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Jagd auf einen Totengeist

  

Eva Kaulmann erwachte von einer Sekunde zur anderen aus ihrem tiefen Schlaf. Wie weggewischt war der belanglose Traum - Gärten, in der Sonne blitzende Seen, Kindergelächter -, der durch ihren Kopf gezogen war. Sie riss die Augen auf und blickte verstört in die Dunkelheit, welche sie umgab. Einen beängstigenden Augenblick lang fühlte sie sich vollkommen desorientiert und wusste nicht, wo sie war. Vielleicht doch noch im Traum gefangen, der ihr nun seine dunkle Seite präsentierte, wo es kein Gelächter mehr gab? Sie blickte umher, doch sie sah lediglich vage konturlose Schemen. Es waren die ihr ansonsten verhassten Schnarchgeräusche ihres Mannes Georg, die Eva halfen, Ordnung in ihre verwirrten Sinne zu bekommen. Ganz klar, jetzt wusste sie es wieder: Sie befand sich in ihrem eigenen Bett; ihre linke Hand war in das Laken verkrallt, als wäre es das Übel des Schreckens, den sie empfand.

Sie atmete auf, aber das Gefühl der Erleichterung verpuffte sofort wieder. Mit ihrem Kopf schien etwas nicht zu stimmen; es fühlte sich an, als sei er von rostigem Draht umfasst, dessen Schlingen immer enger gezogen wurden. Genau in der Mitte ihres pochenden Hirns hockte ein schlimmer Schmerz, der ihren Körper fühllos für alle anderen Reize zu machen schien.

Manchmal litt sie unter Migräne, aber das hier war eine gänzlich andere Erfahrung.

Und plötzlich hörte Eva Kaulmann die Stimme. Sie saß in ihrem Kopf, stellte sie fest; vermutlich war sie bereits die ganze Zeit dort gewesen, nur hatte sie das in dem Wust ihrer schmerzhaften Empfindungen nicht erkannt. Nicht nur Worte, sondern nun auch Bilder, die sich hinzugesellten. Bilder aus der Hölle, so schien es ihr. Sie sah Blut und Leiber, die es voller Ergebenheit verspritzten. Sie sah offene Münder, die gellende Schreie ausstießen, sah zerschlitzte Körper und tote Augen. Nichts als Verderbnis, Tod und Zorn.

Eva Kaulmann atmete heftig. Sie blickte hinüber zu Georg, der von alldem nichts mitbekam. Sie wollte ihn wecken, als ihr noch etwas klarwurde. In ihrer rechten Hand, die unter der Bettdecke verborgen war, befand sich ein Gegenstand. Zaudernd lupfte sie die Bettdecke an und wagte einen scheuen Blick. Ein Schluchzen drang aus ihrer Kehle, als sie vage das Messer erkannte, das sie fest umpackt hielt. Wie kam es dorthin? Diese Frage war genauso unerlässlich wie jene nach der bösartigen Stimme in ihrem Schädel. Beides hing miteinander zusammen.

Und als hätte die Stimme nur darauf gewartet, dass Eva das Messer entdeckte, wurde sie lauter und drängender. Sie spürte, wie ihr eigener Wille in die Ecke gedrängt wurde, als sei er ein Kaninchen im Käfig voller Schlangen. Jetzt war nur noch Raum für diese brutal klingende, leicht näselnde Stimme, die ihr nun Befehle erteilte, welche nicht zu missverstehen waren.

Töte!, sagte sie. Immer wieder: Töte!

Eva blickte auf das Messer, dessen Klinge unheilvoll und unglaublich scharf wirkte; das erkannte sie selbst in der Dunkelheit.

Der Horror, den sie empfand, überstieg die Grenze des Erträglichen. Ihre rechte Hand zitterte leicht, die Klinge des Messers darin vibrierte, und Eva fügte sich unbeabsichtigt eine kleine Schnittwunde am Oberschenkel zu. Sie sah das Blut nicht, aber ihre verstörenden Gedanken reagierten sofort darauf und brüllten und tobten in ihrem Schädel, der zu platzen drohte. Eva schloss die Augen, aus denen Tränen rannen, und schüttelte den Kopf. Sie glaubte, den Verstand zu verlieren. Ein leises Wimmern entfuhr ihr.

Neben ihr regte sich Georg und fuhr stöhnend in die Höhe. »Was ist denn?«, fragte er mit verschlafener Stimme. »Hattest du einen Alptraum?« Er streckte seine Hand aus und berührte Eva an der Schulter, die erschrocken zusammenzuckte, als sei ihr Mann der Feind, den es zu fürchten galt.

