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Von:
pavoni
Erstellt am: 19. August 2011
Aktualisiert am: 28. April 2012
ISBN: 978-3-86479-619-7
BXID: pavoni_1313744527.1733379364
Klicks: 6
BookRix-Seiten: 700
Sprache: Deutsch
Kategorie: Belletristik
Stichwörter: Belletristik
Winfried Anslinger
Schmidt und Sohn



Klappentext:
Ein Roman über ein Land, das mit sich selbst nicht einig geworden ist. Im Mittelpunkt ein Haus, eine Familie, ein Geschäft: Schmidt & Sohn, Elektrohandlung und Installation in vierter Generation, stadtbekannt.
Der Ich-Erzähler ist der Sohn.
Krieg und Nachkriegs¬zeit prägen ihn, er wird Zeuge gegensätzlicher Epochen mit ihren typischen Verwicklungen: Nazitum und Wiederaufbau, Wirtschaftswunder und Wirtschaftskrisen, 1968, Ökowelle und am Ende dann die Wiedervereinigung. Ende gut, alles ... [mehr]


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Kommentare

Rezensionen, Diskussionen 
pavoni kommentierte am 03.11.2011
Rezension aus der Zeitschrift CHAUSSEE Heft 27 / 2011
Anknüpfungen für eigenes erinnern
Winfried Anslinger: Schmidt& Sohn

