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Appetit auf Tod

Am Abend des 16. Oktober betrat ich die schlossähnliche Villa eines befreundeten Ehepaars. In der Einladung stand, es werde eine „aufsehenerregende Party, mit eindrucksvollem Flair und sensationellem Buffet“. Die Fete fiel mit dem Welternährungstag zusammen. Das war sicher nur ein Zufall. Vielleicht wäre der 31. Oktober, Halloween, passender für eine wilde Feier gewesen. Oder der 7. November. (Das ist der Vorabend zum 8., und dann ist Internationaler Tag der Putzfrau – den gibt’s wirklich!). Jedenfalls war ich eingeladen. Neugierig wie eine Treppenhausfliege kam ich trotzdem ein wenig zu spät.

Die Luft im Raum war schwarz. Man konnte seine Hand vor den Augen nicht sehen. Alle Geräusche summten, tobten, wehten oder schwappten vorbei wie Brandungswellen. Den eigenen Ohren war nicht zu trauen. Ich befand mich mittendrin in einem Hörspiel, bei dem Phantasie gefragt war. Fasziniert und grauenhaft zugleich empfand ich es, die undurchlässige Schwärze einzuatmen. Man konnte das Dunkle greifen, die Nacht auf der Haut spüren. Sie reicherte sich an im eigenen Körper, der plötzlich so fremd war wie die Nähe der Anderen.
Die tatsächlich außergewöhnliche Party in völliger Dunkelheit war eine neue Laune unseres blinden Gastgebers Homer. Sein kreativer Geist, wie Homer es selbst auszudrücken pflegte, sollte auch unseren Drang nach Zerstreuung befriedigen. Mit der Einladung hatte er versichert, alle seine Gäste würden auf ihre Kosten kommen. Warum sollten wir Sehenden nicht auch blind herumtapsen, um den Spaß mit ihm zu teilen? –
Spaß? Na Dankeschön! Ich vermisste vor allem Musik. Private Partys, dachte ich, sind üblicherweise begleitet von einem Sound, der die Schädeldecke sprengt. Nicht so an diesem Abend. Gut, ich weiß, Homer malt seine Bilder ja auch in völliger Lautlosigkeit. „Das Absurde an einem Maler, der keine Farben sehen kann, reduziert sich auf ein winziges Maß bei der Vorstellung, wie er arbeitet: hörend führt er seine Pinsel, ordnet jede Farbe dem Klang des Streichgeräuschs auf der Leinwand zu. Auch die spezifischen Düfte von Farben, von Gelb, oder von Blau, vermag er zu unterscheiden, genauso wie man Gewürze am Aroma erkennt …“ – zumindest steht das so in seiner Biographie. Manche munkeln, er schnüffle dabei die Lösungsmittel der Farben, absichtlich, was seiner Kreativität durchaus förderlich sei. Betörende Bilder kommen freilich dabei heraus. Und ein Schweinegeld verdient er, mit dem er sich extravagante Gesellschaften leisten kann, um Freunde, Bekannte und vor allem Unbekannte einzuladen. Immer muss er Publikum um sich haben, Typen mit viel Lust auf Leben, um seinen Appetit zu stillen auf alles Neue.
(In Wahrheit, sage ich Ihnen, spinnt er völlig. Homer ist nur sein Künstlername. Willi Eitermoser heißt er wirklich, mit „Ei“ am Anfang, und der Willi kommt aus einem winzigen Dorf in der Oberpfalz. Laut ausprechen darf man das freilich nicht, denn hören kann er besser als alle von uns. Und blind ist er nur so viel wie eine Eule bei Vollmond. Also, bitte nicht weitersagen, das wäre schlecht fürs Geschäft. Für seins.)

