Philosophisches
| | Seite: zurück | 1 | 2 | weiter |
| Thema Trauer.. |  |
|
1.

Von: sundown High Society Mitglied
3142 Gruppenforen-Beiträge |
Thema Trauer..
hat Trauer in der heutigen schnelllebigen Zeit noch Platz? Immer wieder erlebe ich es, dass Menschen mit "Trauernden" nicht umgehen können. " Du musst nach vorne schauen"..sind da noch die harmlosesten Sprüche.. Wie seht ihr das..gibt es einen angemessenen Zeitraum seine Trauer auszuleben? Explizit spreche ich hier die Trauer nach dem Verlust eines geliebten Menschen an. Hat sich dieser Zeitraum der heutigen Zeit angepasst?..
Lg PErdita
Erstellt: am 18.09.2010 um 20:11:34
|
|
| 2.

Von: sandwich BookRix-Legende
8974 Gruppenforen-Beiträge |
Trauer - Terminkalender
Die Trauer kennt keinen Kalender sie kennt auch keine Betriebsanleitung.
Trauer nach langer Krankheit beinhaltet einen Prozess der Vorbereitung.
Trauer nach einen Unfall-Katastrophe-Gewalt trifft unvorbereitet auf einen ein.
In erster Linie steht die Beziehung zu dem Verstorbenen und nicht die Gesellschaftliche Verhaltensweise.
Mit der Geburt beginnt der Prozess des Sterbens ein erfülltes Leben ist ein gelebtes Leben.
Stadt und Land (Salzburg) In der Stadt ist eine Beerdigung im kleinen Rahmen, am Land wird heute noch oftmals mit Vereinen (Feuerwehr -Musikkappellen -Schützen) zelebriert.
Was ich befindlich finde (TV:Reportage) Beerdigungstourismus BRD-Tschechien z.b. Sicher ist Trauer Kulturell - Religiös unterschiedlich.
Was man bei einem Verlust eines geliebten Menschen in den Vordergrund stellen sollte ist immer das Positive.
Ich bin der Auffassungs das es mehrere Leben gibt (auch durch Darwin beeinflusst)
Die Innigste trauer ist die stille Trauer.
Ich habe in jungen Jahren Großeltern und Eltern verloren und unsere größeren Geschwister übernahmen ihre Aufgaben aber es gibt heute manchmal noch Situationen wo ich frage was wäre es wenn die Eltern da wären.
Lg.Sandwich
Erstellt: am 18.09.2010 um 20:36:08
Ich mach mir die Welt wie sie mir gefällt
|
|
| 3.

Von: monirapunzel High Society Mitglied
4744 Gruppenforen-Beiträge |
Liebe PErdita
früher trug man sechs Wochen schwarz und konnte damit seine Trauer nach außen zeigen. Die Menschen nahmen Rücksicht und trösteten. Heute ist alles anders. Ich hatte erst vor kurzem einen Trauerfall in der Familie. Außerhalb der Familie und Freunde hat das niemanden interessiert. Arbeitskollegen, den ich davon erzählen wollte, haben mich noch nicht mal aussprechen lassen, sondern gleich das Thema gewechselt.
Immer wieder erlebe ich es, dass Menschen mit "Trauernden" nicht umgehen können. Leider wird das immer mehr.
Erstellt: am 18.09.2010 um 21:23:23
Mitmachen! Die Abstimmung beim aktuellen Wortspiel läuft!
|
|
| 4.

Von: podonik Vollblutkritiker
474 Gruppenforen-Beiträge |
Warum
verbindet Ihr Trauer mit Tod? Trauer ist für mich der Verlust von etwas, an dem mein Herz hängt. Da kann vieles sein. Als ich neulich alte Bilder von meinen Kindern sah, war ich traurig. Dann aber war ich froh. Warum? Zuerst war ich traurig, das Eltern ihre Kinder dadurch verlieren, das diese erwachsen werden. Dann habe ich mich aber gefreut, das ich erwachsene Kinder habe. Im Laufe des Lebens verliert der Mensch viel, zum Schluss alles. Wir verlieren die Kindheit, die Jugend, die Liebe, die Gesundheit, wir vergessen. Leben ist Verlust. Aber wir leben. Trauer ist ein Teil des Lebens. Könnten wir nicht trauern, würden uns unsere Verluste egal sein. Dann könnte uns aber auch unser ganzes Leben egal sein.
Erstellt: am 18.09.2010 um 23:10:14
|
|
| 5.

