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Von dem kleinen Mädchen, das vor langer Zeit mal mit dem Mond sprechen konnte.

Wozu eine Geschichte anfangen, wenn sie doch kein Ende hat? Ich habe unzählige Geschichten begonnen, die verrücktesten Geschichten mir ausgedacht, doch ich brachte sie nie zu Ende. Das ist schade, denn sie begannen immer gut. Mit einem Traum, den ich hatte. Einem Bild. Doch sobald ich versuche, dieses Bild in einer Geschichte festzuhalten, entgleitet sie mir. Die Geschichte bricht ab und mir fällt nichts mehr ein. Oftmals drehen sich meine Geschichten um Personen im echten Leben, doch je mehr ich über sie herausfinde, desto mehr mischt sich die Realität in meine Fantasie, blockiert die Synapsen. Der Gedankenfluss bricht ab. Und dann stirbt die Geschichte. Wenn ich also diese Geschichte benennen müsste, würde ich sie wohl "Die Wahrheit über das Verschwinden der Fantasie" nennen. Der Erzfeind wäre die Realität, der Held die Fantasie, dargestellt als ein kleines Mädchen namens Ori, dass versucht gegen den übermächtigen Feind anzukämpfen. Alleine, ohne irgendjemanden muss Ori sich dem Verfall der Fantasie und Kreativität stellen, die mit dem Erwachsenwerden einher geht. Ori ist wie ich. Eine Geschichtenerzählerin. Ein kleines Mädchen mit grazilem Körper, großen silber-blauen Augen und silbernem Haar. Ich gebe zu, ich kann nicht zeichnen, doch auch Worte können etwas bildlich erscheinen lassen. Schließt die Augen. Könnt ihr sie vor euch sehen? Es ist dunkel, doch von Ori geht ein silbriges Schimmern aus. In ihren kleinen Händen hält sie ein großes Buch. Ihre einzige Waffe: Ihre Geschichten, die sie den Kindern nachts einflüstert und sie in ihren Träumen auf Abenteuer schickt. 

 

Nun ändert sich das Bild. Ori sitzt nun auf einem Blatt, dass auf einem Fluss treibt. Sie liegt auf dem Rücken, die großen Augen gen Sternenhimmel blickend. Könnt ihr das Funkeln der Sterne in ihren Augen sehen? Es ist wunderschön. Doch Ori's Augen füllen sich mit Tränen, als sie den Mond anblickt, die Sehnsucht ist zu groß. Eine einzelne Träne löst sich aus ihrem Augenwinkel und tropft  in ihr silbernes Haar. Sie hört eine Stimme von oben, tief und sanft. Tröstend. "Gib nicht auf kleine Ori. Ein Sternenkind ist einsam, doch du bist stark. So lange machst du das schon so gut. Schreib weiter, kleine Ori.", sagt sie und hüllt Ori in Geborgenheit. Neue Kraft erfüllt das kleine Mädchen, dass älter als die Zeit selbst ist. Ihr Blick fällt auf das Buch, dass neben ihr liegt. Sie streckt langsam, fast zögernd ihre kleine Hand nach dem Buch aus und berührt es zaghaft. Das Buch beginnt silbrig zu schimmern. Ori setzt sich auf und nimmt das Buch hoch. Im Hintergrund hört man das sanfte Rauschen des Flusses und das Rascheln der Bäume am Ufer. Ori streicht über den Einband. "Stories from there" steht in großen Buchstaben dort. Darunter ein Bild von einem schimmernden Teich und einem kleinen silbrigen Wesen, dass zum Mond empor blickt. Ori berührt das kleine Wesen. Lang ist es her, seit sie so friedlich den Mond bewundern konnte. Sie hatten sich oft unterhalten, doch mit der Realität verstummte der Mond. Er sprach jetzt nur noch selten zu Ori. Das kleine Mädchen schlug das Buch auf und blätterte nach hinten. Wieviele Geschichten hatte sie nun schon geschrieben? Hunderte? Tausende? Ori wusste es nicht mehr. Und nun, da war sie: Eine leere Seite. Kahl und ohne Leben. Doch Ori würde ihr ein Leben geben. Eine Geschichte, die sie weiterzählen konnte. Das kleine Mädchen zog einen Stift aus ihrer Tasche und schloss die Augen. Ein Windtsoß zerzauste ihr Haar, doch sie beachtete den Wind nicht weiter. Konzentriert runzelte sie die Stirn und dann... Ja! Da war er, der Gedankenfluss, der sie flüsternd in eine andere Welt zog. In die Welt der Träume. Das Schimmern um Ori wurde stärker und der blaue Stein um ihren Hals begann intensiv zu leuchten. Ori wandte ihren Blick dem Buch zu und wollte den Stift auf dem Papier ansetzen, als ein heftiger Windstoß das Buch zuschlug. Es wurde schlagartig eisig kalt hinter Ori. Zitternd zog das kleine Mädchen das große Buch an sich, stand auf wackeligen Beinen auf und drehte sich um. Über ihr baute sich ein gewaltiger Schatten auf, der jegliche Hoffnung aufsaugte. Eine Stimme kalt und sachlich erklang und ließ Ori erschaudern. "Gib endlich auf, kleines Sternenkind. Sei REALISTISCH. Die Kinder hören deine Geschichten schon lange nicht mehr. Sie gehen nicht mehr in die Wälder und suchen nach Elfen und Trollen. Sie wollen keine Märchen mehr hören von sagenhaften Kreaturen und wunderschönen Ländern voller Magie und Abenteuern. Sie haben jetzt Plastikwaffen und spielen Krieg. Wozu müssen sie denn noch Fantasie haben? Ihnen wird alles vorgegeben. Früher waren es die Erwachsenen, mit denen die Fantasie starb, doch die Fantasie der heutigen Kindern stirbt, noch bevor sie das Licht der Welt erblicken. Sie fällen die Bäume, die ihren Eltern und Großeltern noch wundersame Geschichten geflüstert haben. Sieh es doch ein, Ori. Sie brauchen dich nicht mehr. Such dir eine neue Welt, die noch lebt. Die dich noch hören kann.", sagte die Realität. Ori blickte auf den Boden. Tränen tropften aus ihren großen Augen. Die Realität hatte ja Recht. Wann hatte das letzte Mal ein Kind den Geschichten aus Ori's Buch gelauscht? Es war schon zu lange her. Die Beine des kleinen Mädchens knickten ein, doch bevor sie fallen konnte, verwandelte sich die Realität in einen jungen Mann und fing sie auf. Sanft strich er Ori durchs Haar. Er war nun garnicht mehr groß und bedrohlich. "Hör doch endlich auf, dich zu quälen. Setze dem ein Ende. Du kannst ihnen nicht mehr helfen.", sagte er nun mit sanfter Stimme. "Es ist Zeit, weiterzugehen, Sternenkind.", sagte die Realität und legte Ori ihren Stift in die Hand, bevor er sie absetzte und das Buch offen vor sie hinlegte. Hilfesuchend blickte Ori den Mond an, doch der schwieg. Stumm senkte das kleine Mädchen den Kopf und setzte den Stift auf das Papier.

