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Julia - Roman 1. Kapitel

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Julia - Roman 1. Kapitel
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Julia 1. Kapitel

Im Wartezimmer gab es nur noch einen Stuhl der nicht besetzt war. Seit mehr als einer Stunde saß ich hier mit elf Patienten in diesem tristen Raum. Die Stühle waren unbequem; keiner sagte ein Wort. Die Luft war stickig, obwohl ein Fenster geöffnet war. Meine Füße schmerzten wie nach einem zehn Kilometer-Marsch. Ich hätte diese unbequemen Pumps nicht anziehen sollen, dachte ich. Ich taxierte die Menschen im Raum und mir fiel auf, dass ich im Vergleich zu allen anderen Frauen doch recht üppig gestylt war. Das störte mich aber nicht besonders. Ich liebte es, meine Haare schick zu frisieren, ein dezentes, aber gutaussehendes Make up aufzulegen und große Ohrringe zu tragen. Mein Kleiderschrank hatte fast eine halbe Stunde leiden müssen, bevor ich mich für ein sehr elegantes, ultramarin-blaues Kostüm entschieden hatte. Es war mir immer wichtig einen guten Eindruck zu machen und zu hinterlassen. Aber mein Styling spielte für mich jetzt absolut keine Rolle. Ich fühlte mich hier nicht sehr wohl in diesem Warteraum. Ich wünschte mir eigentlich nur, dass die Tür geöffnet wurde und die Arzthelferin endlich den nächsten hereinbitten würde. Die meisten Patienten beschäftigten sich eifrig mit den Illustrierten, einige saßen nur stumm da und starrten auf den Boden; die Frau mir gegenüber durchsuchte nun schon zum vierten mal ihre Handtasche; aber ihrem Gesichtsausdruck konnte ich entnehmen, dass sie nicht finden konnte, was sie vermisste. Ich fing an darüber nachzudenken, ob sie überhaupt wusste, was sie suchte. Ich schätzte sie auf Anfang 50; etwa zehn Jahre älter als ich. Hin und wieder blickte sie zu mir herüber. Sie war eine attraktive Frau, wirkte sehr nervös. Okay, sie könnte viel mehr aus ihrem Typ machen; aber vielleicht fehlten ihr die finanziellen Mittel oder sie brauchte einen Farb-und Stilberater – möglicherweise war sie aber auch schwer psychisch krank und bemerkte gar nicht, wie altbacken ihre Frisur wirkte und das ihr Pulli offensichtlich zu heiß gewaschen worden war, die schreckliche Farbe dabei völlig außer acht gelassen. Sie wirkte völlig verkrampft und unruhig. Aber besonders entspannt fühlte ich mich auch nicht. Der Mann, der neben mir saß, gab in
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regelmäßigen Abständen leichte, aber nicht zu überhörende Stöhn-Geräusche von sich. Ich hatte keine Ahnung, warum er das tat, er tat es eben. Ich wartete seit einiger Zeit sogar darauf, dass ein erneutes Stöhnen von ihm zu hören war und überlegte, ob die Abstände dazwischen immer zeitgleich waren; aber das konnte ich nicht hundertprozentig beurteilen. Eine junge Frau am Fenster strickte mit sehr dicken Nadeln an einem Pullover in einer unglaublichen Geschwindigkeit. Wahrscheinlich wollte sie das selbstgemachte Teil heute Abend noch verschenken, obwohl es in dieser Jahreszeit bestimmt keiner tragen würde, wenn man nicht schwitzen wollte. Ich stellte mir vor, wie sie es am Abend in Windeseile noch auf dem prallgefüllten Küchentisch in Geschenkpapier einwickelte, die Beschenkte es dann eine Stunde später auspackte und sie dann mit Schrecken mit ansehen musste, dass sie vergessen hatte die Fäden zu vernähen. Irgendwie sind die doch alle bekloppt hier, dachte ich. Und ich saß mit all denen in diesem Wartezimmer. Was machte ich hier bloß? Ob es ein Fehler war hierher zu kommen? Sollte ich wieder gehen? Wie konnte Carmen mich nur hierher schicken? Ich überlegte, ob ich mein Taschenbuch erneut hervorholen und ein weiteres Kapitel lesen sollte; es war ein sehr spannendes Buch – etwas neues von Nora Roberts, konnte mich in einer Atmosphäre wie dieser aber