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Eine Welt aus Angst und Tod

 

 

 

 

 

Ralf Josten hob seine rechte Hand, die den Stock hielt, und schwang sie hin und her. Errol, der fünfjährige Mischlingshund, den Ralf Josten und seine Frau Elke in einem verwahrlosten Tierheim in Griechenland gesehen und ihn schließlich mit nach Deutschland genommen hatten, schaute mit glänzenden Augen und offenem Maul zu ihm hinüber. Was immer der Hund in diesem fürchterlichen Tierheim und auch zuvor erlebt haben mochte, er schien keinen Schaden genommen zu haben. Ganz im Gegenteil war Errol das liebevollste und anhänglichste Tier, das ihnen jemals untergekommen war, als wolle er ihnen beweisen, dass auch Tiere zu Regungen wie Dankbarkeit in der Lage waren. Errol schoss davon, als Ralf den Stock mit aller Kraft fortschleuderte. Die Sonne schien von einem beinah wolkenlosen Himmel, nach den vielen Regenfällen, die Überschwemmungen mit sich gebracht hatten, setzte sich wohl nun der Sommer durch. Die Natur und die Menschen schienen aufzuatmen wie nach einem langen Alptraum, aus dem sie erwacht waren.

Ein lächelnder Tag, dachte Elke und schmunzelte selber darüber. Aber genauso kam es ihr vor: als lächelte jeder Mensch, der ihnen begegnete, jeder Hund und jeder Vogel, jeder Baum.

»Komm her, Errol!«, hörte sie die Stimme ihres Mannes, und Elke blickte ihn liebevoll an, ohne dass er es bemerkte. Sie empfand eine unendliche Liebe für ihn, ohne dass sie hätte erklären können, was sie in dieser Sekunde zu dieser Einsicht gebracht hätte. Es musste wohl wirklich mit dem traumhaften Wetter zu tun haben.

Langsam schlenderten sie weiter. Der Pfad wurde zu beiden Seiten von Bäumen begrenzt, die Teil eines dichten Waldgebietes waren. Hinter ihnen lag der kleine Ort Fell, in dem sie wohnten, vor ihnen der Nachbarort Thomm, der aber noch ein gutes Stück weg war. Ralf lebte schon sein ganzes Leben hier, er war der erste Josten seit Jahrhunderten, der nichts mehr mit dem Bergbau zu tun hatte, welcher diesen Landstrich einst geprägt hatte. Elke war es nicht leichtgefallen, das bedeutend aufregendere Leben in Trier aufzugeben und im vergleichsweise dörflichen Fell zu leben, aber mittlerweile, nach mehr als drei Jahren, war es ihr gelungen, den Ort und seine Menschen in ihr Herz zu schließen, zumal Trier kaum zwanzig Kilometer entfernt lag, sodass sie mehrmals im Monat dorthin fuhr.

Hätte man Elke gefragt, ihr wäre es nicht schwergefallen, ihr Leben als perfekt einzustufen.

Ralf Josten stapfte über die hohen Farne am Waldrand und suchte den Ast, den Errol nicht in der Lage war zu finden. Mit seinem hellen Hemd, das er erst vor wenigen Tagen gekauft hatte, wirkte wie ein verstockter Waldgeist.

»Such das Stöckchen!«, rief sie laut und lachte, als Ralf und Errol gleichermaßen irritiert zu ihr hinübersahen.

»Sag das deinem unfähigen Hund!«, beschwerte Ralf sich. »Das wäre doch eher sein Job.«

»Mein Hund? Verstehe, wenn er etwas nicht hinbekommt, dann ist es mein Hund. Wenn Leute seinetwegen stehen bleiben und ihn bewundern, dann ist er unser Hund.«

»Falsch«, sagte Ralf und grinste zu ihr hinüber, »dann ist er mein Hund.« Er zögerte kurz, dann rief er mit triumphierender Stimme: »Ah, da ist der verdammte Stock ja.« Er hob ihn auf und ging ein Stück parallel zu dem sonnendurchfluteten Pfad im Wald weiter; nur hin und wieder traf ein Sonnenstrahl seinen kurzgeschorenen Kopf. An diesen Anblick musste Elke sich erst noch gewöhnen, da ihr Mann bis vor wenigen Tagen noch halblanges Haar gehabt hatte. Nun wirkte er beinah wie ein ganz anderer Mensch. »Hier ist es schön kühl. Komm doch auch her.«

»Ich gehe ja gerade wegen der Sonne hier. Aber kühl dich ruhig ein wenig ab, wenn du magst.«

Errol rannte zwischen ihnen hin und her, ohne jedoch von dem Stock angelockt zu werden, den Ralf Josten in seiner Hand hielt. Plötzlich blieb der Hund stehen und bellte. Es klang nicht drohend, sondern, so glaubte Elke Josten, eher nach einem ängstlichen Kläffen, doch sie konnte nicht erkennen, wovor Errol sich fürchtete. Hier war nichts Beängstigendes zu sehen oder zu hören.

