen die Einfahrt hinaus. Thomas atmete tief durch, steckte seinen USB-Stick ein und suchte sich seine Lieblingssongs. Sein Navi zeigte ihm die Route. Thomas genoss noch die letzten bekannten Bilder seiner Heimatstadt, bevor er auf die Bundesstraße abbog, die zur Autobahn führte. Je weiter er sich von zu Hause entfernte, desto freier fühlte er sich. Die Spannung auf das Neue und die Vorfreude, sein eigener Herr zu sein, nahmen ihn gefangen. Nur mit Mühe konzentrierte er sich auf den Verkehr.

 

Sein neues Zuhause lag etwas abseits auf einer Anhöhe mit überwältigendem Blick auf den Wörthersee und Velden. Sein Alltag würde ihm Trubel und Hektik bescheren, deshalb hatte er sich ein ruhigeres Plätzchen für die wenigen freien Stunden gesucht. Das Haus, in den Hang gebaut, in moderner Bauweise gestaltet, beeindruckte durch eine riesige Glasfront gegen Süden und mit Blick auf Velden und den See gerichtet. Eine große Freiluftterrasse lud zum Relaxen ein. Die freizügigen, offenen Räume beherbergten gerade das nötigste an Möbel. Im oberen Stockwerk, das ebenerdig von der Hangseite, über einen kleinen Vorgarten und einer breiten Einfahrt betreten wurde, befanden sich Küche, Ess- und Wohnzimmer, ein extra Freizeitraum und eine Toilette. Das Schlaf- und zwei Gästezimmer, sowie ein Fitnessraum und eine Bad Oase mit Whirlpool, waren im unteren Bereich errichtet worden. Thomas schlenderte durch sein neues Reich. Er trat auf die Terrasse und ließ den Blick entspannt auf die Gegend wirken. Ans Geländer gelehnt atmete er die frische Luft tief ein. Ein Lächeln huschte über seine Lippen. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen, als er dieses Anwesen das erste Mal gesehen hatte. Trotz des stattlichen Preises hatte er nicht widerstehen können. Sein Mentor Eder hatte es ihm mit einem Augenzwinkern empfohlen, wohlwissend, was seinem Schützling gefallen könnte. Thomas begann seine Habseligkeiten ins Haus zu tragen und einzuräumen. Die Haustürglocke läutete. Thomas eilte hinauf und öffnete. Eder fiel ihm sogleich um den Hals.

„Da bist du ja endlich. Wie ich sehe, bist du gut angekommen. Hattest du viel Verkehr?“

„Nein, nein. Aber komm doch erst einmal herein“, meinte Thomas freudestrahlend. Er führte Friedrich Eder ins Wohnzimmer. „Darf ich dir was anbieten? Ein Bier oder doch lieber ein Glas Wein?“

„Nö, weder noch. Ich hab uns Sekt zur Feier des Tages mitgebracht, einen Brut, den du bevorzugst.“ Eder hielt die Flasche in die Höhe. Thomas nahm sie ihm ab und öffnete sie vorsichtig. Mit dem Sekt und den Gläsern traten sie auf die Terrasse.

„Der Ausblick ist einfach traumhaft“, schwärmte Eder. „Es freut mich, dass du dich dafür entschieden hast. Prost! Auf dein neues Zuhause und viel Erfolg mit dem Restaurant!“

„Danke, Prost! Wie ist es hier in der Zwischenzeit gelaufen? Hast du mir, wie versprochen, die Liste mit den Terminen für die Vorstellungsgespräche morgen mitgebracht?“ Thomas lehnte sich an das Geländer.

Eder stellte sich zu ihm. „Hier“, er fischte ein zusammengefaltetes Blatt Papier aus seinem Jackett. „Wenn es dir recht ist, bin ich auch dabei. Ich kenne einige von denen. Haben teilweise auch schon für mich gearbeitet. Schau“, er zeigte mit dem Finger auf einzelne Namen, „ich habe sie mit einem Sternchen gekennzeichnet.“

„Fein. Ich wollte dich schon bitten, ob du dabei sein kannst, da ich in diesen Dingen so absolut keine Erfahrung habe. Wo ist Lorenzo? Ist er schon angekommen?“

„Ja, ja. Der hat einen Aufriss gemacht. Gleich gestern, als er eingetroffen ist. Die Kärntnermadln sind halt hübsch und unwiderstehlich“, grinste Eder. Lorenzo hatte in jedem Hafen, den er jemals angesteuert hatte, eine Liebschaft hinterlassen. Thomas lachte. Sein Freund mit dem italienischen Charme lief jedem Rockzipfel hinterher. An Frauen mangelte es ihm nie. Die Qualität seiner Arbeit litt darunter nicht. Dies hatte Thomas schon immer an ihm gefallen und bewunderte ihn deswegen.