nicht besonders gut auf das Geschehen in dem Buch konzentrieren. Vielleicht bekam ja irgendjemand gleich hier einen Anfall oder so was. Ich entschied mich dann nach einer Weile für eine der wenigen Illustrierten, die noch auf dem Tisch lagen, fing gerade an, darin herumzublättern, als plötzlich und endlich die Tür wieder geöffnet wurde. „Frau Julia Bartens bitte für Dr. Reiser“. Ich war erleichtert, dass das Warten für mich ein Ende hatte und folgte der Sprechstundenhilfe, die mich in das Zimmer zu Dr. Reiser führte, meine Krankenakte nicht sehr galant auf seinen Schreibtisch knallte und sofort darauf wortlos wieder verschwand. Wahrscheinlich hatte sie sich gestern Abend von ihrem Mann getrennt, dachte ich; vielleicht hat sie aber auch ihre Periode und damit ein Problem. Zumindest wirkte sie äußerst unfreundlich und schlecht gelaunt. „Frau Bartens, bitte nehmen Sie Platz“, begrüßte mich dann freundlicher der
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mir bislang völlig unbekannte Neurologe und Psychiater Dr. Ludwig Reiser. „Was kann ich für Sie tun?“ – Recht jung für einen Arzt, ging es mir durch den Kopf. Vielleicht zu jung. Aber sympathisch. Und dazu noch gutaussehend; und das nahm mir zunächst schon ein wenig die Angst, dass ich einem mir völlig fremden Menschen meine Probleme anvertrauen sollte. Er trug ein weißes Polo-Shirt, von dem keines der Knöpfe geschlossen war, so dass seine schwarzen dichten Brusthaare zu sehen waren, was mich für einen winzigen Augenblick leicht erregte. Sein Haupthaar war voll, und raffiniert geschnitten; er war bestens rasiert; an der Stirn war eine kleine Narbe zu sehen; (wahrscheinlich war er als Kind irgendwann einmal unglücklich gestürzt oder die Narbe war das Ergebnis einer Schlägerei mit einem Kommilitonen während seiner Studienzeit); seine Augen waren dunkel – ein Südländischer Typ, den ich mir sehr gut mit nacktem Oberkörper in einer Strand-Cocktailbar auf Mallorca vorstellen könnte, während ich bei ihm meine vierte Pina-Colada bestellte und im Hintergrund ein Sommerhit aus den Lautsprechern meine gute Laune steigerte, dachte ich. Seine Frau war zu beneiden, mit einem solchen Mann gesegnet zu sein – zumindest optisch. „Sie sind das erste Mal hier, ja?!“, fragte er dann, weil ich nicht spontan auf seine Frage geantwortet hatte; so dass ich den Eindruck hatte, ich stand hier etwas unter Zeitdruck. Verständlich, wenn noch elf weitere Patienten hier bei ihm Seelen-Striptease machen sollten; oder zumindest vier oder fünf, wenn der Rest dann bei dem Kollegen Dr. Schildmeyer vorgeladen wurde. Ganz davon abgesehen, wie viele weitere hier noch einen Termin hatten heute. Wieso bestellen die sich hier so viele Patienten auf einmal, die dann doch Stunden im Wartezimmer „ausharren“ müssen? Plant man hier nicht richtig? dachte ich. „Ja, ich bin…, also meine Freundin meinte, dass ich Hilfe benötige“, begann ich etwas unsicher. „Fein, wobei kann ich Ihnen also helfen?“ Ich sah mich um in dem Raum und schwieg eine Weile. Irgendwie war ich nach dem langen Warten gar nicht bereit jetzt „behandelt“ zu werden. An den Wänden hingen geschmackvolle Bilder, Regale waren vollgestopft mit Fachbüchern; die Behandlungsliege war mit einem knallroten Laken bespannt. Auf dem Schreibtisch stand neben dem