»Ruhig, Errol!«, verlangte Ralf, doch das Tier wurde eher noch aufgeregter. Ralf Josten ging auf ihn zu. »Was soll denn das? Mach nicht so einen Lärm!« Er wollte noch etwas sagen, doch plötzlich verlor sein linkes Bein den Halt, und er verschwand bis zur Hüfte im Boden aus weichem Erdreich. Ungelenk prallte er mit dem Oberkörper auf die Erde. Das rechte Bein war nach hinten geknickt; eine unangenehme Haltung, die an Sehnen und Muskeln zerrte. Der Schmerz zog wie ein Stich von der Hüfte bis zu seinem Bein hinunter. Ralf kauerte wie ein betrunkener Balletttänzer am Boden.

Sein linkes Bein schlenkerte haltlos im Loch, das beträchtlich groß sein musste, da er keinen Grund ertasten konnte. Lediglich gegen dichte, starre Wurzelschlingen stieß er immer wieder. Er verzog missmutig das Gesicht, als er daran dachte, dass seine Kleidung nun mit Gewürm und Dreck Bekanntschaft machte.

»Halt endlich die Klappe!«, rief er seinem Hund boshaft zu, der nun endgültig verrückt spielte und ohne Unterlass kläffte.

»Ralf!«, rief Elke und kam näher, ihre dunkelblauen Augen blickten sorgenvoll. »Hast du dir wehgetan? Mein Gott, wie konnte denn das geschehen? Bist du in einen Kaninchenbau getreten? Hast du dich verletzt?«

Auf all diese Fragen hatte Ralf nur ungenügende Antworten. Er versuchte, sich mit den Armen hochzuhieven, doch es gelang ihm nicht. Sein rechtes Bein, das in schmerzhafter Verrenkung auf dem Boden lag, fand keinen Halt. Mit einem ärgerlichen Schnaufer sackte er wieder zurück.

Er blickte zu Elke hoch, deren Besorgnis gewichen war, ein spöttisches Lächeln deutete sich auf ihrem Gesicht an. »Wie konntest du nur so abstürzen?«

»Sehr witzig«, brummte er, aber auch sein Schreck legte sich nun ein wenig. Nur Errol war noch ein Ausbund an Aufregung, die beinah an Panik erinnerte. »Würdest du mir bitte helfen, aus dem Loch rauszukommen? Vielleicht gibt Errol dann endlich Ruhe. Das Theater, das der Köter veranstaltet, ist ja nicht auszuhalten.«

»Was er nur hat? Ob er etwas wittert?«

»Was weiß ich, was in seinem Hundehirn vor sich geht. Übrigens glaube ich nicht, dass es sich um einen Kaninchenbau handelt. Es ist viel zu groß.«

»Was dann? Ein Bergbauschacht?«

Ralf Josten schüttelte den Kopf. »So nah an der Erdoberfläche sind sie nicht. Aber damit zu tun haben könnte es allerdings schon. Vielleicht handelt sich um irgendwelche Verwerfungen, das mag vorkommen, wenn weiter unten Schächte einstürzen, die in dieser Gegend manchmal mehrere hundert Jahre alt sind. Wir sollten auf jeden Fall die Behörden informieren. Unter Umständen besteht die Möglichkeit, dass ein weiterer Einbruch bevorsteht. Würdest du also bitte …«

Elke hatte schon ihre Hände unter seine Arme geschoben, um ihm zu helfen, doch als er nicht weitersprach, richtete sie sich wieder auf. »Was hast du?«

Sie schrak zusammen, als sie sein Gesicht sah, das plötzlich vor Angst verzerrt war. »Da … da war etwas.« Er stieß einen hohen Schrei aus, der das Gekläff des Hundes übertönte. »Eine Berührung an meinem Fuß. Da ist wer!«


***

 

Für eine Sekunde hing Elke dem Gedanken nach, ob Ralf sich einen Spaß mit ihr erlaubte, aber ein Blick in sein vor Furcht beinah entstelltes Gesicht radierte diesen Gedanken sofort wieder aus. Seine Angst war nicht gespielt.