„Deine Küche sieht kalt aus“, riss ihn Eder aus den Gedanken. „Noch nichts Essbares da, was?“

„Ach so! Nein, bin noch nicht dazugekommen. Wollte zuerst meine anderen Sachen einräumen.“

„Komm, ich lade dich zur Feier des Tages zur Konkurrenz ein. Kenne ein Lokal mit einheimischer Küche“, lockte Eder.

Thomas ließ sich nicht lange überreden. Erst jetzt bemerkte er, wie sein Magen knurrte. Seit dem kleinen Frühstück hatte er noch nichts zu sich genommen. Er ging voraus, griff nach seinem Wagenschlüssel und holte sein Sakko.

„Ich fahre“, bot Eder an, „schließlich liegt mein Nachhauseweg auch auf der Strecke. Ist also für mich kein Umweg. Du hast heute schon eine weite Strecke zurückgelegt. Zumindest siehst du recht müde aus.“

„Gut. Da bin ich dir tatsächlich dankbar. Die Autofahrt selbst war nicht anstrengend. Aber ich bin doch angespannt, weil ich nicht weiß, was mich alles erwartet. Ist doch alles neu für mich.“ Er klopfte Eder auf die Schulter. „Aber mit deiner Unterstützung wird es schon klappen. Danke nochmals.“

Eder hatte nicht zu viel versprochen. Das Restaurant lag in einer Seitengasse, etwas unscheinbar. Die Räumlichkeiten wirkten gemütlich, urig. Die Speisekarte führte Fischgerichte, deftige Fleischspeisen bis hin zu den traditionellen Kärntner Kasnudeln. Thomas entschied sich für die Kasnudeln und Eder wählte den Jägerbraten. Dazu tranken sie Weißwein. Thomas beobachtete die Gäste, aber auch das Personal. Er sammelte Eindrücke, wie jedes Mal, wenn er auswärts essen ging. War wohl eine Art Berufskrankheit. Eder stupste ihn an.

„Wir mögen es nicht, wenn man uns so auf die Finger schaut.“

Entschuldigend hob Thomas beide Arme. „Mach ich doch gar nicht.“ Seine Augen funkelten und mit Mühe verkniff er sich den lauten Lacher, der ihm in der Kehle kitzelte. „Was schätzt du, wie viele Leute brauchen wir für die Vorbereitungen und den Eröffnungstag?“ Thomas sah seinen alten Chef und jetzigen Freund neugierig an.

„Also speziell für die zwei Tage melden wir zwanzig Leute an. Das hab ich früher bei diversen Anlässen auch immer gemacht. Morgen suchst du zuerst das Stammpersonal aus. Mit fünf im Service und zusätzlich zwei für die Küche, samt uns beiden und Lorenzo müsste das reichen. Wenn nicht, kannst du noch immer jemanden zusätzlich einstellen. Die anderen habe ich schon verständigt. Ich kenne da einige, die schon für mich gearbeitet haben und verlässlich sind. Sie freuen sich, wenn sie etwas dazuverdienen können und teilen sich ihre Zeit dementsprechend ein.“ Eder klang zuversichtlich. Das nahm doch einiges von der Anspannung, die Thomas fest im Griff hatte. Er war ein Perfektionist. Sonst hätte er es im Beruf nicht so weit gebracht. Jede Kleinigkeit wollte durchdacht und geplant sein. Die Küche war sein Reich. Da saß jeder Handgriff. Aber von all den anderen, organisatorischen Dingen, hatte er null Ahnung. An den Schriftverkehr durfte er erst gar nicht denken. „Mir graut schon jetzt vor dem Bürokram, der da auf mich zukommt“, sprach er laut aus, was ihn gerade beschäftigte. Wie sollte er dies alles schaffen? Ihm schwindelte.