Tastend bewegten wir Gäste uns wie Kinder beim Blindekuhspielen – Menschen, die sich unbeobachtet fühlen, tun Dinge, für die sie bei Licht betrachtet mit der Zwangsjacke abgeführt würden. Ich spürte Hände auf meinen Schultern, in meinen Haaren, Finger in meinem Gesicht. Manche waren kalt und feucht, andere warm, heiß, ein wenig klebrig, rochen nach Seife oder Schweiß, waren fahrig und ergründend, oder sanft und zart, zogen sich erschrocken zurück, oder verharrten für rätselhafte Momente auf meiner Haut. Nein, nein, wir waren schon alle angezogen. Hoffte ich wenigstens. Auch ich tapste vorsichtig, mit den Armen vorgehalten, durch den Raum und stieß prompt gegen so was wie eine Vase oder Flasche. Glas zerplatzte auf dem Marmorboden in vermutlich tausend Teile, und in der Nase kitzelte verschärft der heute Abend ohnehin in der Luft schwebende, säuerlich-süße Geruch von Champagner. Man trank hier nichts anderes. Bier wäre mir zwar lieber gewesen. Doch Homer verabscheute dieses „Proletariergesöff“ – natürlich erst, nachdem er die Oberpfalz verlassen und sich fortgebildet hatte.
Weil ich nun die Flasche zerdepperte, jagten spitze Frauenschreie wie Pfeile durch den lichtleeren Raum. Vereinzelt war nervös-albernes Kichern zu hören. Wieso gaben eigentlich die Männer kaum Geräusche von sich? Manche Herren brummelten allenfalls in tiefen Tonlagen. Überhaupt: man sprach den düsteren Umständen entsprechend gedämpft, flüsternd.

Ohne Vorwarnung spürte ich eine zarte Hand in der meinen. Jemand steckte mir einen Gegenstand zu, etwas Metallisches, das ich ergriff aber nicht be-griff. Es musste von einer Frau kommen, so weich und zierlich – und saukalt – sich ihre Finger anfühlten. Wehrlos raunte ich ihr zu: „Wer bist du?“ Der Geruch von menschlicher Haut war mir nah. Knoblauch, der Klassiker aller Würzpflanzen, stieg mir in die Nase, löste Erinnerungen aus – südliche Gefilde, Portugal, gegrillte Fische und Muscheleintöpfe, Wein und in massenhaft Knoblauchöl eingelegte Oliven – und das Gefühl der Schwere in meiner Hand lenkte meine Aufmerksamkeit wieder in eine andere Richtung. „Was?“, fragte ich ins Nichts, „was ist das?“ Die Antwort blieb aus. Es war kaum mehr zu ertragen, dieses Nichtssehen, das einen so armselig und wehrlos macht wie einen Trottel. Kurz: allmählich wurde ich sauer! Okay, dachte ich, Homer, du hast deinen Spaß, „siehst“ uns quasi durch dein fein geschultes Gehör, nimmst uns wahr, durch unser Atmen, unseren Geruch, fühlst uns mit deinem Tastsinn, kennst jeden Zentimeter deines Domizils, und vielleicht trickst du auch auf ganz banale Weise mit einem Nachtsichtgerät. Wirklich, jetzt langt ’s! Ich respektiere die Idee und die Ausführung dieser Party, aber akzeptiere um Himmels Willen die andere Seite! Stille von mir aus deine absurde Gier auf neue Gelüste, aber bedien’ dich nicht an meinem Nervenkostüm!

Meine Hand umschloss fest den Gegenstand, der mir so diskret zugesteckt worden war. Ich ahnte zwar, was es war, aber ich wollte es auch wissen. Es sehen! „Homer!“,
schrie ich in die Nacht. Das Gemurmel um mich herum verstummte für nur einen Augenblick. Dann ging das Summen weiter, als hätte ich den Namen unseres Gastgebers nicht fordernd genug gerufen. Im Gegenteil. Ein weicher, warmer Atem strich an meiner Wange vorbei und hauchte meinen Namen. Es war, als knabbere jemand an meinem Ohr. Chanel Nr. 5, und ein Hauch von Curry trafen meinen Geruchssinn. Eine Hand fasste frech und fordernd zwischen meine Beine – welche Art von Party war das? Die Vorstellung, Homer würde in seinem Haus Sex-Orgien dulden, ging mir schon in den Kopf, aber mit so vielen Gästen? Sein Ding waren doch eher Fressgelage. Homer gelüstete es nach feinsten Speisen ebenso wie nach abnormen Vergnügungen. Mit meiner erotischen Phantasie war ich also zu weit gegangen. Viel zu weit. Lara gluckste wie ein albernes Kind, als sie sich zu erkennen gab. Lara, Mutter meines Sohnes, und immer zu Späßen aufgelegt. Wir wohnen nicht zusammen, sie hat das Sorgerecht für Liliom, und wir treffen uns ab und zu, um zu plaudern. Wir sind uns nicht böse, und bei Gelegenheit verbringen wir die eine oder andere Nacht zusammen in einer unserer Wohnungen. Dass sie auch eingeladen war, wusste ich nicht. Und jetzt grapschte sie an meinem Körper herum, als gehörte er ihr. „Hättest du nicht so geplärrt“, sagte sie kichernd, „wüsste ich gar nicht, dass du da bist.“
Ich konnte und wollte ihre Annäherung nicht erwidern und sagte ihr, sie solle ihre Versuche lassen. Mir war nicht nach diesen Dingen, so lange ich nicht wusste, was mir so rätselhaft in meine Hand gelegt worden war. Lara zischte wie eine giftige Katze. Mit ihrer Hand zwischen meinen Beinen musste sie doch spüren, dass im Moment bei mir nichts zu holen war. Ihr an mich gerichtetes Schimpfwort war bei weitem harmloser, als ihre gemein zupackenden Finger. Der Schmerz zog sich tief und viel zu lange hin. Sie scherzte: „Okay, man sieht sich.“, und entschwand so ungestüm, wie sie aufgetaucht war, wieder ins Dunkel.

