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Kapitel 1

 

 

 

 

 

Sarah Stone schaute ein ums andere Mal durch das große Schaufenster nach draußen, wo zu dieser Zeit reger Verkehr herrschte. Der Lärm wurde hier im Laden zu einem einschläfernden Brummen abgemildert. Sie liebte es, diesem Geräusch zu lauschen; schon als sie vor über zwei Jahren den kahlen, mit alten Tapetenfetzen übersäten Raum zum ersten Mal betreten hatte, war ihr klar gewesen, dass sie der seltsamen Magie des Verkehrslärms und des einströmenden Lichts der Sonne nicht widerstehen konnte. Und so wurde bald Sarah + Mel eröffnet, eine Boutique, die Sarah zusammen mit ihrer Schwester Melissa führte. Das Geschäft lag in der Wellington Street, nicht weit von der Themse entfernt. Oft war es so, dass sie den Duft des Flusses riechen konnten.

Es lag weder an der Blechlawine noch am Fluss, dass Sarah mit wachsender Beklommenheit nach draußen schaute. Ihr Blick fiel auf den Mann, der draußen neben dem Schaufenster am Boden hockte, und sie verzog das Gesicht, weil der Anblick ihre dunkle Befürchtung bestätigte. Offenbar hatte der Mann Gefallen an diesem Platz gefunden; seit annähernd vier Stunden saß er nun dort schon und schien sich seither kaum gerührt zu haben, obwohl seine Sitzposition mehr als unbequem sein musste.

»Das hat uns noch gefehlt«, sagte sie.

»Ist er immer noch da?«, fragte ihre Schwester vom Nebenraum her, wo leise der Fernsehapparat lief.

»Ja.«

Melissa Stone kam herüber zu Sarah und seufzte leise. Sie schaute ebenfalls hinaus. »Der vergrault uns die Kundschaft. Wir müssen was unternehmen, damit er nachher nicht noch annimmt, dass wir ihn dulden.«

»Was sollen wir denn tun?«

Melissa zuckte mit den Schultern. Nach der Eröffnung der Boutique hatte niemand von ihnen mit Schwierigkeiten gerechnet, und schon gar nicht mit solchen. »Ich …« Sie schwieg, weil eine ältere Frau langsam vorüberschritt und mit offenkundigem Interesse auf die Schaufensterauslage schaute. Dann fiel ihr Blick auf den Mann, und sie ging mit einem Gesichtsausdruck, der Verdrossenheit oder Abscheu zeigte, weiter.

»Der vergrault uns die Kundschaft«, wiederholte Melissa. Sie schüttelte wütend den Kopf. »Wir sollten die Polizei rufen. Sollen die ihn da wegnehmen.«

»Die Polizei wird sich nicht für unser Problem interessieren«, wandte Sarah ein. »Man wird uns sagen, solange der Kerl keine Gefahr für uns darstellt, begeht er auch keine Straftat.«

»Aber er muss weg«, meinte Melissa. »Der kommt uns teuer zu stehen.«

»Ich geh raus zu ihm und sag ihm, dass er verschwinden soll. Wenn man es den Leuten freundlich genug sagt, gehorchen sie meistens.« Sarah zog sich eine dünne Jacke über und öffnete die Tür. »Vorsichtshalber bleib hier stehen und komm mir zur Hilfe, wenn es nötig sein sollte.«

Es wehte ein leichter Wind, in dem der Geruch von Themsewasser und Abgasen mitschwang, aber es war nicht kalt. Dennoch zog Sarah fröstelnd die Schultern hoch. Vielleicht stimmte es, was sie vor wenigen Augenblicken ohne Überlegung erzählt hatte, und die meisten Obdachlosen und Vagabunden waren tatsächlich friedfertig und zogen weiter, wenn man es wünschte. Aber sicherlich war die Zahl der schwierigen Charaktere ebenso groß.

Nichts an dem Mann machte den Anschein, als hätte er Sarah bemerkt. Sie konnte kaum etwas von ihm erkennen. Er trug einen ausgebeulten, sehr zerschlissenen Mantel und einen tief ins Gesicht gezogenen alten Hut, der vor Schmutz starrte. Die Arme hatte er vor dem Bauch verschränkt, als habe er Schmerzen.

