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Vier Jahre zuvor

 

Einen der letzten schönen Sommertage nutzend, verbrachten Josefine und ihre Großmutter mit Shoppen und Eis essen. Als sie nach einem tollen Tag zu Hause ankamen, stellten sie fest dass Großvaters Schachabend noch nicht zu Ende war. Seit Jahren spielte er regelmäßig mit seinem besten Freund.

Josefine nahm die günstige Gelegenheit wahr, hoffend endlich die quälende Frage bezüglich ihrer Eltern beantwortet zu bekommen. Mehr wollte sie seit ihrer frühsten Kindheit nicht.

Ihre Großeltern, bei denen sie seit dem Tod ihrer Eltern lebte, hatten immer wichtigere Sorgen geplagt. So war Josi, wie sie liebevoll genannt wurde, nichts weiter übrig geblieben, als abzuwarten. Mit der Zeit wurden ihre Fragen und das damit verbundene Betteln hartnäckiger, aber ihre Großeltern hatten daraufhin immer nur gemeint:

"Josi, Schatz! Sicher, du hast ein Recht darauf, mehr über deine Eltern zu erfahren. Aber du musst uns auch verstehen. Es ist nicht leicht für uns über sie zu sprechen. Und nun auch noch die Sache mit Opa … Wir versprechen dir, dir alles zu erzählen. In aller Ruhe, wenn wir der Meinung sind, dass du es verstehen kannst. Du bist noch nicht so weit."

Josefine wusste von den schwierigen Zeiten. Ihr Großvater erkrankte im Jahr ihres achten. Geburtstages, plötzlich an starkem Rheuma, sodass er gezwungen war, frühzeitig in Rente zu gehen.

Das war vor drei Jahren gewesen. Seither mussten ihre Großeltern jeden Pfennig zweimal rumdrehen. Ihr Großvater wollte nicht, dass ihre Oma arbeiten ging. Er sah sich als allein Verdiener. Weshalb ihre Großmutter nur ab und an anderer Leute Haushalt führen ging, um ein bisschen mehr Luxus haben zu können. Für große Sprünge reichte es dennoch nicht.

 

Josefine hielt es nun für an der Zeit, endlich etwas über ihre Eltern zu erfahren. Sie wusste mittlerweile, welchen Knopf sie drücken musste, um ihre Großmutter selig zu stimmen.

"Der Tag heute, hat mir gut gefallen, Oma! Danke für das hübsche Kleid", fing sie erst einmal an.

"Das freut mich sehr. Das ist das Mindeste an deinem Geburtstag, mein Schatz." Ihre Oma lächelte sie wehmütig an. "Manchmal wünschte ich, wir könnten dir mehr bieten. Aber du weißt ja …"

"Oma, ich brauch nicht mehr! Ich hab dich und Opa, das ist mir mehr wert als alles andere. Eure Liebe zu mir ist so kostbar. Ich lieb euch so sehr. Hör bitte auf damit, dich zu entschuldigen. Ich hab alles, was ich mir wünsche." Sagte Josi.

"Ach Kind!", kam es daraufhin beschämt von Josis Oma.

Das war die Gelegenheit! Vielleicht könnte Josefine nun, da sie kein kleines Kind mehr war, Antworten auf die Frage aller Fragen bekommen.

Sie lächelte ihre Oma an: "Oma, ich bin jetzt elf Jahre alt. Sicher liebe ich Pferde, muss aber nicht zwingend ein Eigenes haben. Die Reitstunden, die ich nehmen darf, genügen mir vollkommen. Und das ist schon großherzig genug von euch."

Nun würde sie es wagen. "Dennoch gibt es etwas, was ich mir sehnlichst wünsche, doch das kann kein Geld der Welt mir kaufen."

Gespannt wartete Josefine, wie ihre Großmutter reagieren würde.

Nachdenklich blickte ihre Großmutter sie an. Sie ahnte, worauf Josi hinaus wollte und legte ihr ihren Arm um die Schulter. Drückte sie kurz an sich und küsste sie aufs Haar. Rasch holte ihre Oma zwei Gläser und füllte sie mit Orangensaft, bevor sie Josefine bat, sich mit ihr hinzusetzen.