Mein aktueller Hass auf Homer ließ wegen Lara nicht unbedingt nach. Sabbernd saß der Kerl irgendwo in einer Ecke und befriedigte seine Sensationsgier. Seit ich aber von Laras Gegenwart wusste, war mir die Dunkelheit nicht mehr ganz so suspekt wie am Anfang. Sie fing sogar an, mir Spaß zu machen. Sie berauschte mich auf eine morbide Art. Das Rätsel um das Gebilde in meiner Hand konnte ich doch lösen, auch ohne es zu sehen. Ich glaubte, so müsste es sein, wenn man ein Geist und unsichtbar ist. Ich fühlte eine gewisse Macht. Hatte man bis jetzt mit mir gespielt, mir einfach etwas in die Hand gedrückt, oder mich zu unmoralischen Spielen verführen wollen, nahm ich jetzt das Heft selbst in die Hand – wenn ich es nicht schon lange hatte! Meine Finger krallten sich um das Ding in meiner Rechten. (Nein, nicht „das“ Ding. Das andere, das mir heimlich überreicht worden war!) Mit beiden Händen erkundete ich den Gegenstand, tastete mit den Fingerspitzen die Konturen entlang – ja, es war genau das, was ich von Anfang an vermutet hatte… und nun war jemand dicht neben mir, ein Mann, der mir zuflüsterte: „Hei, Alter!“, der Stimme nach: Homer! Na klar, er konnte sehen. Weil er ganz sicher ein Nachtsichtgerät trug, wie ich den „Perversling“ kannte. Der sah doch ganz genau, was wir trieben. Von wegen blind!
Er sagte: „Tu ’s nicht, es war Veronique, meine Frau, die sie dir gegeben hat, und sie will …“ Der glühende Blitz aus der Waffe zerriss für einen Augenblick die Nacht, strahlte bezaubernd schön. Wie Homers Frau Veronique. Ihr Duft nach Knoblauch war wieder in meiner Nähe. Schrille Schreie, und irgendwer brüllte, man solle doch endlich das Licht anschalten! Ein anderer tat es.

Ob Homers, alias Willi Eitermosers, Wahn nach Nervenkitzel nun gesättigt war, kann ich nicht beurteilen. Er war ja nicht tot. Er lag mir zu Füßen und grinste sich eins, als hätte er soeben eine lustige Fahrt in der Achterbahn hinter sich. Blut quoll aus seinem Hals und verlief zwischen den Scherben der zerschmetterten Champagnerflasche zu einer beeindruckenden Lache. Die schöne Veronique, (ich weiß wirklich nicht, was die an dem fetten Willi findet), kniete nieder an seiner Seite. Homer atmete tief aus und lechzte: „Ja, ja, mach es …!“
Seine Frau lächelte bezaubernd und sah mich herausfordernd an. „Schau genau hin!“, sollte dieser Blick sagen, und sie senkte ihren Kopf tief hinab zum Marmorboden. Ihre blonde Mähne glitt durch Homers Blut, das glänzend wie Öl aus seinem Hals lief. Mit Genuss leckte sie die schnell zäh werdende rote Flüssigkeit vom Boden auf.
„Ketchup!“, rief einer aus dem erstarrten Publikum, „Das ist doch nur Ketchupsoße!“
Es war ein „Eingeweihter“, der da lachend in die Runde dröhnte. Für seine weibliche Begleitung kam die Aufklärung zu spät. In klassischer Manier kippte sie aus ihren Stilettos.
Homer setzte sich auf und wischte sich das pappige Zeug vom Hals. Jemand begann zu klatschen. Der Applaus hielt sich in Grenzen. Erst, als ich Homer fast wahnsinnig vor Angst anbrüllte, er sei ein Riesenarschloch, spendete das Publikum anhaltenden Beifall. Veronique sah mich an, als würde sie mich gleich fressen. Mit Ketchup.