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Computermonitor, die Sprechanlage zum Vorzimmer, vielen Schreibutensilien, Stempeln und sonstigem Papierkram ein kleiner Bilderrahmen, den ich leider nur von hinten sehen konnte. Wahrscheinlich ein Foto seiner Frau oder seiner Kinder, dachte ich. „Woran denken Sie gerade, Frau Bartens?“, fragte er mich mit einem Kugelschreiber in der Hand, leicht schmunzelnd und beobachtend. Und spontan antwortete ich: „Ich denke an die Patienten im Wartezimmer, die sich jetzt immer noch so fühlen wie ich mich bis vor einer Minute noch gefühlt habe; wartend und ungeduldig. Sie warten darauf, dass Sie hier mit mir fertig werden – wenn ich dass mal so sagen darf – und deshalb fühle ich mich eingeengt und unter Zeitdruck“, meinte ich, während meine Augen an der Grünpflanze auf der Fensterbank hingen blieben, die meines Erachtens dringend Wasser brauchte; welches mir aber heute recht unwahrscheinlich schien, dass das passieren würde; weil bestimmt die Arzthelferin „Madame Schlechte Laune“ dafür zu sorgen und diese ja ihren miesesten Tag seit langem hatte. „Machen Sie sich oft Gedanken über das Wohl anderer? Kommt es häufig vor, dass Sie in erster Linie weniger an sich selbst denken ?“, fragte er; und ich spürte, dass wir mit diesen beiden Sätzen schon mitten in der Behandlung waren, und der gutaussehende, charmante, sicherlich verheiratete Vater von zwei phantastischen wohlerzogenen Töchtern im nächsten Augenblick in meiner Akte schreiben würde, dass ich an einem Helfersyndrom leide. „Nein, das war nur so ´n Gedanke – Entschuldigung“, antwortete ich. „Sie müssen sich dafür nicht entschuldigen“, sagte er. Und dann folgte: „Sagen Sie mir doch bitte, warum Sie der Meinung sind, dass Sie sich dafür entschuldigen müssten“. Ich schaute einen Moment nach unten und überlegte, welche Antwort jetzt die richtige wäre. Der Mann war schon dabei mich seelisch auszuziehen; und das gefiel mir nicht. Ich hatte geahnt, dass dieses Gespräch in der Gemeinschaftspraxis Dr. med. Ludwig Reiser und Dr. Udo Schildmeyer - Fachärzte für Neurologie und Psychiatrie so ablaufen würde. Ich hatte es hier also ganz offensichtlich mit Dr. Reiser zutun, obwohl mich niemand danach gefragt hatte, ob ich vielleicht nicht lieber von Herrn Dr. Schildmeyer behandelt werden möchte. Aber den kannte ich ja auch nicht.
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Er beobachtete mich irgendwie belustigt; das machte mich nervös. So attraktiv wie noch vor einer Minute war er plötzlich nicht mehr. Er wartete auf meine Antwort. „Frau Bartens?“ – Und ich sagte dann: „Ich habe mich nur dafür entschuldigt, weil dieser Satz nicht nötig gewesen wäre – wir haben damit nur Zeit verloren“. – „Sie denken also, dass Sie anders hätten antworten sollen?“ Meine Güte, was mache ich hier eigentlich, ging es mir durch den Kopf. Worüber rede ich mit diesem Typen? Warum habe ich das Gefühl, dass dieser Mensch hier eine gewisse Macht über mich ausübt? Was sollte das? Ich begann also noch mal von vorne. „Sie haben mich gefragt, woran ich gerade denke. Und wahrscheinlich haben Sie erwartet, dass ich Ihnen als Antwort mein Problem anvertraue, denke ich; ich meine warum ich eigentlich hier bin, womit ich nicht klarkomme“, erwiderte ich etwas vorsichtig. Es machte ihm Spaß diese – meines Erachtens – schwachsinnige Unterhaltung zu führen und meinte: „Sie sind also der Meinung, dass Sie auf meine Fragen so antworten müssen, damit ich zufrieden bin? Frau Bartens, ich habe sie gefragt, woran Sie denken, und Sie haben mir gesagt, dass Ihnen die wartenden Patienten durch den Kopf gehen. Das war ehrlich und völlig richtig. Jede andere Antwort hätte nicht der Wahrheit entsprochen“. Ich nickte leicht zufrieden und schaute dann etwas verunsichert wieder einen Moment auf meine Schuhe. Na, dann ist es ja gut, dachte ich. Dann können wir ja nun noch mal von vorne beginnen. Ich überlegte einen Moment, wie ich diesem Mann jetzt am besten mein Problem beibringen könnte, aber dabei wurde ich schon wieder unterbrochen von ihm: „Sie schauen nun schon das zweite mal nach unten, Frau Bartens. Verraten Sie mir doch bitte, ob Sie sich unwohl fühlen hier“. „Ich fühle mich nicht unwohl; ich schaue nur gerne mal hin und wieder hier und dort hin. Außerdem tun mir meine Füße weh, weil ich die falschen Schuhe gewählt habe. Und wohin soll ich denn sonst schauen? Ich hab´ mir ihr Zimmer doch schon angesehen“, protestierte ich; und fühlte mich nach dieser Frage jetzt mehr als unwohl. „Und ? Gefällt es Ihnen?“ – „Was ?“ – „Na, mein Behandlungszimmer. Ist es für Ihren Geschmack stilvoll eingerichtet, oder was würden Sie verändern?“, bohrte er und lehnte sich nun zum ersten Mal