Es fiel ihrer Großmutter nicht leicht, das sah Josi. Sie wollte sie nicht quälen, dennoch wollte sie endlich Antworten. Deshalb bat Josefine nun frei raus:

"Oma, bitte erzähl mir etwas von meinen Eltern! Wie waren sie so?"

 

Sie wusste nicht viel. Die Geschichten über ihre Eltern wurden gehütet wie Geheimnisse. Dass sie bei einem Autounfall ums Leben kamen, das hatte man ihr gesagt. Von Gesprächen, die sie belauscht hatte, war ihr auch bekannt, dass nicht nur ihre Eltern bei dem Umfall starben. Auch der Fahrer des anderen Wagens starb bei dem Unfall, den ihre Eltern verursacht hatten.

Ihre Großmutter räusperte sich, dann fing sie an zu erzählen:

"Deine Mutter war mein einziges Kind! Das Schicksal wollte es so. Wir hatten sie sehr geliebt, unsere Melanie. Natürlich hatte ich sie, wie dein Großvater oft meinte, ein bisschen zu sehr verwöhnt. Ihr sollte es an nichts fehlen. Fast so wie dir."

Sie lächelte Josi traurig an. "Als sie dann auf eine weiterführende Schule ging. Hm, wie soll ich dir das erklären? Während ihrer Pubertät entfaltete sie sich nicht so, wie wir es uns erhofft hatten. Du musst wissen, deine Mutter war tief in ihrem Herzen eine sensible, junge Frau. Die wohl auffallen wollte, indem sie sich mit dem, nun ja, niederen Volk abgegeben hatte."

 

Gespannt und ungeduldig lauschte Josefine den Worten ihrer Großmutter. Ihr ging es nicht schnell genug. Doch das Wissen, dass es ihrer Großmutter nicht leicht fiel, zügelte sie etwas. Unter dem Tisch hatte sie ihr rechtes Bein über das Linke gelegt und wippte damit ungeduldig hin und her. Endlich! Endlich lernte sie ihre Eltern kennen. Sie konnte sich zwar dunkel an sie erinnern, doch damals hatte sie wegen ihres Alters sowieso nicht alles verstanden und mitbekommen. Sie wollte so viel mehr erfahren, auch wenn es nur Erzählungen waren.

Wieder ein Räuspern ihrer Oma. Josefine sah sogar Tränen in ihren Augen, die sie jedoch zu unterdrücken versuchte. Augenblicklich bekam sie ein schlechtes Gewissen. Warum tat sie ihr das nur an?

Ihre Eltern waren schon lange tot. Josi wusste noch aus eigner Erinnerung, dass ihre Oma damals unbedingt darauf bestanden hatte, Josi bei sich zu behalten. Wäre sie mit ihren Eltern gefahren, wäre sie vielleicht heute auch nicht mehr unter den Lebenden. Nur ein Wochenendausflug sollte es werden. Doch sie kamen nie zu Josi zurück.

Deshalb konnte Josefine einfach nicht anders. Ihr brannte es auf der Seele, mehr über ihre Eltern zu erfahren. Sie wollte endlich mit deren Tod abschließen, ihn hinter sich lassen.

Sie stand auf und ging zu ihrer Großmutter, wollte ihr Trost spenden. Diese winkte jedoch ab, meinte, es ginge schon und bat sie, sich wieder hinzusetzen. Josefine bewunderte ihre Tapferkeit in all den letzten, oft schlimmen Jahren.

 

In der nächsten halben Stunde erfuhr Josefine mehr, als sie sich gewünscht hatte. Dinge, die in ihr Unbehagen aufkommen ließen. Eine Traurigkeit auslöste, die ihr Tränen in die Augen trieb. Sie fiel ihrer Oma um den Hals und weinte eine Zeit lang, gemeinsam mit ihr. Als ihre Oma zu Ende erzählt hatte, fühlte Josi Mitleid für die junge, gefallene Frau, die ihre Mutter war. Das Schicksal hatte sie in die falsche Richtung geführt und viel zu jung aus dem Leben gerissen, sodass Josi viel zu früh ihrer Mutter Melanie und ihres Vaters Patrick beraubt wurde.

