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Mord am Deich


© Rena Larf

Die Lichter der Lokomotive steuerten direkt auf ihn zu. Sie wurden heller und größer. Zusammen mit dem hämmernden Geräusch des Zuges projizierten sie den Tod in seinen Kopf. Seine Gedanken, zersprungen in tausend Stücke, pressten immer mehr Schweiß auf seine Stirn. Gedankenfetzen an Sandy Parlow, an den Tod, an ihren Liebhaber, an das Ferienhaus, an die Geburtstagsfeier, an die Grappa - Flasche, an die Nachbarn, an ihr Genick, an die Holzbank, an ihren Mund. Dann wieder ihr Liebhaber, wieder der Tod. Er dachte an ihre roten Fingernägel, an ihre kalten Augen, an die Liebe, an ihre Nacktheit, an das fehlende Bein der Holzbank. Und immer wieder dieser Liebhaber. Neunzehn war er und ihr Liebhaber. Ein junger Schnösel! Wieder ihre Nacktheit und der Mord. Und der Sex mit dem Burschen. Er wusste nicht mehr, wie er die Gedankensplitter sinnvoll zusammenfügen sollte, nur die Gedanken an den Tod fügten sich zu einem dunklen, wirren Bild.
Der Zug kam näher.
Es war sinnlos. Es war ein Mord. Und es blieb einer.
Der Mann, der all dies dachte, lehnte an einem Brückengeländer und stierte auf die Gleise tief unter ihm. Die Lokomotive mit den Güterwagen wälzte sich daher, gleich einem schwarzen Wurm, der alles Denken überrollen wollte. Alles.
Die Lokomotive und Wagen für Wagen tauchten unter ihm hinweg. Die Eisenbahnbrücke vibrierte, überlagerte sein Zittern, stockte seinen Atem. Kalter Schweiß zeugte von seinem krampfhaft nach einer Lösung suchendem Zustand. Ohne Erfolg. Waggon für Waggon nahm jeden Gedankenfetzen mit fort in die Ferne, nahm ihm jegliche Möglichkeit einer Erlösung.
Das Handy!
Als es klingelte, waren nur noch die roten Lichter des letzten Waggons zu sehen, die immer kleiner wurden und bald verschwanden. Er sah auf das aufleuchtende Display, wusste nun, wer ihn zu erreichen versuchte. Es war Tom.
Tief durchatmen!
Noch einmal das Klingeln.
Zögern.
Schließlich drückte er auf den Knopf und stellte sich - so gefasst wie ihm möglich - dem Anrufer.
„Was gibt es Tom? Es ist drei Uhr nachts!“