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lässig zurück an die Rückenlehne des Schreibtischstuhls. – Das Gespräch blieb für mich absolut unsinnig. Ich hatte nach dem schlechten Opening gehofft, dass wir nun eine „normale“ Unterhaltung beginnen würden, aber er wollte es anscheinend nicht. Solche banalen Kommunikationen hatte ich schon oft geführt mit Männern, die mich mit einem halbvollen Glas Bier in der Hand in Pubs oder Kneipen dumm von der Seite anquatschten, wenn sie schon leicht angeheitert waren und das Anmachen für sie somit leichter war; und bei denen ich es dann genoss sie abblitzen zu lassen; aber erst dann, wenn ich ein ebenso etwa zehnminütiges schwachsinniges Gespräch mit denen geführt – um nicht zu sagen – sie total verarscht und irgendwie - gewonnen hatte. Hier war es nicht anders; nur, dass dieser Typ Arzt war und mich nicht anbaggern wollte; was im Grunde eigentlich schade war, wenn er nicht so gut aussehen würde, obwohl jetzt von Minute zu Minute seine attraktive Optik mehr und mehr nachließ. „Entschuldigen Sie, es ist ein Behandlungszimmer; was soll man denn daran großartig stilvoll einrichten? Außerdem ist es ihr Behandlungszimmer, das können Sie doch einrichten wie Sie es für richtig halten. Ich bitte Sie ja auch nicht in meine Wohnung zu kommen und mich zu beraten was ich verändern soll“. Ich überlegte kurz ob ich das so hätte sagen sollen; schaute Dr. Reiser dann aber direkt in die Augen und nicht mehr nach unten, zu der Grünpflanze, den Bildern an den Wänden, dem Fotorahmen von hinten auf dem Schreibtisch; aber den klebenden Blick in seine Augen hielt ich nicht lange stand. „Und schon wieder haben Sie sich entschuldigt“, meinte der Doc und hatte sogar recht damit. (Ich finde das richtig scheiße hier, Doc Reiser – wir labern hier nun schon seit fünf Minuten über diesen Raum, über meine Gedanken und vor allem über meine taktvolle Art, mich zu entschuldigen; was ich aber anscheinend nicht darf. Wenn ich nicht schon krank bin, dann machst Du mich krank, Doc Reiser, ja! Und lange werde ich mir das hier bestimmt nicht mehr antun, außerdem bringen diese Scheiß-Schuhe mich um) „Die Blume braucht Wasser“, sagte ich ganz spontan; „und knallrote Bettlaken finde ich richtig daneben. Erst mal sieht ein knallrotes Laken für mich tuntig aus, hinzu kommt, dass diese Farbe bestimmt abfärbt und somit alleine
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gewaschen werden muss, weil man sonst alles versaut – zusammen mit anderen Textilien, meine ich. Die Bilder an den Wänden gefallen mir allerdings“. Vielleicht war das nun die richtige Antwort, die er hören wollte. „Na bitte – Und ohne sich dafür zu entschuldigen, sagen Sie mir das?“ – „Sie haben es mir verboten“, sagte ich bestimmend; obwohl das nicht ganz richtig war. Dr. Reiser musste darüber lachen; ich fand es alles andere als komisch, dann wechselte er das Thema. „Sie sagten vorhin, dass eine Freundin Ihnen geraten hat, Sie sollten einen Psychiater aufsuchen, Frau Bartens“. Ich hatte keine Ahnung, was das nun sollte. Ich wusste aber, dass ich mich bestimmt wieder hervorragend mit meiner besten Freundin Carmen verstehen würde, und zwar nachdem ich sie erwürgt hatte, weil sie mir diesen Gehirnklempner empfohlen hatte. Dr. Reiser bestimmte das Gespräch. Er stellte die Fragen, ich hatte zu antworten; ganz nebenbei wurde aber jede Bewegung die ich machte auseinandergepflückt, jede Antwort sowieso. Jetzt wurde Carmen in dieses Gequatsche hineingezogen. Nein, das lasse ich nicht zu, dachte ich und reagierte dementsprechend. „Wir sollten nicht vom Thema abweichen, Herr Dr. Reiser. Ich bin mit Ihrem Behandlungszimmer noch nicht fertig. Das Bild dort auf Ihrem Schreibtisch; ist das Ihre Frau? Ich kann es leider nur von hinten sehen.