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Die Warteliste der AWG

Manfred Basedow

 

Seit dem Jahr 1976 war ich auf der Warnowwerft Warnemünde beschäftigt, schloss den Facharbeiterberuf Maschinen- und Anlagenmonteuer/ Spezialisierung Rohrleitungs- und Behälterbau erfolgreich ab.

Danach ging es direkt nach der Zeugnisübergabe im Sommer 1978, im November desselben Jahres zur Volksmarine der Nationalen Volksarmee NVA. Nach drei Jahren Dienst kam ich auf die Werft zurück, denn in der DDR war es üblich, dass Wehrangehörige weiterhin Mitarbeiter des Betriebes blieben, die Betriebszugehörigkeit weiterlief.

Bis zum Jahr 1984 wohnte ich ausschließlich in der Wohnung meiner Mutter, die damals alleinstehend war. Mittlerweile war ich 35 Jahre alt und dachte daran, dass es an der Zeit wäre, mich abzunabeln. Denn ich teilte mir noch immer das Kinderzimmer mit zwei ebenfalls schon erwachsenen jungen Brüdern. Die Schwestern wohnten in einem anderen, kleineren Kinderzimmer.

Deshalb suchte ich den sogenannten Wohnungsbeauftragten der Warnowwerft Warnemünde und beantragte die Aufnahme in die Warteliste in die Arbeiter Wohn Genossenschaft AWG. Waren die Kollegen eingetragen, sollte der Beauftragte prüfen, für wen es am Dringendsten war, eine Genossenschaftswohnung zu erhalten. Das dauerte bei mir sehr lange, bis über die Wende hinweg.

Weil der Beauftragte aber einsah, dass die Wohnung für mich bei meiner Mutter zu eng wurde, gestattete die Werft, dass ich solange in ein Ledigenwohnheim in Warnemünde in der Parkstraße ziehen durfte, in ein möbliertes Einzelzimmer. Die Miete für das Zimmer betrug monatlich 42,00 Mark der DDR, wobei es einen Gemeinschaftssanitärbereich und eine Gemeinschaftsküche gab. Der Kühlschrank war in mehrere abschließbare Fächer unterteilt, zu der der jeweilige Mieter einen eigenen Schlüssel hatte. Sonst hätten sich andere kostengünstig selbstbedient, obwohl Lebensmittel durch Subventionierung sehr günstig waren.

Die Möbel waren in der Werft eigenen Bordtischlerei gefertigt worden und waren eigentlich eine gut aussehende Flachstrecke in Mahagonioptik.

Nachdem mir im Juni 1992 betriebsbedingt gekündigt wurde, sollte ich für dieses Zimmer plötzlich statt erschwinglicher Miete mehr bezahlen. Weil Monate ja unterschiedlich lang waren, konnte nicht einmal ein Dauerauftrag eingerichtet werden. Von da an sollte ich dafür 17,20 DM pro Nacht bezahlen, wie ein Hotel- oder Pensionszimmer.

Deshalb ließ sich die mittlerweile von der Werft unabhängige Genossenschaft erweichen. Am 15. Oktober 1992 konnte ich meine erste eigene Einraumwohnung im Stadtteil Rostock Lichtenhagen beziehen, in der ich bis heute lebe bei verhältnismäßig geringer Miete, gegenüber Neumitgliedern.

Früher hatten Menschen, die in die AWG aufgenommen wurden, Aufbaustunden zu leisten, die unterschiedlich nach der Größe der zu beziehenden Wohnung gestaffelt waren. Je mehr Zimmer sie hatte, desto mehr Stunden und für die Anzahl der zukünftigen Familienmitglieder in diesen Räumen. Zum Glück zählte jede geleistete Aufbaustunde doppelt und durfte mit mehreren freiwilligen Freunden abgearbeitet werden. Das verkürzte diese Zeit ein wenig.

Im Fall einer Scheidung schnitten meistens die Ehemänner schlechter ab. Hatten sie inzwischen Kinder, bekam die Mutter mit Kindern vom Gericht das Wohnrecht für diese Wohnung, selbst wenn der Vater vorher als Hauptmitglied der Genossenschaft dort registriert war. Dann musste er sich eine neue Wohnung suchen und, falls es wieder eine genossenschaftliche Bleibe sein sollte, von vorn Aufbaustunden für diese aufbringen.

So funktionierte die Warteliste der AWG in der ehemaligen DDR.

 

® Manfred Basedow, 20.05.2015, Rostock

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Tag der Veröffentlichung: 20.05.2015

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