 

"The End"

 

Kaum war der letzte Buchstabe geschrieben, zerbrach der Stift und das Leuchten in Oris Stein erlosch. Ori nahm den Stein ab und legte ihn mit dem zerbrochenen Stift auf das Papier, wo sie mit dem Buch verschmolzen und zu Zeichnungen wurde. Dicke Tränen quollen aus Oris Augen tropften auf das Papier, wo sie ebenfalls mit dem Blatt verschmolzen. "Komm jetzt, kleine Ori. Du warst schon viel zu lange hier. Es ist nun Zeit für dich, weiterzugehen.", sagte die Realität und streckte Ori seine Hand hin. Das kleine Mädchen mit den silbernen Haaren wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln und ergriff die Hand der Realität. Zusammen gingen sie zu einem Waldhäuschen, dass einladend auf einer kleiner Lichtung stand. Die Realität holte hinter seinem Rücken ein neues großes Buch und einen Stift hervor. Ori nahm beides stumm entgegen und musterte die Gegenstände. Dann holte die Realität einen neuen blauen Stein an einer Kette hervor und hängte ihm dem kleinen Mädchen um den Hals. Kaum dass der Stein ihre Haut berührt hatte, begann er sanft zu pulsieren und zu leuchten. Auf Oris Gesicht breitete sich ein sanftes Lächeln aus. "Auf dass sich die neue Welt deinen Geschichten als würdig erweist, kleines Sternenkind.", sagte die Realität und öffnete die Tür zum Waldhäuschen, dass Ori schon mit einem sanften Leuchten einlud. Das kleine Mädchen drehte sich nicht noch einmal um, sondern lief durch die Tür, die sich hinter ihr schloss. Kaum hatte sich die Tür geschlossen, verschwand auch das kleine Haus. Die Realität blickte noch eine Weile auf die Stelle, wo das Häuschen gestanden hatte- "Auf dass sie sich als würdig erweise...", murmelte die Realität, drehte sich und ging.

 

Manchmal findet man noch in den ganz alten Bücherläden, ganz hinten in den verstaubten Regalen ein Buch. Es ist sehr groß und hat den Titel "Stories from there". Auf dem Einband ist ein Bild von einem schimmernden Teich an dem ein silbernes Wesen sitzt und zum Mond empor blickt. Wenn man dieses Buch durchblättert und die Geschichten liest, überkommt einen das Gefühl, als hätte man etwas wichtiges verloren. Die älteren von uns werden an ihre Kindheit erinnert. Die Zeit, wo man noch Trolle und Elfen suchte und in den Wäldern große Abenteuer erlebt. Schlägt man aber das Buch wieder zu, ist das Gefühl wieder weg und man geht seiner Wege, ohne zu bemerken, dass die Fantasie verschwunden ist. Denn mit Ori ging auch die Fantasie aus dieser Welt. Ori schreibt nun in einer anderen Welt Geschichten für Kinder und nimmt sie mit auf Abenteuer in ihren Träumen. Doch hier wird keiner mehr von sagenhaften Kreaturen und wundersamen Ländern träumen. Oder von dem kleinen Mädchen namens Ori, dass älter als die Zeit selbst war und vor langer, langer Zeit mal mit dem Mond sprechen konnte.

 

Und das ist die Wahrheit über das Verschwinden der Fantasie.

 

"The End"

Impressum

Tag der Veröffentlichung: 11.12.2019

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Ich widme diese Geschichte allen, die als Kind noch ihren Träumen hinterher gejagt sind und denen, die selbst jetzt noch an Elfen und Trolle glauben.

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