»Hallo«, sagte Sarah unsicher, als sie vor ihm stand. »Entschuldigen Sie. Sie müssen hier weg. Unsere Kundschaft …« Unsere Kundschaft legt keinen Wert auf Ihre Nähe! Sollte sie das sagen? Es klang verletzend. Aber auch, den Mann zu vertreiben, war eine würdelose Angelegenheit, egal welche Worte Sarah in den Mund nahm.

»Unsere Kundschaft hat sich beschwert«, sagte sie lahm. Ihr wurde bewusst, dass Melissa, wenn sie noch auf dem Posten war, ihr Zögern bemerken würde. Und nicht nur sie – einige Passanten blickten zu ihr herüber, ein Teil von ihnen blieb stehen. Sie musste die Angelegenheit jetzt beenden, schnell und sauber.

»Gehen Sie jetzt!«, fuhr sie den Mann mit ätzendem Unterton in der Stimme an.

Aber er reagierte nicht, als sei er mit seinen Gedanken völlig woanders. Vielleicht schlief er sogar, mit von Alkohol umnebelten Sinnen konnte das durchaus sein.

»Wenn Sie jetzt nicht augenblicklich gehen«, sagte sie trotzig, »muss ich die Polizei rufen!« Das Wort Polizei war für solche Leute doch sicher so etwas wie ein schrillendes Alarmsignal, auf das sie sofort reagierten.

Doch die Drohung verhallte wirkungslos.

Mit Mittel- und Zeigefinger tippte sie dem regungslosen Mann an die Schulter. Sie spürte den rauen Stoff des Mantels, das Fleisch und den Knochen darunter, dazu nahm sie einen eigenartigen Geruch wahr, der ihr in die Nase stieg. Sie konnte ihn nicht einordnen, aber es graute Sarah davor.

Sie riechen alle so, dachte sie schaudernd, sie riechen nach schlechtem Essen und Krankheit.

Unbewusst wischte sie ihre Finger an der Jacke sauber.

Mit einiger Verzögerung folgte eine Reaktion auf ihre sachte Berührung. Der Oberkörper des Mannes rutschte ein wenig zur Seite, und der Hut wurde durch das etwas vorstehende Sims des Schaufensters vom Schädel gepflückt.

Der fremde Duft, der sich in Sarahs Nase eingegraben hatte, war ein Bote des Todes gewesen!

Sie schrie gequält auf und taumelte einige Schritte weg von dem Leichnam. Einige der Gaffer kamen heran, aber auch sie blieben schließlich geschockt stehen.

»Gütiger Himmel«, rief einer. Er blickte in die weißen Totenaugen der zusammengekrümmten Gestalt. Das uralte faltige Gesicht wurde durchpflügt von dicken Adern, an der Nase hatte ein Geschwür genagt, man konnte mühelos in die blutige Höhle hineinschauen. Der Mund stand halboffen, und die Spitze der farblosen Zunge lugte hervor. Das Kinn und ein Teil des Mantels wiesen Spuren getrockneten Blutes auf.

»Der ist ja mindestens hundert Jahre alt.«

 

***

 

Die tragische Geschichte des Mannes wurde um die Welt getragen, denn sein Tod war rätselhafter, als es zunächst den Anschein hatte. Es handelte sich bei der Leiche um Thomas Poterman. Laut Zeugenaussagen, die später polizeilich bestätigt wurden, hatte er wenige Wochen vor seinem Tod seinen zweiunddreißigsten Geburtstag gefeiert und zu jenem Zeitpunkt absolut normal gewirkt und ausgesehen. Wie innerhalb weniger Tage die Wandlung zu einem Greis vollzogen werden konnte, vermochte niemand zu sagen, auch die Experten, die befragt wurden, mussten der Öffentlichkeit ihre Ratlosigkeit eingestehen. Nichts in Potermans Lebensumfeld schien verdächtig. Seine wenigen Freunde und Bekannten bestätigten, dass nichts Ungewöhnliches vorgefallen war, den Unterlagen seines Hausarztes nach zu urteilen, war er ein völlig gesunder Mensch gewesen, abgesehen von seinem etwas erhöhten Blutdruck. Die Medien spekulierten sehr schnell über Viren, die für sein vorzeitiges Altern verantwortlich sein konnten, wenngleich diese atemberaubende Geschwindigkeit, mit der sie Poterman hatten dahinraffen lassen, völlig fremd war.