“ – Er schmunzelte wieder. Ich spürte genau, dass er mich für komplett durchgeknallt hielt, aber das war mir egal. Ich hasste es, dass diese gelehrten Psycho-Mediziner sofort die Macht über die Patienten hatten; dabei war doch allgemein bekannt, dass über 70 % aller Psychiater selbst in psychiatrischer Behandlung waren. Kein Wunder; die mussten sich ja auch den ganzen Tag die Geschichten von „Bekloppten“ anhören. Er nahm den Bilderrahmen in seine Hände und betrachtete das Foto darin. „Ja, das ist meine Frau. Möchten Sie das Foto sehen?“ Ich hätte jetzt erwartet, dass er es auf seinen Platz hätte stehen lassen, sofort umgedreht und mir zeigte, aber er hielt die Zügel in diesem Spiel fest. „Nein“, antwortete ich kurz. „Ich frage mich nur, warum Sie ein Bild Ihrer Frau hier auf Ihrem Schreibtisch stehen haben. Sie sehen sie doch heute Abend sicher schon wieder. Oder ist sie vereist? Ich meine, es geht mich nichts an – Entschuldigung…“ (oh scheiße, jetzt hatte ich dieses Wort schon wieder
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gesagt; und gleich musste ich ein drittes Mal erklären, warum – deshalb versuchte ich noch schnell die Situation zu retten) „Entschuldigen Sie bitte das Wort „Entschuldigung“ – das wollte ich eigentlich gar nicht sagen; denn wozu sollte ich mich entschuldigen, nicht wahr?!“. Und bevor er einhaken und mich wieder foltern konnte, sagte ich: „Vielleicht hat Ihre Frau auch ein Foto von Ihnen auf dem Schreibtisch stehen, falls sie an einem Schreibtisch arbeitet; oder aber auch eins in ihrem Portemonnaie oder zumindest in ihrer Handtasche – ist ja okay – wahrscheinlich ein Zeichen dafür, dass Sie sich immer noch lieben oder sich immer wieder irgendwie ansehen müssen; und wenn es nur auf einem Foto ist. Es könnte natürlich auch einen anderen Grund haben“. Ich machte eine kurze Pause; wollte ihm diesen Grund gar nicht nennen; aber diese Chance bekam ich nicht. „An welchen Grund denken Sie da, Frau Bartens ?“ Er sollte ihn hören, diesen Grund, doch dazu benötigte ich vorher eine kleine Information, und diese durchaus nichts bringende Unterhaltung fing an, mir in einer gewissen Weise Spaß zu machen. „Wie viele Patienten behandeln Sie hier am Tag?“ – „Das ist ganz unterschiedlich; aber im Schnitt sind es etwa zwanzig; warum fragen Sie“, lautete seine Antwort, die natürlich sofort wieder mit einer Frage gekoppelt war; um mir ganz deutlich zu stecken, dass er immer noch der Arzt war – ich die Kranke. „Nun ja“, begann ich, „wenn wir mal davon ausgehen, dass die Hälfte dieser Patienten weiblich ist, und – ganz unabhängig von ihren Problemen – davon wieder fünfzig Prozent noch recht attraktiv, ich meine, was Sie unter attraktiv verstehen, und jede Frau Ihnen hier persönliches, privates, ja, meistens sicherlich auch intimstes aus ihrem Leben erzählt, dann könnte es doch gut möglich sein, dass Sie sich hin und wieder in die Gefahr begeben, sich in die eine oder andere zu verlieben. Und in einem solchen Moment schauen Sie dann auf das Foto Ihrer Frau und sehen, wie schön und makellos sie doch ist, und das es sich nicht lohnt, diese wahrscheinlich perfekte, immer verständnisvolle Ehefrau zu betrügen; und wenn dieses Betrügen auch nur im Kopf stattfindet“. Pause. Er starrte mich nur an; sein Schmunzeln war verschwunden, aber sein rechter Mundwinkel war ganz leicht angehoben, so dass ich den Eindruck bekam, dass er mir