„Junge, keine Sorge. Dafür stellst du halt eine Teilzeitkraft an. Zumindest für den Anfang. Wirst ja sehen, wie es läuft. Vielleicht macht das eine andere Angestellte aus dem Service mit? Bei mir hat es damals die Restaurantleiterin erledigt. War eine tüchtige Kraft. Ist nur jetzt schon in Pension. Solltest du niemanden passenden finden, kann ich sie ja mal fragen, ob sie dir für ein paar Stunden in der Woche aushilft.“ Eder prostete Thomas zu. Er winkte dem Kellner, um die Rechnung zu begleichen. Die Zeit war rasch verflogen. Die Fachgespräche beruhigten Thomas und erst jetzt bemerkte er, wie die Müdigkeit in seine Knochen kroch. Zeit zum Aufbruch.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 2

 

Bereits um sechs Uhr morgens stand Thomas vor seinem Lokal. Vor seinem Restaurant, auf dem in riesigen Leuchtlettern „Toms Genussoase“ zu lesen stand, das er ab jetzt führen und leiten würde. Einem Stück seines Traumes war er damit nähergekommen. Den Erfolg musste er sich noch erarbeiten, und erst, wenn ihm das gelang, hatte er sein Ziel erreicht. Stolz betrat er die große Küche. Sie breitete sich vor ihm aus. Erinnerungen seiner Lehrzeit holten ihn ein und ließen ihn schmunzeln. Die barsche Stimme Eders hallte durch den Raum.

„Thomas das soll ein blanchiertes Ei sein? Ja bist du noch zu retten? Das kann ich doch meinen Gästen nicht vorsetzen, das sieht eher nach einem Eierspeis aus!“ Er, damals Lehrling und gerade einmal eine Woche im Dienst, hatte vor Schreck den Kochlöffel fallen lassen. „Nicht so schreckhaft, Jungchen“, hatte Eder gemurt. „Den rauen Ton in der Küche musst du wohl noch kennenlernen. Schau her, ich zeige es dir noch einmal, wie ein blanchiertes Ei aussehen soll.“

Eder war der Chef in seiner Küche, der Herrscher über die Lebensmittel und seine Angestellten. Eine Respektsperson. Aber vor allem ein hervorragender Lehrherr, der das Talent von Thomas ab dem ersten Tag erkannt hatte und ihn förderte. Oft verlangte er von ihm weit mehr, als er es von den anderen Lehrlingen oder Angestellten tat. Und Thomas? Er saugte alles auf, wie ein Küchenschwamm. Bereits damals schrieb er die Rezepte gewissenhaft auf. Beobachtete und lernte. Er stand noch in der Küche, um etwas Neues auszuprobieren, wo die anderen längst in ihren Betten lagen. Diese Verbissenheit hatte er sich bis heute bewahrt.

Er drehte sich um die eigene Achse, ganz langsam. Seine Euphorie und seine Freude sollten in Ruhe auf ihn wirken. Kurz schloss er die Augen, er hörte den gewohnten Küchenlärm, die Messer, das Rühren in den riesigen Töpfen, das Brutzeln. Sogar die Gerüche nach frischen Kräutern, wie Petersilie, Thymian, Rosmarie, Salbei, der Gemüsebrühe, des frischen Fleisches, kroch in seine Nase. Wie sehr er das alles liebte! Als er die Augen wieder öffnete, war der Zauber vorbei. In der großen leeren Küche herrschte jetzt nur Stille. Nicht mehr lange, und sie würde mit Leben erfüllt werden, sowie er es in Gedanken gerade eben erleben durfte.

Thomas schlenderte ins angrenzende Restaurant. Hier wirkte alles edel und teuer. Die dunklen Holzmöbel hatte er übernommen, die Sitzbänke und Sessel waren mit dunkelbraunem Leder neu überzogen worden. Raumteiler mit Pflanzen schafften Nischen und gemütliche Ecken. Limonengrüne Vorhänge erhellten das Ensemble. Große Fenster, mit Blick auf den See, durchfluteten den Raum mit Licht. Tischtücher in derselben Farbe wie die Vorhänge, frischten zusätzlich auf. Thomas setzte sich in seinem Restaurant an einen Tisch. Jetzt, am frühen Morgen, war es draußen noch sehr ruhig. Der Tag erwachte langsam zum Leben. Ein Fischer legte soeben sein Boot an. Ob er einen guten Fang gemacht hatte? Er stand auf und machte sich auf den Weg. Besorgungen standen an. Diese wollte er noch vor seinem ersten Einstellungsgespräch erledigen. Etwas Zeit hatte er noch dafür. Manche Lebensmittel würden sowieso geliefert werden. Die Bestellungen dafür hatte er bereits von Perg aus in Auftrag gegeben. Zuerst würde er aber dem Fischer einen Besuch abstatten.