»Ich …«, stieß sie aus, doch mehr als ein Krächzen wollte ihr nicht gelingen. Ihr Gesicht war tränenüberströmt, ihre Lippen bebten. Sie räusperte sich und setzte nochmals an. »Er sagt, ich muss dich töten.«

 

***

 

Einige Sekunden lang herrschte Schweigen im behaglich-dunklen Schlafzimmer der Kaulmanns. Von fern hörten sie zwei Kirchen, die beinah gleichzeitig die volle Stunde schlugen. Mechanisch zählte Georg Kaulmann die Glockentöne mit, während er mit verwirrter Miene zu seiner Frau hinüberblickte. Es war drei Uhr morgens; eine Zeit, in der er sich lieber mit schöneren Träumen beschäftigen wollte.

Was hatte Eva da gesagt? Das war doch verrückt. Nichts deutete daraufhin, dass sie sich einen Scherz erlaubt hatte, der auch allzu geschmacklos gewesen wäre. Somit konnte der Grund nur sein, dass sie immer noch in einem Alptraum gefangen war, der nicht weichen wollte. Es konnte nicht anders sein; ein Traum, aus dem es kein Entrinnen gab. Er lachte unsicher auf; es klang wie ein ersticktes Husten.

»He, Mädchen«, sagte er betont sanft und berührte sie erneut an der Schulter. »Komm zu dir. Du träumst ja noch.« Seine Worte klangen in seinen Ohren wie dummes Zeug; er musste zugeben, dass diese Situation ihn maßlos überforderte. Konnten Menschen von einer Sekunde zur anderen den Verstand verlieren?, überlegte er plötzlich.

»Da ist diese Stimme in meinem Kopf«, sagte sie mit bebender Stimme. Sie schüttelte den Kopf und schaute ihn angstvoll an. »Diese Stimme … sie sagt es mir, Georg. Sie befiehlt es mir. Was soll ich denn dagegen tun? Sag es mir!« Sie rückte näher. Ihre Stimme wurde lauter: »Sag es mir! Ich kann ihn nicht aufhalten. Er sagt …« Mit einer Wucht, die Zähne zermalmen konnte, schnappte ihr Mund plötzlich mitten im Satz zu, und sie stieß ein gequältes, irr klingendes Stöhnen aus. Dann hob sie ihre Hand, und in der Dunkelheit wurde die unheilvolle Silhouette des Messers sichtbar.

Bevor Georg Kaufmann seine Frau fragen konnte, wie sie mitten in der Nacht an dieses grauenhafte Messer gelangt war, fuhr sie herum und stieß mit dem Messer zu. Georg Kaulmann hatte sich in seinem Leben einige schlimme Verletzungen zugezogen, unter anderem einen schweren Motorradunfall, aber all diese Erinnerungen verblassten angesichts der Schmerzwelle, die nun in ihm aufbrandete. Echter Schmerz fühlte sich kalt an, bemerkte Georg, er war kalt wie der Tod. Das Messer war bis zum Griff seitlich in seinen Hals eingedrungen; er spürte, wie die beidseitig geschliffene Klinge Fleisch und Sehnen zerschlitzte und Blut aus der Wunde schoss. Überall schien Blut zu sein; es besudelte das Bett, den Boden, die Wand hinter ihm. Es war in seinem Hals und seinem Mund, und er bekam keine Luft mehr.

Er stieß ein blubberndes Krächzen aus. Beinah schlimmer als der Tod, der immer näher heranpirschte, war für ihn die Ungewissheit, von wem Eva da gesprochen hatte. Die Zeit, das zu erfahren, würde ihm kaum mehr bleiben, das wusste er. Das Bett, auf dem er lag, war zu einem Meer aus Blut geronnen.

Wieder blitzte das Messer auf, er sah es schemenhaft von oben nach unten fahren und er bäumte sich auf, als es in seine Bauchhöhle fuhr, dann schlitzte Eva, seine liebe, treue Eva, ihn bis zum Hals auf. Etwas Heißes fiel auf seine Hand, aber er war zu schwach, sie zu heben, um zu sehen, worum es sich handelte. Die Kälte, die er spürte, war nun allumfassend.

Er hörte jemanden schreien, aber der Schrei kam aus weiter Ferne, aus einem anderen Land, wie es schien, und erreichte ihn kaum.

Meine ungute Frau, dachte er, sie ist doch verrückt geworden.

Er rutschte seitlich vom Bett und stieß gegen den kleinen Nachttisch, der laut polternd umstürzte.