»Hilf mir!«, schrie er, und Elke schrak zusammen. »Oh Gott, hilf mir hier raus. Bitte!« Plötzlich schlugen seine Zähne schmerzhaft zusammen, als sein Oberkörper zu rucken begann. Jemand zerrte mit großer Kraft an seinem Bein, versuchte, ihn zu sich in die Tiefe zu zerren.

Elke schrie auf, als sie das sah. Grenzenlose Angst kauerte in ihr, dennoch zögerte sie nicht, Ralf aus dem Loch zu ziehen, die Gefahr ignorierend, in der sie dadurch selber schwebte. Doch die unheimliche Gestalt, die drunten hockte, ließ es nicht zu. Unerbittlich wurde er herunterzogen. Das rechte, nach hinten ausgestreckte Bein verkantete sich durch den zunehmenden Druck immer mehr und verharrte nun in einem bedenklichen Winkel, da es Ralf nicht gelang, es in eine andere Position zu bringen. Er schrie noch lauter als zuvor, diesmal vor Schmerzen. Seine Augen schienen vor Panik zu zerbersten.

Elke schaffte es nicht, ihn zu halten, der Druck von unten war größer. Dann hörte sie ein Brechen, doch es war kein Ast, der entzwei gegangen war, wie sie annahm, doch das begriff sie erst, als Ralf zu kreischen begann: »Mein Bein! Mein Bein!« Sein Gesicht verlor jegliche Farbe, und mit Blut durchsetzter Speichel rann aus seinem Mund.

Unsinnigerweise dachte Elke bei diesem Anblick an das neue Hemd, das er trug.

Ralfs Schmerzensschrei kippte über. Errol schnappte mit einem wilden Knurren nach seiner fuchtelnden Hand, dann heulte der Hund auf, als begriffe er, was er getan hatte.

Wie eine von einem zornigen Kind verdrehte Gummipuppe wurde Ralf Josten unerbittlich in das schmale Erdloch gezogen, wobei sein gebrochenes Bein immer stärker in Mitleidenschaft gezogen wurde und in einer unmöglichen Stellung zum Rest seines Körpers stand.

Elke begriff, dass sie ihren Mann nicht würde retten können; wer immer dort von unten zog, war ungleich kräftiger als sie. Sie zuckte zurück, voller Entsetzen und Verzweiflung, als Ralf vollends durch den finsteren Schlund gezogen wurde. Sie hörte den Aufprall seines Körpers am Boden; ein satter, klatschender Laut, dem etwas Endgültiges anhaftete.

»Ralf!«, schrie sie und blickte um sich. Warum kam denn niemand? Warum war niemand hier, um zu helfen?

Ralf stöhnte und wimmerte, die Schmerzen, die er auszuhalten hatte, mussten unmenschlich sein. Und ein Keuchen vernahm Elke plötzlich, ein Keuchen und entsetzliches Schmatzen. Sie schob sich ein wenig näher an das Loch im Erdboden heran und lugte hinunter. Es war nicht vollkommen dunkel dort drunten, da ein wenig Tageslicht hineindrang. Irgendetwas war dort, etwas machte sich an Ralf, der wehrlos am Boden lag, zu schaffen und zerrte ihn fort. Nur schwach waren seine Abwehrbewegungen. Einmal glaubte sie, dass er ihren Blick erwiderte, doch dies war vermutlich ein Trugschluss. Sein rechtes Bein stand in einem grotesken Winkel vom Körper ab, beinah so, als wäre es nur noch mittels Fleisch mit dem Torso verbunden und die Knochen sämtlich gebrochen.

»Du Bastard!«, schrie sie in die Tiefe. »Lass ihn los!« Sie bekam eine Antwort aus der Tiefe; ein Schlürfen, wieder dieses fürchterliche Schmatzen, als säße dort unten in der Finsternis ein riesenhaftes Kind, das schlechte Manieren hatte.

Ralf wurde weiter gezerrt, dort unten schien sich ein Gang befinden, auch wenn Elke sich kaum erklären konnte, wodurch er geschaffen worden war.

Ein schwacher Ruf war zu hören, und sie schreckte auf, als sie ihn vernahm. War das Ralf gewesen? Hatte er nach ihr gerufen, um Hilfe gebeten?