 

Punkt neun Uhr traf Thomas, beladen mit drei Einkaufstüten, befüllt mit allen möglichen Lebensmitteln, im Lokal ein. Drei Personen warteten bereits auf ihn. Eder stand an der Bar und schenkte Getränke ein. Thomas huschte in die Küche, entledigte sich seiner Einkäufe, dann atmete er tief ein, um sich vor den Einstellungsgesprächen zu beruhigen. Er begab sich in den Restaurantbereich. Eder war mittlerweile in ein Gespräch mit einer jungen Frau verwickelt. Thomas schnappte ihre Worte auf und blieb stehen. Hinter dem Blumen-Paravent fand er Deckung.
„Bitte, du musst mich einfach einstellen. Ich brauche den Job. Das weißt du“, bettelte sie Eder an.

„Du bringst nur Unfrieden. Jedes Mal hat es noch Probleme mit deinem Mann gegeben. Das kann ich hier nicht gebrauchen.“

„Ich bin geschieden! Das habe ich dir doch gesagt. Wo sich mein Ex aufhält, weiß ich nicht, kann sogar sein, dass er noch einsitzt. Interessiert mich auch nicht. Ich mach alles. Ehrlich! Bin mir für keine Arbeit zu schade. Du kannst mich in der Küche, als Reinigungskraft oder im Service einsetzen. Alles! Hörst du? Bitte!“ Die zierliche blonde Frau, mit dem herzförmigen Gesicht, sah Eder aus ihren tiefblauen Augen flehentlich an. Ihre vollen Lippen waren zusammengepresst, die Wangen leicht gerötet.

„Mel! Melanie, das glaub ich dir ja, aber verstehst du denn nicht? Wir können hier keine schlechte Publicity gebrauchen. Geh heim. Dein Vater hat reichlich Einfluss, um dir einen ansprechenden Job zu besorgen.“

„Wenn Vater irgendetwas für mich tun würde, wäre ich wohl nicht hier!“ Melanie schnauzte Eder an. Sie griff nach ihrer Handtasche, die sie am Tresen abgelegt hatte und wollte gerade gehen.

„Fräulein Melanie, ähm Frau …“, stockte Thomas. Den Familiennamen hatte er überhört.

Melanie drehte sich in seine Richtung. „Kröger, Frau Kröger“, ergänzte sie. „Aber Sie können mich gerne Mel nennen. Machen alle hier in Velden.“

„Gut Mel. Ich habe soeben gehört, dass Sie Arbeit suchen?“
„Ja, allerdings. Aber der feine Herr Eder stellt mich nicht an.“

Thomas blickte zum Genannten. Der zuckte mit der Schulter, nach dem Motto, was soll ich denn machen. Thomas wandte sich wieder an die junge Frau.

„Sie müssen wissen, mein Freund hilft mir bei der Auswahl der Bediensteten. Ich darf aber mitentscheiden“, er blinzelte ihr zu. „Also erzählen Sie mir, was Sie bis jetzt gemacht haben, beruflich meine ich.“ Ein kurzes Schnaufen war aus Eders Richtung zu vernehmen. Dann lümmelte er sich auf die Theke.

„Ja Mel, erzähl meinem Kumpel, was du bislang so alles geleistet hast!“

Melanies Kopf schnellte zu Eder. Ihre Wangen verfärbten sich dunkelrot. „Du weißt ganz genau, dass ich bis jetzt nicht habe arbeiten müssen“, zischte sie ihm zu.