Das jedoch hörte Georg Kaulmann bereits nicht mehr. Die Finger seiner rechten Hand, die noch auf dem besudelten Bett lag, streckten sich wie zu einem Gruß, den er seiner Frau oder dem Haus widmete.

Eva Kaulmann lag quer auf dem blutüberströmten Bett und blickte auf den Leichnam ihres Mannes. Sie schluchzte und schrie. Sie nahm seine erschlaffte Hand und hielt und drückte sie. Sie hatte ihren Mann umgebracht, ihr rechter Arm hatte sich ihrem Willen widersetzt und immer wieder zugestochen, bis er sich nicht mehr regte. Sie hatte keine Chance, sich gegen den Einfluss der unheimlichen Stimme zur Wehr zu setzen, die immer wieder Worte der Aufstachlung ausgespien hatte. Wie war so etwas nur möglich? Eva Kaulmann bebte vor Panik und Entsetzen.

Nach einigen Sekunden stand sie langsam auf und ließ die erkaltende Hand der Leiche los, auch dies war auf den fremden Einfluss zurückzuführen. Die Stimme sorgte dafür, dass sie tapsig wie eine Schlafwandlerin das Schlafzimmer verließ. Unter ihren nackten Füßen schmatzte das Blut. Auf dem dunklen Flur wandte sie ihren Kopf hin zu einer geschlossenen Tür im ersten Stock des Einfamilienhauses, wo ein kleines Licht brannte, und setzte sich in Bewegung.

Nicht noch einmal!, dachte sie voller Panik. Nicht noch einmal!

Doch ohne zu zögern steuerte sie weiter auf diesen Raum zu, hinter dessen Tür sie ihren achtjährigen Sohn Clemens wähnte.

Die Stimme feuerte sie an, auch ihn zu töten.

 

***

 

Clemens stand in seinem hellblauen Schlafanzug hinter der Tür seines Zimmers und spähte durch das Schlüsselloch. Eine geraume Weile herrschte unten bereits Stille, doch er war nicht sicher, ob er dies für ein gutes Zeichen halten sollte. Er konnte die schrecklichen Laute von vorhin nicht einordnen; beinah war es ihm vorgekommen, als wäre noch jemand bei seinen Eltern gewesen, aber das war sicher vollkommen abwegig.

Plötzlich hörte er leise Schritte auf der Treppe und Clemens presste wieder ein Auge vor das Schlüsselloch, und er sah seine Mutter im Schein der Lampe, die nachts immer brannte. Ein leiser Schrei entfuhr ihm. Ihr kurzes Nachthemd war mit Blut getränkt, genau wie auch ihre Füße, und ihr Gesicht war eine verzerrte Grimasse, aus der groß und weiß und alptraumhaft ihre Augen hervorstachen. War das dort wirklich seine Mutter oder jemand Fremdes, der ihr Aussehen angenommen hatte und nun zu ihm wollte? Ein Instinkt sagte ihm, dass er fort musste.

Ohne sich umzuschauen, ging er rückwärts zum Fenster. Als er es im Rücken spürte, drehte er sich um und öffnete es. Die Scharniere quietschten leise, das taten sie bereits seit Monaten; sein Vater hatte sich schon so oft vorgenommen, sie zu ölen, doch immer war etwas geschehen, das wichtiger war. Für einen Sprung war es zu hoch, wenngleich Clemens oft mit offenen Augen davon geträumt hatte, es doch unversehrt schaffen zu können. Aber es gab einen anderen Weg, der gefahrloser zu bewältigen war. Bis fast an das Fenster wuchs der dicke Ast eines mächtigen Baums heran, den Clemens bereits oft als aufregende Alternative benutzt hatte, die Wohnung zu verlassen. Mehrmals hatten seine Eltern ihn deswegen gescholten, aber alle Versprechungen, es nie wieder zu tun, waren kurze Zeit darauf gebrochen.

Mit traumwandlerischer Sicherheit stieg Clemens auf das schmale Sims und hielt sich am oberen Rand des Fensterrahmens fest, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Es bedurfte nur eines großen Ausfallschrittes, um auf den Ast zu steigen. Genau das war jedoch stets der kritische Punkt, denn sobald er das tat, musste Clemens seine Hände vom Fensterrahmen lösen und allein auf seine Standsicherheit vertrauen. Ein wenig höher streckte sich ihm ein anderer, etwas dünnerer Ast entgegen, den er nur zu packen brauchte, um wieder sicheren Halt zu bekommen.