Auch in Köln wurde die Berichterstattung verfolgt, dort aber gab es Menschen, die Zweifel hatten an den Thesen der Experten.

Als der Nachrichtensprecher der Zwanzig-Uhr-Nachrichten sich einem anderen Thema zuwandte, fragte Stefan Crenz: »Was haltet ihr davon?«

Wir saßen zu dritt in dem großen Wohnzimmer des Einfamilienhauses von Stefan Crenz, seiner Frau Judith sowie deren Tochter Melanie, die sich in ihrem Zimmer befand und dort wahrscheinlich ebenfalls die Nachrichten schaute. Das mochte für ein Kind in ihrem Alter eher unüblich sein, aber Mel, wie sie stets genannt werden wollte, entsprach in vielen Dingen nicht einer typischen Elfjährigen. Ihre Eltern hatten es längst aufgegeben, sie für ihre manchmal skurrilen Vorlieben zu rügen; statt etwas über Popstars oder Pferde zu lesen, widmete Mel sich lieber der Lektüre über die Geschichte der Menschheit oder die Arbeit eines Profilers. Ihr Hang zu philosophischen Debatten war gleichsam erfrischend wie anstrengend; jedes angesprochene Thema drohte über kurz oder lang zu einem Diskurs über die Sicht der Dinge zu werden.

Im Hintergrund des dunklen Raumes sangen Charlotte und Rübezahl eine leise Melodie, die beiden Wellensittiche saßen in ihrem geräumigen Käfig einträchtig nebeneinander. In meinen Ohren klang es reichlich disharmonisch, aber dennoch schlich sich ein leises Grinsen in mein Gesicht, da es mir ein wenig wie das Pfeifen im dunklen Wald vorkam.

Ich war oft in Köln zu Besuch; genau genommen war ich in den letzten Wochen häufiger hier gewesen als in meiner eigenen Wohnung in Düsseldorf, die mir zu groß vorkam, seit ich dort allein wohnte. Unweigerlich wollten meine Gedanken zu Stefanie wandern, die gestorben war, um mich zu retten, doch es gelang mir, meine Aufmerksamkeit wieder auf die Berichterstattung zu lenken und auch auf Stefans Frage, die immer noch unbeantwortet im Raum schwebte.

»Ich glaube nicht an die These von unbekannten Viren«, sagte ich mit Bestimmtheit.

»Sondern?«, hakte Stefan nach.

»Ich weiß nicht.« Ich zuckte mit den Schultern und langte nach meinem Glas mit mittlerweile abgestandenem Bier. »Vielleicht kündigt sich ein neuer Fall für uns an.«

»Wenn überhaupt«, widersprach Stefan, »kündigt sich ein neuer Fall für unsere amerikanischen und britischen Kollegen an. Hier in Deutschland ist so etwas noch nicht geschehen.«

Wir arbeiteten für die reichlich mysteriöse Organisation mit dem eigenartigen Namen Institute of paranormal activities – intern war der zeitsparende Begriff Phenomena, der obendrein schmissiger klang, an der Tagesordnung -, die ihren Sitz in Straßburg hatte. Das IPA beschäftigte sich mit Fällen und Verbrechen, die mit herkömmlichen Ermittlungsmethoden kaum aufzuklären waren. Dass es solche Fälle gab, hatten Stefan und ich bereits einige Male erfahren müssen, seit wir für die Organisation tätig waren, und es hatte unsere Sicht der Dinge gewaltig verändert. Insofern war es auch für Judith Crenz nicht verwunderlich, dass wir mit einer Selbstverständlichkeit über diese rätselhafte Angelegenheit sprachen, wie es andere Ermittler kaum getan hätten. Sie selber war noch nicht mit unerklärlichen Dingen in Berührung gekommen, und es lag auch nicht in ihrer Absicht, aber sie glaubte den Schilderungen ihres Mannes über alte Fälle ohne weiteres, und sie vermutete gar, dass er ihr viele Details verschwieg.

»Da hast du recht, aber dennoch kann es ja nicht schaden, wenn wir uns mit der Zentrale in Verbindung setzen. Außerdem sollten wir …«

»Wir sollten versuchen, mehr Informationen über Poterman zu bekommen«, unterbrach Judith mich. Ihre Augen blitzten vergnügt, als sie meine Verblüffung bemerkte.