»Ralf?«, rief sie in die Tiefe, doch sie erhielt keine Antwort. Was sollte sie nur tun? Sie konnte ihn doch nicht einfach sich selbst überlassen. Ein Schluchzen drang über ihre Lippen, dann, nach einem letzten hoffnungslosen Blick in die Runde, glitt sie hinab in die unterirdische Höhle.

 

***

 

Obwohl sie wusste, dass der Boden nicht sehr weit unter ihr lag, wurde Elke Josten so heftig wie nach einem wesentlich tieferen Fall durchgeschüttelt, als sie unten aufprallte. Mit einem leisen Schrei stürzte sie ungelenk und spürte die Nässe, die sofort eiskalt durch ihre Kleidung drang. Eilig stand sie auf und blickte sich um. Auch nach oben warf sie einen skeptischen Blick, der sich jedoch aufhellte, als ihr klar wurde, dass sie leicht wieder nach draußen gelangen würde; es gab genügend tief reichende Wurzeln, an welchen sie sich hinaufhangeln konnte. Kaltes Erdreich und gewiss auch Käfer fielen auf sie herab, und sie trat eilig zur Seite. Schlagartig stürzte Finsternis über sie her, als hätte man ihr ein Tuch über den Kopf gestülpt.

Sie hörte Geräusche irgendwo vor sich, ein Stöhnen, schleifende Laute, ein Knurren. Sie glaubte, die Richtung zu erkennen, woher diese Laute stammten.

Elke wagte sich nicht zu rühren. Wenn sie nur etwas hätte erkennen können. Ein kalter Wind ließ sie erschaudern, als hätte jemand ein Tor zur Hölle geöffnet. Unter ihren Füßen spürte sie den schlammigen Untergrund, in den sie ein wenig eingesunken war, ihre dünnen Schuhe sogen sich immer mehr mit eisigem Wasser voll.

Ihr Kopf war erfüllt vom Wunsch, dieser Hölle zu entfliehen und einfach nur davonzulaufen. Doch sie konnte Ralf nicht im Stich lassen. Er brauchte ihre Hilfe. Was immer das Scheusal, das ihn in die Tiefe gezerrt hatte, auch beabsichtigte, es konnte für Ralf nicht gut ausgehen. Wenn dieser Irre ihn nicht längst getötet hatte, dann würde er es vermutlich bald tun.

Trotz des Windes war der Gang mit schlechter Luft erfüllt, wie ein Film legte sich der Gestank auf ihre Haut. Einmal wurde er so stark, dass sie stehen bleiben und das Gesicht abwenden wollte. Sie wollte nichts mehr als raus hier, doch sie verharrte auf der Stelle. Es roch, als läge in ihrer Nähe etwas Totes. Vor ihrem geistigen Auge sah sie sich durch einen Zoo wandeln, dessen Attraktion eine Parade verwester Tiere war, die Elke mit ihren glasigen Augen anstarrten. Elke schüttelte vehement den Kopf, um dieses Bild zu vertreiben.

Es gelang ihr, doch die Angst jammerte weiterhin in ihrem Schädel. Blind, wie sie war, streckte sie ihre Arme nach vorn und zur Seite aus. Dann blieb sie stehen und stieß einen Laut aus, der eine Mischung aus Lachen und einem Seufzen war. Warum hatte sie nicht sofort an ihr Handy gedacht! Sie zog es aus der Tasche ihrer dünnen Jacke. Das Display gab ein schwaches Leuchten von sich, aber es kam ihr wie ein gleißendes Licht vor. Es genügte, um zwei, drei Schritte weit zu sehen. Der Gang war einfach ins Erdreich gegraben, Wurzeln hingen über ihrem Kopf, manchmal wurde sie von ihnen am Kopf und an der Schulter gestreift, was der Berührung einer kalten Hand gleichkam. Sie konnte Ralf weder sehen noch hören, doch sie dachte nicht über die mögliche Bedeutung dieser Feststellung nach. Der seltsame unterirdische Gang ächzte und stöhnte permanent, als würden die Stimmen der Toten Elke ihr Leid klagen. Sie befürchtete, dass sie lebendig begraben wurde. Was wäre, wenn der Tunnel hier plötzlich einstürzte? Dann wäre jede Rettung vollkommen ausgeschlossen, sie würde jämmerlich ersticken. Verbissen schüttelte Elke den Kopf und ging langsam weiter, wobei sie stets darauf achtete, dass das Display ihres Handys beständig leuchtete.