Von: sundown High Society Mitglied
3142 Gruppenforen-Beiträge |
Hallo Podonik..
meine Frage galt nur dieser Trauer..
Explizit spreche ich hier die Trauer nach dem Verlust eines geliebten Menschen an.
Natürlich gibt es viele Arten von Trauer und Traurigkeit..und sie ist ein Teil des Lebens.. Ich habe aber oft das Gefühl, dass eben die Trauer über den Tod eines Menschen kaum noch Raum findet in der Gesellschaft..fast schon, als ob sie verpönt ist. Was ich nicht zu glauben vermag..ich erkläre mir das damit, dass viele sich Angesichts der Trauer eines anderen hilflos fühlen. Zudem kommt noch.. jeder Mensch trauert anders und es ist schwer,diese Andersartigkeit zu akzeptieren. Ja, als genauso tiefe Trauer wie die eigene anzuerkennen. Einer möchte alleine sein, der andere sich mitteilen..etc.. Die Erfahrung die Moni gemacht hat, habe ich auch machen müssen..allerdings in einigen Fällen umgekehrt. Arbeitskollegen waren mir teilweise eine größere Hilfe als Freunde und Familie, als meine Schwester starb. LG PErdita
Erstellt: am 18.09.2010 um 23:45:38
|
|
| 6.

Von: marieflorence Hecht im Autorenteich
365 Gruppenforen-Beiträge |
Ich muss leider euren Beiträgen zustimmen,
denn auch ich habe die Erfahrung gemacht, dass "Tod", "Sterben" und endgültig Abschied nehmen müssen die größten Tabus in unserer Gesellschaft sind. Neben "Krankheit" und "Alter" ist es so gut wie unmöglich, Verständnis bei anderen zu finden, wenn man, in welcher Form auch immer, davon betroffen ist.
Ich glaube aber nicht, dass es früher besser war, sondern nur anders. Die Menschen haben sich schon immer schwergetan, die eigene Vergänglichkeit zu akzeptieren. Also wird alles verdrängt, was damit zu tun hat.
Mittlerweile gibt es Zusatzausbildungen für Menschen, die im sozialen und medizinischen Bereich arbeiten, weil erkannt worden ist, wie groß der Bedarf in dieser Hinsicht ist: "Trauertherapeut" oder "Trauerbegleiter".
Für mich ist es immer ein Armutszeugnis für die soziale Kompetenz einer Gesellschaft, wenn neue Berufsfelder entstehen müssen, um die Defizite aufzufangen, die im Umgang miteinander entstehen.
Im Laufe meines Lebens habe ich mehrfach erfahren müssen, dass es niemanden interessiert, was es für mich bedeutet, einen Menschen zu verlieren. Auch die Belastung durch schwere Krankheiten von Angehörigen und die daraus resultierenden Probleme, haben einfach niemanden interessiert. Wenn ich nicht Kontakt zu Menschen gesucht hätte, die in ähnlichen Situationen waren wie ich, wäre ich sicher an diesen Erlebnissen verzweifelt.
Es ist also vermutlich nicht die Trauer, mit der die Menschen nicht umgehen können, es ist die Tatsache, dass Menschen krank werden können und am Ende sogar sterben. Weil es jeden von uns, früher oder später betrifft, wird alles, was damit zu tun hat, einfach vedrängt. Mitgefühl für andere kann dabei nicht aufkommen. Ich glaube, das ist die Ursache des Problems.
Erstellt: am 19.09.2010 um 11:08:48
Letzte Änderung: am 19.09.2010 um 11:11:57
|
|
| 7.