»Woher weißt du, was ich sagen wollte?«

»Intuition, Hexerei, simple Begabung – wer kann das schon mit Bestimmtheit sagen?«

»Auf jeden Fall Begabung«, sagte ich. Meine Worte waren aufrichtig gemeint, denn ich wusste, dass Judith über eine beachtliche Auffassungsgabe verfügte, die auch einen altgedienten Ermittler in Verlegenheit gebracht hätte. Mir gefiel ihr unkompliziertes Wesen. Ich wusste, dass ich die Geduld meines Kollegen und seiner Familie im Moment über Gebühr strapazierte, aber wenn meine Anwesenheit sie manchmal störte, so ließen sie es sich nicht anmerken. Und im Grunde glaubte ich, dass sie erfreut waren über meine Besuche; ganz besonders Judith machte keinen Hehl aus ihrer vorbehaltlosen Freude, mich zu sehen. Vielleicht war sie einfach nur eine liebenswerte Frau, doch ich fragte mich manchmal mit einem mulmigen Gefühl, ob nicht andere Empfindungen im Spiel waren als Freundschaft, und ich hoffte insgeheim, dass mein Verdacht niemals bestätigt wurde. Allein aus diesem Grund musste ich bald einen Weg zurück in mein eigenes Leben finden.

»Vielleicht ist der Tote mit etwas in Berührung gekommen, das für seinen merkwürdigen Zerfall verantwortlich ist«, überlegte Stefan.

»Kann sein«, erwiderte ich, »aber doch sicher nicht rein zufällig. Poterman ist schließlich nicht der erste Todesfall. Sechs oder sieben andere Opfer gab es in den letzten Wochen bereits, die an den gleichen Symptomen verstarben, und zwar überall auf der Welt, jetzt also zum ersten Mal auch eines in Europa. Womit sollten die Toten also in Berührung gekommen sein? Nein, ich glaube, dass es eine Verbindung zwischen ihnen gibt.«

»Und welche?«

»Das ist die große Frage.«

»Dann werde ich mal mit den Nachforschungen beginnen.« Judith stand auf. »Und euch noch zwei Bier holen.«

Kapitel 2

 

Da war dieses entsetzlich nervende und zermürbende Heulen in seinem Kopf, ein unaussprechliches Chaos und tiefer Schmerz, der stetig schlimmer wurde, als Georg Strasser langsam die Stufen des Hauses hinaufwankte. Ihm war schwindlig, und oft musste er sich am Geländer festklammern, um einen Sturz zu vermeiden. In irgendeiner Wohnung weiter oben lief laute Musik. Strasser verzog wütend das Gesicht und atmete vernehmlich durch die Nase ein und aus, aber dennoch glaubte er, ersticken zu müssen.

Endlich gelangte er in die dritte Etage und stand schließlich vor seiner Wohnungstür.

Während er versuchte, den Haustürschlüssel, den er bereits in der Hand hielt, ins Schloss zu bekommen, platzten Visionen vor seinen Augen auf. Er sah sich selbst und jene wunderbare Frau, welcher er begegnet war. Sie gingen auf einem roten Blütenmeer aufeinander zu, Göttin und Gott, und als sie dicht an dicht zum Stehen kamen, berührten sich ihre Lippen. Strasser hörte ihre Worte, die wie ein Schwur klangen: »Wir sehen uns wieder!«

Er dachte, er würde lächeln, aber er brachte lediglich eine verkniffene Grimasse zustande, die seine stumpfen und geröteten Augen hinter Hautfalten verschwinden ließ.

Er scheiterte an der Aufgabe, die Tür aufzuschließen, weil seine Hand zu stark zitterte.

»Verdammt!«, murmelte er unwillig.

Er hörte einen leisen Laut auf der anderen Seite der Schwelle: Martina, die sicher vor Sorge um ihn keinen Schlaf gefunden hatte. Strasser grinste vor sich hin. Nichts in ihm sehnte sich danach, seine Frau zu sehen, aber immerhin konnte sie ihm nun eine Hilfe sein.

»Martina?«, rief er. »Ich bin es, Georg. Mach endlich die Tür auf!«

Das Licht im Treppenhaus erlosch, und der Mann stand in beinah völliger Finsternis. Nur unter dem schmalen Türschlitz drang ein wenig Helligkeit hervor.