„Hallo, Chef. Es ist wegen Sandy Parlow. Die Spurensicherung hat mich eben angerufen. Die meinen, da stimmt etwas nicht. Der Genickbruch, der Holzfuß, ihr Tod - irgendwo ist da noch ein Haken, sagen die. Es ist nicht eindeutig, dass Sandy Parlow mit dem Holzfuß der Gartenbank erschlagen wurde. Nicht eindeutig, Chef.“
Sein Gesicht verzog sich. Nicht eindeutig, das mit dem Holzfuß.
„Moment mal, Tom.“
Er zündete sich eine Zigarette an. Scheiße, die letzte!
„So jetzt, bin wieder da. Habe mir nur eine Kippe genehmigt. Was soll denn außer dem Holzfuß noch sein, Tom? Der Gerichtsarzt hatte doch den Genickbruch als Todesursache festgestellt. Und der Holzfuß war im Auto des Tatverdächtigen. Der Junge wird noch gestehen. Du wirst sehen. Das Motiv ist so alt wie die Welt, mein lieber Tom. Liebe, Eifersucht, Trennung im Streit. Er war ihr zu jung. Glaub mir, Tom. Sandy Parlow war keine Frau für den und er kein Mann für sie. Unreife Frucht. Eine Zeit lang geht so was gut, aber dann…“
Er unterbrach, zog nervös am Glimmstängel, starrte hinunter auf die endlosen Schienen. Es war doch alles stimmig, dachte er. Sein Gehirn produzierte wieder den Gedankengang, der den Mord beweisen sollte. Der Junge wird schon noch gestehen, muss gestehen. Er ist der Schuldige. Hundertprozentig! Er wird es aus ihm rausquetschen.
Die Beweise, die Gäste der Geburtstagsfeier, der Zeuge, der ihn mit ihr noch kurz vor ihrem Tod sah. Mit ihr. Alles ist so eindeutig. Der Kommissar lauschte wieder in das Handy.
„Chef, ich sehe das ja genauso. Morgen – äähh heute Vormittag natürlich - wissen wir mehr. Ich wollte ja nur Bescheid geben, sonst heißt es wieder...“
„Schon in Ordnung. Und wer war sie? Habt ihr etwas erfahren? Es muss sie doch jemand kennen, ich meine, es muss sie doch irgendeiner kennen.“
„Noch nichts, Chef. Das kann dauern. Aber wir sind dran, Chef.“
„Okay, Tom. Klar ist jedenfalls, dass die Tote Sandy Parlow heisst.“
Sandy Parlow. – ja, sie war die Tote.
Eine schöne Frau war sie.
Tief inhalierte er das Nikotin seiner letzten Zigarette. Weg damit. Er hörte seine Gedanken aus Toms Mund.
„Ja, die Tote ist Sandy Parlow. Sie war eine schöne Frau, Chef. Ich meine, verstehen sie mich richtig, mir hätte sie auch...“
„Schon gut, Tom. Noch was?“
„Soweit nicht. Also, bis später. Gute Nacht, Chef.“
„Gute Nacht, Tom.“
Endlich.
Er steckte das Handy weg und überlegte. Er musste noch einmal zum Ferienhaus, musste noch einmal alles sehen.
Von der Brücke aus konnte er die Umrisse des kleinen Reetdachhauses wahrnehmen, dessen Fensterläden sich bei Tage durch eine friesenblaue Farbe abhoben. Direkt hinter dem Haus erhob sich der Deich. Dahinter das Meer, in dem er so oft seine Sehnsucht ertränkte. Er schluckte und erinnerte sich. Dabei marschierte er los.
Den schmalen Weg entlang, vorbei am Atelier des langhaarigen Künstlers aus Worpswede, dann das Backsteinhaus des pensionierten Postdirektors, da das Holzhaus des verrückten Dichters aus Belgien, jetzt die alte Windmühle des Fotografen aus Hamburg, der mit der blonden Polin und dem Hund.
Der Hund bellte kurz - er erschrak - wieder nächtliche Stille und Ruhe.
Nur seine Schritte.
Gleich würde er da sein. Nur noch vorbei am Haus des Leuchtturmwärters.
Er war der Onkel des Tatverdächtigen. Pausenlos geweint hatte er, als man seinen Neffen verhaftete. Erst neunzehn, dieser Junge! Sehr jung für einen Mörder. Zu jung für eine Frau wie Sandy Parlow. Dreiundvierzig und neunzehn.
Pah! Funktioniert nicht, mein Junge, so was läuft nicht. Nicht bei mir.
Der Kommissar sah zur Deichkrone hinauf, beschloss, nur einmal kurz die dunkelgraue Weite des Wattenmeeres einzusaugen. Friedlich lagen die Schafe da. Schwarze Gestalten, die er beneidete, weil sie zu jeder Zeit das Meer sehen konnten.
Auf der Deichkrone angelangt, sah er hinaus bis zum Leuchtturm mit seinem grell blinkendem Licht. Der Junge fiel ihm ein, holte ihn zurück von der Weite, zerbrach seinen Blick. Und wieder die Gedanken an Sandy.
Er machte sich auf den Rückweg.