Von: philhumor BookRix-VIP
2614 Gruppenforen-Beiträge |
Trauer und Neubeginn
Perdita: Hat Trauer in der heutigen schnelllebigen Zeit noch Platz? Immer wieder erlebe ich es, dass Menschen mit „Trauernden“ nicht umgehen können. „ Du musst nach vorne schauen“..sind da noch die harmlosesten Sprüche.. Wie seht ihr das..gibt es einen angemessenen Zeitraum seine Trauer auszuleben?
Monirapunzel: Ich hatte erst vor kurzem einen Trauerfall in der Familie. Außerhalb der Familie und Freunde hat das niemanden interessiert. Arbeitskollegen, den ich davon erzählen wollte, haben mich noch nicht mal aussprechen lassen, sondern gleich das Thema gewechselt.
Perdita: Ich habe aber oft das Gefühl, dass eben die Trauer über den Tod eines Menschen kaum noch Raum findet in der Gesellschaft..fast schon, als ob sie verpönt ist. Was ich nicht zu glauben vermag..ich erkläre mir das damit, dass viele sich Angesichts der Trauer eines anderen hilflos fühlen.
Dass man einen Trauernden rasch abbringen will von seiner Trauerstimmung, ihn ablenken will, zerstreuen – das kann damit zusammenhängen, dass einerseits der Trauernde als Störfaktor empfunden wird in einer Spaßgesellschaft und andererseits, weil man ehrlich überzeugt ist, dass man dem Trauernden am Besten hilft, indem man ihn fortführt aus seiner emotionalen Krise.
Dabei ist gerade diese Krise wünschenswert und eingeplant von der Natur. Es ist eine Situation der Destabilität. In solch einer Krise fällt Neuorientierung leichter. Der Tod eines nahestehenden Menschen hat etwas Gewaltiges verändert im eigenen Leben. Anpassungsreaktionen sind nötig.
Die Riesen-Lücke, die der geliebte Mensch hinterlassen hat, ist wie eine Wunde. Und wie eine Wunde Zeit braucht, um zu verheilen, so braucht auch der Trauernde Heilungs-Zeit. Diese muss er sich selber zugestehen und diese muss ihm auch von der Gesellschaft zugebilligt werden.
Vorgeschriebene Trauer hingegen – in ritualisierter Form – hat etwas Zwanghaftes: Die Witwe soll ein Jahr schwarz tragen, und man rümpft die Nase, wenn sie zu rasch wieder heiratet.
Die Gefahr des Trauerns liegt darin, dass sich dieser Krisen-Zustand verfestigt, man nicht mehr herausfindet aus dieser Talsohle. Das Hadern mit dem Schicksal führt zu Vorwürfen gegenüber Gott, sich selbst und gegen andere angeblich Schuldige. Ursachenforschung, mit dem Finger auf den Grund verweisen können – danach trachten die Menschen stets. Es gilt Ursache und Wirkung zuzuordnen, sich zurechtzufinden in seiner Welt. Und wo man keinen Schuldigen, keine alleinige Ursache ausmachen kann, da beginnt die Verzweiflung oder aber auch das Irrationale. Das Irrationale öffnet sich mit gähnendem Schlund und verschlingt die Ratio, die klaren Gedanken. Man erreicht diesen Menschen nicht mehr durch Logik oder aufmunternde Gespräche.
Petra Schürmann ist so ein Beispiel. Wenn sich in die Trauer Selbstvorwürfe mischen und man dem Leben nicht verzeihen kann, dass es unlogisch ist und ungerecht, willkürlich, chaotisch – und auf Gerechtigkeit pocht – dann verstrickt der Trauernde sich in absurdeste Gedankenlogik: sucht Ordnung, Sinn herzustellen, indem er den Schuldigen, den Grund für seine Trauer ausmacht in sich selber, für alles sich selber verantwortlich, schuldig fühlt.
Das Leben, die Welt ist Chaos. Die Krise gibt uns die Chance, uns zurückzuziehen von diesem Chaos für eine Weile, die eigenen Lebensregeln neu zu überdenken, umzuwerfen, sich mit einer veränderten Geisteshaltung dann neu dem Chaos zu präsentieren und den Kampf mit ihm aufzunehmen.
LG Phil Humor
Erstellt: am 19.09.2010 um 12:01:07
Dank Philosophie und Humor kommt mir das Leben lebenswert vor.
|
|
| 8.