„Eben! Du musst wissen“, wandte er sich nun an Thomas, „Melanie Kröger hat vor ihrer Heirat Melanie von Stein geheißen. Ihr Vater ist Multimillionär, besitzt einige Firmen in Kärnten und auch eines der größten Hotels hier im Ort.“

„Und er hat mich enterbt, als ich Paul geheiratet habe“, ergänzte Melanie. „Paul ist ein Schurke und Betrüger. Leider habe ich dies zu spät erkannt. Mein Fehler. Ich brauche einen Job, egal was. Bitte. Niemand in Velden will mir eine Chance geben.“

„Warum versuchst du es dann nicht an einem anderen Flecken in Österreich oder im Ausland, wo dich niemand kennt?“

„Wie denn? Ich kann mir nicht einmal das Ticket für den Zug leisten.“ Melanie schniefte. Mit Mühe schluckte sie die aufkeimenden Tränen hinunter. Nur nicht weinen. Jetzt nicht weinen. „Ich habe schon einen Teil des Schmuckes versetzt, den ich von Mutter geerbt habe.“ Ihr Geständnis hing im Raum.

„Frau Kröger, Mel, ich kann Ihnen weder einen entsprechend guten Lohn zahlen, noch eine ansprechende Arbeit anbieten. Ich stelle sie als Hilfskraft an, für alle Arbeiten, die anfallen. Wenn Sie damit einverstanden sind, können Sie gerne auf Probe anfangen. Ab wann wäre es Ihnen möglich?“

Melanies Gesicht hellte auf. Ein Strahlen breitete sich aus. „Sofort. Ich kann sofort anfangen. Danke. Sie werden es nicht bereuen.“ Als Zeichen der Freude streckte sie ihm die Hand entgegen. Thomas schlug ein und erwiderte ihr Lächeln. Einen Deut zu lange blieb sein Blick an ihr hängen. „Also Arbeitsbeginn morgen punkt sieben Uhr.“

Dieses zierliche, elfengleiche Geschöpf gefiel ihm. Er fühlte sich zu ihr hingezogen. Warum, konnte er sich selbst nicht beantworten. Irgendetwas an dieser Frau rief seinen Beschützerinstinkt hervor. Vielleicht waren es ihre blauen Augen, um die sich tiefe Schatten gelegt hatten. Sie war um eine Spur zu dünn, die Wangen wirkten eingefallen und das Lächeln ihrer vollen Lippen erreichte nicht ihre Augen.

Sehr klischeehaft! Ja, das wusste er. Und doch. Es stimmte. Würde sie Unannehmlichkeiten bringen? Er kannte die von Steins nicht, hatte nie von ihnen gehört. Klatschpresse las er keine. Lieber beurteilte er Menschen nach ihrem ersten Eindruck. Frau Kröger benötigte Hilfe und das rasch. Das reichte ihm fürs Erste.

Eder schüttelte den Kopf. „Thomas, du bist zu gut für diese Welt. Willkommen an Bord Mel. Aber lass dir gesagt sein, wenn du Probleme machst oder bringst, welcher Art auch immer, bekommst du es mit mir zu tun.“ Eder zog seine Augenbrauen bedrohlich nach oben. Mel nickte verzagt.

 

„Milan Bosic“, stellte sich ein junger schlaksiger Typ vor. Sein Haar fiel ihm seitlich in die hohe Stirn. Er wischte es mit der Hand zur Seite. „Habe gehört, dass ein Abwäscher gesucht wird.“

„Hast du das schon mal beruflich gemacht?“, wollte Thomas wissen.

Milan blickte zu Eder. „Mhm, bei ihm.“

„Ja, stimmt. Ich war auch immer zufrieden mit deiner Leistung“, bestätigte Eder.

„Gut, du bist eingestellt. Morgen punkt sieben Uhr hier.“ Thomas reichte ihm ein Formular. „Das bringst du morgen ausgefüllt mit.“ Milan bedankte sich und verschwand.

„Emma Smolnik, Grüß Gott. Möchte mich hiermit als Restaurantleiterin bewerben. Herr Eder kennt mich und meine Leistungen“, ließ die resolute Frau, mittleren Alters, wissen. Die große Frau hatte eine schlanke Statur. Der Kurzhaarschnitt betonte ihre hohen Wangenknochen und die dunklen runden Augen strahlten Wärme aus.

„Emma, freut mich, dass du dich beworben hast“, begrüßte Eder sie. Er machte einen Schritt auf sie zu, umarmte sie und gab ihr auf beiden Wangen ein Küsschen. „Sie ist eine Perle. Schnell, konsequent und vor allem kompetent und immer freundlich. Emma hat mir wirklich immer gute Dienste geleistet. Sie hat Olga, meine vormalige Leitung im Restaurant und im Büro häufig vertreten.“ Eder zwinkerte Thomas zu.