Ihre vor Kälte tauben Füße hinterließen deutliche Spuren in der Erde, und trotz des schlechten Lichtes erkannte sie auch die Fußspuren des Entführers. Sie ging in die Hocke und beleuchtete den Morast. Ein leiser Ruf entfuhr ihr, und sie glaubte ihren Augen nicht zu trauen. Sie sah ganz deutlich den erschreckend großen Abdruck eines nackten Fußes. Aber wer konnte es sich erlauben, in dieser Kälte ohne wärmende Schuhe umherzuwandern?

Wer lauerte hier in dieser Finsternis?, überlegte sie, während sie sich zögernd aufrichtete und weiter ging. Sie wusste, dass es besser wäre, zur Öffnung umzukehren und das Weite zu suchen, doch sie schleppte sich weiter durch die Finsternis voran, auch wenn eine ängstliche Stimme ihr zuraunte, dass sie damit den größten Fehler ihres Lebens beging; und vermutlich auch den letzten.

Die meisten der unheimlichen Fußabdrücke waren unkenntlich oder verwischt, weil die Schleifspuren von Ralfs Körper sie ausgelöscht hatten. Es war so entwürdigend, so brutal und hoffnungslos, dass es Elke schier den Atem raubte, wenn sie im Schimmer des Handy-Displays nach unten schaute und den Spuren seines misshandelten Körpers folgte. Wieder hatte sie das Bild seines neuen Hemdes vor Augen, was sie mit einem ärgerlichen Seufzer quittierte.

Was sollte sie tun? Sie musste …

Der Gedanke zerplatzte, als sie plötzlich eine Gestalt vor sich aufragen sah. Elke zuckte aufschreiend zurück und wäre beinah auf dem schlüpfrigen Boden ausgeglitten. Sie dachte nicht eine Sekunde daran, dass vielleicht Ralf vor ihr stehen könnte. Selbst im schlechten Licht wirkte die Gestalt ob ihrer gebeugten Haltung gedrungen, sodass etwas Affenartiges von ihr ausging.

Das Display erlosch, und hektisch drückte Elke eine Taste, damit es wieder leuchtete. Ihr Herzschlag setzte einen Moment lang aus, als sie erkannte, dass die Gestalt nun ihre Position geändert hatte und näher bei ihr stand, ohne dass Elke auch nur den leisesten Laut vernommen hatte.

Elkes Blick war verstört vor Panik, hinter ihren Augen entstand ein Druck, dass es schien, als könnten sie aus dem Schädel springen, und sie spürte, wie sich ihre Blase entleerte.

Hektisch drückte sie ohne Unterlass auf ihrem Handy herum, damit der Lichtschimmer nicht schwand. Vielleicht mochte diese Gestalt kein Licht, so schwach es auch sein mochte, vielleicht konnte dieses lächerliche Glimmen ihr Leben retten, vielleicht …

Der Unhold machte ihre Hoffnung zunichte, als er behände auf sie zukam. Er war nackt, bemerkte sie, vollkommen nackt und unsagbar hässlich. Die Haut war faltig und schlaff wie ein Umhang; wie ein leerer Hautsack, den man einem fetten Greis von den Knochen geschnitten hatte. Einer Greisin, dachte Elke und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf die Brust, die eindeutig weiblich war. Doch sie war weit davon entfernt, darin etwas Gutes zu erkennen. So etwas wie weibliche Solidarität gab es hier sicher nicht. Das Monster öffnete den Mund – nein, öffnete das Maul –, und sie erkannte furchtbar schlechte Zähne, die jedoch lang und spitz waren. Ein atemberaubender Gestank drang aus dem schwarzen Schlund, der Elke würgen ließ.

Sie suchte in diesem Antlitz etwas, das sie als Anzeichen von Gnade deuten konnte, doch da war nichts dergleichen. Keine Güte, aber auch kein Hass oder Zorn; sie blickte einfach nur in eine hässliche Fratze, die kleinen lidlosen Augen blickten gleichgültig und kalt zu ihr.

»Lassen Sie mich!«, stammelte sie und war sich bewusst, wie dumm diese Worte klangen. Wie deplatziert und lächerlich. Sie stand augenscheinlich vor einer blindwütigen Irren und betüterte sie mit Worten aus einem Rosamunde-Pilcher-Roman.

Ein Grunzen kam als Entgegnung, das wie die Stimme eines misshandelten Schweins klang.