„Es ist schon auffällig, wenn im Rückblick auf 80 Jahre Lebenszeit eine Spanne von 10 Jahren regelmäßig mehr als drei Viertel des Erzählstoffes beansprucht.“ ES waren die Jahre zwischen 1939 und 1949, die eine ganze Nation geprägt haben. (Nachwort)
Diesem Phänomen geht Winfried Anslinger in seinem Roman „Schmidt& Sohn“ auf den Grund, wenn er in einem Familiendrama die kriegsbedingten Traumata freilegt, die drei Generationen in ihrem Denken, Fühlen und Handeln beeinflusst haben. Im Mittelpunkt ein Haus, eine Familie, ein Geschäft: Schmidt& Sohn, Elektrohandlung und Installation in vierter Generation.
Wolf, der Ich-Erzähler, ist der Sohn. Nach einem fremdbestimmten Leben voller Verdrängungen, Lügen und Selbstbetrug steht er vor den verkohlten Trümmern des Hauses, das über Generationen als Inbegriff von Stabilität galt, allen äußeren Katastrophen trotzte. Der Brand erscheint wie ein Befreiungsschlag, ein Fegefeuer, parallel zu dem Feuerwerk anlässlich der Wiedervereinigung. Ob Symbolhandlung oder Versicherungsbetrug bleibt ein Rätsel, obwohl es für den aufmerksamen Leser Indizien dafür gibt, was der Auslöser für das Feuer gewesen sein könnte.
In einem ersten Erzählstrang, angesiedelt in der Jahreszeit beginnt Wolf sein Leben zu reflektieren, sucht den roten Faden, flieht aber zunächst immer wieder ins Reich der Fantasie, in das „rote Land“, das lange seine Realität überlagert, bis er seiner Blindheit- der Brand schädigt seine Augen- ein Ende macht, sich einer Augenoperation unterzieht, sich schreibend seinen Erinnerungen stellt, der Wirklichkeit ins Auge schaut, die ihn als Statist entlarvt, „der anderen die Bühne überlässt.“
Diese Wirklichkeit wird lebendig im zweiten Erzählstrang, dem Rückblick, wo fast ein ganzes Jahrhundert an uns vorüberzieht, der Weltkrieg, das Nazitum, der Wiederaufbau, Wirtschaftswunder und Wirtschaftskrisen, die 68-Revolte, die Ökowelle und am Ende die Wiedervereinigung, jeweils aus der Perspektive von Wolf, Wolf als Kind, als Jugendlicher, als Erwachsener. Auf diese Weise bleibt der Roman nicht bei den historischen Ereignissen stehen, sondern liefert eine detailgetreue Innensicht jeder Epoche, angefangen von den Einrichtungen, Lebensstilen, Moden, Essgewohnheiten, Musikrichtungen – bewundernswert die sorgfältige Recherche – bis hin zu den innerpsychischen Prozessen die eng verzahnt mit den äußeren Gegebenheiten stattfinden.
So erklären die schlimmen Kriegserfahrungen, die die Menschen lehrten „man kann nichts machen, was immer du tust, ändert nichts, du bist nichts, dein Volk ist alles“, den Fatalismus, der besonders beim Ich-Erzähler Wolf zu Tage tritt.
Er sieht sich „in einem sinkenden Kahn, bis oben vollgeladen mit Tradition und Erwartung“, eingeengt in Zwänge und Plichten, personifiziert im übermächtigen Vater, der seinerseits schuldhaftes Verhalten im Krieg mit Härte und Empfindungslosigkeit kompensiert und seine Frau in Depression und Selbstmord treibt.
Ungeklärte Telefonate, Klopfzeichen – rational erklärbar als Luft in Heizungsrohren – symbolisieren immer wieder das schlechte Gewissen.
Hochinteressant sind vor diesem Hintergrund Wolfs Überlebenstechniken – auch die der Familienmitglieder und Freunde – , bei denen häufig Sein und Schein auseinanderklaffen aus Eigennutz die Spielräume genutzt werden, die die Gesetzte lassen. Mit der verbreiteten Technik der Verschwiegenheit werden die Lügenfundamente zugedeckt
Die Scheinheiligkeit einer ganzen Epoche, exemplarisch aufgezeigt an der katholischen Kirche, entlarvt Winfried Anslinger mit scharfem Blick, aber voller Mitgefühl für die Akteure, „durchschnittliche Leute mit durchschnittlichen Träumen“, mit denen man sich leicht identifizieren kann. Zaghafte Ausbruchsversuche aus dem bürgerlichen Mief gelingen den Jungen, doch auch sie müssen sich den Notwendigkeiten von außen beugen, die sie nicht bewusst gewählt haben. Das freie Leben erweist sich als Illusion.
Belebend sind die Debatten am Familientisch, provoziert durch aktuelle politische Ereignisse. Durch die unterschiedlichen Dialekte und Sprachebnen – Krieg und Nachkriegszeit haben die Völker Europas durcheinandergewirbelt, was sich in der Neuzusammensetzung der Lebensgemeinschaften durch Heiraten, Einquartierungen, Beschäftigungsverhältnisse niederschlägt – wirken sehr authentisch. Sie zeigen Facetten des Meinungsspektrums zu Politikern, Regierungen, Bewegungen, fordern den Leser auf, seinerseits Stellung zu beziehen, ohne ihn in eine Richtung zu drängen. Außerdem machen diese Debatten klar: „Unsere Bilder können sehr verschieden sein. Sie hängen ab von dem, was du vorher erlebt hast.“
Kleine Oasen im Strudel der Ereignisse sind Wolfs Fluchtversuche in die Natur, die der Autor in wunderbar poetischen Bildern – der Wald, der erste Schnee, das Heraufziehen der Dämmerung – zu beschreiben weiß.
Was das Buch so lesenswert und spannend macht, ist die Tatsache, dass in dem Mikrokosmos Familie, angesiedelt in einem kleinen fiktiven Ort in der pfälzischen Provinz, das ganze Leben mit all seinen Widrigkeiten und Unwägbarkeiten gespiegelt wird.
Besonderer Kristallisationspunkt ist das Casinorestaurant, wo Beerdigungen, Hochzeiten, Kindtaufen, Jahrestreffen stattfinden und das im Laufe des Jahrhunderts mehrmals umfunktioniert wurde vom Restaurant zum Versammlungsort, vom Lazarett zum Tanzlokal für die Alliierten. So wird dieses Buch voller Lebensweisheit, Wärme, Humor, Scharfsinnigkeit dem gerecht, was einen guten Roman ausmacht: „Welthaltig“ zu sein. Dem Leser wird er vielfältige Anknüpfungspunkte liefern für eigene Erinnerungen.

Babara Franke / CHAUSSEE

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