Doch etwas ließ Josi keine Ruhe. Konnte an dem Verdacht ihrer Großmutter, etwas dran sein? War ihr Vater psychisch labil gewesen? Wie dem auch sei, die Zeit konnte man nicht mehr zurückdrehen. Sie und auch ihre Großeltern würden nie wirklich wissen, wie und wodurch dieser tragische Unfall zustande kam, der drei Menschen in den Tod riss. Die Geschehnisse waren zu verworren.

Doch eins war Josi, nun da sie die Geschichte zumindest soweit kannte, wie ihre Großmutter sie ihr erzählt hatte, klar. Ihre Großeltern sollten ein solches Leid kein zweites Mal erleben.

Es gab auch keinen Grund dafür, denn Josefine führte bei ihnen ein glückliches und zufriedenes Leben. Sie ließen ihr ihre Freiheiten, trotz der Erfahrungen, die sie mit der eigenen Tochter gemacht hatten. Sie beharrten darauf, dass sie lernen solle, auf ihren eigenen Beinen zu stehen. Josefine würde sich gut behaupten und auf sich aufpassen, das hätte sie schon im Kindergarten des Öfteren gezeigt. Sie hatte sich immer gewährt, dabei war es egal, ob es sich bei ihrem Widersacher um einen Jungen gehandelt hatte. Josi war eine starke Persönlichkeit, das wussten ihre Großeltern. Sie würde ihren Weg gehen, komme was wolle.

 

 

Geburtstag des Schreckens

 

"Spiel nicht den Helden, alter Mann! Sag schon, wo du die Kohle versteckt hast! Oder soll mein Kumpel hier erst Böse werden?"

 

Josefine wurde durch die laute, ihr fremde Stimme geweckt. Vor Aufregung hatte sie lange nicht einschlafen können. Die Gedanken an ihren fünfzehnten Geburtstag ließen sie nicht eher zur Ruhe kommen. Ihre Großeltern hatten ihr Karten für die Appassionata Show geschenkt, die zurzeit in Saarbrücken ihre Revue aufführte. Doch das Beste war, ihre beste Freundin Meike durfte auch mit. Beide schwärmten sie so für Pferde! Was lag da näher, als sich eine der weltbesten Reitershows anzusehen?

 

Zerberstendes Glas ließ sie aufhorchen. Josi schaltete ihre Lampe an und lauschte in die Nacht hinein. Keine Sekunde später hörte sie ihre Großmutter aufschreien. Ihre verängstigte, weinerliche Stimme bettelte:

"Bitte! Nicht! Tun Sie meinem Mann nichts! Er hat doch starkes Rheuma! Karl, um Gottes willen gib Ihnen, was sie wollen."

Stille!

Die gespenstige Stille ließ Josi erschauern. Geräuschlos stieg sie aus dem Bett und schlich auf Zehenspitzen hinaus in den dunklen Flur. Seit ihrem zweiten Lebensjahr, lebte sie bei ihren Großeltern. Diese hatten sie nach dem Unfall ihrer Eltern liebevoll großgezogen. Am Treppenabsatz hielt sie inne und horchte. Als sie wieder diese fremde Stimme barsch sprechen hörte, zuckte sie zusammen.

"Wie du willst, du alter Sack! Hättest besser auf deine Alte hören sollen! Ich zeig’s dir. Uns verarscht man nicht!"

 

Vor Schreck hielt Josefine die Luft an und wurde augenblicklich blass. Diese Stimme hatte so etwas Furchterregendes an sich. Es klang so endgültig, was sie sagte. Was ging da nur vor sich?

Ihre Großmutter schrie wieder auf: "Oh Gott, nein, bitte nicht!"

Sie wimmerte um Gnade. Ein dumpfer Knall erklang und es war wieder absolut still.

 

Josefine wagte es nicht hinunter zu eilen, um nachzusehen, was geschehen war. Wie gelähmt stand sie auf dem oberen Treppenabsatz. Schreck und Angst fesselten sie.

Über dem qualvollen Wimmern ihrer Großmutter erklang wieder die furchteinflößende Stimme.

"Na, alte Schachtel. Das passiert jedem, der uns verarscht. Also her mit der Kohle, sonst bis du die Nächste!"

 

Josis Beine sackten in sich zusammen. Ihr ganzer Körper zitterte wie Espenlaub. Einbrecher, es waren Einbrecher im Haus.

Die flehende Stimme ihrer Großmutter erklang.