Elke warf sich herum und rannte in die Richtung, aus der sie gekommen war. Ihr Glaube, dass ihr die Flucht gelingen konnte, war nicht sehr hoch, doch zu ihrem Erstaunen schaffte sie beinahe die gesamte Strecke, obwohl sie auf dem rutschigen Grund mehr als einmal ausglitt und ins Straucheln geriet.

Sie kam bis zu der Stelle, an welcher das Tageslicht die Finsternis allmählich aufzuweichen begann, dann erhielt sie einen Schlag in den Rücken. Mit einem verzweifelten Aufschrei stürzte sie zu Boden. Wasser und nach Moder schmeckende Erde drang in ihren Mund, und sie spie den Batzen hustend wieder aus.

Eine klauenartige Hand, die eiskalt war, packte von hinten ihr Gesicht, und sie spürte die raue, rissige Haut auf ihren Wagen und ihrem Mund und roch den Hauch von bitterer Verwesung. Mit roher Gewalt wurde sie auf die Beine gehievt. Sie bekam keine Luft mehr und schlug und trat voller Panik blind um sich und traf ihre Peinigerin mehrere Male, der das jedoch nicht im Geringsten etwas ausmachte. Die andere Klause packte ihren rechten Arm so heftig, dass Blut floss, der scharfe Schmerz ließ Elke aufstöhnen.

Dann bekam sie einen harschen Schlag an die Schläfe, und ihre Sinne taumelten, unstet wie ein Schmetterling, davon.


***


Es war das Zittern ihres unterkühlten Körpers, das sie wieder erwachen ließ. Sie blickte in die Finsternis, die dort, wo sie lag, vollkommen war; einige Meter weiter jedoch fielen Strahlen des Tageslichts in die Tiefe. Elke Josten runzelte die Stirn. Langsam erhob sie sich. Ihre Kleidung war völlig durchnässt, und sie fror so sehr, dass ihre Zähne laut gegeneinander klapperten. Sie erinnerte sich an alles, was ihr widerfahren war. Sie stieß einen Laut aus, der Ähnlichkeit mit einem Lachen oder einem Schluchzer hatte. Wieso hatte dieses Wesen sie nicht getötet? Es schien nicht mehr in ihrer Nähe zu sein. Außer dem Säuseln des kalten Windes und dem Schmatzen der nassen Erde unter ihren Füßen vernahm sie keinen Laut.

Ihr Kopf schmerzte vom Schlag, der sie niedergestreckt hatte, und auch ihr rechter Arm war ein wenig in Mitleidenschaft gezogen. Sie ging in die Hocke und tastete im Schlamm nach ihrem Handy, und tatsächlich fand sie es nach wenigen Momenten, jedoch funktionierte es nicht mehr; wahrscheinlich war zu viel Feuchtigkeit eingedrungen. Mit einem leisen Fluch steckte sie es in ihre Hosentasche.

Was sollte sie nur tun? Was war mit Ralf geschehen? Gab es überhaupt noch Rettung für ihn? Die Tatsache, dass Elke noch lebte, konnte bedeuten, dass es auch für ihren Mann noch nicht zu spät war. Warum sollte man sie verschonen, ihn jedoch töten? Ihre Gedanken verloren sich im Nichts. Als Erstes musste sie vor der unerbittlichen Kälte flüchten, die sich ihr tief ins Fleisch fraß. Ungelenk taumelte sie durch die Düsternis. Auch wenn sie gleich nach ihrem Abstieg voller Zuversicht gewesen war, sich ohne große Probleme nach oben arbeiten zu können, wurde sie nun eines Besseren belehrt. So unterkühlt, wie sie war, erwies sich der Aufstieg als äußerst schwierig, und sie musste mehrmals ansetzen. Zornig schimpfte sie auf sich selbst, wenn sie wieder und wieder an den Wurzeln den Halt verlor und wie ein plumper Sack zu Boden fiel. Es bedurfte einer immensen Kraftanstrengung, endlich wieder ans Tageslicht zu gelangen. Das Licht war so grell, dass sie für mehrere Minuten die tränenden Augen schließen musste. Zitternd lag sie am Waldboden und robbte nach einer Weile zu einer kleinen von der Sonne durchfluteten Lichtung, um sich aufzuwärmen, auch wenn sie sich dafür schalt. Jede Sekunde Verzögerung

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Klaus Frank
Bildmaterialien: Coverdesign: Klaus Frank, unter Verwendung eines Bildes von Hektor2 / www.Fotolia.com
Tag der Veröffentlichung: 29.06.2016
ISBN: 978-3-7396-6270-1

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