Mach auf!, dachte er, mach die verdammte Tür auf! Er hob die Hand und ballte sie zur Faust, um mit ihr gegen das Holz zu schlagen, als die Tür geöffnet wurde. Strasser blickte seine Frau an und grunzte voller Verachtung. Kummer und verlorene Träume hatten tiefe Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen. Sie trug ein rosafarbenes Nachthemd, in dem sie noch blasser wirkte als sonst schon. Wie sie so vor ihm stand, erinnerte sie Strasser an ein fettes Schwein. Am liebsten hätte er nun kehrtgemacht, doch er wusste nicht, wohin er flüchten sollte.

Martina Strassers Augen weiteten sich erschrocken, und sie legte eine Hand auf ihren Mund, als wollte sie einen Schrei zurückhalten. Unwillkürlich trat sie einen Schritt zurück.

»Was glotzt du so?«, fuhr er sie an und trat an ihr vorbei in die kleine Wohnung am Berliner Alexanderplatz, in der sie bereits seit rund zwei Jahrzehnten wohnten. Sie war ein Abbild seines eigenen Daseins: verlebt und hässlich.

Der Schmerz in seinem Schädel wurde immer schlimmer, sein Hirn schien in Aufruhr zu sein.

»Wo kommst du her?«, fragte Martina. Sie stand immer noch an der Haustür. »Und wie siehst du aus? Mein Gott, dein Gesicht!«

Er wandte sich um zu ihr und sah den Schrecken in ihren Augen. »Was soll los sein mit meinem Gesicht?« Er betastete Mund und Nase und lachte leise. »Ist alles noch da.« Aber seine Stimme klang unsicher. Er wusste oder ahnte zumindest, worauf sie hinauswollte, es war seine eigene Sorge, nur dass er sich aus Furcht nicht mit ihr befasst hatte.

»Sieh dich doch an! Du schaust aus, als … als ...«

»Als was?«, herrschte Strasser seine Frau an. »Als was, verdammt? Was willst du mir sagen?«

»Du siehst aus, als wärst du über Nacht zwanzig Jahre gealtert.«

Strasser stöhnte auf, als eine neuerliche Schmerzwelle durch seinen Kopf raste. Die nahen Wände des Zimmers schienen auf ihn niederzustürzen. Vielleicht wäre dies das beste, was ihm geschehen konnte. Irgendwo unauffindbar begraben zu sein. Niemand, der ihn suchte oder vermisste.

»Georg, was ist mit dir?« Martina eilte auf ihren Mann zu und wollte ihn stützen, als er schwankte.

»Fass mich nicht an!«, brüllte er und holte aus, als wolle er nach ihr schlagen. Seine Augen funkelten sie voller Zorn an, ein fanatischer Glanz glühte plötzlich in ihnen.

Martina wich vor ihm zurück und blickte ihn erschrocken an. »Ich hab mir solche Sorgen gemacht«, sagte sie leise, weitere bittere Tränen kündigten sich an, »aber jetzt wünschte ich, du wärst nicht hier.«

Strasser schüttelte den Kopf und zuckte zusammen. »Sorgen gemacht?«, fragte er verständnislos. Sein Wutanfall schien wieder verklungen.

»Wo warst du? Du warst beinah zwei Tage lang verschwunden.«

Mit einer Hand fuhr er sich übers Gesicht, und zum ersten Mal spürte er, wie schlaff seine Haut geworden war – und so kalt wie ein Fischbauch. Seine Stirn war nass von eisigem Schweiß. Waren es wirklich zwei Tage gewesen? Strassers Erinnerung war beinah vollkommen ausgelöscht. Zwei Tage? Konnte das wirklich sein, oder redete seine Frau ihm bloß ein schlechtes Gewissen ein? Wo war er in dieser Zeit nur gewesen?

Er konnte sich an die Frau erinnern, die ihn mit Worten und Gesten in ihre Arme gelockt hatte und so sanft zu ihm gewesen war wie früher nicht einmal seine Mutter. In seinem Kopf fand er die Erinnerung an den Kuss voller Leidenschaft wieder, den sie getauscht hatten, an ihre weiche Brust, die er gestreichelt hatte, an das weiße Kleid, unter dem sich ihr schlanker Körper abzeichnete, der

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Klaus Frank
Bildmaterialien: Coverdesign Klaus Frank unter Verwendung eines Bildes von jorgophotograph/ www.fotolia.com
Tag der Veröffentlichung: 01.10.2016
ISBN: 978-3-7396-7657-9

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