Von: sundown High Society Mitglied
3142 Gruppenforen-Beiträge |
Neubeginn
Phil: Das Leben, die Welt ist Chaos. Die Krise gibt uns die Chance, uns zurückzuziehen von diesem Chaos für eine Weile, die eigenen Lebensregeln neu zu überdenken, umzuwerfen, sich mit einer veränderten Geisteshaltung dann neu dem Chaos zu präsentieren und den Kampf mit ihm aufzunehmen.
Das ist es lieber Phil, Trauer verändert die Sichtweise..genau die Erfahrung habe ich gemacht. Viele Dinge im täglichen Leben sehe ich heute anders, manches lockerer, manches aber auch verbissener. Menschen, Dinge, Geschehnisse erhielten eine andere Wertstellung in meinem Leben. Das verändert, und diese Veränderung wird auch von außen bemerkt. Ich lebe heute zurückgezogener und dennoch bewusster. Und wenn ich mich anfangs noch verkroch, wenn die Trauer mich übermannte, mache ich es heute nicht mehr. Ich weine, auch in der Öffentlichkeit. Ich weine, während ich meine Gedanken an meine Schwester in einem Gedicht niederschreibe. Ich weine während der Arbeit, wenn ein Lied im Radio mich an sie erinnert. Ich sage den Grund für meine Tränen, aber ich entschuldige mich nicht dafür.Aber ich lache auch..und lebe Freude aus.Und auch dafür entschuldige ich mich nicht. Dem Leben verzeihen..ich weiß nicht ob ich das tue..habe noch nie darüber nachgedacht..Schuld..wo sollte ich sie suchen? Natürlich habe ich mir anfangs oft die Frage gestellt..warum sie und nicht ich? Warum habe ich den gleichen Krebs 6 Jahre zuvor überlebt und sie nicht? Aber heute wie damals verdränge ich die Frage..aus Selbstschutz..nehme ich an.. Die Religion, einen Gott in Frage zu stellen, auch das lag mir fern. Meine Schwester hatte zuletzt aus ihrem Glauben eine unendliche Kraft gezogen. Wenn ich das in Frage stellen würde, wäre es ihr gegenüber nicht recht.
marieflorence: auch ich habe die Erfahrung gemacht, dass "Tod", "Sterben" und endgültig Abschied nehmen müssen die größten Tabus in unserer Gesellschaft sind.
und das ist so schade...
Lg Perdita
Erstellt: am 19.09.2010 um 13:55:25
Letzte Änderung: am 19.09.2010 um 13:55:58
|
|
| 9.

Von: Gelöschter Account
|
Ich finde es auch bedauerlich
dass Trauer außerhalb religiöser Vollzüge kaum noch Platz hat. Die vorhandenen Institutionen und Rituale sind allen verfügbar, aber (mit der Religion, eben) verdrängt aus dem Alltag. Durch die Durchsetzung der Kleinstfamilie gibt es zudem kaum noch Umgang oder Erfahrung mit jenen Ritualen, die der Bewältigung von Verlust dienen. Das verleiht dann den Einzelfällen auch noch völlig unberechtigt extrem viel Gewicht, so eine Art Trauerzwang. Es gäbe im einzelnen Trauerfall weniger "zu lernen", wenn Krankheit und Tod nicht so stark ausgeklammert wären. Von "Tabu" würde ich aber nicht sprechen. Ich sehe eher Verunsicherung dadurch, dass der Staat die einst durch Familie und Kirchen gewährten sozialen Leistungen übernommen hat.
Ich habe wenig schlechte Erfahrung in meinem Umfeld gemacht, was die Würdigung meiner Trauer angeht. Mit dem Verlust Nahverwandter geht eine Veränderung des sozialen Status einher - und folglich Ämtergänge (Nachlass, Bestattung, Urkunden), die mich viel mehr belasteten, als halbgare Beileidsbekundungen. Ich hatte andere Dinge im Kopf, sah mich aber mit Fristen konfrontiert. Der Verlust der Eltern oder von Geschwistern ändert die eigene Rolle in der Welt. Und was man in Nachlässen findet, ist nicht immer schön.
Im Gespräch löst sich die Verunsicherung. Sundown hat Recht: Offenheit ist da zentral.
Erstellt: am 19.09.2010 um 15:25:06
|
|
| 10.

Von: Gelöschter Account
|
Liebe Perdita,
ich glaube tatsächlich, der Schlüssel zu mitgefühlvoller Anteilnahme ist das Zeigen der Trauer. Meiner Erfahrung nach ist es für mich als Außenstehende auch schwer auf einen Trauernden zu reagieren, der sich selbst "im Zaum hält". Das schafft einen Abstand, der nicht leicht zu überbrücken ist.
Ich habe bei meinen Marktkollegen, Zigeunerfamilien, mehrere Sterbefälle erlebt. In diesen Familien hat die Trauer Platz (es sind aber riesige Familien mit einem enormen Zusammenhalt). Die trauernden engen direkten Verwandten klagen, weinen, ... tragen ein Jahr lang schwarz, ihre Aufgaben werden von anderen übernommen, sie bleiben aber trotzdem bei allen Aktivitäten dabei. Im letzten Fall war es eine Frau Mitte 40, die ihren Vater verloren hatte, ihr weinte noch Monate nach seinem Tod, eben auch öffentlich. Z.B. diese für mich halbfremde Frau in den Arm zu nehmen und wortkarg einfach mit ihr zu sein, war oft sehr leicht (ich hatte auch plötzlich Zeit dafür ...)
lieben Gruß wollmaus (für dich)
Erstellt: am 19.09.2010 um 18:12:02
Letzte Änderung: am 19.09.2010 um 18:12:40
|
|
| | Seite: zurück | 1 | 2 | weiter |
|
| |