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Verstehen Sie Bahnhof?

Sprachlosigkeiten Von:
User: Aubertin
Verstehen Sie Bahnhof?

1923 nahm der deutsche KPD-Reichstagsabgeordnete Emil Höllein in einer Plenardebatte die Wendung auf: »… ja, Sie wollen nichts hören. Wenn derartige Dinge kommen, dann hören Sie immer: Bahnhof.«

1935 wurde die auch heute noch zu hörende Phrase Ich versteh immer Bahnhof in einer Zeitschrift für Sprachwissenschaften etwas umständlich abgehandelt, noch dazu, ohne den genauen Wort- sowie Sinnhintergrund zu erläutern: »Wenn jemand dem andern etwas sehr eifrig erklärt, von ihm dringend etwas will, und man tut so, als verstände man ihn nicht, man will ihn necken, ärgern, so sagt man, statt ihm zu antworten: ich verstehe immer Bahnhof (oder Bratkartoffel). Auf eine kurze Formel gebracht – die aber dem neckenden oder ärgendern Unterton nicht gerecht wird – heißt also Bahnhof verstehen« Man verweist etwas hilflos auf Hans Fallada: Sag was du willst, erkläre so viel du magst. »Ich will dich nicht verstehen.«

Der Autor war bis zu seinem vorzeitigen Schritt in den Ruhestand Mitte der Nuller Jahre als, wie er es gerne bewitzelt, leidender Lektor in einem deutschen Verlag für Kunst und Geschichte tätig. Frühzeitig beendet hat er diese eigentlich sehr gern getane Arbeit nach zwanzig Jahren unter anderem deshalb, weil er zusehends nur noch Bahnhof verstand und deshalb aufs Abstellgeleis gehörte. Etwa ab Mitte der neunziger Jahre vermehrten sich jene auf seinem Schreibtisch landenden Manuskripte, die von grammati(kali)schen und orthographischen Fehlern und denen der Interpunktion geprägt waren; darin enthaltene sprachliche Ungelenkigkeiten schienen damit einherzugehen. Bereits 1996 entgegnete ein auf seine verblüffend viele Fehler in seinem (Dissertations-)Manuskript stirnrunzelnd aufmerksam gemachter Buchautor: Man möge sich doch nicht so haben, man möge doch mal ins Internet schauen ...

Dem geradezu unglaublichen Tohuwabohu, besser wohl als wüst und leer: heillosen Durcheinander, das die rückläufige (Bücher-)Leselust, allem voran jedoch die 1995 beschlossene deutsche Rechtschreibreform mit ihren seither unsäglich vielen Änderungen, hauptsächlich in Groß- und Klein- beziehungsweise -Getrennt- und Zusammenschreibung, seither hinterlassen hat, ist offensichtlich auch er zum Opfer gefallen. Und zugestandenermaßen kommt ihm das recht. Regeln gegenüber hegte er noch nie sonderliche Sympathie. So schreibt auch er mittlerweile, wie es ihm aus dem Gehirn auf die Tastatur fällt. Ausgangsbasis ist ihm dabei allerdings jene Schreibweise, die ihm zu Beginn der sechziger Jahre bei größter Strenge und unter Einhaltung von Disziplin gelehrt wurde, die von 1905 an Gültigkeit hatte, bis zur durch überwiegend durch fachferne Ärmelschoner ausgelösten und amtlich beschlossenen deutschen (R)evolution von 1995.

Er hat sich während der Übergangszeit in die endgültige Regellosigkeit immer wieder Notizen über Sprache und (deren) Wahrnehmung gemacht, die hier versammelt sozusagen in elektrischen Druck gehen, unter ihnen zur Auflockerung einige privater anmutende Randbemerkungen.


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