Nach wenigen Schritten stand er vor der Tür mit dem bunten Namensschild.
Sandy Parlow las er, als ob er sich vergewissern müsste.
Das Siegel der Kripo, selbst von ihm gestern angebracht, zerstörte er mit seinem Taschenmesser. Der Schlüssel aus seiner Jackentasche öffnete ihm.
Er knipste nur die kleine Lampe an, die in der Ecke, die mit dem roten Schirm.
Die für das Liebesspiel …und er stellte sich vor, wie der Junge mit ihr auf dem Futon lag, nur diese Beleuchtung, nackt, sie auf ihm sitzend, keuchend, ihre roten Fingernägel in seine jugendliche Haut drückend, ihrem Orgasmus entgegenfiebernd. Bald ihr befreiender Schrei, der nie mehr sein wird und dann ihr atemloses ‚Ich liebe dich’. Erschöpft, Arm in Arm daliegend, zufrieden lächelnd. So bildete er sich beide ein.
Und dieses Licht.
Ein schönes Rot. So ein Rot gefiel ihm schon immer.
Er streichelte über den Lampenschirm.
Minutenlang stand er da, sinnierte über Dinge, die im Raum waren und die ihm wichtig erschienen. Die Kommode mit den vielen kleinen Schubladen, in der sie Mineralien aus aller Welt aufbewahrte, das Fell eines Schafes, dass sie blau einfärbte, der Bilderrahmen ohne Bild – man fand es nicht.
Der Tisch mit den Geschenken zu ihrem Geburtstag, die Blumensträuße vom Leuchtturmwärter und dem pensionierten Postdirekttor, die abgebrochene Sonnenblume von diesem Jungen, der blaue Zettel mit dem Gedicht des verrückten Dichters, das Aktbuch vom Fotografen aus Hamburg, das Bild mit dem Träumer am Watt vom Künstler aus Worpswede. Und die Grappa - Flasche, aus der ein paar Schlucke fehlten. Ein paar Schlucke...
Ende seiner Beobachtungen.
Ihm war schlecht geworden. Der Mord und seine Wahrnehmungen setzten ihm zu, verlangten nach frischer Luft. Er taumelte durch die Küche, dann riss er die Tür zum Hinterhof auf.
Luft!
Lange atmete er tief ein und aus. Bei jedem Atemzug stierte er auf die Gartenbank, die direkt vor ihm da lag. Nicht mehr gebraucht, ein nutzloses Stück, nur der eine Holzfuß, notwendig für einen Mord. Er sah nochmals die Leiche von Sandy Parlow, so, wie er sie begutachtet hatte. Ihre Nacktheit, die flachen Brüste, ihre hellblonde Scham, geliebt von diesem Jungen, erstarrte Augen, erschrockene Lippen. Er sah die roten Fingernägel, festgekrallt im Laken, als wollten sie am Leben festhalten.
Tot war Sandy Parlow. - ermordet.
Er musste sich übergeben, bespuckte die Holzbank und sich damit, sank auf den Boden, noch einmal ein schwaches Luft holen, dann schlief er machtlos ein.
Zwei Stunden lag er so da, bis das Handy ihm seinen Frieden stahl. Lahm zog er es hervor. Wieder Tom. Er meldete sich.

„Was...was ist denn schon wieder, Tom. Hab kaum geschlafen, diese Nacht. Ich...“
Er musste sich zusammenreißen.
„Tut mir Leid, Chef. Die Gerichtsmedizin. Sie haben Gewissheit. Sandy Parlow war vor dem Genickbruch schon tot. Vergiftet. Wahrscheinlich war Gift in irgendeinem Alkohol, sagen die. Das ist ein Ding Chef, was?“
Alles in ihm war jetzt anders. Alles. Und er wusste die Lösung. Die einzige, die ihm jetzt noch helfen würde.
„Tom, ich komme gleich zu dir ins Präsidium. Zwanzig Minuten. Okay? Also bis gleich.“
„In Ordnung, bis gleich, Chef.“
Tom legte auf.
Der Kommissar steckte sein Handy weg, dann erhob er sich und ging zurück in das Zimmer mit der roten Lampe, die noch an war und deren Rot ihm so sehr gefiel. Er starrte auf den leeren Bilderrahmen, während er zur Grappa - Flasche griff, die er ihr den Tag vor dem Mord vorbei gebracht hatte, öffnete sie und trank einen kräftigen Schluck daraus. Und dann noch einen und noch einen…
Es brannte in seinem Rachen, er drehte sich, setzte sich auf den Futon, sah jetzt im leeren Bilderrahmen Sandy auf dem Deich spazieren, sah den Mann neben ihr, der sie küsste, - erkannte …sich.
Alles wurde jetzt bunt.
Der Horizont, ihre Sehnsüchte, ihre Liebe, ihre Träume. Immer zwei. Alles drehte sich noch schneller. Er sah den bunten Deich, sah, wie Sandy und er über das Watt tanzten, sah den Leuchtturm in den Himmel zeigen.
Dachte an seinen jungen Nebenbuhler.
Dachte daran, dass das Gift, das Sandy Parlow tötete, nicht nachweisbar sein sollte.
Dachte …an seinen einzigen Ausweg, der ihm jetzt noch blieb.
Dann fiel er zurück auf den Futon.
Der Kommisaar war tot.


Draußen, an einem der Fenster mit den blauen Läden, spähte der Leuchtturmwärter in das Zimmer und sah zufrieden den Mörder von Sandy Parlow liegen.
Er weinte nicht mehr um seinen Jungen.


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Tag der Veröffentlichung: 19.04.2009

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