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damit zwar weiterhin seine Macht zeigen wollte, ich ihm aber auch endlich mal die Wahrheit und nichts als die Wahrheit gesagt hatte; ja, ich hatte einen Stachel ausgefahren und ihn getroffen, dachte ich, und diese Situation war für ihn irgendwie neu – zumindest hatte ich das Gefühl; und es hätte mir eine Art Befriedigung verschafft, wenn es denn so wäre; denn diesen Gesichtsausdruck, den er nun auflegte, war neu für mich und ich sah diesen nun zum ersten Mal bei ihm. Ich überlegte, wie es nun weiterging und wie er nun reagieren würde. Wahrscheinlich würde er mir jetzt das Bild zeigen; was aber nicht geschah. Er hielt es weiterhin in seinen Händen und fragte mich dann: „Halten Sie sich für attraktiv, Frau Bartens?“ Damit hatte ich nun nicht gerechnet. „Bitte ?“ – Er wusste genau, dass ich die Frage akustisch bestens verstanden hatte, genoss aber meine Verunsicherung und wiederholte sie, setzte sogar noch einen drauf. „Ob Sie sich für attraktiv halten. Wie sehen Sie sich selbst? Finden Sie, dass Sie makellos sind, optisch perfekt?“ - „Ich bin ganz sicher nicht makellos und perfekt. Weder optisch noch charakterlich. Wer behauptet das schon von sich? Wenn ich all das wäre, dann säße ich sicher nicht hier bei Ihnen, oder? Und was Attraktivität betrifft, ich denke, dass sollte man von sich selbst nicht sagen; ich mache das zumindest nicht. Das sollen andere entscheiden; außerdem ist das eine Geschmacksfrage“; und das war meine ehrliche Meinung dazu. „Das ist eine selbstbewusste Einstellung, Frau Bartens. Verraten Sie mir aber doch jetzt bitte, warum Sie davon ausgehen, dass all diese positiven Eigenschaften auf meine Frau zutreffen?“ – Verunsichert schaute ich wieder nach unten zu meinen immer noch schmerzenden Füßen. Dieses Wort – ja, dieses Wort sollte jetzt kommen, denn jetzt passte es wirklich und würde auch seinen Sinn erfüllen. Ich musste es sagen, und wenn ich Glück hatte, würde er es sogar annehmen diesmal. Ich sollte auch nicht länger warten damit. Ich schaute wieder hoch, sah ihn an und wagte es; und zwar deutlich. „Entschuldigung, Herr Dr. Reiser – Sie haben recht. Es gibt keinen Grund, dass ich mir über Ihre Frau ein Urteil erlaube; das war nicht sehr höflich von mir“. Ich wollte noch ein zweites „Entschuldigung“ hinterher schieben, ließ es dann aber bleiben. Er sah mich weiter an und schwieg.
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Kein Kommentar von Dr. Reiser warum ich so geantwortet hatte. Ich sah wieder auf meine Schuhe, begann meine Füße aneinander zu reiben, überlegte kurz, ob ich mich trauen sollte, meine Schuhe auszuziehen, ließ es bleiben, sah wieder hoch zu ihm. Unser Schweigen dauerte an. Nach etwa zwei Minuten (obwohl es mir wie mehrere Stunden vorkam) ertrug ich es nicht mehr. „Und?“ sagte ich. Und endlich brach auch er die unerträgliche Stille. „Ich denke, dass Sie das Foto doch ganz gerne sehen würden, und ich frage Sie, wie ist sie denn dann, meine Frau, wenn Sie nun plötzlich Ihrer Meinung nach doch nicht perfekt ist, Frau Bartens ?“ Das war zu viel. Dieser Mann verarschte mich. Ja, er verarschte mich so, wie es schon zu viele Männer getan hatten. Ich hatte keine Lust mehr, diese „Behandlung“ noch länger über mich ergehen zu lassen. Keine Minute länger würde ich mir das hier antun. Es war mir scheißegal, ob hier ein Psychiater, ein Staatsanwalt oder gar der Papst persönlich vor mir saß. Ich kochte vor Wut, stand auf, und dann schrie ich es laut heraus: „Das weiß ich doch nicht. Was denken Sie eigentlich wer Sie sind und was wir hier machen? Diesen Psycho-Terror können Sie sich an den Hut stecken. Und jetzt zeigen Sie mir endlich dieses Scheiß-Foto von Ihrer Frau, verdammt!“ Im gleichen Moment riss ich ihm den Bilderrahmen aus der Hand, schaute darauf und sah eine sehr hübsche, lächelnde, blonde Frau von etwa vierzig Jahren. Das Foto war oben rechts unter dem Rahmen mit einem schwarzen Trauerband versehen…










Stichwörter: 
Roman, Liebe, Drama, Arzt
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