Laura boxte sich zu mir durch. Sie nahm mir die Waffe ab. Erst jetzt registrierte ich, dass ich die Pistole mit den Platzpatronen noch immer in meiner heißen Hand hielt. Die Inszenierung war ja ganz nett, aber noch freundlicher wäre es gewesen, man hätte mir was gesagt. Laura fragte mich leise ins Ohr, ob ich gewusst hätte, die Waffe sei nur eine Attrappe.
„Nein!“
Laura sah mich fassungslos an. „Warum hast du dann abgedrückt?“
Die stumme Antwort darauf fuhr mir regelrecht in die Glieder. Mit scharfer Munition hätte ich Homer ja tatsächlich umgebracht. Rein moralisch gesehen war es also Mord – und ehrlich, Laura sah plötzlich aus, als wäre sie deswegen stolz auf mich. Meine Güte, dann war ich eben unmoralisch. Was soll’s. Sie war wunderhübsch mit diesem Ausdruck in ihren Augen, großen, schwarzen Augen wie reife Oliven. Wie selten zuvor überfiel mich ein irrer Heißhunger auf Laura. Ja, der Tod macht Appetit – auch wenn er nur gespielt ist!

Veronique dagegen leckte sich das restliche Ketchup von den Lippen, (sie hatte weiß Gott mindestens so sinnliche wie einst Brigitte Bardot), und machte schon wieder das Licht aus. Jemand, mit Sicherheit Homer, klatschte dreimal mit den Händen. „Das Buffet ist eröffnet!“ Toller Einfall! Herrschaften, ein Buffet im Dunkeln übersteigt jede Vorstellungskraft, wenn man nur bedenkt, wie es schon bei Tageslicht zugeht. Ich fürchtete, nun könnte es echte Tote geben!
Der bunte Haufen war wieder blind geworden, und wir folgten dem vorherrschend köstlichen Geruch in einen anderen Saal. (Bis auf Herrn Chester Bakers wahrscheinlich, der eigentlich Kaspar Beckmeier heißt und vor Jahren einen Virus erwischt hatte, dem er den Verlust seines Geruchsinns anlastete).
Schnuppernd lokalisierte ich das Buffet. Alles Gebratene und Gegrillte musste demnach links liegen. Feine Gemüse verströmten mittig ihre Aromen, und alles mit Reis, vor allem Reis, duftete von rechts. Das Gedrängel war unglaublich. Von Überall wurde ich geknufft, geschubst, gefoult. Reis flog durch die Luft. (Ich hoffte, es war Reis.) Teller und Besteck klapperten ein rhythmusfreies Konzert. Wenn man nicht sieht, was man da gerade isst, schlägt es auf den Magen. Mir zumindest. Vielleicht auch wegen der aufdringlichen Essgeräusche um mich herum, dazu die Ausdünstungen von Mensch und Nahrung.
Ich stöhnte so laut auf, wie es mein Zustand erlaubte. Mir war nicht gut, während um mich herum alle ihrer unfassbaren Fresslust im Anschluss an die Szene mit dem Ketchup nachgaben. Laura musste mich wahrgenommen haben. „Bringst wohl auch nix runter?“
Wir verzogen uns in eine Ecke. Laura schmeckte nach – Laura, mit ihren tausendmal mehr herrlichen Aromen als das Buffet mir bieten konnte. Wir verschlangen uns. Sah ja keiner. Und wenn doch, sollte mir keiner kommen und sagen, das sei jetzt aber unappetitlich. Um uns herum herrschte Chaos, völlige Freiheit von Zwängen, und Laura und ich, mittendrin, waren schon längst beim Dessert.
Homer sah wahrscheinlich zu. Er war gewiss noch lange nicht satt.

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Tag der Veröffentlichung: 11.08.2011

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