„Da Friedrich ja schon seine Vorauswahl getroffen hat, und ich ihm uneingeschränkt vertraue, haben Sie den Job natürlich. Bitte seien auch Sie morgen um sieben Uhr hier.“ Emma erhielt ebenso ein Formular zum Ausfüllen.

 

Des Weiteren stellte Thomas als Stammpersonal noch eine Franziska Fischer, im Ort als die Fischer-Franzi bekannt, als Küchengehilfin ein. Den Job der Reinigungskraft vergab er an eine Agnes Tobernig, eine Frau um die fünfzig, trug ihre langen Haare zu einem Zopf geflochten und zum Kranz am Kopf festgesteckt. Agnes war klein und rundlich, und ihre Hände von jahrelanger schwerer Arbeit gezeichnet. Thomas dachte an seine Mutter, die mittlerweile sechsundfünfzig Jahre alt war, aber im Vergleich zu Agnes bedeutend jünger wirkte. Eder wusste auch über Agnes Fleiß nur Gutes zu berichten. Die Einstellung war reine Formsache. Für den Service stellte er noch vier Personen ein. Zwei junge Kellnerinnen, die Pia Stullnig und die Luisa Pichler sprachen gemeinsam vor. Beide waren gerade einmal vierundzwanzig Jahre alt, befreundet und hatten bei Eder die Lehre absolviert.

Die gertenschlanke Luisa wirkte ruhig und beantwortete, die an sie gestellten Fragen kompetent. Pia dagegen flirtete während des Einstellungsgespräches ungeniert mit Thomas. Sie hatte eine sehr weibliche Figur mit Rundungen an den richtigen Stellen, die auf Männer noch nie die Wirkung verfehlt hatten. Ihr neuer Chef gefiel ihr und das versuchte sie ihm auf ihre Art zu zeigen. Thomas ignorierte ihre Flirtversuche. Er blieb sachlich und ungerührt. Seine Mimik ließ keine Reaktionen erkennen. Aufdringliche Frauen hatte er noch nie gemocht. Pia hatte Glück, dass Eder sie in hohen Tönen lobte, womit Thomas ihr eine Chance gab und sie anstellte. Jürgen Baumann und Kevin Schaller bewarben sich ebenfalls als Kellner. Beide hatten in verschiedenen Häusern gearbeitet. Sie legten gute Zeugnisse vor. Mit ihnen stand das fünfköpfige Team für das Restaurant.

 

Gegen Mittag waren sie mit den Gesprächen und Anstellungen fertig. Zur Stärkung gönnten sich Thomas und Eder einen kleinen Snack, bevor sie mit den Vorbereitungen für das Buffet anfingen. Am Nachmittag schlenderte schließlich Lorenzo in die Küche.

„Geht’s endlich mit Kochen los? Das war ja der reinste Jahrmarkt bei euch. War nur kurz da. Hab mich gleich wieder verdrückt.“ Er grinste breit. „Wie ich gesehen habe, hast du auch zwei fesche Hasen eingestellt.“ Er spielte auf Pia und Luisa an.

„Du lässt schön die Finger von den beiden! Hast du mich verstanden? Hier bei der Arbeit kann ich keine Probleme und Querelen gebrauchen. Nach Feierabend kannst du auf Jagd gehen. Die beiden lässt du schön in Ruhe. Ich will keinen Ärger.“ Thomas schwang den Kochlöffel durch die Luft, um seinen Worten mehr Ausdruck zu verleihen.

„Kaum Chef und schon ein Spielverderber“, murmelte Lorenzo gerade so laut, dass es Thomas hörte. Der lachte laut auf. Eder schüttelte den Kopf.

„Jungs, das kann ja noch heiter werden. Aber jetzt schmeiß dich lieber in die Kochklamotten und zeig, was du draufhast. Thomas hat ja Lobeshymnen auf dich gesungen“, stichelte Eder.

 

Bis Mitternacht werkelten sie vor sich hin. Meist ruhig, jeder auf seine Aufgabe konzentriert. Ab und an klärten

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Tag der Veröffentlichung: 18.12.2017
ISBN: 978-3-7438-4673-9

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