Gerade als er dort stand, wurde die Tür seines Zimmers aufgerissen, und seine Mutter stieß einen irren Schrei aus, der Clemens Finger beinah vom Ast gelöst hätte. Er warf einen Blick in das Zimmer hinein und erwiderte den Schrei. Wie eine Furie stürzte seine Mutter zum Fenster, das Messer drohend über ihrem Kopf schwingend. Er sah die Tränen der Verzweiflung in ihrem Gesicht, was er als Widerspruch zu ihrem mörderischen Zorn empfand.

Was hab ich denn getan?, dachte er verzweifelt. Was hat sie so böse gemacht?

Beinah war sie schon heran, um ihn zu packen, da löste Clemens sich aus der Starre, die ihn für einen Moment bewegungsunfähig gemacht hatte. Er wusste aus Erfahrung, dass der Rest ein Kinderspiel war, ein sanfter Abstieg von Geäst zum tieferen Geäst, das er ähnlich wie eine Treppe nutzen konnte. Lediglich die letzten anderthalb Meter musste er springend überwinden.

Die Klinge fauchte nah an seinem Gesicht vorbei. Seine Mutter fiel beinah aus dem Fenster, so weit lehnte sie sich hinaus. Noch einmal fuhr das Messer auf ihn zu, und einen beängstigenden Augenblick lang befand Clemens sich mit beiden Füßen in der Luft, als er dem Hieb auswich. Wild strampelnd suchte er nach dem Ast, um wieder Tritt zu fassen.

Seine Mutter schrie und stieß heisere, beinah kläffende Keuchlaute aus. Ihre weit aufgerissenen Augen waren leuchtende Scheiben des Irrsinns. Sie schien ihn gar nicht mehr zu erkennen. Schreiend und geifernd stieß sie das Messer nach ihm. Dann wuchtete sie sich aus dem Fenster hinaus und packte mit wilder Entschlossenheit einen Ast, der unter dem Ansturm zu brechen drohte.

Clemens beeilte sich, hinunter zur kleinen Grasfläche zu klettern, die ihr Haus von der Straße trennte.

Als er unten angelangt war, erblickte er das Gesicht seiner Mutter im Geäst des Baumes. Er sah ihre Tränen, die nicht zu der vor Wut verzerrten Grimasse passten. Wie ein Miniaturregenschauer fielen die Tränen zu ihm hinunter. Er streckte die Hand aus und ein warmer Tropfen landete wie eine Segnung auf seiner Handfläche.

Erneut stieß Eva Kaulmann einen grunzenden Schrei aus, und der zauberische Augenblick zerfiel zu Staub.

Mit Schreck erkannte er, dass sie die Hälfte des Abstiegs bereits hinter sich gebracht hatte.

Eilig wandte Clemens sich um und rannte davon. Seine nackten Füße klatschten in schnellem Wirbel auf das raue Pflaster. In seinen Ohren klang es wie eine rasende Serie von Ohrfeigen. Ohne hinter sich zu blicken, überquerte er die nächtlich-ruhige Straße. Weiter vorn befand sich eine kleine Parkanlage. Seine Hoffnung war, sich dort hinter einem Busch zu verkriechen. Was er dann tun sollte, wusste er beim besten Willen nicht, und diese Aussichtslosigkeit trieb ihm während des Laufens die Tränen in die Augen. Ihm wurde plötzlich klar, dass sein behütetes Leben plötzlich vorüber war; was immer jetzt noch folgen würde, war eine gänzlich andere Existenz.

Eva Kaulmann folgte ihrem Sohn im Abstand von einigen Metern. Sie war schneller als er, erkannte sie; die wütende Stimme in ihrem Kopf stachelte sie zur Höchstleistung an, sie drohte und schmeichelte, um dem schmerzenden Körper der Frau noch mehr Kraft zu entlocken. Der panische Rest ihres eigenen Ichs war rettungslos unterlegen und konnte dem Treiben nur noch folgen, ohne ihm Einhalt zu gebieten.

Sie überquerte ebenfalls die Straße, doch plötzlich wurde sie von einem hellen Lichtkreis eingefangen. Sie hörte Reifen ohrenbetäubend laut quietschen. Erschrocken wandte Eva Kaulmann den Kopf und sah einen weißen Lieferwagen vor ihr aufragen, der eine nächtliche Fracht transportierte.

Zu spät!, dachte sie, und diese Erkenntnis wurde von ihrem eigenen Bewusstsein erfreut aufgenommen, bedeutete es doch, dass Clemens, ihr Sohn, ungeschoren davonkam.