"Hinter dem Wandbild! Dort!" Ihre Oma musste wohl auf etwas gezeigt haben. "321. Das ist der Code. Bitte! Sie haben was sie wollen, nehmen sie es und gehen sie. Bitte! Erbarmen sie sich."

Als ihre Großmutter wieder aufschrie, verkrampfte sich alles in ihr. Warum unternahm ihr Opa nichts. Der dumpfe Knall fiel ihr wieder ein. Oh Gott, man hatte ihren Großvater niedergeschlagen. Nein, dafür war das Geräusch zu laut gewesen. Nein! Nein! Es durfte kein Schuss gewesen sein. Diese Einbrecher hatten doch nicht etwa auf ihren Großvater geschossen?

 

Josefine wurde schlecht, sie unterdrückte ein Würgen. Am liebsten hätte sie um Hilfe geschrien, aber ihre Kehle war wie zugeschnürt. Sie durfte auch keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Womöglich hatte man auf ihren Großvater geschossen. Die Angst in der Stimme ihrer Großmutter war deutlich herauszuhören.

Sie musste schnellstens Hilfe holen. Doch sie konnte nicht. Irgendetwas hielt sie zurück. Angst! Sie hatte fürchterliche Angst. Es ließ sie regelrecht in ihrem Handeln erstarren. Tränen rannen ihr über das Gesicht.

Als ihre geliebte Großmutter wieder stärker schluchzend zu weinen begann, hielt sie sich die Hand vor den Mund, um ihr Aufschluchzen zu ersticken. Sie kauerte sich auf dem Treppenabsatz in der hintersten Ecke zusammen.

Fünfzehn Jahre war sie, fast noch ein Kind, was konnte sie schon gegen zwei Männer ausrichten?

 

"Mehr ist nicht drin? Du willst mich wohl auch verarschen, Alte!"

Wieder diese furchteinflößende Stimme. Sie war so fern jeder Emotion, dass man sie schon als absolut böse bezeichnen konnte.

"Mir reicht’s. Lass uns verschwinden, Tony. Stopf der Alten aber vorher das Maul!"

Hatte Josi in dieser Nacht noch nicht genug miterlebt? Noch nicht genug Grauen gehört? War sie in einem schlechten Horrorfilm gelandet? Genau, sie schlief noch und hatte einen Albtraum!

Das hämische Lachen des anderen Mannes, der scheinbar Tony hieß, riss sie aus ihrem Wunschdenken.

"So nach dem Motto: »Einer du! Einer ich! Was? Ne, Alter, du hast doch nur Muffe, ich könnt dich bei den Bullen verpfeifen!"

Diese Männer waren ja einer schlimmer als der andere. Beide so gefühlskalt, das selbst eine Gefriertruhe warm wirkte. Herzen aus Stein schlugen wohl in ihrer Brust.

Josefine fror und schwitzte zugleich. Sie war entsetzt. Die Männer hatten tatsächlich auf ihren Großvater geschossen und jetzt wollten sie auch noch ihre Großmutter erschießen. Das waren keine Einbrecher, das waren Mörder!

"Und wenn’s so wäre?" Sagte die namenlose Stimme kaltherzig.

"Man Alek, du hast dir echt schon die Birne weg gedröhnt! Wie lange kennen wir uns? Mies, dass du mir sowas überhaupt zutraust!"

"Du hast gut reden, Tony! Im Gegensatz zu dir, weiß ich wie es im Knast abgeht. Das ist der Horror, da geh ich auf keinen Fall rein. Eher krepiere ich am goldenen Schuss."

 

Alek! Der Name der Horrorstimme war Alek. Doch was halfen Josefine die Vornamen. Sie kannte weder die Gesichter, noch würden die Beiden zufälligerweise ihre Nachnamen verraten.

"Aua, bitte nicht! Sie haben, was sie wollten! Bitte lassen Sie mich in Ruhe", drang dieses Mal die Stimme ihrer Oma an ihr Ohr. Schmerz lag darin.

Josefine presste sich die Faust auf den

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Personen und Handlungen sind frei erfunden!! Zufällige Namensgleichheit ist ohne Belang.
Bildmaterialien: Cover Design Glaux
Lektorat/Korrektorat: Sabrina Hörnes Gorius
Tag der Veröffentlichung: 01.11.2015
ISBN: 978-3-7396-7616-6

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