Sie vernahm einen hellen Schrei aus dem Innern des Lieferwagens und sah das bleiche Gesicht des Fahrers, der einen Moment zu spät reagiert hatte, vielleicht wegen einer Ablenkung oder aus Übermüdung. Dann war das brüllende Ungetüm heran. Eva Kaulmann sah den Kühlergrill, welcher aus der Nähe der Zahnreihe eines Hais ähnelte; dann wurde die Besessene davongewirbelt wie Laub in einer Sturmnacht. Die Frau überschlug sich mehrere Male und rutschte über den rauen Asphalt.

Blut lief ihr aus Mund und Ohren; am Rücken, im Gesicht und an den Beinen, die in einem unmöglichen Winkel vom Körper abstanden, hatte sie verheerende Schürfwunden. Wie ein Mahnmal hielt sie das Messer mit der Spitze nach oben zum Nachthimmel.

Stolpernd verließ der Fahrer seinen Lieferwagen und trat langsam heran. Ein Schock benebelte all seine Sinne, so war er für eine Weile nicht in der Lage, nach Hilfe zu rufen oder zu sehen, ob er für das Opfer noch etwas tun konnte. Er stand einfach reglos da und wurde Zeuge, dass etwas Ähnliches wie eine zitternde kleine Wolke aus dem Mund der Frau entwich. Sie stieg in die kühle Nachtluft empor und zerfaserte nach wenigen Momenten wie Zigarettenrauch.

 

***

 

»Nun, was halten Sie davon?«, fragte mich der Mann, der sich mir als Jules Vernon vorgestellt hatte; ein Name, den ich mir sicher gut würde merken können, wenn ich nur an den Schriftsteller Verne dachte. Sein Schädel war vollkommen blank rasiert, in seinem Gesicht wucherte ein schwarzer, leicht geschwungener Schnurrbart, wodurch der Mann, der recht groß war, wie ein skrupelloser Finsterling wirkte. Aber ich spürte, dass er ein durchaus zuvorkommender Zeitgenosse war, dessen tiefsinniger Charme hinter einer Wand aus Kaltschnäuzigkeit verborgen lag; das war eine Kombination, die so manch einen Gesprächspartner zunächst einmal brüskieren musste. Dass der erste Eindruck keineswegs stimmte, verrieten am ehesten seine blauen Augen, die belustigt zu funkeln begannen, wenn etwas ihn erfreute.

Ich blickte auf die Kopie der Akte, die vor mir lag. Vernon hatte mehrere Passagen daraus zitiert, und ich musste zugeben, dass sie äußerst umfangreich war. Es gab kaum ein Jahr aus meinem Leben, das unerwähnt geblieben war. Auch Daten aus meiner Kindheit fanden sich dort, inklusive dem Tod meiner Eltern.

Ganz vorn befand sich ein Foto von mir, und ich rätselte, wann es aufgenommen worden war, doch ich vermochte diese Frage nicht zu beantworten. Der Fotohintergrund gab keinen Aufschluss über den Ort, an dem ich mich befunden hatte; mit einiger Sicherheit waren wesentliche Details mit einem Bildbearbeitungsprogramm entfernt worden. Ich konnte lediglich sagen, dass es neueren Datums war, wenngleich ich fand, dass ich auf dem Foto älter als die zweiunddreißig Jahre aussah, die ich kürzlich geworden war. Vielleicht lag das am Ausdruck meiner Augen, die ein wenig zu niedergeschlagen blickten. Wenn ich nur gewusst hätte, was ich in dieser Sekunde empfunden und gedacht hatte. Es musste ein Sommertag gewesen sein, denn ich trug ein kurzärmliges Hemd, und mein blondes Haar war von der Sonne heller geworden, als es sonst der Fall gewesen wäre.

Ich löste mich von der Begegnung mit mir selbst und hob den Blick. »Ihr Angebot ist verlockend«, antwortete ich endlich, aber so zaudernd, dass meine Aussage ins Gegenteil verkehrt wurde, »aber ich kann kaum glauben, dass der Verfassungsschutz mich so ohne weiteres gehen lassen will. Man könnte fast annehmen, denen liegt nicht viel an mir.«

Vernon lächelte und breitete seine Arme in einer genauso umfassenden wie nichtssagenden Geste aus. »Wären Sie etwa enttäuscht deswegen? Immerhin hat man Sie in

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Klaus Frank
Bildmaterialien: Coverdesign: Klaus Frank, unter Verwendung einer Fotografie von: rangizzz / Fotolia.com
Tag der Veröffentlichung: 31.03.2016
ISBN: 978-3-7396-4628-2

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